Hinrichtung in Utah "Das Erschießungskommando, bitte"

Im US-Bundesstaat Utah soll in der Nacht der Doppelmörder Ronnie Lee Gardner hingerichtet werden. Die Methode wählte er selbst: Tod durch Erschießungskommando. Das ist barbarisch, doch in diesem Fall völlig legal - trotz internationaler Proteste.

AFP/ UTAH DEPARTMENT OF CORRECTIONS

Von , New York


Der Todeshäftling trug einen orangefarbenen Gefängnisoverall und Fußketten und schwieg bis zuletzt. Schließlich lehnte er sich auf Aufforderung des Richters vor, um von seinem Recht Gebrauch zu machen, die Umstände seiner Hinrichtung selbst zu bestimmen. Mit brechender Stimme sagte er höflich: "Ich hätte gerne das Erschießungskommando, bitte."

Diese surreale Szene, die sich Ende April in einem Bezirksgerichtssaal in Salt Lake City abspielte, mündet diese Woche nun in einer der makabersten Episoden der jüngeren US-Justizgeschichte. Ronnie Lee Gardner, 49, wegen Mordes zum Tode verurteilt, soll in der Nacht zum Freitag seiner Strafe zugeführt werden - nach einem Vierteljahrhundert Warten in der Todeszelle.

Das allein ist es aber nicht, was zu weltweitem Entsetzen geführt hat. Es ist die Art und Weise der Vollstreckung, einzigartig selbst für die USA: Gardner soll von fünf staatlich bestallten Scharfschützen erschossen werden. Das sorgt selbst in dem für Grotesken bekannten Mormonenstaat Utah für Unbehagen. Dort, vor den Toren der Hauptstadt und Olympiastätte Salt Lake City, soll das reale Wildwest-Spektakel stattfinden.

"Archaisch und brutal"

"Das Erschießungskommando ist archaisch, es ist brutal, und es macht die Gewalt, die unsere Gesellschaft ohnehin durch Waffen erleidet, nur schlimmer", klagt Salt Lake Citys Bischof John Wester. Wester hat, als Mitbegründer der Protestgruppe Utahns for Alternatives to the Death Penalty, für diesen Donnerstag zum ökumenischen Massengebet auf den Stufen des Kapitols in Salt Lake City aufgerufen - drei Stunden vor der mitternächtlichen Hinrichtung Gardners.

Es wird wenig ausrichten. Gardner hat alle Berufungswege mittlerweile ausgeschöpft. Letzte Rettung wäre ein unwahrscheinliches Eingreifen des Supreme Courts oder ein Aufschub durch den Gouverneur Gary Herbert. Doch der Republikaner ist ein Verfechter der Todesstrafe - gerade in diesem Fall. "Ich habe nicht vor, mich einzumischen", sagt er. "Ich finde, dass unser System uns gut gedient hat."

Dieses System, das Herbert so lobt, ist nicht nur dafür verantwortlich, dass Gardner einen Prozess bekam, bei dem es nach Ansicht der Verteidigung nicht mit rechten Dingen zuging. Sondern auch dafür, dass Gardner 25 Jahre lang im Death Row verbrachte, in der Todeszelle. Und dass er nun auf Wunsch mit einer Methode hingerichtet werden soll, die eigentlich von allen 35 US-Staaten, in denen die Todesstrafe noch gilt, längst als zu barbarisch verboten wurde.

Auch Utah schaffte Erschießungskommandos 2004 ab. Das Gesetz galt jedoch nicht rückwirkend - weshalb dem 1985 verurteilten Gardner diese Option weiter vorbehalten blieb.

Und so entstaubt Utah nun seine ganz spezielle Todeskammer, die es 1998 - zwei Jahre nach der letzten staatsverfügten Erschießung - eigens für diesen Zweck gebaut hatte, die seitdem aber nicht mehr gebraucht wurde.

Fünf Scharfschützen, nur ein einziges Einschussloch

Auf der einen Seite der Kammer wird ein Holzpodest mit einem Metallstuhl errichtet, auf dem der Delinquent festgeschnallt wird, eine Kapuze über dem Kopf, eine Zielscheibe auf die Brust geheftet. Auf der anderen Seite befindet sich eine Ziegelmauer mit einem rechteckigen Fenster.

Hinter dem Fenster stehen fünf freiwillige Scharfschützen. Sie legen identische Gewehre vom Kaliber .30 an. Eines der Gewehre enthält eine Platzpatrone, doch die Schützen wissen nicht, welches. Der Verurteilte bekommt die Gelegenheit für ein paar letzte Worte.

