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Hilfsprojekte in Afrika: Wo Mitleid nichts mehr ausrichtet

Von Andrea Jeska, Norduganda

Der Rockmusiker Wolfgang Niedecken ist einer der wenigen Prominenten, die sich nachhaltig in Afrika engagieren. Doch in der Hölle der Kriegsgebiete im Ostkongo zweifelt selbst ein optimistischer Helfer.

Niedecken in Afrika: "Ist das mit Brimborium?" Fotos
Andrea Jeska

Selten kommt Besuch nach Pader, einer Kleinstadt im gleichnamigen Distrikt in Norduganda. Pader ist arm und liegt fernab der Welt. Mit dem Rest des Landes verbinden es nur Straßen mit Schlaglöchern und Schlammpfuhlen, so groß, dass sie ein Auto verschlingen könnten.

Heute ist ein Festtag in Pader. "Zusammen leben wir im Paradies. Zusammen leben wir im Glück." In der Girls' Academy klatschen mehr als hundert nackte Mädchenfüße im Rhythmus des Liedes auf den Zementboden. Hüften schwingen in bunten Röcken.

Statt Wasser und Brot gibt es nach dem Tanz süße Krapfen, statt der Einsamkeit eines nach Urin riechenden Schlafsaals gibt es Musik und Spiel.

Vorne am Tisch der Ehrengäste sitzt der deutsche Rockmusiker Wolfgang Niedecken und bemüht sich zum kitschigen Text ein entspanntes Gesicht zu machen.

Die Vergewaltiger machten den Kindern Kinder

Niedecken ist im eigenen Land bekannt als Frontmann der kölschen Band BAP, in Pader kennt man ihn als Wohltäter, als Retter vieler Dutzend verkorkster Leben. Denn trotz des hoffnungsfrohen Liedes, das die Schülerinnen der Girls' Academy zu diesem Anlass geschrieben haben - Niedecken ist gekommen, um die neue Mehrzweckhalle der Schule einzuweihen - leben sie weder im Paradies noch im Glück.

Die meisten sind ehemalige Kindersoldatinnen, wurden verschleppt, vergewaltigt, sind traumatisiert. Die Vergewaltiger machten ihnen Kinder, infizierten sie mit Aids und Syphilis, töteten ihre Eltern. Sie nahmen ihnen die Selbstachtung, stahlen ihnen die Kindheit. Als sie flohen oder von der Armee befreit wurden, waren sie Mütter ohne Perspektive und Einkommen, junge Frauen, die nicht lesen und schreiben konnten.

Niedecken ist am Vortag angereist, in seiner Begleitung Mitarbeiter der Organisation World Vision Deutschland, deren Botschafter er ist und sie ihm Partner bei seinem Entwicklungshilfeprojekt Rebound. Wörtlich bedeutet das: auf dem Weg zurück. Übertragen: wieder auf die Beine kommen. So wie diese Mädchen, für die es im ganzen Land nur diese Schule gibt und die an der Girls' Academy entweder ihren höheren Abschluss oder eine berufliche Ausbildung machen können.

"Ist das mit Brimborium?"

In Pader wohnt Niedecken im A-One-Hotel, dessen Name Grandezza vermuten lässt, das aber eine bescheidene afrikanische Herberge ist. An der Bar gibt es warmes Bier und schlechten Whisky, ohnehin geht Niedecken meist früh ins Bett und schreibt noch intensiv Tagebuch.

Der Spagat zwischen dem coolen Rocker, der er zu Hause ist, und dem Wohltäter, als den man ihn hier behandelt und mit Dankeszeremonien überhäuft, ist nicht leicht und nur mit Humor zu ertragen. "Ist das mit Brimborium?" fragt Niedecken vor dem Fest an der Akademie und sinniert dann: "Minimal-Brimborium ist wohl immer dabei."

Es ist Niedeckens vierte Reise nach Uganda. Zum ersten Mal kam er 2004 mit "Gemeinsam für Afrika", da war das Land noch verwüstet, verbrannt die Felder, leer die Dörfer, die Menschen in elende Flüchtlingslager gepfercht. Und die gesamte Bevölkerung in Angst vor den Horden des Rebellenführers Joseph Kony, der Menschen ermordete, Kinder verschleppte.

Diesen Kindern, die jeden Abend im Treck in den Schutz der bewachten Stadt Gulu, ebenfalls in Norduganda, zogen, schrieb Niedecken damals ein Lied. "Noh Gulu" heißt es, und so seltsam es anmutet, wenn einer über Grausamkeit zur Gitarre auf der Bühne singt, Niedecken hat zumindest seinen Fans nahe gebracht, was er mit eigenen Augen sah.

Anders als die Stars und Sternchen, die Afrika bereisen, seit Bob Geldorf 1984 entdeckte, dass ein Liedchen mehr Spenden einwirbt als alle ausführlichen Dossiers der Entwicklungshilfe, hat Niedecken es sich mit Rebound nicht leicht gemacht.

