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Trend-Hobby Imkerei: Die Königinnen von Oldenburg

Von , Oldenburg

Trend-Hobby Imkerei: Fleißig wie die Bienen Fotos
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In Bienenvölkern dominieren die Weibchen, unter Imkern die Männer. Doch inzwischen begeistern sich auch junge Frauen für das Rentnerhobby. Der Imker-Boom freut nicht nur die Vereine - er wirkt auch gegen ein ernstes Umweltproblem.

Vorsichtig schiebt Tjorven Tenambergen den Spachtel in den Spalt und hebelt das Dach des Bienenstocks nach oben. Mit spitzen Fingern hebt sie den grünen Plastikdeckel an und befreit Volk 15. Monate haben Tausende Bienen in der Dunkelheit ihrer Behausung verbracht, jetzt erblicken sie den ersten Sonnenstrahl und die Riesin, die ihn gebracht hat - und scheinen wenig beeindruckt zu sein.

Die Arbeiterbienen fliegen auf die Holzrahmen, in denen sie Waben in Wachsplatten bauen. Nur wenige nutzen die neu gewonnene Freiheit für einen Rundflug. Die Arbeit geht vor.

Tenambergen hat ihre erste Praxisstunde, um sie herum stehen an diesem sonnigen Morgen sechs weitere Nachwuchsimker, sie haben sich im Garten von Dörthe Heuer in Oldenburg versammelt. Die fröhliche 46-Jährige mit einer ebenso fröhlichen Comic-Biene auf dem dunkelgrünen Pullover leitet die erste Praxislektion ihres Imkerkurses. Neben Tenambergen sind zwei weitere Studenten gekommen, ein Ehepaar und ein Vater mit seinem 13-jährigen Sohn. Gemeinsam sollen sie überprüfen, wie das Volk den Winter überstanden hat. Haben sich Schädlinge im Stock breitgemacht? Hat die Königin überlebt? Legt sie genügend Eier?

Auf Eiersuche: Kursleiterin Heuer und zwei Schüler überprüfen einen Rahmen Zur Großansicht
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Auf Eiersuche: Kursleiterin Heuer und zwei Schüler überprüfen einen Rahmen

Parallel veranstaltet der örtliche Imkerverein noch drei weitere Anfängerkurse. "Im letzten Jahr hatten wir sogar 60 Interessenten. Dieses Jahr mussten wir viele abweisen", sagt Heuer.

Vorbei scheinen die Zeiten, in denen die Imker in Deutschland auszusterben drohten. Bis vor wenigen Jahren lag ihr Durchschnittsalter noch über 60, viele hörten altersbedingt auf. Jetzt steigen die Mitgliederzahlen in den Verbänden der meisten Bundesländer wieder. Bienenzucht ist hip: In Berlin und Hamburg boomt das "urban beekeeping". Großstädter stellen sich Bienenkisten auf den Balkon und ernten ihren Honig beim samstäglichen Brunch direkt aufs Brot.

Volk 15 plagen in diesem Jahr auch keine Nachwuchssorgen. In vielen Waben stecken bereits kleine weiße Stifte, aus denen in spätestens drei Wochen Arbeiterinnen schlüpfen könnten. Varroa-Milben, die schlimmsten Feinde der Bienen, haben sich nicht in dem grünen Kasten ausgebreitet. Tenambergen entdeckt die Königin, die Heuer vor dem Winter mit einem roten Punkt auf dem Rücken markiert hat. Durch eine Schar ihrer Untergebenen drängt sie auf eine leere Wabe zu. An ihrem Hinterteil hängt ein weiteres Ei.

"Selber anbauen ist unter Studenten ein großer Trend"

Der neue Trend zur Imkerei ist mehr als die Reanimation eines aus der Mode gekommenen Zeitvertreibs. Wo Bienen fehlen, werden Pflanzen nicht mehr bestäubt, mit schwerwiegenden Folgen für Artenvielfalt und Obstanbau. Viele Bauern laden bereits Wanderimker ein, die ihre Völker für einige Wochen auf deren Felder loslassen. Schädlinge und Pestizide aus der Landwirtschaft setzen den Bienen aber seit Jahren schwer zu, in manchen Jahren starb den Imkern jedes dritte Tier weg.

