Machtkampf im Vatikan Die Intrigen um Papst Benedikt

Im Vatikan geht es drunter und drüber: Der Kammerdiener des Papstes ist in Haft, sein Bankchef gefeuert, in der Kurie wird erbittert um Einfluss gerungen. Der Papst scheint macht- und ratlos.

DPA

Das Spiel ist meistens recht ähnlich, ob in den Vorstandsetagen der Industrie, in der Führungsebene politischer Parteien oder hinter den dicken Mauern des katholischen Kirchenstaats: Rüde Alpha-Tiere bellen und verbeißen sich, Seilschaften schieben im Hintergrund die passenden Kulissen zurecht, gezielte Indiskretionen sollen die Gegner schwächen, Gerüchte für die rechte Stimmung sorgen. Meistens geht es um Macht und Geld - manchmal auch um die Zukunft der Firma.

Solche Sorge um das Ansehen und den Bestand des Kirchenreichs hat womöglich den päpstlichen Kammerdiener Paolo G. - 46 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder - dazu gebracht, verbotenerweise vertrauliche Dokumente an die Öffentlichkeit zu bringen. Geld habe er dafür nicht bekommen, sagt jedenfalls der Journalist, der die Botschaften publiziert hat. Hinter G., einem der engsten Mitarbeiter des Papstes, stehe eine größere Gruppe von bis zu zwei Dutzend Kirchenmännern, heißt es. Entsetzt hätten die Männer seit langem miterleben müssen, dass der Papst und sein Verwaltungschef, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, sich gegen mächtige Seilschaften in der Kurie nicht durchsetzen könnten und deren Treiben ohnmächtig hinnähmen.

Milliardengeschäfte mit der Mafia

Von Korruption und Misswirtschaft wird geflüstert. Doch als ein Erzbischof im vorigen Jahr den Papst mit konkreten Belegen über obskure Machenschaften versorgte, wurde er bald darauf auf einen zwar hochrangigen - aber völlig einflusslosen - Diplomatenjob in der US-Hauptstadt Washington entsorgt. Den Kammerdiener traf es härter. Er sitzt nun in einer vatikaneigenen Zelle, wartet auf den Entscheid eines kirchenstaatlichen Gerichts, das nach vatikanischem Recht urteilen wird und den Delinquenten mit bis zu 30 Jahren Haft bestrafen könnte.

Den Chef der vatikaneigenen Bank, Ettore Gotti Tedeschi, hat es vergangenen Donnerstag nur den Job gekostet, dass er - wie Insider behaupten - den Ruf des Kirchenreichs schützen wollte. Der ist durch die seltsamen Geldgeschäfte des Vatikans immer wieder arg ramponiert worden. Das IOR - Istituto per le Opere di Religione, zu deutsch: Institut für die religiösen Werke - hat sich nämlich keineswegs immer nur den religiösen Obliegenheiten verpflichtet gefühlt. Im Gegenteil, Anfang er achtziger Jahre stand das päpstliche Bankhaus im Zentrum eines der finstersten Nachkriegskrimis der italienischen Geschichte. Es ging um Milliardengeschäfte des IOR mit der Mafia, die unglücklich endeten: Ein Vatikan-Bankier wurde von einem Killerkommando seiner kriminellen Geschäftspartner an einer Londoner Brücke erhängt.

Vatikanbank-Aufräumer wurde gefeuert

Im Herbst 2010 wurde ein neuer Skandal ruchbar, die italienische Finanzpolizei ermittelte wegen des Verdachts der Geldwäsche in dreistelliger Millionenhöhe. Der Papst versprach Aufklärung und strengere Regeln für seine Finanzverwalter. Doch nun hat er ausgerechnet den Mann, der sein Versprechen umsetzen sollte, geschasst. Gotti Tedeschi habe "trotz wiederholter Mahnungen... bestimmte Aufgaben von vordringlicher Wichtigkeit nicht ausgeführt", hieß es schwammig in einer offiziellen Verlautbarung. Außerdem sei er Vorstandssitzungen ferngeblieben und habe "zunehmend unberechenbare Verhaltensweisen" gezeigt.

