Hochwasser in Magdeburg Flut und Wut

Sehr langsam sinkt der Pegel der Elbe in Magdeburg - aber die Stimmung in der flutgeplagten Stadt schlägt um, die Suche nach Schuldigen beginnt. Das musste auch Verteidigungsminister Thomas de Maizière bei einem Besuch im Hochwassergebiet erleben.

Von , Magdeburg


Es sollte eine Routinetour werden. Verteidigungsminister Thomas de Maizière kam am Sonntagnachmittag nach Magdeburg, um die Soldaten der Bundeswehr zu besuchen: Allein im besonders gefährdeten Stadtteil Rothensee sind 1500 von ihnen im Einsatz, um das Umspannwerk zu schützen - und damit die Stromversorgung für 30.000 Haushalte im Norden Magdeburgs. Doch auf dem Weg dorthin, auf einem Bundeswehrfahrzeug durch teilweise hüfthohes Wasser, bekamen de Maizière und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff die Wut der Anwohner zu spüren.

"Verpisst euch", schrien sie ihnen hinterher, begleitet von wüsten Gesten. "Ihr lasst uns hier ersaufen." Tatsächlich richtet sich die Wut der Bürger vor allem gegen den Oberbürgermeister der Stadt, Lutz Trümper (SPD) - auch wenn der nicht bei der Tour am August-Bebel-Damm dabei war. "Die ganze Woche hieß es, in Rothensee passiert nichts", sagt Heike Pohle, die in dem Stadtteil lebt. Doch dann seien plötzlich und ohne Vorwarnung Wagen mit Lautsprechern durch die Straßen gefahren und hätten die anstehende Räumung verkündet. Weder vom Oberbürgermeister noch von der Regierung habe es Informationen gegeben, sagt Pohle. "Den wird keiner mehr wählen."

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Elbflut in Magdeburg: Kämpfer gegen das Wasser
Im Rathaus kann man die Wut nachvollziehen. Es sei mehr Wasser gekommen, als jemals erwartet wurde, sagte eine Sprecherin. Das Problem liege jedoch bei den Vorhersagen des Landesbetriebs für Hochwasserschutz in Sachsen-Anhalt: In der vergangenen Woche seien die Prognosen jeden Tag nach oben korrigiert worden.

Der Pegel sinkt sehr, sehr langsam

Am frühen Sonntagnachmittag wurde endlich der Scheitelpunkt der Elbe in Magdeburg erreicht: 7,46 Meter. Ursprünglich war man von einem Höchstwert von 7,20 Meter ausgegangen, normal sind zwei. In den kommenden Tagen werde der Fluss sehr, sehr langsam abschwellen, heißt es bei der Stadt. Laut Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) waren es 25 Prozent mehr Wasser als bei der Hochwasserkatastrophe im Jahr 2002.

Am späten Abend lag der Pegel in Magdeburg dann schon bei 7,32 Metern - was aber wohl vor allem mit dem Dammbruch bei Groß-Rosenburg zu tun hat. Drei Tage lang wird der Pegel wohl noch über sieben Metern liegen. Viel Zeit, um die Deiche aufzuweichen.

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Hochwasser: Flutdrama in Magdeburg

Auch wenn sich die Werte langsam bessern - in der Stadt sieht es eher nach einer Zuspitzung der Lage aus: Anschlagsdrohungen auf Deiche sorgen für Unruhe. Dutzende Straßen sind gesperrt. Die Schulen bleiben bis einschließlich Mittwoch geschlossen. Und nach Rothensee wurden am Sonntag weitere Gebiete geräumt, darunter Pechau, Randau-Calenberge sowie sämtliche ostelbische Stadtteile. Betroffen sind insgesamt 23.000 Menschen - doch viele weigerten sich, ihre Häuser zu verlassen. Einige, weil sie Angst vor Plünderern haben. Andere, weil sie davon ausgehen, dass es nicht allzu schlimm werden wird.

An drei Standpunkten hat die Stadt Notunterkünfte eingerichtet. Im Hegelgymnasium hatten sich gegen 21 Uhr nur knapp 60 Menschen gemeldet. Viele konnten weitervermittelt werden, heißt es beim Deutschen Roten Kreuz. Beispielsweise an Wohnungsbesitzer mit Gästezimmer oder an Pflegeheime. Aber etwa 20 Menschen werden die Nacht in einer der beiden Sporthallen auf dem Gelände verbringen, in einem von insgesamt 170 Feldbetten, die hier in Reih und Glied stehen.

