Hochwasser in Deggendorf: "Wie eine Geisterstadt"

Aus Deggendorf berichtet

Hochwasser: Land unter an Flüssen Fotos
Getty Images

Der Stadtteil Fischerdorf steht komplett unter Wasser - dennoch harren Menschen in ihren Häusern aus. Nachts sehen die Einsatzkräfte mit ihren Booten in den überfluteten Straßen nach dem Rechten. Patrouillenfahrt durch das dunkle Deggendorf.

"Es ist unbeschreiblich schlimm. Das übersteigt alle Dimensionen", sagte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, nachdem er mit dem Helikopter über Deggendorf geflogen war. Das ist der Eindruck aus der Höhe, aber auch aus der Nähe lässt sich die Hochwasserkatastrophe nicht besser begreifen.

Der Stadtteil Fischerdorf steht komplett unter Wasser, eine braungelbe Brühe hat sich in den Straßen ausgebreitet, Zäune, Carports, Verkehrsschilder geschluckt. Die Häuser stehen mindestens bis zum ersten Stock unter Wasser. Trotzdem sind einige Menschen daheim geblieben. Weil sie nicht aus ihrem Zuhause weg wollen, weil sie Angst vor Plünderungen haben, weil sie ihr Leben nicht zurücklassen wollen.

Für sie sind auch in der Nacht noch rund 20 Einsatzkräfte da. Einsatzleiter Roland Vogt und sein Team kümmern sich um die 50 Deggendorfer, die in den Obergeschossen ihrer Häuser ausharren. "Das haben wir zu akzeptieren", sagt Vogt.

"Ich kann das verstehen", sagt Florian Uhlmann. Er ist einer der Bootsführer, die nachts auf den überfluteten Straßen von Haus zu Haus fahren. Bereits zum sechsten Mal fährt er diese Nacht durch die Wasserstraßen. Ein Kollege von der Wasserwacht leuchtet ihm mit einer Taschenlampe den Weg, schaut nach Hindernissen.

Ruhig und dunkel liegt Fischerdorf vor den Rettungskräften. Auf dem Wasser dümpeln Treibholz und Müll. Es riecht nach Diesel, was an dem ausgelaufenen Heizöl liegt. "Wie eine Geisterstadt", sagt Uhlmann. Das stimmt, aber nur ein bisschen. Der Stadtteil sieht aus, als seien die Bewohner nur mal schnell beim Bäcker um die Ecke. Bei Schlachter Schiller steht das Sonderangebot in der Scheibe, in den oberen Fenstern baumelt Schmuck - es würde einen nicht wundern, wenn jemand die Gardine zur Seite zöge, um zu schauen, wer da nachts durch die Straßen zieht.

Die nächtliche Fahrt ist riskant

Es geht vorbei an versunkenen Autos und überfluteten Vorgärten. Irgendwo schwappt Wasser durch ein Küchenfenster, auf der Kreuzung Altholzstraße/Hauptstraße schwimmt einsam ein Gartenzwerg.

Bis zu zwei Meter ist das Wasser tief. An manchen Stellen ragen nur noch Verkehrsschilder heraus. Auch die Freiwillige Feuerwehr steht unter Wasser, vor einem Mietwagen-Laden steht ein vollgelaufenes Auto.

Die nächtlichen Fahrten sind nicht gerade ungefährlich. Die Boote sind durch das ölige Wasser rutschig geworden. Wenn der Motor läuft, ist es besonders riskant: Das Treibholz darf nicht ins Getriebe geraten. Aber die Einsatzkräfte müssen nach den Bedürfnissen der Verbliebenen schauen. Im Dunkeln orientieren sie sich an Verkehrsschildern und den aus dem Wasser ragenden Zaunpfählen. "Das sind Fahnenstangen für uns, wenn's finster ist."

Der Pegel sinkt, das sieht man an den Häusern. Dort, wo das Wasser schon zurückgegangen ist, sind die Mauern heller. Am Donnerstag müssen es ungefähr 50 Zentimeter gewesen sein.

Momentan liegt der Pegel bei 7,78 Meter, die Schutzwände in Deggendorf sind auf 7,40 Meter konzipiert. Der höchste Stand maß 8,01 Meter - Rekord in Deggendorf.

Das Wetter spielt erst mal keine Rolle mehr

"Das ist eine Katastrophe für Niederbayern, die so noch nie dagewesen ist", sagt Peter Erl, stellvertretender Landrat von Deggendorf. "Dagegen ist das Hochwasser von 1954 ja Peanuts gewesen." Man habe die Situation momentan zwar im Griff. "Aber es kann jederzeit etwas passieren." Von den Rettungskräften wurde deswegen noch keiner zurückgeschickt, alle halten sich bereit. Erl konzentriert seinen nächsten Schritt jetzt auf das Verkehrschaos.