Auf ein Kommando hin drücken die Schützen dann ab, aus einer Entfernung von nicht mal sieben Metern. Erfahrungsgemäß zielen sie so gut, dass die Kugeln nur ein einziges Einschussloch hinterlassen. Das Blut wird von einem Tablett unter dem Stuhl aufgefangen. Bis zu 25 Zeugen verfolgen das Ganze durch Glasscheiben auf drei Seiten der Kammer.

Selbst die meisten Kritiker dieses archaischen Todestheaters zweifeln nicht an Gardners Schuld. Der Kleinkriminelle aus zerrütteten Familienverhältnissen stand 1985 vor Gericht, weil er einen Barkeeper erschossen hatte. Bei einem Fluchtversuch in der Metropolitan Hall of Justice von Salt Lake City erschoss er einen Anwalt und verwundete einen Gerichtsdiener schwer. Im Oktober desselben Jahres verurteilten ihn zwölf Geschworene zum Tode.

Erschossener Anwalt "hätte Ronnie Lees Hinrichtung nicht gewollt"

Seine Anwälte argumentieren bis heute, dass Gardner - der damals von Pflichtverteidigern vertreten wurde - einen unfairen Prozess hatte. So habe das Gericht keine Experten angehört, die über Gardners Jugend hätten aussagen können. Die war von seiner geistigen Behinderung, schwerem Missbrauch und Drogensucht gekennzeichnet.

Drei der Geschworenen haben sich seither von ihrem Spruch distanziert. Weswegen nun auch Amnesty International die Aufhebung des Urteils fordert - nicht zuletzt, weil es die US-Todesstrafe generell "bedingungslos ablehnt".

Gardners Berufungen quälten sich durch alle Gerichtsinstanzen, zuletzt dem Obersten Gerichtshof von Utah. Alle lehnten sie ab. Am Mittwoch nun riefen seine Anwälte als letzte Chance den Supreme Court in Washington an.

Selbst Appelle der Opferfamilien bewirkten nichts. Auf die Frage, wie der von Gardner erschossene Anwalt Michael Burdell auf das Todesurteil reagiert hätte, sagte dessen frühere Verlobte Donna Nu: "Er war kein Anhänger der Todesstrafe, er hätte Ronnie Lees Hinrichtung nicht gewollt."

Die Staatsanwaltschaft lässt dies nicht gelten: "Gardner Todesstrafe ist der Preis, den er für die Schädigung der Gesellschaft zahlen muss, nicht nur für die Schädigung Burdells."

Supreme Court verweigert ein klares Machtwort

So außergewöhnlich der Fall auch ist, so typisch - und bedrückend - sind die Lebensstationen des Todeskandidaten: grausige Kindheit, sexueller Missbrauch, Hunger, Armut, Ignoranz der Behörden, Kleindelikte, Verhärtung im Gefängnis, späte Abbitte in der Todeszelle.

"Diese Litanei der biografischen Elemente ist leider schon zum Klischee geworden", schreibt Justizblogger Andrew Cohen (politicsdaily.com). "Sie trifft auf eine ganze Generation von Todeszellen-Insassen zu."

Keiner von denen wird sich jedoch am Ende vor Gewehrmündungen begeben müssen. Mehr als 3200 US-Häftlinge warten zurzeit auf ihre Hinrichtung, die meisten davon in Kalifornien, Florida und Texas. Bis auf Gardner steht allen der qualvolle Tod durch die Giftspritze bevor - und auch der ist inzwischen stark umstritten.

Gardners Exekution, die bereits Hunderte Reporter aus aller Welt zu einer morbiden Totenwache nach Salt Lake City gelockt hat, kommt zu einer Zeit, da die Todesstrafe in den USA immer mehr Ächtung erfährt. 15 Staaten haben sie inzwischen abgeschafft - nicht aus moralischen Gründen, sondern weil diese oft jahrzehntelangen Verfahren viel zu teuer sind, vor allem für die rezessionsgeplagten Staaten.

Die Zahl der Todesurteile hat denn auch spürbar abgenommen - die der Hinrichtungen aber ist gestiegen, auch weil der Überhang an Fällen schneller durch die Justizbürokratie geschleust wird. Der übliche Gift-"Cocktail" ist dabei nach einigen haarsträubenden Unfällen in die Kritik geraten. Bisher weigerte sich der Supreme Court - der die Todesstrafe über die Jahre hinweg immer weiter eingeschränkt hat - jedoch, ein klares Machtwort zu sprechen.

Gedenkmünze fürs Erschießungskommando

So steckt Utah nun in der peinlichen Lage, als abschreckendes Beispiel für Entschlusslosigkeit der USA dazustehen. Erschießungskommandos seien "Echo einer ganz anderen Ära", sagt Richard Dieter, der Exekutivdirektor der Aktivistengruppe Death Penalty Information Center, und spricht von einem "schaurigen Schauspiel."

