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Hatz auf Homosexuelle in Uganda: "Wir fürchten jeden Tag um unser Leben"

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Uganda ist eines der homophobsten Länder der Welt. Eine junge Aktivistin klagt gegen die Regierung, mediale Hetzer und evangelikale Einpeitscher aus den USA. Der Erfolg gibt ihr Recht.

Aktivistin Nabagesera: "Religiöser Wahn, Denunziantentum und Erpressung" Zur Großansicht
REUTERS

Aktivistin Nabagesera: "Religiöser Wahn, Denunziantentum und Erpressung"

In Karamojong im Nordosten Ugandas sind Homosexuelle unerwünscht: "Wenn sie wissen, dass du schwul bist, töten sie dich. Sie rammen dir ein Stück Holz in den Hintern und lassen dich im Busch verrecken."

Der Mann, der dies ganz ungerührt aus seiner Heimatgemeinde berichtet, ist Ugandas "Minister für Ethik und Anstand", Simon Lokodo. "Homosexualität ist eine mentale Perversion", sagte der 58-Jährige in einem Interview: "Alles, was diese Leute brauchen, ist eine Therapie."

Obskure Exorzisten und Schwulenheiler gibt es in Uganda zuhauf. Aber sie sind nicht das größte Problem. Lokodo ist ein ehemaliger katholischer Priester, der sich als Hüter der heterosexuellen Moral in Uganda versteht, als "Hirte, der seine Schafe rettet". Er ist berüchtigt für seine homophoben Ausbrüche, die von angeblicher schwuler Propaganda handeln, eine Rekrutierung unschuldiger Kinder verdammen und sehr drastisch die Auswüchse der vermeintlichen "Sodomie" anprangern.

Es sind Männer wie Lokodo, die dafür gesorgt haben, dass Lesben, Schwule oder Transgender (LGBTI) in Uganda als Freiwild gelten. Denn die Jagd auf anders Liebende ist in dem Land nicht nur politisch gewünscht, sondern in drakonischen Gesetzen festgeschrieben.

Die in einem früheren Gesetzentwurf vorgesehene Todesstrafe konnte erst nach weltweiten Protesten und Sanktionen abgewehrt werden. Staaten wie Schweden und Norwegen hatten Entwicklungshilfe auf Eis gelegt - ein "infantiler" Versuch der ideologischen Kolonialisierung, wie Ethikminister Lokodo befand.

Ethikminister Lokodo: Kampf der "Sodomie" Zur Großansicht
ddp images/ ZUMA Press

Ethikminister Lokodo: Kampf der "Sodomie"

Der "Anti-Homosexuality-Act" aus dem Jahr 2014 sah lebenslange Haft für jede Form von gleichgeschlechtlichem Sex vor. Zwar hat das ugandische Verfassungsgericht dieses Gesetz inzwischen aus verfahrenstechnischen Gründen kassiert. Homosexuelle werden aber weiter bedroht, geschlagen, vergewaltigt, mit Steinen beworfen, aus Schulen entlassen, von ihren Familien verstoßen, von der Polizei festgenommen - oder ermordet.

"Wir fürchten jeden Tag um unser Leben", sagt die LGBTI-Aktivistin Kasha Jacqueline Nabagesera. Ihr Freund und politischer Wegbegleiter David Kato wurde 2011 mit einem Hammer erschlagen - wenige Monate, nachdem die Boulevardzeitung "Rolling Stone" (nicht zu verwechseln mit dem Musikmagazin) sein Foto unter der Schlagzeile "Hängt sie!" veröffentlicht hatte. Nabagesera selbst bekommt ständig Todesdrohungen, wird bepöbelt, angegriffen, beleidigt. Etwa 300 homophobe Übergriffe zählte die Gruppe "Sexuelle Minderheiten Uganda" (SMUG) im Jahr 2014 - die Dunkelziffer ist hoch.

"Die Situation ist von Paranoia geprägt, weil es nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der LGBTI-Gemeinde sehr arme Menschen gibt, die für wenig Geld andere verraten", so die 35-Jährige. "Denunziantentum und Erpressung sind an der Tagesordnung."

Doch die junge Frau wehrt sich. Seit vielen Jahren kämpft die Begründerin der Hilfsorganisation Farug gegen die homophobe Regierung ihres Landes, dafür wurde sie gerade mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Zusammen mit anderen Aktivisten hat sie mehrere Verfahren angestrengt, darunter eines in Boston gegen den evangelikalen US-Missionar Scott Douglas Lively - wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.