Deggendorf liegt rund 150 Kilometer nordöstlich von München. Etwas mehr als eine Stunde braucht man normalerweise mit dem Auto, momentan sind es mindestens drei. Das Hochwasser hat die kleine Stadt nahezu eingekesselt. Das macht die Arbeiten nicht leichter.

120.000 Menschen leben im Landkreis Deggendorf, auf gut 300 Quadratkilometern. Das heißt viel Fläche, viel Fahrerei. Immerhin ist nun die A92 wieder offen, eine von Deggendorfs Hauptverkehrsadern. Aber es soll doch wieder regnen? Ach, sagt Erl, man müsse sich erst wieder Sorgen machen, wenn es sehr, sehr viel regne. "Das Wetter spielt jetzt erst mal keine Rolle mehr."

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insgesamt 15 Beiträge
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oldsaxon 07.06.2013
Nach der Flut 2002 haben wir an der Elbe gedacht:"Das darf so schnell nicht wieder passieren, sonst hilft uns kein Mensch mehr". Falsch gedacht! Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist wieder riesig. Auch wenn es nur "Kleinigkeiten" sind, wie zum Beispiel in Dresden ein Pizzabäcker, der schnell mal 200 Pizzen für die unzähligen Helfer vorbei bringt, oder eine Dönerbude 100 Döner zur Verfügung stellt. So etwas baut auf. Lasst euch nicht unterkriegen!
2. optional
minando 07.06.2013
Wenn das so weiter geht wird Einbruch in evakuierten Gebieten bald ein lohnendes Geschäft. Dann brauchen wir Wasserpolizei in ganz Deutschland.
3. Deggendorf scheint im Westen zu liegen,
gizmo11 07.06.2013
denn wenn der Spiegel über Hochwasser in Regionen im Osten berichtet, fängt man gern mal so an: "Sie sei nicht schlampig, das möchte sie extra betonen. Auch wenn es in ihrer Küche gerade sehr wüst aussieht. Kaffeeflecken, dreckiges Geschirr, Pappteller, Essensreste. Aber das ist im Moment nicht wichtig, Ingrid Liebau hat andere Sorgen" http://www.spiegel.de/panorama/hochwasser-in-torgau-wie-sich-bewohner-auf-flut-vorbereiten-a-904263.html
4.
c.PAF 07.06.2013
Zitat von gizmo11denn wenn der Spiegel über Hochwasser in Regionen im Osten berichtet, fängt man gern mal so an: "Sie sei nicht schlampig, das möchte sie extra betonen. Auch wenn es in ihrer Küche gerade sehr wüst aussieht. Kaffeeflecken, dreckiges Geschirr, Pappteller, Essensreste. Aber das ist im Moment nicht wichtig, Ingrid Liebau hat andere Sorgen" Hochwasser in Torgau: Wie sich Bewohner auf Flut vorbereiten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/hochwasser-in-torgau-wie-sich-bewohner-auf-flut-vorbereiten-a-904263.html)
Ja, Deggendorf liegt im Westen. Da gibt es seltener einen Grund, den Text so anzufangen ;) Ich wünsche den Deggendorfern viel Kraft und weiterhin gute Unterstützung durch viele Helfer. Meine Hochachtung, wie hilfsbereit die Menschen sind.
5. Merkel und die Folgen
Tatsächlich 07.06.2013
Zitat von minandoWenn das so weiter geht wird Einbruch in evakuierten Gebieten bald ein lohnendes Geschäft. Dann brauchen wir Wasserpolizei in ganz Deutschland.
Da sprechen Sie ein Thema an: Wie ist denn bisher die Mentalität der Plünderungen? Wir sind zwar nicht in Sao Paulo oder New Orleans, aber das würde mich doch sehr wundern, wenn da nicht schon Profis nach Brauchbarem gesucht hätten. Es waren Jahre genug Zeit, künstliche Überflutungsgebiete und andere Staumöglichkeiten zu schaffen - anstatt ein trockenes Versagerland wie Griechenland durchzufüttern; und der EU-Kommissar sagt gestern noch, sein Geldtopf für Naturkatastrophen sei leer, aha... Nun, sehen wir uns mal an, bei WEM Deutschland verschuldet ist, wir sehen dort reichlich Banken und Versicherungen. Man kann also davon ausgehen, dass Merkel keine Schimpftiraden und Schuldigen in dieser Richtung suchen wird, man meckert ja nicht mit der Hand, die einen füttert. Wähler verärgern kann sie allerdings auch nicht, so nach dem Motto "Ihr Vollidioten, jeder musste wissen, dass 2002 wieder passiert, was baut ihre eure Existenzen auch so auf Sand/so dich am Wasser? Es war nur eine Frage, wann, und nicht ob, selber Schuld!" Ich bin also auf ihr (Wahlkampf)Geschwätz gespannt, Ähnliches hielt Schröder damals auch in seinem Stuhl, wenn wir uns erinnern. (Verschwörungstheoretiker sprachen damals sogar von "weiter vorne" künstlich ausgelösten systematischen Wellen, mit Schalltechnik kein Problem übrigens).
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