Ein Schauspiel, mit dem Utah freilich Erfahrung hat. Seit Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA 1976 hat der Bundesstaat zwei Männer per "firing squad" hingerichtet - den Massenmörder Gary Gilmore, der sich 1977 mit den fröhlichen Worten "Packen wir's an!" vor die Schützen setzte, und den Kindermörder John Taylor, der die Methode 1996 demonstrativ wählte, um den Staat in Verlegenheit zu bringen.

Taylors Hinrichtung - die im selben Gefängnis stattfand wie jetzt auch Gardners, dem Utah State Prison bei Salt Lake City - wurde zum Medienereignis. "Es ist das Schockierendste, was ich je gesehen habe", sagte TV-Reporter Paul Murphy, der als Augenzeuge dabei war, dem Radiosender KSL. "Ich starrte auf seine Hand, und seine Hand war fest geballt, und nach ein paar Momenten erschlaffte sie dann."

Gardner nahm sein letztes Mahl bereits ein, am Dienstagabend - Steak, Hummer und Vanille-Eis. Bis zu seinem Tod will er nun fasten.

Die Scharfschützen werden anonym bleiben. Sie bekommen jedoch nach vollbrachter Arbeit ein Andenken - eine Gedenkmünze für Überstunden und "Dienste, die über die normalen täglichen Pflichten hinausgehen".

insgesamt 494 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
denkpanzer 17.06.2010
1. Die USA
Folter, Wahlfälschung, einschränkung der Büregrrechte und Pressefreiheit und natürlich die Todesstrafe, dazu der Besitz und Gebrauch von Massenvernichtungswaffen... Die USA sind damit eigentlich ein echter Schurkenstaat, oder?
Besser-als-gutmensch 17.06.2010
2. Wunsch des Delinquenten respektieren
Zitat von sysopIm US-Bundesstaat Utah soll in der Nacht zum Freitag der Doppelmörder Ronnie Lee Gardner hingerichtet werden. Die Methode wählte er selbst: Tod durch Erschießungskommando. Das ist barbarisch, doch in diesem Fall völlig legal - trotz internationaler Proteste. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,701196,00.html
Unabhängig von Sinn oder Unsinn der Todesstrafe - man kann es dem Staate Utah nicht vorwerfen, dass der Delinquent selbst das Erschießungskommando wählt. Dazu hat ihn schließlich keiner gezwungen. Daher sollte dieser Wunsch respektiert werden. Ob nun Erschießung (weil martialisch) oder Giftspritze barbarischer sind mag ich nicht zu beurteilen. So sagte auch M. Guillotin schon "Mit dieser Maschine schneide ich euch den Kopf im Nu ab, und ihr werdet noch nicht einmal einen Luftzug im Nacken verspüren." http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13692775.html Ansichten gehen halt mit der Zeit...
archie, 17.06.2010
3. Zeithahe Bestrafung
Bei uns wäre der Mörder jetzt frei, nachdem er 25 Jahre abgesessen hat. Aber man sieht ja, dass auch die Amerikaner eine zeitnahe Bstrafung nicht hinkriegen. Die Todesstrafe sollte in einem zivilisierten Staat nicht angewendet werden, am besten wäre doch echtes Lebenslänglich.
freqnasty, 17.06.2010
4. ...
mir scheint, als sei dem autor, genau wie der us-öffentlichkeit, der moralisch-ethische kompaß abhanden gekommen. die giftspritze ist die ultimative perversion der todestrafe. sie dient einzig und allein dem zweck, der bigotten öffentlichkeit zu verschleiern, daß da morde im staatlichen auftrag begangen werden. während der verurteilte höllenqualen erleidet, darf sich die moral majority einreden, das sei auch noch human. perverser und verlogener gehts kaum. da ist das erschießungskommando doch deutlich ehrlicher. der henker kann sich nicht hinter ein paar knöpfen verstecken, und sich einreden, es war ein anderer, der den mord begangen hat, er muß bewußt abdrücken, und dem verurteilten ins auge sehen, der verurteilte findet einen schnellen tod. das erschießungskommando macht den ganzen todesstrafenbefürwortern (und dem rest der welt)den moralischen bankrott dieser strafpraxis deutlich, deswegen wird natürlich mit allen mitteln versucht, diese praxis unter dem unglaublich zynischen vorwand vermeintlicher humanität zu verbieten.
mbberlin, 17.06.2010
5. ...
Was ist an einer Erschiessung barbarischer als Gas oder Gift?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.