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HIV unter Asiens Teenagern: Die versteckte Epidemie

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

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Pärchen in Indien: Es fehlt die sexuelle Aufklärung

Weltweit gehen die Neuinfektionen mit HIV unter Teenagern zurück, in Asien nicht. Dating-Apps und alte Tabus ergeben dort eine gefährliche Mischung.

Der Sommer vor zwei Jahren sollte für Ajay Kumar wieder mal ein schöner werden: Der 17-Jährige hatte Schulferien, und wie jedes Jahr wollte der schmächtige Junge zwei Wochen lang aus Neu-Delhi raus, zu seinem Onkel aufs Land. Doch statt sich tagsüber im Fluss abzukühlen und abends, wenn die Hitze etwas nachlässt, mit der Familie zusammenzusitzen, wurde Ajay krank: Erst hielten sie es für einen normalen Durchfall, als sein Zustand sich immer weiter verschlechterte, tippte die Familie auf Cholera.

Irgendwann bekam sein Onkel es mit der Angst zu tun und setzte sich mit dem Gymnasiasten in ein Taxi und fuhr sechs Stunden nach Delhi: Ein Privatkrankenhaus in der Hauptstadt würde sicher herausbekommen, was Ajay fehlte.

So war es dann auch: Der 17-Jährige war HIV-positiv. Ajay ging es viel zu schlecht, um zu reagieren. "Ich erinnere mich nur, dass mein Onkel das Schreiben mit dem Ergebnis nahm und an meinem Bett stehend in kleine Stücke riss. Unsinn!, sagte er. Das ist alles Unfug!", erzählt Ajay zwei Jahre später im Büro von OPNP, einer Selbsthilfeorganisation für Menschen mit HIV/Aids im Bahnhofsviertel von Delhi.

Doch nachdem Ajay aufgepäppelt aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ließ ihn das Gefühl nicht los, dass etwas dran sein könnte an der HIV-Diagnose. Über einen Freund bekam er Kontakt zu einer Organisation, die mit HIV-Infizierten arbeitete und machte dort einen neuen Test. Der dritte in einem staatlichen Krankenhaus war ebenfalls positiv: Ajay hatte sich irgendwann vor seinem 17. Lebensjahr mit dem HI-Virus infiziert.

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Ajay Kumar: "Ich würde gern Kinder haben."

Die große Frage, wie es zu seiner Infektion kam, mag Ajay nicht recht beantworten. Er murmelt etwas von einer Impfkampagne in seinem Dorf, von mehrfach benutzten Spritzen. Nun ist es in Indien nicht undenkbar, dass ein Arzt die einfachsten Regeln der Hygiene missachtet.

Doch bei jungen Menschen in Indien ist es wahrscheinlicher, dass sie sich bei sexuellen Kontakten mit Gleichaltrigen anstecken, was sie jedoch nie im Leben zugeben würden. "90 Prozent aller Jugendlichen, die wir hier sehen, haben sich bei nicht geschütztem Sex angesteckt", sagt OPNP-Programmleiter Shekhar Kapoor, der selbst als 18-Jähriger seine Diagnose bekam. Ob es sich dabei um Mädchen oder Jungen handele, mache kaum einen Unterschied.

Ajay ist Opfer einer "versteckten Epidemie", vor der die Unicef jüngst in einer neuen Studie gewarnt hat. Danach lebt in Asien eine erschreckend hohe Zahl von HIV-positiven Teenagern. Während Menschen unter 20 im weltweiten Mittel ein sehr geringes Risiko einer Infektion trügen, machten die HIV-Träger zwischen 10 und 19 Jahren in einigen der Megastädte Asiens - etwa Mumbai, Bangkok, Jakarta, Hanoi - eine zweistellige Prozentzahl ihrer Altersgruppe aus.

Während weltweit die Rate der Neuinfektionen von 15- bis 19-Jährigen zwischen den Jahren 2000 und 2014 deutlich gesunken sei, sei sie in Asien nahezu unverändert geblieben, so die Studie. Mehr als die Hälfte aller 1,2 Milliarden Teenager weltweit lebt in Asien.

Infizierte suchen sich aus Scham keine Hilfe

Als eine der Hauptursachen für die Epidemie nennt Unicef die Smartphone-Revolution. Durch Dating-Apps gebe es heute ungeahnte Chancen für schnellen, unverbindlichen Sex - besonders für Sex unter Männern. Eine sofortige sexuelle Begegnung sei nur "ein paar Tipper auf dem Smartphone entfernt".

Gefährlich ist diese sexuelle Revolution deshalb, weil sie nicht mit dem Abbau von Tabus und Stigmata einhergeht, sagt Rosenara Huidrom von Alliance India, einer zu HIV/Aids arbeitenden Nichtregierungsorganisation. Während zum Beispiel Indien Risikogruppen wie Sexarbeiter und Drogennutzer gezielt über die Gefahren von ungeschütztem Sex aufkläre, würden Schüler nicht informiert - schlicht deshalb, weil es an den meisten Schulen nach wie vor keinen Sexualkundeunterricht gebe. "Die Jugendlichen sollen keinen Sex vor der Ehe haben, also wird darüber nicht gesprochen", sagt Huidrom.

