Verschwundene Frauen in Kanada Unterwegs auf der Straße der Tränen

Der Highway 16 in Kanada hat es zu trauriger Berühmtheit gebracht, er gilt als "Highway of Tears". Dutzende Frauen sind entlang des Weges verschwunden, viele wurden getötet - die meisten von ihnen waren Indianerinnen. Die Polizei gibt sich wenig Mühe, die Verbrechen aufzuklären.

Aus Kanada berichtet Sebastian Moll

Carolin Saage

Der Blick aus unserem Van gleicht einer Tourismuswerbung: schneebedeckte Gipfel, Wälder in Herbstfarben, neben der Straße ein Bergbach, in dem Angler Lachse fangen.

Je tiefer wir in diese Idylle vorstoßen, desto düsterer wird die Stimmung unserer Fahrerin Gladys Radek. Immer wieder legt sie den Patsy-Cline-Song "The Eyes of a Child" auf, eine Ballade über die Sehnsucht nach einer Kindheit, die es so für Gladys nie gegeben hat.

Sie ist vor 56 Jahren im Reservat der Gitsegukla-Indianer von British Columbia zur Welt gekommen, doch Heimatgefühle kommen nicht auf, wenn sie über den Highway 16 fährt, den sogenannten Highway of Tears. "Zu viele Gespenster", sagt sie.

Die Gespenster, das sind die Frauen, die entlang des 700 Kilometer langen Highways immer wieder spurlos verschwinden. 18 sind es nach offiziellen Polizeiangaben, 17 von ihnen Indianerinnen. Amnesty International geht jedoch davon aus, dass es noch wesentlich mehr Fälle gibt. Aufgeklärt wurde nicht ein einziger.

Gladys wurde tagsüber eingesperrt, nachts missbraucht

Gladys Radek überrascht das nicht. Es entspricht ihrer Erfahrung. Gladys setzt sich als Sprecherin für die Missing and Murdered Women ein. Mindestens 500 vermisste und ermordete Frauen gibt es in Kanada, schätzt ihre Organisation.

Das Leben einer Indianerin zählt nichts hier im hohen Norden des Landes, 200 Kilometer von Alaska entfernt. Für Gladys ist klar: Die Frauen wurden auf der Strecke zwischen den Reservaten und den Holzfällercamps aufgelesen, vergewaltigt, erschlagen und am Straßenrand abgeladen.

In Prince Rupert trifft der Highway of Tears auf den Golf von Alaska. Es gibt schäbige Coffeeshops, in denen vor allem arbeitslose Indianer ihre Zeit verbringen. Die Fischfabriken, von denen die Stadt einst lebte, haben fast alle dichtgemacht. Die Konkurrenz aus Japan war zu groß.

Gladys Radek ist unruhig, sie mag diesen Ort nicht. Als sie ein kleines Mädchen war, hat ihr Pflegevater den Sommer über im Hafen gefischt. Sie wurde den ganzen Tag unter Deck eingesperrt, bis er sich abends über sie hermachte. Hier, am Ortseingang auf dem Highway 16, ist ihre Nichte Tamara vor fünf Jahren verschwunden. 18 Jahre alt war sie. Ein Gespenst.

Vicky Hills Mutter verschwand - jeder im Ort könnte ihr Mörder sein

Vicki Hill hat ihr gesamtes Leben in Prince Rupert zugebracht, 35 Jahre. Zu unserem Treffen in einem schmierigen China-Restaurant an der Main Street hat die schüchterne Frau eine Mappe mit Zeitungsausschnitten mitgebracht. Es ist alles, was ihr von ihrer Mutter geblieben ist, deren Spur sich am 26. März 1978 auf dem Highway verlor.

Das Foto in einem der Artikel zeigt eine hübsche junge Indianerin in einem adretten Sommerkleid. Drei Tage, nachdem sie aus Rupert verschwand, wurde ihre Leiche 30 Kilometer außerhalb der Stadt entdeckt. Sie lag ein paar hundert Meter vom Highway nackt im Gebüsch.

"Lungenentzündung" steht auf dem Totenschein. Doch der letzte Satz des Dokuments widerspricht diesem Befund. "Totschlag" steht da. Eine Untersuchung hat es trotzdem nie gegeben. Die Leiche wurde auf dem Friedhof von Prince Rupert verscharrt, ein Grabstein wurde nie aufgestellt.

Wer hat die Leiche gefunden? Wer hat den widersprüchlichen Totenschein ausgestellt? Warum hat niemand nachgeforscht? Vicki Hill will Antworten. Sie will das Gefühl loswerden, dass jeder, der ihr in Rupert auf der Straße begegnet, der Mörder sein könnte. Doch sie stößt auf eine Mauer des Schweigens.

