Konservatoren in Auschwitz Die letzten Habseligkeiten

Gebäude verrotten, ebenso wie Schuhe, Koffer, Gebetstücher: Im Museum des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau kämpfen Konservatoren gegen das Vergessen an. Fotograf Felix Adler gibt Einblicke in die Werkstatt.

Felix Adler

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Mehr als 80.000 Schuhe, 3800 Koffer, 40 Kilogramm Brillen und rund 12.000 Küchenutensilien werden im Museum Auschwitz-Birkenau aufbewahrt. Ein großes Team von Konservatoren hütet all die Gegenstände, die nach der Befreiung des Lagers gefunden wurden.

1947 hatte das polnische Parlament ein Gesetz zur Bewahrung des Geländes sowie aller Fundstücke erlassen und das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau ins Leben gerufen. 2002 wurde die konservatorische Werkstatt errichtet - die heute zu den modernsten und am besten ausgerüsteten der Welt gehört. Eine Fotoserie von Felix Adler gibt Einblicke in Räumlichkeiten, die Besuchern sonst verschlossen bleiben.

Die Aufgabe der Konservatoren ist es, jedes einzelne Objekt zu erhalten und daher regelmäßig zu bearbeiten. Es kann sich dabei um private Dinge der Deportierten handeln, aber auch um Gegenstände, die mit dem Leben in der Gefangenschaft verbunden sind, zum Beispiel alte Zahnbürsten.

Die Konservatoren kümmern sich auch um die etwa 150 Häuser, 300 Ruinen, darunter Gaskammern und Krematorien, sowie rund 13 Kilometer Zaun, die sich auf dem Gelände befinden.

Fotostrecke

15  Bilder
Zahnbürsten, Schuhe und Koffer: Konservierung in Auschwitz

Die wichtigste Regel: Konservatoren erhalten Dinge, sie reparieren nicht. Einen kaputten Koffer mit Löchern und Quetschungen bessern sie nicht aus, sondern bewahren den Zustand, in dem er dem Besitzer weggenommen wurde. Sogar Schlammflecken sollen bleiben, auch sie erzählen eine Geschichte. Sind doch einmal Änderungen notwendig, werden diese sichtbar gemacht und akribisch dokumentiert.

Die Werkstatt ist im ehemaligen Empfangsgebäude des Stammlagers Auschwitz I untergebracht. Hier wurden die neu ankommenden Häftlinge registriert und ihrer Habseligkeiten beraubt. Heute wirken die Räume steril, wie in einem Labor. Halogenlampen leuchten, Mikroskope stehen auf Tischen, die Mitarbeiter tragen weiße Kittel und Handschuhe. Der Stacheldraht, den man durch das Fenster sieht, erinnert an die Schrecken des Lagers.

Rund 80 Leute arbeiten in der Konservierungsabteilung, darunter rund 20 professionelle Restauratoren - manche sind für Papier, andere für Textilien, Stein oder Baustoffe zuständig. Jedes Material braucht seinen eigenen Raum, seine eigene Temperatur und muss anders konserviert werden. Dennoch lässt sich nicht alles erhalten.

Die Arbeit der Konservatoren gleicht einem Wettlauf mit der Zeit, denn der Verfall schreitet stetig voran: Holz wird durch Regen marode, Koffer setzen Staub oder Schimmel an.

An der Wichtigkeit der Arbeit besteht kein Zweifel. "Da nicht viele Überlebende übrig sind, müssen wir sicherstellen, dass der Standort für die zukünftigen Generationen erhalten bleibt", sagt Bartosz Bartyzel, Pressesprecher des Museums. " Wir müssen den authentischen Ort Auschwitz bewahren, damit wir auch in Zukunft seine Geschichten erzählen können. Auschwitz ist eine Lektion, die jeder lernen sollte."



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