Elterncouch "Liebes Harvard, ..."

Hochbegabung, Symbolfoto? Nee! Lehrstuhl in Harvard
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Hochbegabung, Symbolfoto? Nee! Lehrstuhl in Harvard


    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Ist Ihr Kind auch hochbegabt? Der Vierjährige von Jonas Ratz auf jeden Fall. Die Bewerbungen an die Elite-Unis sind schon raus. Und falls die das Potenzial des Jungen nicht erkennen, gibt es einen Plan B.

Liebes Harvard,

es kommt sicher total selten vor, dass Dir überambitionierte Helikopter-Eltern ("Mein Kind ist Einstein!") schreiben, weil sie glauben, ihr Kind sei hochbegabt und auf direktem Weg zum Nobelpreis. Aber in diesem Fall liegt es einfach auf der Hand: Mein vierjähriger Sohn Frederik ist ein Genie. Und weil ich selbstverständlich nur das Beste für ihn will, möchte ich ihn hiermit gern für eine Junior-Professur - oder wie das bei Euch in Amerika heißt - vorschlagen.

Das Fachgebiet ist im Grunde egal, er ist sehr vielfältig interessiert: Medizin (er hat einen Arztkoffer und weiß ihn zu benutzen), Wirtschaftswissenschaften (er ist Keynesianer durch und durch, zumindest plädiert er vor dem Keksregal im Supermarkt stets für hohen Konsum) oder Biologie (er weiß, dass Maulwürfe nicht fliegen und könnte das auch beweisen).

Seine Oma - sie war 42 Jahre lang Grundschullehrerin - attestiert ihm darüber hinaus exzellente Mathematikkenntnisse: So schafft er spielend den Zehner-Übergang (also rechnen bis zwölf), wenn es um Bonbons geht. Und seinen Namen kann er auch schreiben, die Hälfte aller Buchstaben sogar richtig herum. Allenfalls im sportlichen Bereich gäbe es noch Nachholbedarf, aber eine gewisse Grobmotorik im Umgang mit Bällen ist ja bei Genies nicht ungewöhnlich. Konnte Einstein kicken? Eben.

Also, wenn Du Dich möglichst bald melden könntest, am besten mit einem aussagekräftigen Angebot, würde ich mich - natürlich nur für Frederik - sehr freuen. Nur aus Fairness: Ich habe auch Yale angeschrieben.

Dein Jonas

P.S.: Er isst gerne Smarties.

Zweite Karriereoption: Rockstar

Was soll ich sagen? Weder Harvard noch Yale haben sich bisher gemeldet. Vielleicht ist es auch besser so. Denn so eine Harvard-Juniorprofessur ließe sich wahrscheinlich nur schwer mit Frederiks wahrer Berufung vereinbaren - der Musik. Also, er ist jetzt nicht direkt Mozart. Zumindest nicht am Klavier. Aber er besitzt ein Xylofon und äußerte neulich den dringenden Wunsch nach einer Mundharmonika.

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Ich will das nicht bewerten, beileibe nicht. Er soll sich frei entfalten können, das Instrument wählen, an dem er Freude hat, sich ausprobieren, wachsen an Herausforderungen und auch mal Sackgassen einschlagen dürfen. Natürlich soll er das dürfen, er ist mein Sohn.

Hauptsache, er steht irgendwann auf einer Bühne (in meiner Vorstellung ist es eine mittelgroße Halle, etwa 10.000 Zuschauer), bringt mit einer beschwichtigenden Geste die kreischenden Teenager zum Schweigen und sagt mit seiner vom Set rau gesungenen Stimme: "Und jetzt bitte einen Applaus für meinen Dad, dem ich das alles hier zu verdanken habe. Dad, ich hab dir das nie gesagt, aber du warst immer ein Vorbild für mich. Ohne dich hätte ich die große Liebe meines Lebens wohl nie kennengelernt: die Musik."

Und ich, mit schütterem Haar in dann wahrscheinlich ziemlich unmoderner Lederjacke hinter der Bühne, kämpfe mit den Tränen und raune dem Roadie zu, der neben mir gelangweilt Kaugummi kauend Gitarrenkabel sortiert: "Das ist MEIN Sohn!"

Na ja. Vielleicht meldet sich Harvard ja noch.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (4) und Oliver (1 1/2)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.



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3 Leserkommentare
spon-facebook-10000523851 11.02.2018
hexenbesen.65 12.02.2018
redroseandy 15.02.2018

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