Jedes Ergebnis wirft weitere unangenehme Fragen auf

Drei Tagesreisen von Rupert entfernt treffen wir in Vancouver den Privatdetektiv Ray Michalko. Er war einmal Royal Mountie, ein kanadischer Staatspolizist. Die Mounties haben vor sechs Jahren eine Sonderkommission zum Highway 16 gegründet. Elf Millionen Dollar wurden investiert, um die Morde aufzuklären. Ohne Erfolg.

Michalko wundert das nicht. "Die haben 50 Leute vor die Computer gesetzt und hoffen, dass da ein Serienmörder herausspringt." Es werden Datensätze abgeglichen, Profile angelegt. Nur eines werde nicht gemacht, sagt Michalko - echte Detektivarbeit. Er konnte das nicht mehr mit ansehen. Deshalb fährt er jetzt selbst den Highway ab, klopft an Türen und stellt Fragen. Michalko zweifelt daran, dass die Sonderkommission ernsthaft Ergebnisse erzielen will. Jedes echte Resultat würde nur unangenehme Fragen aufwerfen.

So wie im Prozess gegen Robert Pickton, der 2007 in Vancouver zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Als Polizisten auf seiner Schweinefarm außerhalb Vancouvers nach illegalen Waffen suchten, fanden sie Kleidungsstücke einer vermissten indianischen Prostituierten. Die Farm wurde auf den Kopf gestellt, man entdeckte die sterblichen Überreste von 27 Frauen, Pickton gestand, 49 umgebracht zu haben.

Er hatte Pornoaufnahmen gemacht und die Frauen danach getötet. Der Prozess warf Fragen auf zur Arbeit von Polizei und Justiz: Wie konnte sein Treiben so lange unentdeckt bleiben? Warum wurde nicht nach den Frauen gesucht?

Es gab eine öffentliche Anhörung zum Pickton-Fall, sie endete im Juni, der Abschlussbericht soll im Oktober folgen. Täglich wurden neue Details über Filz bei den Mounties und der Justiz bekannt. Damit sich dieses Debakel nicht auch noch auf die Fälle am Highway 16 ausweitet, glaubt Michalko, habe man die Sonderkommission ins Leben gerufen.

Dabei gehören die Fälle für Michalko zusammen. In beiden offenbart sich für ihn die dunkle Seite British Columbias. "Wenn du über die Probleme dort oben nachdenkst, wirst du verrückt", sagt er.

"Es ist unerträglich, wie unsere Leute zu leben gezwungen werden"

Wir fahren an Moricetown vorbei, dem Reservat, in dem Gladys' Mutter lebt. Sie wohnt in einem jener Fertighäuser, die man im Baumarkt aussuchen kann. Das gesamte Reservat besteht aus ihnen. Entlang der schlammigen Straße türmt sich Müll - Fernseher, Autowracks, Bierdosen.

Als Gladys' Schwester Peggy die Tür öffnet, weht uns der Gestank von Moder entgegen. Peggy hat zwei Jahre im Gefängnis gesessen, weil sie einen Mann erschlagen hat, der sie vergewaltigen wollte. Auf einem löchrigen Sofa sitzt stumm und abwesend die Mutter. Das Haar hängt ihr in Strähnen vom Kopf, ihr blindes Auge starrt unheimlich in den Raum. "Es ist unerträglich, wie unsere Leute zu leben gezwungen werden", sagt Gladys.

Es grenzt an ein Wunder, dass sie diesem Elend entkommen ist. Ihre Eltern waren fast immer betrunken. Als ihr kleiner Bruder verhungerte, waren sie in einer Kneipe. Da war Gladys fünf. Danach wurde sie ihren Eltern weggenommen.

Ihre Pflegeeltern haben sich nicht so um Gladys gekümmert, wie sie es sich gewünscht hätte. Ihr Pflegevater begann sie zu vergewaltigen, als sie acht war. Mit 13 hatte sie den Mut, ihn bei der Reservatspolizei anzuzeigen. Sie erntete ein Schulterzucken. Danach packte sie ihre Sachen und lief weg.

Gladys hätte leicht eine der Vermissten des Highway of Tears werden können. Doch sie überlebte, zog nach Vancouver, zog fünf Kinder groß. "Irgendwer muss doch die Stimme für die vielen Familien erheben, die nicht wissen, was mit ihren Lieben passiert ist", sagt sie. Das Schlimmste, das weiß sie, ist das Gefühl, alleine zu sein mit dem Schmerz.

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