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Hochsensible Menschen: Sehe ich komisch aus? Was denken die von mir? Warum ist es hier so laut?

Von Nico-Elliot Kälberer, Stuttgart

Hochsensible Menschen nehmen Eindrücke aus ihrer Umwelt intensiver wahr als andere: Geräusche, Farben, Gerüche, Berührungen - ihre Antennen sind immer auf Empfang, die Betroffenen stehen unter Dauerstress. Sind sie krank oder nur zartbesaitet?

Wenn alles zu viel wird: Hochsensiblen fehlt die Fähigkeit, Sinneseindrücke zu filtern Zur Großansicht
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Wenn alles zu viel wird: Hochsensiblen fehlt die Fähigkeit, Sinneseindrücke zu filtern

Etwas verschüchtert und unsicher betreten die Ersten den Raum. Antonia, eine zierliche Frau, Mitte 30, mit schmalen Schultern und langen, dünnen Fingern, wartet, bis das Dutzend voll geworden ist, dann heißt sie mit zerbrechlicher Stimme die Teilnehmer willkommen. "Ich freue mich, dass ihr alle gekommen seid." In der Hand hält sie ein paar Blätter Papier: "Treffen der HSP-Selbsthilfegruppe Stuttgart" steht auf dem ersten Blatt.

HSP steht für High Sensitive Persons - hochsensible Menschen, denen der geringste Lärm, ein harmloser Blick oder auch nur das Sonnenlicht Probleme bereiten. Die Frauen und Männer, die sich an diesem Dienstag in der Selbsthilfekontaktstelle KISS in einem Stuhlkreis zusammen gefunden haben, sind zwischen Anfang 20 und Mitte 60.

Zögerlich beginnt der Erste, sich vorzustellen: Er heißt Roland, ist Ende 40 und zu groß für seinen Stuhl. Er erzählt von seinen Schwierigkeiten im Job: "Ich bin momentan arbeitslos und irgendwie sogar froh darüber, endlich habe ich Zeit, mich umzuorientieren, jetzt, da ich weiß, dass ich anders bin." Während Roland noch erzählt, platzt es aus Margit heraus: "Macht das Fenster zu! Ich halte den Lärm von der Straße nicht aus!" Ihr Blick ist panisch. Sofort schließt einer das Fenster.

Thomas macht weiter mit der Vorstellungsrunde. Er sei im Internet auf das Phänomen Hochsensibilität gestoßen und habe sich entschlossen, die Selbsthilfegruppe für Hochsensible mitzuorganisieren, sagt er.

Hochsensiblen fehlt der Filter

Die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron hat das Phänomen HSP 1997 beschrieben, die Forschung reicht zurück bis in die siebziger Jahre. Aron zufolge nimmt jeder Mensch Informationen aus seiner Umwelt auf und verarbeitet sie je nach Relevanz weiter, das Unwichtige wird vergessen. Hochsensiblen fehlt ein solcher Filter. Sie nehmen nahezu alles auf und sind deshalb schnell reizüberflutet. Belebte Orte sind für sie nur schwer erträglich, die Vielzahl der Sinneseindrücke überfordert sie.

Viele hochsensible Menschen reagieren auf Lärm, Licht, Kälte oder Hitze überempfindlich. Andere können sich besonders gut in ihre Mitmenschen hineinversetzen, fühlen, was der andere fühlt, und spüren sogar, ob das Gegenüber gerade lügt. Laut Aron sind bis zu 15 Prozent der Bevölkerung hochsensibel. Gesichert sind diese Angaben nicht. Besondere Reizempfindlichkeit kann nicht medizinisch diagnostiziert werden, die Ausprägungen bei den Betroffenen variieren stark.

Hochsensibilität gilt nicht als Krankheit, fest steht aber: Sie kann chronische Krankheiten auslösen. In den Leistungskatalog der Krankenkassen fällt die Diagnose bislang nicht.

"Manchmal hilft es, die Augen zu schließen."

Thomas ist 37 Jahre alt, ein unscheinbarer Typ. Mittelgroß, Brille, braunes Haar, blaue Augen, er trägt Jeans und Sweatshirt. "Als Kind war ich mit meinen Eltern einmal in einer Kunstausstellung. Dort bin ich fast verrückt geworden, all diese Bilder und Eindrücke. Zu Hause legte ich mich ins Bett und ließ die Rollläden herunter." Die Fülle der Reize hatte ihn buchstäblich umgehauen.

Wenn Thomas heute in der S-Bahn sitzt, entzündet sich ein Feuerwerk in seinem Gehirn. Alle Fahrgäste versucht er einzuordnen. Sind sie ein Paar? Sind sie verwandt? Woher kommen sie? Wohin wollen sie? In Bruchteilen von Sekunden spielt er alle Möglichkeiten durch. "Dann ist meine Festplatte nach kürzester Zeit überlastet, manchmal hilft es, die Augen zu schließen, um nicht wahnsinnig zu werden."

Thomas sitzt auf einer Bank im Stuttgarter Schlosspark. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. "Ohne Sonnenbrille wäre es mir viel zu hell", sagt er. Es ist Vormittag, nur wenige Menschen sind unterwegs. Eine Gruppe von Joggern in grünen T-Shirts nähert sich von links, verschwindet hinter den Bäumen, kommt kurz darauf wieder aus einer Kurve hervor.