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Der Beitrag zu einer gesunden Umwelt ist für Tenambergen aber nicht die einzige Motivation: "Selber machen, selber anbauen ist unter uns Studenten ein großer Trend. Außerdem suche ich ein Hobby, das ich draußen machen kann", sagt die 23-Jährige.

Praktisch veranlagt ist sie: Vor ihrem Studium mistete sie auf einem Bauernhof Schweineställe aus, danach lernte sie Gärtnerin und baute die Möbel in ihrer Studentenbude selbst. Dörthe Heuer nickt, als ihre Schülerin das erzählt. Ein Imker müsse auch mal einen Rahmen reparieren oder eine Bienenkiste zimmern können, findet Heuer, selbst Tochter eines Tischlers. "Imkerei ist Arbeit. Wer nicht bohren und schrauben mag, ist da falsch."

Frauenquote steigt

Davon lassen sich viele Frauen nicht mehr abschrecken. "Als ich vor fünf Jahren angefangen habe, war ich eine von ganz wenigen", sagt Dörthe Heuer. Die Imker nahmen sie freundlich auf, ein 91-Jähriger überließ ihr gleich sechs Völker. "Inzwischen sind wir 20 Prozent Frauen", sagt Heuer, seit kurzem auch zweite Vorsitzende im Oldenburger Verein.

Die Frauenquote bei Volk 15 ist weit höher, zu hoch sogar. Heuer hält einen sogenannten Drohnenrahmen für die männlichen Bienen hoch. Das rot lackierte Holzviereck sollen ihre Schüler nun in den Stock bauen. In dem Rahmen befindet sich eine Wachsfläche, darauf können die Brutplätze für männliche Bienen gebaut werden, die etwas mehr Platz brauchen.

Männersache also. Ein Teilnehmer schnappt sich den roten Rahmen, zieht einen Brutrahmen aus dem Stock und schiebt den neuen an die frei gewordene Stelle. Der 13-jährige Keno pumpt derweil mit dem sogenannten Smoker Rauchschwaden auf die Bienen. Das soll die Insekten ruhiger machen, den blonden Jungen macht die Aufgabe am Blasebalg eher noch enthusiastischer.

Tenambergen beobachtet, wie die Arbeiterinnen von Volk 15 die Waben für ihren Männernachwuchs zimmern. Nachdem die anderen Teilnehmer gegangen sind, setzen sich die beiden Frauen noch an Heuers Gartentisch und beraten, woher Tenambergen ihr erstes eigenes Volk bekommen könnte. Sie wird wiederkommen, eine neue Arbeiterin ist geboren.

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1. Dass immer mehr Leute imkern, ist zwar toll...
eichhörnchensheriff 02.05.2014
...stellt aber noch keine Trendwende dar. Denn meistens sind es Leute mit wenigen Völkern in Städten, wo es ohnehin keine Pestizidbelastung gibt. Wichtig wäre, Nachwuchs in den ländlichen Regionen zu gewinnen.
2. Imkern auf'm Land
chakula 03.05.2014
Zitat von eichhörnchensheriff...stellt aber noch keine Trendwende dar. Denn meistens sind es Leute mit wenigen Völkern in Städten, wo es ohnehin keine Pestizidbelastung gibt. Wichtig wäre, Nachwuchs in den ländlichen Regionen zu gewinnen.
Imkern in der Stadt ist im Moment modern und viele machen den Hype mit. Allerdings ändern sich in der Stadt die Umstände auch ziemlich schnell und bei Wohnungswechsel oder persönlichen Veränderungen sind die Bienen auch schnell wieder abgeschafft. Das sieht man daran, dass man in der Stadt oftmals gute und teure Imkergerätschaften ziemlich billig kaufen kann. Aber auch bei uns im ländlichen Raum gibt es viele Neuimker, die Anmeldungszahlen für das Probeimkern steigen an. Danach bleiben fast alle dabei und nach ca. 2 Jahren haben sich die Völkerzahlen der Absolventen auf 4-20 gefestigt (je nach Freizeit). In unserem ländlichen Imkerverein jedenfalls steigen Mitgliederanzahl und (gemeldete) Völker deutlich an.
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