Homosexuelle in China: Unter dem Schein der Ehe

Aus Tianjin berichtet Stefan Schultz

Schwulenbar in Peking: Von gesellschaftlicher Akzeptanz weit entfernt Zur Großansicht
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Schwulenbar in Peking: Von gesellschaftlicher Akzeptanz weit entfernt

Xiao Bin ist schwul und seit sieben Jahren mit einer Frau verheiratet. Bis zu 90 Prozent der homosexuellen Chinesen leben in solchen Scheinehen - mit oft katastrophalen Folgen. Die Geschichte von einem, der versucht, ein guter Ehemann zu sein und sich und seine Familie ins Unglück stürzt.

Während sich Xiaos Ehefrau im Bad duschte und schminkte, schlüpfte sein Geliebter zu ihm unter die Bettdecke. Xiao zog Lian zu sich, umarmte ihn fest, sie küssten sich. Nach einigen Minuten schlich der Geliebte wieder fort. Offiziell arbeitete Lian als Aushilfe für Xiaos Restaurant, ein kleines Etablissement in der Stadt Tianjin, das direkt unter der Wohnung liegt.

Xiao dachte, seine Frau würde von dem Liebesspiel nie erfahren, erinnert er sich heute. Doch eines Tages sagte sie: "Du scheinst viel glücklicher zu sein, wenn dieser Mann unter unserer Bettdecke liegt, als wenn ich dort liege."

Xiao Bin, 42, ist schwul und seit sieben Jahren verheiratet. Er ein kleiner, hagerer Mann, weißes Hemd, abgewetzte Lederjacke. Die Haut in seinem Gesicht ist weich, aber voller Falten. Er spricht unter der Bedingung, dass alle Namen geändert werden.

30 Millionen Homosexuelle leben auf dem chinesischen Festland, schätzen Sexualexperten von der Qingdao-Universität. Bis zu 90 Prozent sollen in Scheinehen leben. Manche zeugen Kinder, die meisten schlafen weiter mit Männern.

Als Xiao die schöne, zierliche Hong Zhao heiratete, wollte er tun, was die Gesellschaft verlangt. Er wollte seine Eltern glücklich machen. Er ahnte nicht, wie schwer diese Entscheidung ihrer aller Leben machen würde.

Im Bannkreis der Familie

An den Tag seines Coming-outs erinnert sich Xiao genau. Er hatte gerade mit seiner Freundin Schluss gemacht, als der Vater zu ihm aufs Zimmer kam und wissen wollte, warum sie sich getrennt hatten. Xiao antwortete, er habe seine Freundin nicht geliebt. Doch der Vater ließ nicht locker. Er wollte wissen, was los sei, warum es bei seinem Sohn mit den Frauen nicht klappt. Sie stritten. Schließlich verlor Xiao die Geduld.

"Ich bin schwul", sagte Xiao. "Ich mag keine Frauen."

"Red dich nicht auch noch raus", sagte der Vater. "Du sollst keine Ausreden erfinden."

"Ich bin vier Jahre mit ihr gegangen", sagte Xiao. "Wir haben noch nicht einmal Händchen gehalten."

"Raus", brüllte der Vater. "Raus aus meinem Haus."

Xiao dachte, seine Familie würde nie mehr mit ihm reden. Er wollte den Zorn des Vaters vergessen, die Tränen der Mutter. Er fühlte alles gleichzeitig, Wut, Trauer, Befreiung. Er hatte nicht vor, je zurückzukommen.

Er glaubte, Gott könne ihn heilen

In vielen Ländern sind es religiöse Zwänge, die Homosexuellen das Leben schwer machen; in China ist es die Familie. Heiraten und Kinder zeugen, besonders Söhne, gehört zu den zentralen Aufgaben des Mannes. Er tut damit etwas, das das schwache Sozialsystem nicht leistet: die Versorgung der Familie sichern. Männer, die nur männliche Liebhaber haben, verletzen in diesem System ihre familiäre Pflicht. Sie fühlen sich wie Verräter.

Nachdem er von seiner Familie fortgegangen war, gab es Zeiten, in denen Xiao die Freiheit genoss. Er spazierte durch die Parks, in denen sich die Schwulen treffen, erkundete die Gay-Szene in Peking. Er war nie der Typ für One-Night-Stands, doch einmal ließ er sich mitnehmen. Er war glücklich, auch wenn es wehtat.

