Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Holocaust-Leugner Williamson: Reporter wehren sich gegen Komplottvorwurf

Von

Ihr Interview löste den Williamson-Eklat aus: Vor den Kameras schwedischer Journalisten leugnete der Bischof den Holocaust. Dann wurden die beiden unter Druck gesetzt, die Piusbrüder wollten den Beitrag stoppen. Nun spricht der Vatikan von "Komplott" - die Reporter widersprechen.

Hamburg - Knapp 120 Sekunden kurz ist der Ausschnitt aus einer TV-Dokumentation des schwedischen Fernsehsenders SVT - hochbrisante Sendeminuten, die der katholischen Kirche ihre größte Krise in der Amtsantritt des deutschen Papstes Benedikt XVI. bescherten.

Die Journalisten Lars-Göran Svensson und Ali Fegan führten im Rahmen ihrer Sendung "Det Svenska korstaget" ein Interview mit Richard Williamson. Der Bischof der katholischen Piusbruderschaft leugnete in dem Gespräch - nicht zum ersten Mal - den Holocaust.

Dann wurde das Interview publik: Der SPIEGEL berichtet am 19. Januar über Williamsons krude Thesen. Wenige Tage später nahm der Papst die Ex-Kommunikation von vier Bischöfen der Bruderschaft, zurück - darunter war auch Williamson. Der Eklat war da.

Seither sehen sich die beiden schwedischen Journalisten heftigen Anwürfen von Seiten der katholischen Kirche ausgesetzt: Das Interview - und der Zeitpunkt der Ausstrahlung - sei eine "bewusst gestellte Falle für Seine Heiligkeit Benedikt XVI.", zitiert das "Svenska Dagbladet" religiöse Kreise in Rom. Bei der Berichterstattung handle es sich um ein "gezieltes Komplott" des schwedischen Fernsehsenders SVT.

Eine Darstellung, der Lars-Göran Svensson widerspricht: "Die katholische Kirche in Schweden ist nahezu nicht existent. Wir haben keinerlei Kontakt zum Vatikan oder die Absicht, dem Papst bewusst zu schaden", sagt Svensson SPIEGEL ONLINE. Das Gespräch mit Williamson sei "rein zufällig" am Rande einer Priesterweihe im bayrischen Schierling-Zaitzkofen im Kreis Regensburg zustande gekommen.

Das SVT-Team war dort erschienen, um über die Weihe des schwedischen Konvertiten Sten Sandmark zum neuen Piusdiakon zu berichten. Dessen Übertritt von der evangelischen Kirche zu der als erzkonservativ und antisemitisch geltenden Piusbruderschaft hatte in Schweden heftige Reaktionen ausgelöst.

Zusätzlich zum geplanten Interview mit dem schwedischen Priester habe sich durch Zufall ein Gespräch mit Williamson ergeben. "Wir wussten nicht, dass er dort sein würde, und erst recht wussten wir nichts von Williamsons geplanter Wiederaufnahme in die katholische Kirche", sagt Svensson.

"Allerdings wussten wir, dass Williamson vor 20 Jahren in Kanada den Holocaust geleugnet hat. Als wir ihn darauf ansprachen, reagierte er überrascht, gab aber bereitwillig Auskunft", erinnert sich Svensson. Der katholische Geistliche behauptete vor laufender Kamera, dass es keine Gaskammern zur Tötung von Juden gegeben habe, dass "höchstens 200.000 bis 300.000 Juden" durch die Nationalsozialisten umgekommen seien.

"Wir waren überrascht über das, was wir gehört hatten"

"Wir waren entsetzt und gleichzeitig wussten wir natürlich, dass die Veröffentlichung seiner Äußerungen Folgen haben wird", sagt Journalist Svensson.

Nach dem Gespräch sei die Situation "unangenehm" gewesen. Ob Williamson zu diesem Zeitpunkt bereits die Konsequenzen seiner antisemitischen Äußerungen erahnte, vermag Svensson nicht zu beurteilen. "Wir saßen auf jeden Fall in diesem Schloss auf dem deutschen Land, umgeben von mehr als hundert Priestern, und waren sehr überrascht über das, was wir gerade im Wortlaut gehört hatten."

