Evangelische Kirche: Staatsförderung für Homosexuellen-Therapie

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Schwulsein ist heilbar, meint eine Ärztin der evangelikalen Offensive Junger Christen. Der Verein wurde vom Land Hessen und dem Bund finanziell unterstützt, weil er Jugendarbeit betreibt. Ein Skandal, findet der Grüne Kai Klose. Die evangelische Kirche reagiert mit Zurückhaltung.

Die Welt der Christl Ruth Vonholdt ist überschaubar. Jahrelang hat sie extensiv zu Homosexualität geforscht und Folgendes dabei herausbekommen: Schwule sind untreu, leiden häufiger unter "sexuellen Süchten und sexueller Nötigung" als Heterosexuelle und sind öfter psychisch oder physisch krank. Lesbische Frauen leiden unter "Beziehungsverwundung" und "Identitätsunsicherheit". Aber all das ist kein Problem, denn: Homosexualität ist heilbar, meint Vonholdt.

Die Kinderärztin ist Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft (DIJG) im hessischen Reichelsheim, eine Art Forschungszentrum des Vereins Offensive Junger Christen (OJC). Beide Institutionen sorgen seit Jahren für Furore mit unkonventionellen bis unerträglichen Positionen in Sachen Homosexualität.

Heftige Kritik brach über die selbsternannten "Homo-Heiler" herein, als bekannt wurde, dass der OJC seit 2009 mit insgesamt 13.000 Euro vom Land Hessen gefördert wurde - weil er zu den anerkannten Trägern für das Freiwillige Soziale Jahr in Hessen gehört.

"Es kann nicht sein, dass eine Organisation mit einer so kruden Geisteshaltung mit jungen Menschen zusammenarbeitet", empört sich Kai Klose, lesben- und schwulenpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im hessischen Landtag. So mancher Absolvent eines Freiwilligen Sozialen Jahres sei noch unsicher in seiner sexuellen Orientierung. "Es ist perfide, unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit Jugendliche mit Therapieangeboten in eine prekäre Lage zu bringen", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Klose stellte im Oktober eine Kleine Anfrage im hessischen Landtag und forderte Aufklärung über die Durchführung von Therapien gegen Homosexualität. Der hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) betonte in seiner Antwort: "Homosexualität ist keine Krankheit und bedarf entsprechend keiner Therapie zur Konversion." Die hessische Landesregierung halte es mit dem Berufsverband der Deutschen Psychologinnen und Psychologen, der festgestellt hat, dass eine "Verlernung und/oder Abtrainierung" der sexuellen Orientierung gegen ethische Richtlinien verstoße.

Grüttner versprach, der Sache nachzugehen und den Verein Offensive junger Christen einer Prüfung zu unterziehen. "Wir haben Gespräche geführt mit den pädagogischen Leitern, um zu erfahren, ob FSJler gegebenenfalls negativ beeinflusst werden", sagte er SPIEGEL ONLINE. Die Landesarbeitsgemeinschaft der Träger des Freiwilligen Sozialen Jahres würde klären, ob die Standardanforderungen an Träger ergänzt werden müssen, um Diskriminierung auszuschließen.

Noch vor wenigen Jahren hatte ein Parteikollege von Grüttner, der CDU-Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Irmer, in seinem eigenen kostenlosen Anzeigenblatt "Wetzlaer Kurier" die "Umpolungstherapien" des DIJG ausdrücklich gelobt. Grüttner ficht das nicht an. "Meine Meinung unterscheidet sich diametral von der Irmers. Ich spreche für die Landesregierung."

"Biologische Disposition zur Heterosexualität"

"Nach jetzigem Stand der Wissenschaft ist Homosexualität weder angeboren noch genetisch festgelegt", schreibt Christl Ruth Vonholdt auf der Website des DIJG: Jeder Mensch verfüge über eine biologische Disposition zur Heterosexualität und könne mithin "konvertieren". Warum sie zur Untermauerung ihrer Theorie Studien zitiert, die Kokain- und Alkoholmissbrauch mit Homosexualität in Bezug setzen, bleibt ihr Geheimnis. Vermutlich unterstellt sie Unzurechnungsfähigkeit bei der Ausprägung der sexuellen Orientierung.

In einer Stellungnahme auf der Website des Instituts schreibt die Ärztin am Dienstagabend, sie empfehle wissenschaftlich anerkannte Therapien nur jenen Menschen, die homosexuell lebten, aber damit nicht glücklich seien. "In einer ergebnisoffenen Therapie muss ein Mensch ausloten dürfen, ob seine homosexuellen Gefühle möglicherweise lebensgeschichtlich bedingt sind oder mit ungelösten Konflikten zu tun haben."

Die Offensive Junger Christen ist eine evangelikale, laut eigener Aussage ökumenische Bewegung, die Ende der sechziger Jahre von Imela und Horst-Klaus Hofmann gegründet wurde - schon damals in bewusster Ablehnung der Ideale der Protestgeneration. Der Verein hat etwa 100 Mitglieder und agiert weltweit in Sachen Jugendarbeit, Entwicklungshilfe, Bildungsarbeit in Ländern wie Argentinien, Kroatien, Kongo oder auch Russland. Die Arbeit des OJC auf den Philippinen soll vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert worden sein. Ansonsten lebt der Verein vor allem von Spenden. 2004 wurde die gemeinnützige OJCOS-Stiftung gegründet.

Die Rolle der evangelischen Kirche

Laut Internetportal queer.de hat der Präsident des Diakonischen Werks der evangelischen Kirche bereits vor einem Jahr in einem Brief an den grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck angekündigt, einen Ausschluss der Offensive Junger Christen zu prüfen. Geschehen ist bisher nichts.

Eine Nachfrage beim Diakonischen Werk in Hessen und Nassau am Montag ergab: Nein, die Offensive Junger Christen sei hier nicht Mitglied und hätte laut dessen Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Gern "aufgrund ihres Profils auch keine Chance, Mitglied zu werden".

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gilt als fortschrittlich in Sachen Homosexualität. "In unserer Kirche werden seit über zehn Jahren homosexuelle Paare auf ihren Wunsch hin gesegnet", sagt Diakonie-Sprecher Stephan Krebs. In etwa 20 Pfarrhäusern lebten homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer in Partnerschaften.

Sicher, man kenne die Offensive Junger Christen und ihre eigentümlichen Positionen. Ab und zu treffe man sich mit deren Vertretern, "bestaunt die Unterschiede und geht dann wieder seines Weges". Ohne Stellung zu beziehen? Warum prangert die EKHN die kruden Theorien der Organisation nicht an? "Wir setzen auf die Selbstprüfung des anderen", sagt der Sprecher. "Das ist eine Stärke, aber manchmal auch eine Schwäche des Protestantismus."

Tatsächlich ist die Offensive Junger Christen in der Diakonie der EKD in Berlin angesiedelt. Deren Sprecher sagte SPIEGEL ONLINE, er wolle sich erst am Mittwoch zu dem Thema äußern. Der Sprecher des EKD-Präses Nikolaus Schneider erklärte, er sei nicht zuständig.

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