Rekordflut in Bayern: Passau packt an

Von , Passau

Hochwasser: Passau packt an Fotos
REUTERS

Die letzten Gummistiefel in der Koordinierungsstelle für Freiwillige sind weg, und seit einiger Zeit auch die Schaufeln: Nach dem Hochwasser in Passau helfen die Bürger beim Wiederaufbau, räumen Schlamm und Sperrmüll aus Straßen und Häusern.

Ein emsiges Surren liegt über Passau. Die Feuerwehr rückt von Haus zu Haus vor. Auspumpen, nachspülen, weiter. Überall sind Helfer unterwegs, die meisten tragen Shorts, T-Shirt und Gummistiefel - eine Uniform für eine Stadt, die in der Hochwasserkatastrophe zusammen anpackt. Die Passauer sind stolz auf so viel Solidarität. An vielen Häusern hängen Schilder: "Danke für eure Hilfe - Ihr seid die Besten" steht da geschrieben. In einem Café gibt es Katastrophen-Suppe, in einem anderen Obst und Kuchen.

Ohne Pause karren Bewohner Wasser, Wurstsemmeln und Kaffee zu den Einsatzkräften und Freiwilligen. "Klar helfen wir", sagen zwei Studentinnen, die gerade Sperrmüll aus einer Discothek räumen. "Wir gehen hier aus, wir wohnen und leben hier."

Braungraue Sandschicht

Es herrscht eine "Packen wir es an"-Stimmung. An einigen Ecken sieht es auch schon wieder nach Passauer Altstadt aus. Die Türen stehen offen, zum Lüften und Trocknen. In manchen Läden gibt es einen "Hochwasser-Sale" - mit den Erlösen soll die Wiedereröffnung finanziert werden. Die Leute sind optimistisch. "Wir sehen endlich wieder etwas Land", sagt Oberbürgermeister Jürgen Dupper.

Der Pegel liegt inzwischen bei 8,20 Meter, ab 7,20 Meter gilt die Altstadt als trocken. Doch das Problem ist nicht mehr das Wasser. Das Problem ist nun vor allem der Schlamm.

In der Altstadt sind die Spuren der Rekordflut am deutlichsten. Der braungraue Sand aus den Flüssen hat sich auf Wege, Bänke, Zäune gelegt, hat sich seinen Weg in die Häuser gebahnt, hat Einrichtungen und Erinnerungen zerstört.

Der Sperrmüll stapelt sich bis zum ersten Stock

Mit am schlimmsten ist derzeit die Höllgasse in der Altstadt betroffen. Hier sind die Müllberge am höchsten, die Straßen am schmutzigsten. Überall hört man Schaufeln kratzen, Wasser spritzen. Aus dem ersten Stock eines Hauses schmeißen Helfer massenweise Holz in einen Container. Aufgeweichte Tische, Regale, eine antike Kommode - ein ganzes Wohnzimmer landet auf dem Müll. Ein paar Meter weiter, in einem Hotel, tragen Einsatzkräfte Stück für Stück die Einrichtung einer Juniorsuite zum Abfallberg.

Hunderte Menschen haben sich in der Straße in einer langen Reihe aufgestellt. Unermüdlich reichen sie die Hochwasser-Trümmer weiter. Sofas, Stühle, Bilderrahmen - an vielen Ecken Passaus stapelt sich der Sperrmüll bis zum ersten Stock. Ein weiteres Problem: Seit Tagen schleppen Dutzende Fahrzeuge den Abfall aus der Stadt.

Bundeswehr hat Kommando übernommen

An der Spitze der Stadt, wo Donau, Inn und Ilz zusammenlaufen, steht noch das Wasser. Hier werden die Helfer noch länger brauchen, um Herr der Schlammmassen zu werden. Die Altstadtschule hat es schwer erwischt: Das Erdgeschoss des historischen Gebäudes stand komplett unter Wasser, die Turnhalle auch. Bis hier wieder unterrichtet werden kann, wird es eine Zeit dauern. "Das war echt brutal", sagt eine Helferin. Die Bundeswehr hat in der Grundschule das Kommando übernommen. In langen Zweierreihen haben sich die Helfer aufgestellt. Im Sekundentakt reichen sie Eimer voller Schutt und Schlamm nach draußen. Einer kippt sie gleich zurück in den Fluss.