"Mister, don't forget" - ein Satz, der zum kategorischen Imperativ wurde

Der Vorwurf der Profilierungssucht hing über ihm, wie über all jenen, die um guter PR willen schwarze Babys streicheln und ein paar Tränen im Hungerlager, am Aids-Sterbebett vergießen. Es gehört heute weltweit zum guten Promi-Ton, zu retten, was sich retten lässt, und so werben in Deutschland viele bekannte Fernsehgesichter für verschiedene Hilfsorganisationen und ziehen Spender und Paten an.

Oft steht das Image des Promis dabei über dem Sinn der Aktion und manches, was vollmundig beworben wurde, hält nur so lange, wie der Prominente tatsächlich bei der Sache ist. Dass sich mancher angebliche Gutmensch sein Gutmenschentum honorieren lässt, Hilfsorganisationen einen nicht unbeachtlichen Teil ihrer Gelder weniger für die Armen und Geknechteten dieser Welt, sondern für Werbekampagnen mit ihren Testimonials ausgeben, macht das Gekuschel der Entwicklungshilfe mit den VIPs noch fragwürdiger.

Immer wieder hat Niedecken in den vergangenen Jahren die Geschichte erzählt, wie er auf seiner ersten Reise 2004 als Afrika-Neuling ein World-Vision-Rehabilitationscenter für Kindersoldaten besuchte und ihn die Horrorgeschichten der Kinder schockierten. Als er schon gehen wollte, hielt ihn ein kleines Mädchen am Ärmel fest und sagte: "Mister, don't forget". Ein Satz, der für Niedecken zum kategorischen Imperativ wurde. Er nahm es persönlich.

Das Projekt Rebound unterstützt neben der Mädchenschule auch zwei Ausbildungszentren für Jungen. Mit eigenem und mit Spendenkapital ließen Niedecken und sein Partner Manfred Hell Schlafsäle und Klassenzimmer bauen, Brunnen bohren, kauften Generatoren, vergaben Stipendien.

"You have come a long way"

Sechs Jahre nach der Begegnung mit der kleinen Mahnerin sitzt Niedecken in der Stadt Kalongo, eine Stunde Autofahrt von Pader entfernt, im Restaurant von Christine Anek und ist satt und zufrieden.

Christine Anek ist eine der Abgängerinnen der Girls' Academy. Die heute 21-Jährige erlebte mit 14, wie ihre Eltern umgebracht wurden. Sie und ihre fünf Geschwister blieben alleine zurück, nur eine von mehr als 100.000 Kinderfamilien in Afrika, die sich mit Almosen durchschlägt.

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Niedecken in Afrika: "Ist das mit Brimborium?"
An der Akademie lernte Christine lesen, schreiben, Buchhaltung und kochen, dann jobbte sie, sparte jeden Cent und eröffnete schließlich ihr Restaurant Multiple Choice. "You have come a long way", sagt Niedecken beim Abschied zu ihr, und vielleicht meinte er damit auch seinen Weg in Afrika.

Geplant war Rebound bis zum Jahr 2011, dann, so argumentierte Niedecken damals, ist die Kindersoldaten-Generation erwachsen. Weil viele Spenden kamen, wurde das Projekt bis 2012 verlängert. So oder so: "Das Versprechen ist erfüllt", sagt der Kölner. "Was das kleine Mädchen mir damals angetragen hat, ich habe es gehalten."

"Wie man etwas tun kann, ich weiß es noch nicht", sagt Niedecken hilflos

Niedecken reist anschließend nach Goma im Ostkongo. Er möchte Rebound weitertragen, möchte noch mehr Hoffnung verschenken. Keine Kindersoldaten, sondern durch Massenvergewaltigung furchtbar zugerichtete Frauen sitzen ihm diesmal gegenüber und bleich, still hört er ihre Geschichten, so, wie er vor sechs Jahren die der Kinder hörte.

Keine der Frauen wird Niedecken bitten, das, was sie ihm erzählt, nicht zu vergessen. Mitleid richtet hier nichts mehr aus. Nur Geld, damit die Frauen ein Stück Feld kaufen und anbauen können, damit sie ins Krankenhaus gehen und sich ihren zerstörten Unterleib wieder zusammennähen lassen können.

Mag sein, dass Norduganda vor sechs Jahren ein Vorkreis der Hölle war. Der Ostkongo aber ist die Hölle. Schnell wird klar, dass es etwas anderes ist, ein Hilfsprojekt in einem Land auf dem Weg zum Frieden aufzubauen. Oder in einem Land, in dem ein unbeachteter Krieg tobt, Frauenkörper das Schlachtfeld sind. Am Ende jenes Tages stehen Niedecken die Zweifel an seinen Plänen ins Gesicht geschrieben. "Wie man etwas tun kann, ich weiß es noch nicht", sagt er hilflos. "Aber tun muss man hier etwas."

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