Zwar gebe es im Internet endlos viele Angebote zum Thema Geschlechtsverkehr, doch sie seien meist lustorientiert, nicht informativ, sagt die Expertin. Die Unicef fordert eine auf Jugendliche zugeschnittene Aufklärungskampagne in Asien und warnt, dass die Infektionsraten bei asiatischen Teenagern das Ziel der Uno-Agenda 2030, die Aids-Epidemie gestoppt zu haben, ernsthaft gefährde.

Ajay kann von Glück sagen, dass seine Infektion entdeckt wurde. Mehr als die Hälfte seiner infizierten Altersgenossen in der Region werden nicht behandelt, weil sie nicht als Träger des Virus identifiziert werden. Selbst diejenigen Mädchen und Jungen, die von ihrem Zustand wissen, suchen oft keine Hilfe - weil sie sich nicht trauen zuzugeben, dass sie sexuell aktiv sind.

Nach seiner Diagnose dachte Ajay vorübergehend an Suizid. Doch er hatte Glück: Seine Familie glaubt die Geschichte mit der Ansteckung per Impfung und steht hinter ihm. So hofft der inzwischen 19-Jährige, der täglich Medikamente nehmen muss, auf ein erfülltes Leben: Wenn er 21 Jahre alt ist, will ihm sein Onkel eine ebenfalls infizierte Braut suchen.

Zur Autorin
Ulrike Putz ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

E-Mail: Ulrike_Putz@spiegel.de

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HIV/Aids - Die Fakten
Die HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase (Aids Related Complex) treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome).

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Trotz einer Behandlung stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Zusätzlich können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Beide Maßnahmen verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.

Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut des Wirtskörpers, in diesem Falle des Menschen, einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.

Die weltweite Verbreitung
Laut UNAIDS sind weltweit schätzungsweise 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2008 erhielten rund vier Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.
Die Verbreitung in Deutschland
In Deutschland nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) derzeit etwa 70.000 Menschen mit HIV/Aids. 2013 wurden dem Institut 3263 gesicherte HIV-Neuinfektionen gemeldet - etwa zehn Prozent mehr als 2012. 550 Menschen starben demnach 2012 an den Folgen von Aids. Zum Vergleich: Mitte der neunziger Jahre starben in Deutschland bis zu 2500 Menschen pro Jahr an der Krankheit. Am häufigsten (53 Prozent) steckten sich homosexuelle Männer neu mit HIV. In 18 Prozent der Fälle erfolgte die Ansteckung nach heterosexuellem Kontakt, in 3 Prozent durch Spritzen von Drogen.
Chronik
1981: Vor allem in Kalifornien und New York sterben junge Männer an einer Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni berichtet die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die auffällige Zunahme seltener Krebs- und Lungenentzündungsformen bei jungen Homosexuellen.

1982: In Deutschland und anderen europäischen Ländern werden die ersten Fälle diagnostiziert. Die erworbene Immunschwächekrankheit wird Aids (Aquired Immunodeficiency Syndrome) genannt.

1983: Die Forschungsgruppen von Robert Gallo (USA) und Luc Montagnier (Frankreich) identifizieren das Virus, das die Krankheit auslöst. Später erhält es den Namen HIV (Human Immunodeficiency Virus).

1984: Der erste HIV-Antikörpertest wird vorgestellt.

1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. Durch den Aidstod des US-Schauspielers Rock Hudson wird die Krankheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In Deutschland dürfen ab Herbst keine Blutpräparate mehr ohne vorherigen HIV-Test verkauft werden. Über 2300 Menschen - darunter mehr als 1800 Bluter - hatten sich zuvor infiziert.

1986: Aus Afrika werden die ersten Aidsfälle gemeldet.

1987: AZT, das erste Medikament, das den Verlauf der Krankheit verlangsamen kann, erhält eine Zulassung.

1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein.

1991: Die rote Schleife wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids.

1995: Sogenannte Protease-Hemmer kommen als neues Aidsmedikament auf den Markt.

1996: Die Vereinten Nationen gründen UNAIDS, eine Unterorganisation der Uno für den Kampf gegen die Krankheit.

1999: Wissenschaftler finden Belege dafür, dass das HI-1-Virus von einer Schimpansen-Unterart stammt, die nur im westlichen Zentralafrika vorkommt.

2003: Der erste Fusionshemmer kommt als vierte Klasse von Aidsmedikamenten in den USA auf den Markt.

2004: Die WHO startet die Initiative "3 by 5". Danach sollen 2005 drei Millionen Infizierte mit Medikamenten versorgt werden.

2005: Nach Angaben der UNAIDS sind über 40 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert - ein neuer Höchststand. Das Berliner Robert Koch-Institut geht von 2600 Neuinfizierten in Deutschland aus. In Deutschland leben insgesamt 49.000 HIV-Positive.

2006: Der jüngste Welt-Aids-Bericht von UNAIDS meldet, dass die Rate der Neuinfektionen sich erstmals seit dem Ausbruch der Seuche verlangsamt. Immer noch erhalten viele Infizierte und Erkrankte in der Dritten Welt keine Versorgung, besonders HIV-positive Kinder.

2008: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon legt einen Bericht vor, nach dem im Dezember 2007 weltweit schätzungsweise 33,2 Millionen Menschen mit HIV infiziert waren.

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