Tatsächlich hatte Gotti Tedeschi sich wohl zunehmend aufgeregt, dass seine Vorschläge, das IOR transparenter zu machen, von wichtigen Gruppen in der Kurie blockiert und aufgeweicht wurden. Sein Ziel war es, erstmals Bilanzzahlen zu veröffentlichen, die Geldwäschebestimmungen der EU anzuwenden. Auch soll er sich geweigert haben, mit IOR-Geldern einen undurchsichtigen Finanzskandal, in den das kirchliche Krankenhaus Ospedale San Raffaele verwickelt ist, abzudecken. Nun ist der unbequeme Geldexperte, der einst die spanische Santander-Bank führte, weg. Dabei werden gerade die IOR-Geschäfte von einem Gremium des Europarats geprüft, ob sie den europäischen Richtlinien zur Bekämpfung der Geldwäsche entsprechen. Da könnte neues Unheil drohen.

Benedikt XVI - machtlos gegen Intrigen

Im Wochen-, manchmal auch im Tagesrhythmus künden über die Vatikangrenze geschmuggelte Dokumente von einem wirren Intrigenspiel hinter den dicken Mauern des Kirchenstaats. Der Papst, so sieht es aus und so erklären es auch Insider, hat die Verwaltung seines Reichs nicht im Griff - obschon er es als unumschränkter Herrscher regiert, kein Parlament fragen muss und selbst Gesetze neu schreiben kann.

Benedikt XVI. ist ein Wissenschaftler, er liest viel, weiß viel, hat immer von einer Kirche mit tiefgläubigen Mitgliedern und wenig Rücksicht auf den Zeitgeist geträumt. Eine Verwaltung führen, eine intrigante Kardinals-Riege zähmen, mit Politikern Bündnisse schließen, um der Kirche Vorteile zu verschaffen oder zu bewahren, das alles ist nicht sein Ding. Und sein Verwaltungschef kann es offenbar genauso wenig. Das sehen die eher weltlich-praktisch orientierten Kirchenfürsten vor allem aus Italien und Spanien mit Skepsis.

Auch Benedikts polnischer Vorgänger Johannes Paul II. war kein Aktenleser. Aber seine Auftritte vor jugendlichem Publikum sind legendär, haben der Kirche Sympathien und neue Schäfchen zugeführt. Unter dem deutschen Nachfolger müssen nun immer neue Missbrauchsskandale der Kirche aufgearbeitet werden, was den Mitgliederschwund vor allem in den "reichen" Diözesen Europas und den USA weiter anheizt. In Italien steht die Steuerfreiheit für Kirchenimmobilien in Frage - das könnte den Vatikan Milliarden kosten - und der Papst rührt sich kaum.

So sind die mächtigen Gegenspieler längst dabei, rechtzeitig die Weichen für die nächste Papstwahl zu stellen, damit einer der Ihren das Rennen macht, und bis dahin das in ihren Augen Schlimmste zu verhindern. Denn daran, den Papst jetzt zu stürzen - was ein deutsches Boulevard-Blatt am Dienstag vermeldete ("Soll unser Papst gestürzt werden?") - denkt im Vatikan ernsthaft kaum jemand. "Das", sagt ein Vatikan-Bediensteter lachend, "wäre katholisches Harakiri."