Es gab Zeiten, in denen Xiao sich ändern wollte. Eine Weile arbeitete er als Prediger in einer Kirche. Er glaubte, Gott könne ihn "heilen". Doch dann traf er in der Messe einen anderen Schwulen. Sie wurden ein Paar. Tags auf der Kanzel, nachts in den Armen des Geliebten: Xiao fühlte sich moralisch minderwertig. Er hatte das Gefühl, Gott zu beschmutzen.

Xiao schnürte sich ein Gummiband ums Handgelenk und zwickte sich fortan damit, wenn es ihn nach Männern gelüstete. Er wollte weiterziehen, sich finden, doch ihm ging das Geld aus.

Während seiner sechsmonatigen Reise hatte Xiao drei Sexpartner. Als er nach Hause kam, grillte der Vater ihm Meeresfrüchte. Xiao hatte gedacht, dass seine Eltern nie wieder mit ihm reden würden. Stattdessen servierten sie ihm sein Leibgericht. Er war gerührt.

"Ich kann mich ändern", sagte er leise.

In sieben Jahren Ehe fünfmal Sex

Seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 müssen Homosexuelle viele Grausamkeiten ertragen. Während der Kulturrevolution wurden sie verfolgt, weggesperrt, hingerichtet. Bis 1997 galt gleichgeschlechtlicher Sex als Verbrechen, Homosexualität bis 2001 als Geisteskrankheit. Bis heute gibt es Väter, die ihren Söhnen das Schwulsein ausprügeln wollen. Ärzte, die homosexuelle Lust mit Brechmitteln und Elektroschocks bekämpfen. Homosexuelle, die sich in ihrer Verzweiflung das Leben nehmen.

Als Xiao und Hong heirateten, damals, vor sieben Jahren, waren sie voller Hoffnung. Hong hoffte, eine Familie zu gründen, mit dem Schwarm ihrer Jugend. Xiao hoffte, dass ihn die Ehe vom Schwulsein kuriert. Für den Moment waren beide glücklich.

Ihre Ehe war von Anfang an pragmatisch. Xiao wohnte über seinem Restaurant, Hong bei ihren Eltern, der Nähe zum Job zuliebe, wie sie sich sagten. Einmal in der Woche übernachtete Hong bei Xiao.

Das Schlafzimmer war mit Spitzenvorhängen dekoriert. In den sieben Jahren ihrer Ehe hatte das Paar fünfmal Sex. Hong hätte darüber klagen können. Sie hätte etwas über die Dildos sagen können, die sie eines Nachmittags fand. Sie reinigte sie und stellte sie der Größe nach geordnet in das Regal ihres Ehemanns. Sie verloren nie ein Wort darüber.

Vor vier Jahren lernte Xiao Lian kennen, einen lebensfrohen Mann, größer und stärker als Xiao, seine große Liebe. Es passierte beim Motorradfahren. Lian war gestürzt, verletzt. Xiao hielt ihn im Arm und weinte. Lian lachte. "Es ist nichts. Mach dir keine Sorgen", sagte er. Bald begannen sie, sich das Schlafzimmer über dem Restaurant zu teilen. Zusammen träumten sie von einer Zeit, in der sie sich nicht mehr verstecken müssen.

"Du bist nicht schwul, du bist emotional unreif"

Es gibt Zeichen wachsender Toleranz in China. Im Oktober 2012 heirateten in der südchinesischen Stadt Ningde zwei Männer, tausend Schaulustige drängten sich um sie, als sie sich auf den Mund küssten. Jedes Jahr gibt es eine Schwulenparade in Shanghai. Und eine wachsende Zahl von Organisationen und Selbsthilfegruppen kämpft für die Rechte Homosexueller.

Noch aber ist die Gesellschaft tief gespalten. Selbst in der Pekinger Schwulenbar Destination, einem der liberalsten Orte des Landes, trifft man Männer Anfang 20, die auf Webseiten wie Chinagayles.com Partner für die Scheinehe suchen, damit sie vor ihren Familien Ruhe haben. "Bis sich die Gesellschaft wirklich öffnet, werden noch Jahrzehnte vergehen", sagt Stephen Leonelli vom Lesben-Schwulen-Bi-und-Transsexuellen-Zentrum in Peking.

Für Xiao wird es dann zu spät sein.

Als Hong ihm sagte, "du scheinst glücklicher zu sein, wenn dieser Mann unter unserer Bettdecke liegt", dachte Xiao, sie würde ihn verlassen. Er war erleichtert. Hong aber sagte: "Du bist nicht schwul, du bist emotional unreif. Ich werde warten, bis du bereit bist für uns."

Xiao dachte daran, wie Hongs Familie auf eine Scheidung reagieren würde. In China gelten geschiedene Frauen als besudelt. Sie finden kaum einen neuen Mann. Sie laufen Gefahr, zu vereinsamen, zu verarmen.