Ausharren in der Turnhalle

Einer von ihnen ist Evgeny Shlyapin. Gegen 14 Uhr hat er erfahren, dass Pechau geräumt wird und dass damit auch er betroffen ist. Zwei Stunden lang hat er noch bei den Arbeiten geholfen, dann seine Sachen gepackt: Hemden und Schuhe fürs Büro, die wichtigsten Dokumente. Und in einem Schuhkarton Meerschweinchen Lili.

Nun liegt er in der riesigen Sporthalle. Die Flutopfer wirken hier erst recht verloren. Die meisten von ihnen sind älter, Kinder sieht man nicht. Die Menschen sind dankbar, dass sie hier sicher und gut versorgt sind. Aber gemütlich, das ist es nun wirklich nicht. Einsam. Beängstigend. So nennt es Shlyapin. Er hat Kopfhörer im Ohr, lässt sich einen Roman vorlesen, streichelt Lili. Alle 30 Minuten hört er die Nachrichten. Und telefoniert regelmäßig mit seiner Ehefrau und seinen drei Kindern, die bei den Schwiegereltern untergekommen sind.

Die Flutopfer in Magdeburg sollten sich darauf einstellen, etwa eine Woche nicht in ihre Häuser zurückkehren zu können, sagte Oberbürgermeister Trümper. "Ich bin über das Elend und die Not in den vielen, vielen Haushalten bewegt", sagte de Maizière. Doch was wirklich zu tun sei - das werde man erst sehen, wenn das Wasser abgelaufen sei.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 10.06.2013
1. ...
"Verpisst euch", schrien sie ihnen hinterher, begleitet von wüsten Gesten. Kann man irgendwie nachvollziehen. Vor allem, weil solche Besuche von hohen Politikern eher noch kontraproduktiv sind. Im Grunde nämlich können die Politiker auch nichts machen, binden aber Kräfte, die man anderswo gut brauchen könnte, lenken ab, stehen im Weg rum, der klassische "Gaffer" eigentlich. Privater Katastrophentourismus wird bestraft, hochpolitischer dient der Imagepflege. Ich denke mal, die Menschen sind nicht so dumm, daß sie das nicht merken. Und dann wird auch die Wut verständlich.
catman40@web.de 10.06.2013
2.
Zitat von sysopDPASehr langsam sinkt der Pegel der Elbe in Magdeburg - aber die Stimmung in der flutgeplagten Stadt schlägt um, die Suche nach Schuldigen beginnt. Das musste auch Verteidigungsminister Thomas de Maizière bei einem Besuch im Hochwassergebiet erleben. Hochwasser in Magdeburg: Die Wut der Anwohner wächst - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochwasser-in-magdeburg-die-wut-der-anwohner-waechst-a-904674.html)
was hätte man mit dem "Drohnengeld" nicht alles an Hochwasserschutz machen können?! de Maizière, Nein Danke!
bold_ 10.06.2013
3. Den Einsatz der Bundeswehr begrüße ich sehr.
Wir müssen keine Soldaten in die halbe Welt schicken - im eigenen Land gibt es wahrlich genug zu tun! Und die Soldaten nehmen den Firmen auch keine Arbeit weg, wenn die mit ihren schweren Geräten endlich einmal dafür sorgen, daß die Flüsse sich wieder ausbreiten können und kein Eigentum mehr vernichten! Wenn TDM so einen Auftrag - in seiner Welt nennt sich das wohl "Befehl" - gäbe, dann hätte er vielleicht noch eine Chance, sein Amt zu behalten.
seppuproff 10.06.2013
4. Drohnen
Da helfen nur Drohnen, die permanent Regenmengen und Pegelstände messen und melden!
Sharoun 10.06.2013
5. Verpißt euch?
Zitat von sysopDPASehr langsam sinkt der Pegel der Elbe in Magdeburg - aber die Stimmung in der flutgeplagten Stadt schlägt um, die Suche nach Schuldigen beginnt. Das musste auch Verteidigungsminister Thomas de Maizière bei einem Besuch im Hochwassergebiet erleben. Hochwasser in Magdeburg: Die Wut der Anwohner wächst - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochwasser-in-magdeburg-die-wut-der-anwohner-waechst-a-904674.html)
..naja, wenn der Pöbel das Zepter schwingt.. Was denken eigentlich die Leute wer sie sind? Ich glaube die Stimmung zu kennen, wo einfach nur durchgedreht wird und man als Beobachter meint, den Leuten hätte jemand etwas ins Trinkwasser getan... Da ist Katastrophe! Da muß man jetzt mal ganz rational mit umgehen! (Ich hätte nicht gedacht, daß ich mal - faserweise - FÜR diesen Minister wäre)
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