Selbst ernannter KZ-Flüchtling Angeblicher Auschwitz-Überlebender outet sich als Lügner

Joseph Hirt sah dem KZ-Arzt Mengele in die Augen und floh aus dem Lager Auschwitz. Behauptete er. Dann überprüfte ein Lehrer aus dem US-Bundesstaat New York diese Angaben und fand heraus: alles erfunden.

Ehemaliges Lager Auschwitz-Birkenau
DPA

Ehemaliges Lager Auschwitz-Birkenau


"Den Geistern des Holocaust begegnen" heißt ein Artikel, der im Jahr 2006 bei philly.com veröffentlicht wurde. Darin berichtet ein Mann namens Joseph Hirt über seine Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz, in dem er angeblich acht Monate lang einsaß, bevor ihm die Flucht gelang. Lange habe er geschwiegen, jetzt sei der Moment gekommen, um sich zu öffnen.

Zehn Jahre später geht Hirt erneut an die Öffentlichkeit - diesmal allerdings, um eine Lüge zu beichten: "Ich war kein Gefangener in Auschwitz", erklärte Hirt am Donnerstag in einem Brief an das Internetportal "Lancaster Online". Er entschuldigte sich dafür, dass er seine Person fälschlicherweise in Verbindung mit dem Konzentrationslager gebracht habe.

Eine große Lebenslüge für einen 91-Jährigen aus Adamstown im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die tätowierte Gefangenennummer? Gehörte einem anderen. Die Exekution, der er knapp entkam? Eine Legende. Der katholische Priester, der ihn in Italien vor dem sicheren Tod durch ein deutsches Erschießungskommando rettete? Wer weiß.

Er habe es nicht für sich getan, beteuerte Hirt. Er habe sich nicht wichtigmachen wollen. Vielmehr habe er ein Bewusstsein schaffen wollen für die Probleme der Holocaust-Überlebenden.

Dabei hat er in den vergangenen Jahren viel Mühe zum Detail aufgeboten. Auf zahlreichen Informationsveranstaltungen berichtete er, er sei in Auschwitz unter einem elektrischen Zaun hindurchgekrochen und habe nach seiner Flucht gerade mal 30 Kilo gewogen. Im Lager habe er dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele Auge in Auge gegenübergestanden. Mit seinem Vater will er 1936 sogar die Olympischen Sommerspiele in Berlin besucht und Adolf Hitler gesehen haben, als dieser sich weigerte, die Hand des schwarzen Athleten Jesse Owens zu schütteln.

Olympische Spiele in Berlin: Jesse Owens bei einer Siegerehrung
dapd

Olympische Spiele in Berlin: Jesse Owens bei einer Siegerehrung

Der Einzige, der laut Pennlive.com Verdacht schöpfte, war ein Lehrer aus dem US-Bundesstaat New York. Der Mann namens Andrew Reid nahm im April an einer Veranstaltung in Lowville teil, auf der Hirt aus seinem fiktiven Leben als Holocaust-Überlebender berichtete. Der Lehrer recherchierte die Daten: Hirt hatte angegeben, er sei 1941 nach Auschwitz gebracht worden und am 31. März 1942 von dort geflohen. Der polnische Gefangene, dem die von Hirt genutzte Häftlingsnummer zugeordnet werden konnte, soll erst 1944 im Lager angekommen sein.

Die Auschwitz-interne Praxis, die Gefangenennummern auf den linken Unterarm zu tätowieren, soll sich dem Bericht zufolge erst 1943 durchgesetzt haben. Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau soll Reid bestätigt haben, dass in dem von Hirt angegebenen Zeitraum lediglich eine Flucht dokumentiert wurde - und dieser Gefangene sei nicht Hirt gewesen.

Auch ein Treffen mit Mengele sei unmöglich gewesen, da dieser erst im Mai 1943 nach Auschwitz gekommen sei, bemängelte Reid. Die angebliche Grußverweigerung Hitlers gegenüber Jesse Owens sei unter Historikern ohnehin umstritten.

Joseph Hirt wurde nach dem Krieg Psychologe. Er hat zwei Töchter, einen Sohn und mehrere Enkelkinder. Einer seiner Neffen sagte Pennlive.com: "Die Geschichten sind komplett erfunden, was die Auschwitz-Sache betrifft."

Was Hirt wirklich dazu trieb, sein Leben um eine Lüge herumzubauen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Für Holocaust-Überlebende und ihre Familien bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Da hilft auch die Reue des angeblichen Genozid-Zeugen wenig. "Ich hatte unrecht. Ich bitte um Vergebung."

ala

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