"Du kannst mit anderen Männern schlafen, wenn du willst", bot er ihr an.

"Egal, wie du mich behandelst, ich werde dich nicht genauso behandeln", sagte sie.

Er brachte es nicht übers Herz, sich zu trennen.

Scheinehe mit einem Todgeweihten

Bald darauf wuchs in Hong der Wunsch nach einem Baby. Xiao fuhr in eine Klinik, ihr zuliebe, informierte sich über künstliche Befruchtungen. Doch dann dachte er: "Was, wenn wir uns doch trennen? Was wird dann aus dem Kind?" Er entschied sich gegen das Baby.

Wenige Wochen später stellte er fest, dass er Aids hatte.

Er dachte zuerst an Hong: Was, wenn er sie angesteckt hatte?

Unter den Homosexuellen in China ist Aids überdurchschnittlich verbreitet. Fünf Prozent leiden an der Krankheit, schätzt das chinesische Gesundheitsministerium. Die Quote ist 88-mal höher als die der Gesamtbevölkerung, was vor allem daran liegt, dass über gleichgeschlechtlichen Sex nicht gesprochen werden darf.

Hong ist gesund geblieben. Noch immer geht sie einmal die Woche ins Restaurant, die Treppe rauf, ins Schlafzimmer, zieht die Spitzenvorhänge zu und legt sich neben ihren Ehemann. Der ist noch immer mit Lian zusammen. Und wünscht sich manchmal, Hong würde ihn hassen. Damit er sich nicht mehr so schuldig fühlt.


Der Text entstand im Rahmen des deutsch-chinesischen Medienbotschafterprogramms, an dem der Autor im Herbst/Winter 2012 teilnahm.


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insgesamt 17 Beiträge
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1. Wo ist der Unterschied zu Deutschland?
dice77 04.03.2013
Schöner Artikel, aber er schildert die gleichen Probleme wie es sie überall auf der Welt gibt. Im Grunde scheint es zumindestens in diesem Beispiel sogar besser in China gelaufen zu sein, als es in Deutschland gelaufen wäre, denn sowohl die Frau als auch der Vater / die Eltern arrangieren sich mit der Homosexualität.
2. optional
J.F.K. 04.03.2013
"Fünf Prozent leiden an der Autoimmunkrankheit,.." Aids ist keine Autoimmunkrankheit. Das sollte man auch in der Spiegel-Online-Redaktion wissen,
3. Totale Unwissenheit beim Thema HIV?
unterdemradar 04.03.2013
Inzwischen scheint die Befassung mit HIV / AIDS ja allgemein der Vergangenheit anzugehören, tragisch ist es aber, wenn bei einem SPON-Artikel zu diesem Thema der Wissensstand diese Tatsache widerspiegelt. AIDS ist KEINE AUTOIMMUNKRANKHEIT. Bei AUTO (griechisch: selbst) - Immunkrankheiten greift sich der Körper selbst an. Bei HIV / AIDS versagt dagegen die Immunabwehr (deswegen auch Abwehrschwäche) komplett. Außerdem ist HIV nicht gleich AIDS. Eine HIV-Infektion ist die Erkrankung, deren Endstadium das SYNDROM AIDS darstellt. Es macht durchaus einen gewaltigen Unterschied, ob 5% aller schwulen Chinesen infiziert, d.h. HIV-positiv und oft noch in der Latenzphase sind, oder ob sie bereits unter opportunistischen Erkrankungen leiden und entsprechend oft pflegebedürftig sind. 5% AIDS-Fälle würden nämlich auf ein Vielfaches an "bloß" Infizierten schließen lassen.
4. und die Frauen?
rapinoe 04.03.2013
Ich finde den Bericht sehr interessant. Schade finde ich allerdings, dass Frauen in diesem Bericht gänzlich ignoriert werden. Was ist mit den Frauen? Gibt es keine homosexuellen Frauen? Oder haben ausschließlich Männer den Anspruch auf Berichterstattung über homosexuellsein in China?
5. Das ist vollkommen richtig.
timepiece123 04.03.2013
Zitat von dice77Schöner Artikel, aber er schildert die gleichen Probleme wie es sie überall auf der Welt gibt. Im Grunde scheint es zumindestens in diesem Beispiel sogar besser in China gelaufen zu sein, als es in Deutschland gelaufen wäre, denn sowohl die Frau als auch der Vater / die Eltern arrangieren sich mit der Homosexualität.
Auch in Deutschland gibt es unzählige schwule Männer, die in heterosexuellen Scheinbeziehungen leben.
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