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Seite 1
glen13 29.05.2012
1.
Zitat von sysopDPAIm Vatikan geht es drunter und drüber: Der Kammerdiener des Papstes ist in Haft, sein Bankchef gefeuert, in der Kurie wird erbittert um Einfluss gerungen. Der Papst scheint macht- und ratlos. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,835816,00.html
Seine Scheinheiligkeit hat hart durchgegriffen. Alles ist wieder im Lot. "Liebe Deinen Nächsten", "Du sollst nicht lügen" und andere christliche Gebote werden demnächst wieder von den Kirchenvätern befolgt, wenn's denn passt.
Dr.pol.Emik 29.05.2012
2. Shitstorm … Vatikan als Unterhaltungsformat …
So ein kleiner Staat und so viel Dreck … wie machen die das nur? Ich denke es ist eine Frage der Zeit bis sich der Haufen selbst zerlegt … hier weitere (gefakte) hochdramatische Enthüllungen: VatiLeaks – Heiliger Stuhl, Raketen und Moneten (http://qpress.de/2012/05/29/vatileaks-heiliger-stuhl-raketen-und-moneten/) darin enthalten: a) Bailout der Vatikanbank b) Umbau des Petersdoms zur Weltbörse c) Aufrüstungsverhandlungen der Vatikan Forces und wie sich andere Staatenlenker Erleuchtung erschleichen wollen … ich finde man sollte den Zwergenstaat in den Weltenzirkus schicken, oder doch besser in den Zirkus Maximus … und Eintritt verlangen … (°!°)
coyote38 29.05.2012
3.
Wir reden über Benedict XVI, den ehemaligen Vorsitzenden der Glaubenkongregation (auf gut deutsch: der Inquisition), den "deutschen Panzer-Kardinal" ... Es glaubt doch wohl nicht IRGENDWER auch nur EINE SEKUNDE, dass DIESER Mann KEIN Machtpolitiker ist, oder ...? Meine Empfehlung an die italienischen Glaubensbrüder ist daher: Besser schon mal "volle Deckung" nehmen.
tutmosis 29.05.2012
4. Falsches Frage.
Zitat von sysopDPAIm Vatikan geht es drunter und drüber: Der Kammerdiener des Papstes ist in Haft, sein Bankchef gefeuert, in der Kurie wird erbittert um Einfluss gerungen. Der Papst scheint macht- und ratlos. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,835816,00.html
Es fällt auf, -dies wurde heute auch bereits im DLF berichtet- daß stets Kardinal Bertone durch die 'Leaks' in schlechtem Licht dasteht. Also wohl nicht der Papst, sondern der Kardinal ist den Intrigen derjenigen ausgesetzt, die ihn für eher ungeeignet halten. Darüber hinaus frage ich mich: Was sind das eigentlich für wichtige Geheimnisse? Bei meinem letzten Besuch einer katholischen Messe sang der Priester 'Geheimnis des Glaubens'. Den Inhalt des 'Geheimnisses' schienen alle Gottesdienstbesucher, da diese -ebenfalls singend- antworteten, zu kennen. Wurde dieses Geheimnis vielleicht an Unbefugte verraten? Tss, tss.... Grüße, tutmosis
Zaphod 29.05.2012
5. Einheit der christlichen Kirche
Der Papst widmet sich derzeit hauptsächlich der Aussöhnung mit der Piusbruderschaft. Diese Einigung mag Außenstehenden als relativ belanglos und schädlich erscheinen, jedoch hat der Papst erkannt, dass keine Einigung noch schädlicher wäre. Die Piusbruderschaft wünscht sich eine katholische Kirche, wie es sie bereits vor dem zweiten Vatikanum gegeben hat. Sie wollen also keine neue, andere Kirche - wie z.B. viele "Reformer" - sondern wieder die alte Kirche. Sollte es zum Bruch mit der Piusbruderschaft kommen, so hätte Rom ein großes Legitimationsproblem. Rom müsste zugegeben, dass es für eine veränderte, andere Kirche steht. Die Piusse hingegenen könnten darauf verweisen, dass sie die wahre, ewige Kirche repräsentieren. Ein Bruch würde die Gläubigen vor die Entscheidung stellen, ob sie weiterhin der ewigen katholischen Kirche angehören möchten, oder aber einer neuen Kirche, die sich nicht auf die immerwährende Tradition berufen kann. Sicherlich kann die Rom-Kirche für viele attraktiver sein, ob sie jedoch die wahre Kirche ist, die den Willen Gottes vollzieht, ist ungewiss. Der Papst weiss, dass diese Entscheidungskonflikte nur vermieden werden kann, wenn es gelingt, die Piusbruderschaft als Teil der katholischen Kirche anzuerkennen, da dann deutlich wird, dass in der katholischen Kirche auch die Tradition einen Platz hat.
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