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Hitler-Plakate am Dönerstand: Braune Soße

In einem bayerischen Dorf haben Unbekannte ein satirisches Bild von Adolf Hitler aufgehängt. Das Plakat klebte am Getränkemarkt, einer Drogerie und an einem Dönerstand. Jetzt ermittelt der Staatsschutz.

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Titanic

Titelbild der Dezemberausgabe von "Titanic": "Wer kennt diesen Mann?"

Hamburg - Der Humor hat es schwer zurzeit, vor allem wenn es um die Aktionen der Zwickauer Zelle geht. Gerade erst hat eine Allianz von Sprachwächtern beschlossen, nie wieder "Döner-Mord" zu sagen. Und jetzt das.

Am vergangenen Wochenende hat in der Nacht ein Unbekannter das bayerische Dorf Taufkirchen mit Hitler-Bildern plakatiert. Am Getränkemarkt hing eines, an einem Kleider-Discounter und an der Drogerie.

Vielleicht wäre die Sache nie bekannt geworden, gut möglich, dass die Ladenbesitzer die DIN-A-4-großen Zettel mit einem Kopfschütteln von der Wand gerissen hätten. Hätte nicht eines der Plakate an einem fahrbaren Dönerstand geklebt.

Jetzt ermittelt der Staatsschutz der Kriminalpolizei Erding. Beamte haben die Tatorte fotografiert, sie suchen jetzt nach Zeugen. Die ganze Härte des Paragrafen 86a erwartet den Täter: Wer "Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen" verwendet, muss bis zu drei Jahren ins Gefängnis.

Ob das lustig war?

Der Bürgermeister von Taufkirchen sagt, er wolle sich jetzt "erstmal kundig machen", der Leiter seines Ordnungsamtes hat von den Plakaten noch nichts erfahren, gibt aber gerne eine erste Einschätzung der Lage ab: "Wir haben keine Erkenntnisse über rechtsradikale Bewegungen in der Region." Und bei der bayerischen Polizei denkt ein Sprecher die Causa Hitler eher von hinten her: "Ob das lustig war, muss jetzt ein Richter klären."

Denn zumindest das Plakat war mal so gemeint, als es noch das Titelbild der Dezemberausgabe von "Titanic" war, einer Satire-Zeitschrift aus Frankfurt am Main. Es zeigt ein Schwarzweißfoto von Adolf Hitler, über dem ein Fahndungsaufruf steht. "Der Verfassungsschutz bittet um Mithilfe", und darunter: "Wer kennt diesen Mann?"

Hintermann Adolf H.

Leo Fischer sagt, man habe doch nur helfen wollen, der Polizei, dem Verfassungsschutz. "Die Beamten in Taufkirchen haben auf das Plakat begrüßenswert schnell reagiert", sagt der "Titanic"-Chefredakteur. "Das war ja bei Aktionen von rechts nicht unbedingt immer so." Wenn sein Magazin zur Ergreifung des "Hintermanns Adolf H." mit dem Titelbild beitragen könne, dann sei das ganz im Sinne der Redaktion.

Die bayerische Polizei kennt inzwischen den "Titanic"-Titel. Sein satirischer Hintergrund hat sich den Beamten schnell erschlossen. Einige Bürger Taufkirchens können über die Verhohnepipelung des Staatsschutzes lachen. Doch wenn der Zug auf dem Gleis sitzt, hält ihn keiner mehr auf: Die Ermittlungen laufen, und am Ende wird ein Gericht entscheiden, ob der anonyme Plakatierer Satiriker war oder ein Neonazi.

Bis es so weit ist, fahndet die Kriminalpolizei Erding nach dem Täter. Er ist noch auf der Flucht.

jbr

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