Hinduismus in Indien Der Kampf der Priesterinnen

Die Riten des Hinduismus sind Jahrtausende alt, der Dünkel der Priesterschar auch. Zeit für eine Reformation, sagten sich Aktivistinnen und begannen, Frauen zu Priesterinnen auszubilden. Inzwischen zeigt sich: mit Erfolg.

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Aus Pune berichtet


Das karg eingerichtete Wohnzimmer der Familie Wagh füllt sich mit Angehörigen, sie tragen weiße Kleidung, die Trauerfarbe. Dann hebt der Singsang an: "Oh Verschiedener! Du nimmst deinen Reichtum mit dir, um ihn in deinem nächsten Leben zu genießen. Uns bleibt der Reichtum deiner Lehre, wenn wir uns daran erinnern, das Leben glücklich zu leben."

Die Verse auf Sanskrit schallen durch Schwaden von Räucherstäbchenrauch, ein Öllicht flackert neben dem Teller, auf dem ein Bällchen aus Reis den Körper des Verstorbenen symbolisiert: Die Waghs feiern das Ritual für den verstorbenen Großvater so, wie es Indiens Hindus seit Tausenden Jahren tun. Und doch markiert das Totengedenken, das die Waghs in ihrer südindischen Heimatstadt Pune am 13. Tag nach dem Ableben des alten Mannes abhalten, eine Revolution: Denn der Priester, der die Zeremonie abhält, ist eine Priesterin.

Archana Vaidya ist eine resolute ältere Dame, bis vor fünf Jahren Kundenbetreuerin bei der Bank of India. Heute lotst sie ihre Kundschaft durch die langwierigen Zeremonien des Hinduismus. Ihre Sonderstellung als Pionierin füllt Vaidya selbstbewusst aus: "1000 Jahre lang wurde Frauen in Indien verboten, Priesterin zu sein. Doch jetzt sind wir zurück. Und viele Gläubige reagieren, als hätten sie nur darauf gewartet, dass im Tempel eine Frau den Ton angibt."

In der Veda, der ältesten heiligen Schrift des Hinduismus, stehe nichts davon geschrieben, dass Frauen nicht das Priesteramt bekleiden dürfen. Im Gegenteil würde dort beschrieben, wie Frauen Rituale leiten.

Lukrativer Ablasshandel

Die Idee, Frauen als Priesterinnen einzusetzen, keimte in Indien 1990. Damals bildete die Reformorganisation Jnana Prabodhini die ersten Anwärterinnen aus. Grundlage war vor allem die Frustration, die der Initiator des Programms angesichts der traditionellen Hindu-Priester empfand. "Das Amt als Priester wird in Indien oftmals vererbt und dann von Männern ausgeübt, die überhaupt keine Berufung empfinden", sagt Yashwant Lele, der 86 Jahre alte Vorreiter der Reformbewegung, die ihr Hauptquartier in dem etwa drei Autostunden östlich von Mumbai gelegenen Pune hat.

Viele Priester benutzten ihre Position, um sich zu bereichern, schimpft Lele. Hindu-Priester kassieren ihre teils horrenden Gebühren direkt von den Gläubigen, die ihre Dienste beanspruchen. Manche widmen auch Opfergaben um - zu ihren Gunsten, versteht sich. Sie machen ihren Kunden weis, dass sie nur durch die Übereignung von Kühen, Ziegen oder auch Silberschmuck ihr Seelenheil sichern können.

Nun ist diese Art Ablasshandel ein gutes Geschäft, und die alteingesessenen Priester sind empört, dass ausgerechnet Frauen - für Hardliner unreine Wesen - es ihnen streitig machen. Traditionalisten leisteten Widerstand, als im August eine Frau zur Vorsteherin eines 900 Jahre alten Wallfahrtstempels im Bundesstaat Maharashtra ernannt werden sollte. Schließlich entschied der Höchste Gerichtshof Indiens, dass die Männer der örtlichen Brahmanen-Familien kein Anrecht auf den Posten haben.

Lele und seine Anhänger propagieren, dass Priester sich in ihrer Landessprache erklären sollen. Und so erläutert Vaidya der Familie Wagh in der gemeinsamen Lokalsprache Maharati, warum der älteste Sohn des Verstorbenen nun Joghurt und Wollfäden auf den seinen Vater repräsentierenden Reisball streichen soll: "Der Körper des Toten wurde eingeäschert. Indem wir kühlenden Joghurt und einen Verband auf ihn auflegen, lindern wir symbolisch die Leiden des Verbrannten."

"Wir rauchen nicht, trinken nicht und nehmen uns nicht so wichtig"

Im pink gestrichenen Hauptquartier von Jnana Prabodhini wird heute gefeiert: Zwölf Anwärterinnen und Anwärter auf das Priesteramt erfahren die Ergebnisse ihrer Prüfungen. Alle acht Frauen und vier Männer haben bestanden. "Wir arbeiten letztlich daraufhin, das Priestertum abzuschaffen, jeder soll selbst mit den Göttern kommunizieren", sagt Sujata Bapat, die Sanskrit studiert hat und an der Universität Pune Linguistik lehrt. In der Zwischenzeit seien Frauen sicher die besseren Priester. "Wir rauchen nicht, trinken nicht und nehmen uns nicht so wichtig", sagt sie.

5000 Buchungen für Priesterinnen laufen jährlich bei der Organisation ein, die Anrufe kommen aus ganz Indien. Die Interessenten sind wie die Waghs oft gebildete Leute. Andere jedoch sind einfach nur arm und können die traditionellen Wucherpreise nicht zahlen. Die bisher ordinierten 27 Damen können den Bedarf jedenfalls nicht decken, weshalb die Organisation um Nachwuchs wirbt.

Diejenigen, die die anspruchsvolle Ausbildung angehen, handeln meist aus ebenso spirituellen wie politischen Motiven. Bapat sagt, sie wolle gleichzeitig den Göttern und Indien dienen. Die modernen Inderinnen stünden in einem Vielfrontenkrieg für Akzeptanz, Gewalt gegen Frauen sei an der Tagesordnung. Da viele Inder aber zutiefst religiös seien, sei Religion ein gutes Vehikel, den Wandel in die Gesellschaft zu tragen, sagt Bapat. "Wenn es normal wird, dass Frauen die Riten leiten, werden ihre Geschlechtsgenossinnen im Alltag auch mehr Respekt erfahren", sagt die Priesterin.



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ritterrippo 16.12.2014
1. Islam oder Hinduismus?
Was sollten wir als nächstes einführen? Multi-Kulti ist toll. Witwenverbrennung versus Steinigung? Der Status der Frau ist nur graduell besser als im "real existierenden Islam".
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