Lively hatte in Uganda aktiv an dem Gesetzentwurf mitgewirkt, der Homosexuelle mit dem Tode bestrafen sollte. Der Einpeitscher ist Gründer der "Abiding Truth Ministries", einer homophoben Hassgruppe, die verbreitet, Schwule hätten den Nationalsozialismus erfunden und viele der Nazi-Gräueltaten begangen. Das klingt irre - sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie mächtig Männer vom Schlage Livelys in Uganda werden können.

Evangelikale schüren den Hass

"Es sind vor allem die Evangelikalen aus den USA, die den Hass auf LGBTI schüren", sagt Nabagesera. Demnach sind es die charismatischen Bewegungen, die in ihren Kirchen die Mär vom schwulen Welteroberungsplan verbreiten, die vor einer "Homo-Invasion" warnen und bedenkenlos Homosexualität mit Pädophilie gleichsetzen. Die Volksverdummung gelingt, denn sie lebt von Desinformation und Ignoranz.

"In der Bevölkerung herrscht eine große Unwissenheit über Sexualität", sagt Nabagesera. In den Schulen würden nur verschämt die elementarsten Grundlagen der Sexualkunde durchgenommen. Es gebe kaum Möglichkeiten, sich zu informieren, vielfach regiere die Zensur. Die Folge: "Viele haben Angst vor dem Unbekannten." Auch deshalb hat die Aktivistin das Magazin "Bombastic" ins Leben gerufen, das der LGTBI-Gemeinde eine Plattform gibt.

Auch andere Glaubensgemeinschaften haben es auf Homosexuelle abgesehen. "Die Evangelikalen kriminalisieren Homosexuelle, aber die Muslime würden uns am liebsten alle umbringen." Der Erzbischof der Anglikanischen Kirche, Stanley Ntagali, ist offen homophob und appelliert an alle "gottesfürchtigen Leute", seinen Kampf gegen Schwule und Lesben zu unterstützen.

Ugandas Präsident Yoweri Museveni und seine Frau sind beide bekennende wiedergeborene Christen. Auch deshalb sind die Verbindungen der Evangelikalen zur Regierung traditionell hervorragend. Die Kirchen haben das Recht, in Uganda als Nichtregierungsorganisationen zu fungieren. Sie können Entwicklungshilfe beantragen, bekommen günstige Kredite und staatliche Zuwendungen, müssen keine Steuern zahlen.

"Diese enge Verbindung von Staat und Religion ist verheerend", sagt Nabagesera. Die Gründe dafür, dass Homosexuelle politisch instrumentalisiert und zu nationalen Sündenböcken gemacht werden, liegen auf der Hand: Laut einer Umfrage des Pew Research Centers aus dem Jahr 2014 erklärten 93 Prozent der befragten Ugander, Homosexualität sei unmoralisch. Für Politiker, die wiedergewählt werden wollen, ist klar: Die vehemente Abneigung gegen Lesben und Schwule ist ein Konsensthema, mit dem man Stimmen fängt.

Präsident seit 29 Jahren

Im Februar 2016 will sich der seit 29 Jahren regierende Präsident Museveni im Amt bestätigen lassen. Um Kritik aus dem Ausland zu vermeiden, hat er die schrille Anti-Gay-Rhetorik derzeit ein wenig runtergefahren. Er ist aber nach wie vor der Meinung, Homosexualität sei abnorm und zudem Einstellungssache, der man mit gutem ärztlichem Beistand beikommen könne.

Die Evangelikalen spielen mit Angst und Hoffnung, denn jeden Sonntag bitten Tausende in den Kirchen den lieben Gott um Geld für Essen, eine Schuluniform oder einen Arztbesuch. Etwa ein Viertel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze und findet in der Religion den letzten Trost. Da kommt eine feindliche Außenseitertruppe als Blitzableiter gerade recht.

Schätzungen zufolge sind etwa 500.000 der 31 Millionen Ugander homosexuell, also gerade mal 1,6 Prozent. Geschätzt 1,4 Millionen Menschen sind HIV-positiv. Schuld daran sind in der öffentlichen Wahrnehmung nicht der von den Kirchen propagierte Kondomverzicht, sondern die Schwulen.

Es gibt noch ein Hass-Argument, das in Uganda sehr erfolgreich ist: Homosexualität, Pornografie und Analverkehr seien von den weißen Kolonialisten ins Land gebracht worden und damit unafrikanisch, heißt es. Nicht ganz: Mwanga II., der letzte König des unabhängigen Buganda, soll schwul gewesen sein. Einst sollen Christen an seinem Hof seine homosexuellen Avancen zurückgewiesen haben. Der junge König ließ sie dafür hinrichten.

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Fläche: 241.551 km²

Bevölkerung: 36,861 Mio.

Hauptstadt: Kampala

Staatsoberhaupt:
Yoweri Kaguta Museveni

Regierungschef:
Ruhakana Rugunda

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