Thomas kneift die Augen zusammen und dreht den Kopf zur Seite. "Keine Ahnung, ob ich mir das eingebildet habe, aber die eine Joggerin hat mich angestarrt." Er stellt sich wieder Fragen: Sehe ich komisch aus? Was denkt sie von mir? Warum hat sie mich angesehen? Es rattert in seinem Gehirn.

"Bei Auseinandersetzungen kann ich nicht gewinnen."

Thomas arbeitet als Sachbearbeiter bei der Rentenversicherung, da lässt es sich nicht vermeiden, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Viele wollen tatsächlich etwas von ihm. "Wenn ich morgens zur Arbeit komme und gleich zehn Leute sehe, die auf mich warten, dann wird mir schwindelig, ich kann mich nicht mehr koordinieren, meine Beine sind wie gelähmt, ich versuche dann, irgendwie an denen vorbeizuschleichen, ohne dass sie mich bemerken."

Er hat Strategien entwickelt, um stressige Situationen zu meistern. Wenn eine ganze Familie bei ihm im Büro sitzt, holt er jedes Formular einzeln aus dem Flur. So kann er sich sammeln und auf die nächste Situation vorbereiten. Sonst wäre er völlig überfordert. Manchmal fragen ihn die Kollegen, ob er Kilometergeld bekomme.

"Bei Auseinandersetzungen kann ich nicht gewinnen", sagt er mit einem Schulterzucken. "Entweder ich gebe klein bei, weil ich mich zu sehr mit der Argumentation der anderen Seite identifiziere, oder ich setze mich durch und habe anschließend ein schlechtes Gewissen und würde alles am liebsten wieder rückgängig machen."

Routine statt Risiko

Ständig wägen Hochsensible alle Aspekte eines Problems ab, sie stellen sich immer wieder in Frage. Entscheidungen von gewisser Tragweite sind für sie fast unüberwindbare Hürden. Veränderungen flößen ihnen Angst ein, für Spontaneität bleibt kaum Platz. Lieber Routine als Risiko.

Thomas wollte sich schon zigmal beruflich verändern. Getraut hat er sich nie.

Vor kurzem hat er gelesen, dass Jesus auch hochsensibel gewesen sei, alle Religionsstifter, auch die Druiden. "Anders lässt sich ihr Schaffen und Charisma gar nicht erklären", meint er. Das uneingeschränkte Mitfühlen und Mitleiden müsse man als Gabe erkennen und nutzen. Dass Jesus so sehr mitgefühlt hat, dass es ihm am Ende noch schlechter ging als demjenigen, mit dem er gelitten hat, davon ist in der Bibel allerdings nicht die Rede. Hochsensible Menschen neigen dazu, unter der Last der anderen zusammenzubrechen.

Mit Jesus an seiner Seite scheint Thomas seine Mission gefunden zu haben: "Ich würde gerne den Betroffenen helfen. Wir Hochsensiblen wollen unserem Leben einen Sinn geben. Es mag sich hochgestochen anhören, aber ich glaube, dass ich meine Lebensaufgabe gefunden habe." Vielleicht wird er bald schon eine Disco für Hochsensible organisieren, wie es sie in München und Berlin gibt. "Da ist die Musik nur auf Zimmerlautstärke, und man darf nur barfuß tanzen."

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1. Wissenschaftsjournalismus
Björn Borg 29.09.2011
Zitat von sysopHochsensible Menschen nehmen Eindrücke aus ihrer Umwelt intensiver wahr als andere: Geräusche, Farben, Gerüche, Berührungen - ihre Antennen sind immer auf Empfang, die Betroffenen*stehen unter Dauerstress. Sind sie krank*oder nur zartbesaitet? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,787489,00.html
Man muss dieses erfolgreichste Buch der Welt eben auch bis zu Ende lesen: Jesus starb für seine Mitmenschen am Kreuz. Dort dürfte es ihm durchaus schlechter ergangen sein als all denen, mit denen er gelitten hat. Man sollte diesen Satz vielleicht einfach streichen. Außerdem fehlt im Artikel der Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang mit psychisch-depressiven Erkrankungen. Für Betroffenen könnte er aber unter Umständen hilfreich und weiterführend sein.
2. Bei
carlo02 29.09.2011
Angst vor dem, was andere von einem denken, spricht man von sozialer Phobie. Da is die SHG für Hochsensible wahrscheinlich die falsche Adresse.
3. burn
lebenslang 29.09.2011
nachdem man es geschafft hat, dass halb deutschland an einem burn-out leidet wird ein neues betätigungsfeld für die pharmalobby und psycho-akademiker gesucht - und gefunden. diese menschen brauchen einfach hilfe, vielleicht unter dem schönen titel burn-too-much, psychologische betreuung und die eine oder andere pille werden es schon richten.
4. Die Betroffenen
Bondurant 29.09.2011
Zitat von lebenslangnachdem man es geschafft hat, dass halb deutschland an einem burn-out leidet wird ein neues betätigungsfeld für die pharmalobby und psycho-akademiker gesucht - und gefunden. diese menschen brauchen einfach hilfe, vielleicht unter dem schönen titel burn-too-much, psychologische betreuung und die eine oder andere pille werden es schon richten.
sollten für dieses Geschenk dankbar sein.
5. Und wieder plumpe Kirchenwerbung
jenom, 29.09.2011
Wenn ich lesen will, dass Jesus auf alles die Antwort ist, dann lese ich den Wachturm. Quo Vadis SPON? Mit Religion werden die Leute noch verrückter gemacht.
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