Trotz der guten Laune, den fleißigen Helfern, den aufmunternden Worten: Der Schaden in Passau ist immens, rund tausend Häuser sind von dem Hochwasser betroffen. Oberbürgermeister Dupper schätzt die Summe auf mehr als 100 Millionen Euro - und dabei sind noch lange nicht alle Schäden aufgenommen worden.

"Es ist alles weg"

Nicht alle lassen sich daher von der "Can do"-Einstellung der Passauer anstecken. Weil die Erdgeschosse am schwersten geflutet wurden, sind unter den Betroffenen auch viele Geschäfte. Dass alle wieder aufmachen können - eher unwahrscheinlich.

"Es ist alles weg", schreit ein Mann in sein Handy. Auf Nachfrage spricht er das Unfassbare noch mal aus: "Alles." Ein anderer Wirt sitzt erschöpft vor seinem Imbiss. Es gibt nichts mehr zu schaufeln oder zu räumen. Der Laden ist hinüber, das können auch keine selbstgebackenen Muffins wieder gutmachen.

Am Sonntag, sagt Oberbürgermeister Dupper, sind die Flüsse zumindest wieder zurück im Bett. Dann ist das Wasser endlich aus der Stadt verbannt.


Eine ganze Sendung zur Flut heute bei SPIEGEL TV, 22.15 Uhr auf RTL

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insgesamt 53 Beiträge
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1.
Kurbelradio 08.06.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Gummistiefel sind alle in der Koordinierungsstelle für Freiwillige, und seit einiger Zeit auch die Schaufeln: Nach dem Hochwasser in Passau helfen die Bürger beim Wiederaufbau, räumen Schlamm und Sperrmüll aus Straßen und Häusern. Bei aller guten Laune der Freiwilligen - der Schaden ist immens. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochwasser-passau-raeumt-auf-a-904573.html
Kopf hoch. Ich hatte mal einen Hausbrand. Alles weg. Entweder angekokelt oder nass durch die Feuerwehr. Aber es ist alles ersetzbar. Vielleicht nicht von heute auf morgen, aber die Zeit bringt es mit sich. Ihr schafft das!
2. SPON sollte täglich zu jedem Artikel
hugahuga 08.06.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Gummistiefel sind alle in der Koordinierungsstelle für Freiwillige, und seit einiger Zeit auch die Schaufeln: Nach dem Hochwasser in Passau helfen die Bürger beim Wiederaufbau, räumen Schlamm und Sperrmüll aus Straßen und Häusern. Bei aller guten Laune der Freiwilligen - der Schaden ist immens. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochwasser-passau-raeumt-auf-a-904573.html
Spendenkonten oder Telefonnummern, über die gespendet werden kann, angeben. Das kann man mindestens erwarten.
3. Es hat bisher keinen Toten gegeben...
basiliusvonstreithofen 08.06.2013
...in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Hochwasser. Es soll wohl ein Mitbürger von einem Sandauto überrollt worden sein, das hätte auch anderweitig passieren können. Was sagt uns das? Niederbayern und der Osten können schwimmen. Man sollte das Gute immer in den Vordergrund stellen. Wenn das mal unsere Presse beherzigen würde....
4. Da muss der Mensch mit fertig werden
de-fakto 08.06.2013
Zitat von KurbelradioKopf hoch. Ich hatte mal einen Hausbrand. Alles weg. Entweder angekokelt oder nass durch die Feuerwehr. Aber es ist alles ersetzbar. Vielleicht nicht von heute auf morgen, aber die Zeit bringt es mit sich. Ihr schafft das!
Mir ging es auch schon mal so, allerdings durch Rückflutung aus der Kanalisation nach einem Starkregen. Keine Versicherung hat gezahlt und auch die Gemeinde zeigte keine Verantwortlichkeit.---Ergebnis alles Schrott und Neustart war angesagt. Solange die Gesundheit nicht betroffen ist, geht es immer irgendwie weiter.....
5. Jeder spendet bereits zwangsweise
de-fakto 08.06.2013
Zitat von hugahugaSpendenkonten oder Telefonnummern, über die gespendet werden kann, angeben. Das kann man mindestens erwarten.
Dank der Solidaritätssteuer die Anlässlich der Wiedervereinigung vor nun mehr 23 Jahren ins Leben gerufen wurde, ist spenden eine Bürgerpflicht.....
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