Zurück in Schweden habe man sich in Ruhe um die Fertigstellung der Dokumentation gekümmert.

Letztendlich landeten lediglich zwei Minuten des Interviews in der insgesamt einstündigen Dokumentation, die im Rahmen der Serie "Uppdrag granskning" (deutsch: "Auftrag: Überprüfung") ausgestrahlt werden sollte. Wie auch sonst üblich wurde die Dokumentation Tage vor der offiziellen Ausstrahlung auf der Internet-Seite des Fernsehsenders mit einem kleinen Ausschnitt angekündigt.

Per Fax warnte Piusbruder Fellay vor der TV-Ausstrahlung

Am 21. Januar erreichte dann um 16.58 Uhr - exakt drei Stunden vor der tatsächlichen Ausstrahlung des Beitrags - ein Fax den Sender, verfasst von Bernard Fellay, Weihbischof und Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X., das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Thema des Schreibens: das Interview mit Bischof Williamson.

Im Fax wies Fallay darauf hin, dass ein Bischof nur Fragen zum Glauben und Moral beantworten könne und für seine private Meinung selbst verantwortlich sei. "Es ist schändlich, ein Interview über religiöse Angelegenheiten zu benutzen, um darin kontroverse Fragen anzuschneiden mit dem Ziel, die Tätigkeit unserer religiösen Gemeinschaft zu verleumden", empörte sich Fellay.

22 Minuten nach Fellays Fax traf ein weiteres Schreiben beim Sender ein - vom deutschen Rechtsanwalt Williamsons.

Darin heißt es: "Wir fordern Sie auf, es zu unterlassen, jedweden Ausschnitt oder das gesamte Interview im Internet zu veröffentlichen oder anderweitig als in der Sendung zu publizieren." Die Veröffentlichung verletze "elementare Rechte unseres Mandanten, insbesondere sein Persönlichkeitsrecht". Williamson habe das Interview "ausschließlich für die Verwendung in der Sendung 'Uppdrag granskning'" gegeben.

Der Rechtsanwalt wies zudem darauf hin, dass "eine Veröffentlichung des Interviews im Internet, das auch in Deutschland eingesehen werden kann, unseren Mandanten der Gefahr einer Strafverfolgung in Deutschland aussetzt". Eine Veröffentlichung ausschließlich im schwedischen Fernsehen dagegen führe nicht zu einer Strafverfolgung.

Die bayerische Justiz ermittelt seit dem 23. Januar wegen des Verdachts auf Volksverhetzung gegen Williamson. Wegen seiner Aussagen drohen Williamson nach deutschem Recht eine Geld- oder Haftstrafe. Da er offenbar nicht vorbestraft sei, sei eine Geldstrafe wahrscheinlich, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Günther Ruckdäschel SPIEGEL ONLINE.

Williamsons Anwalt habe sich mit einer "Einlassung" an die Staatsanwaltschaft gewandt. Darin behaupte der Geistliche, er sei davon ausgegangen, dass das Gespräch ausschließlich in Schweden ausgestrahlt werde. Eine Veröffentlichung in Deutschland sei nach Absprache mit den beiden Journalisten nicht geplant gewesen.

TV-Journalist Svensson widerspricht: "Es gab definitiv keinerlei Absprache mit Williamson, wann und wo das Interview veröffentlicht wird." Weder habe Williamson gefragt noch darauf beharrt, seine Aussagen unter besonderen Bedingungen auszustrahlen. "Das einzige, was er wusste und was ihn zu interessieren schien, war, dass wir ein Team aus Schweden sind."

Zu Svensson und seinem Kollegen Fegan hat die Staatsanwaltschaft Regensburg bereits Kontakt aufgenommen. Sobald ihre schriftliche Darstellung des Interviews und einer Vereinbarung eingegangen sei, werde geprüft, ob sie zur Zeugenvernehmung nach Regensburg anreisen müssen.

Williamsons deutscher Rechtsanwalt war für ein persönliches Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: