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Erste Homo-Ehen in Großbritannien: "Königliche Hochzeit mit zwei Queens"

Von , London

Homo-Ehe in Großbritannien: Hochzeit in royaler Kulisse Fotos
Southern News & Pictures (SNAP)

Erst Frankreich, nun Großbritannien: Auf der Insel werden am Wochenende die ersten homosexuellen Paare getraut. Bräutigam Andrew Wale erzählt, warum der konservative Premier David Cameron die Homo-Ehe durchgesetzt hat - und wundert sich über Deutschlands Nichtstun.

Am Samstag null Uhr tritt das britische Gesetz zur Homo-Ehe in Kraft, und Andrew Wale und Neil Allard wollen keine Zeit verlieren. Um kurz nach Mitternacht werden sich die beiden im prächtigen Royal Pavilion im Seebad Brighton das Jawort geben.

Mehrere Kamerateams werden dabei sein, wenn der Standesbeamte Trevor Love die beiden zu "Mann und Mann" erklärt. Darauf angesprochen, dass die grandiose Kulisse und der Medienauflauf ein bisschen an eine königliche Hochzeit erinnern, merkt Wale selbstironisch an: "Aber mit zwei Queens."

Theaterregisseur Wale, 49, und Guesthouse-Besitzer Allard, 48, sind eines der ersten homosexuellen Paare in Großbritannien, die von ihrem neuen Recht Gebrauch machen. Love spricht von einem "historischen Tag". Allein in Brighton heiraten am Samstag fünf schwule und lesbische Paare. Im ganzen Land sind es Dutzende.

Gegen teils heftigen Widerstand hatte die liberalkonservative Regierung von Premier David Cameron das Gesetz zur Homo-Ehe im vergangenen Jahr verabschiedet. Damit folgt Großbritannien dem Beispiel von Nachbarn wie den Niederlanden und Frankreich. In Montpellier hatte bereits im vergangenen Mai die erste gleichgeschlechtliche Hochzeit stattgefunden. In Deutschland hingegen wird die Gleichstellung von der Union weiterhin blockiert.

"Wird das peinlich, wenn ihr das nicht verabschiedet"

"Wir waren sehr überrascht, dass ausgerechnet die Tories die Homo-Ehe durchgesetzt haben", sagt Wale. "Ich glaube, auch sie selbst waren überrascht." Er vermutet, dass die Partei um ihr Image vor der Unterhauswahl 2015 besorgt war. Nach der Niederlage der amerikanischen Rechten gegen den Demokraten Barack Obama habe Cameron offenbar gedacht, die britischen Konservativen müssten sich etwas weltoffener präsentieren.

Wale hat die Debatten im Unterhaus und Oberhaus am Fernseher verfolgt. Er war beeindruckt, mit welchem Ernst insbesondere die alten Herrschaften im House of Lords die Homo-Ehe diskutierten. "Es gab ein paar altmodische Meinungen", sagt er. "Aber den meisten war bewusst, dass sich die Stimmung im Land ändert. Sie schienen Angst davor zu haben, sich als irrelevant zu erweisen." Eine betagte Baronin habe ihre Enkelin mit den Worten zitiert: "Wird das peinlich, wenn Ihr das nicht verabschiedet!"

Dass in Deutschland die Homo-Ehe noch immer nicht beschlossen ist, wundert Wale. "Es ist wirklich seltsam", sagt er. "Wenn man bedenkt, dass sogar Länder in Lateinamerika die gleichgeschlechtliche Ehe bereits eingeführt haben. Und die sind katholisch."

Hochzeit im königlichen Musikzimmer

Das Paar freut sich auf die Hochzeit im frisch restaurierten Musikzimmer des Palasts aus dem 18. Jahrhundert. 90 Gäste sind eingeladen - plus Medien. Die Stadtverwaltung von Brighton hatte alle Schwulen und Lesben dazu aufgerufen, sich mit einem Essay für die besondere Ehre zu bewerben. Wale gewann. Dafür müssen sie nun am Morgen nach der Zeremonie eine Pressekonferenz für Medien aus aller Welt geben.

Eigentlich seien sie ein sehr privates Paar, sagt Wale. Es sei ihnen eher unangenehm, öffentlich Händchen zu halten. Und sein Einsatz für die Schwulenbewegung beschränke sich auf das gelegentliche Unterschreiben eines Aufrufs.

Doch mit der öffentlichen Hochzeit wollen sie nun auch ein Signal senden. "Wir haben das Glück, in einer Umgebung zu leben, die uns akzeptiert", sagt Wale. "Aber es gibt andere Länder, die sich in die andere Richtung entwickeln."

Keine Proteste in Brighton erwartet

Brighton ist neben London die britische Hochburg der Schwulen und Lesben. Die erste zivile Partnerschaft, der Vorläufer zur Homo-Ehe, wurde hier im Dezember 2005 geschlossen. Die eingetragene Partnerschaft räumt homosexuellen Paaren eheähnliche Rechte ein. Zehntausende haben seither diesen Bund geschlossen. Doch Kritikern galt sie stets als Ehe zweiter Klasse, als Symbol der anhaltenden Ungleichheit.

In Brighton sei es einfach, schwul zu sein, sagt Wale. Aber nicht nur in Russland und Uganda, auch in Großbritannien müsse sich im Alltag noch einiges ändern. Vor sechs Monaten seien zwei schwule Freunde von ihnen zusammengeschlagen worden, weil sie Hand in Hand die Straße entlang gegangen seien. "Und das in Brighton."

Er erinnert an die Eigentümer eines englischen Bed and Breakfast, die vergangenes Jahr Schlagzeilen machten. Sie hatten einem schwulen Paar ein Zimmer verweigert und vor Gericht mit ihrem christlichen Glauben argumentiert. Der Supreme Court erklärte diese Verteidigung im November für ungültig. "Jedes Mal, wenn so was vor Gericht verhandelt wird, drückst du die Daumen", sagt Wale. "Und jedes Mal geraten mehr Leute ins Nachdenken und beschließen, eine solche Haltung nicht zu unterstützen."

Proteste wie in Frankreich, wo Hunderttausende gegen das neue Homo-Ehe-Gesetz auf die Straße gingen, erwartet Wale in Großbritannien nicht. Bei einer der ersten Trauungen in Frankreich seien Rauchbomben geflogen, erzählt er. "Das wird hier nicht passieren."

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1.
Gott 28.03.2014
Zitat von sysopSouthern News & Pictures (SNAP)Erst Frankreich, nun Großbritannien: Auf der Insel werden am Wochenende die ersten homosexuellen Paare getraut. Bräutigam Andrew Wale erzählt, warum der konservative Premier David Cameron die Homo-Ehe durchgesetzt hat - und wundert sich über Deutschlands Nichtstun. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/homo-ehe-in-grossbritannien-premiere-am-wochenende-a-961239.html
Find ich klasse. Dass das in Deutschland nicht klappt, ist einfach nur erbärmlich.
2. @Gott
Kasob 28.03.2014
Also wenn Gott das schon so sieht, sollte das für alle ok sein.
3. Toll.
Palisander 28.03.2014
Ein Schritt weiter im ewigen Kampf um Gleichberechtigung. Deutschland ist peinlich. Im Grunde wohl doch noch zu verklemmt.
4.
umweltfreak 28.03.2014
Die CDU muss erst vom BVerfG zum Traualtar getrieben werden. Und auch bei Stammtisch-Deutschland wird noch viel Ueberzeugungsarbeit zu leisten sein. Letztendlich wird die Schwulenehe aber als Verwirklichung eines Rechts auf Gleichbehandlung auch in Deutschland kommen, so in 10 Jahren.
5. Was soll das
jan-pillemann-otze 28.03.2014
In Deutschland ist doch seit über zehn Jahren Homo-Ehe möglich?! Warum wird hier geschrieben, dass Deutschland immer noch nicht so weit sei? Lediglich im Adoptions- und Steuerrecht gibt es noch keine Gleichberechtigung. Das Ganze heißt dann aber eben eingetragene Lebenspartnerschaft, ist aber das selbe in Grün
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