Homosexuelle gegen Mormonen Kirchen-Kampf mit Küsschen

Männer küssen Männer, Frauen herzen Frauen: In rund 50 Städten in den USA und Kanada hat es an diesem Wochenende skurrile Demonstrationen gegeben. Ziel der liebevollen Proteste war die Kirche der Mormonen, ihre Einmischung in die Politik - und eine Wiederbelebung des Kampfes um Gleichberechtigung.

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Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage steht unter öffentlichem Druck. Seit am 9. Juli zwei homosexuelle Männer in einem der Mormonen-Kirche gehörenden Park in Salt Lake City beim Küssen beobachtet, von Angestellten der Kirche entfernt und schließlich verhaftet wurden, kocht die schwul-lesbische Volksseele: Das Ereignis fügt sich für viele Homosexuelle in den USA und Kanada nahtlos ein in die Beobachtung von Trends, die der Gleichberechtigung von Homosexuellen zuwider zu laufen scheinen.

Dass die Mormonen-Kirche dabei nicht zum ersten Mal eine unangenehme Rolle spielt, hat sie unter Nordamerikas Homosexuellen zum symbolträchtigen Protestziel gemacht.

Denn der Unmut über die erzkonservative Sekte, deren Glaube viele christliche Elemente enthält, diese aber durch die Offenbarungen ihres Propheten Joseph Smith kräftig erweitert hat, schwelt schon eine ganze Weile. Von Gleichberechtigung sind Homosexuelle in Utah, dem einzigen Bundesstaat der USA, in dem die Mormonen die Bevölkerungsmehrheit stellen, meilenweit entfernt. Dass sich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage aber lobbyierend und finanzierend in die Diskussion um kalifornisches Recht einmischte, sorgte seit dem Winter 2008 für böses Blut.

Seit dann am 8. November 2008 die von der Mormonen-Kirche geförderte "Proposition 8" in Kalifornien Gesetz wurde und damit die kurzzeitig erlaubte Schwulenehe wieder illegal machte, häuften sich die Kiss-ins in Kirchen. Immer wieder versammeln sich Homosexuellengruppen vorzugsweise auf Grundstücken, in oder vor Kirchen der Mormonen, um dort öffentlich zu kuscheln und zu küssen. Mit der Verhaftung vom 9. Juli gewann diese Protestbewegung zunehmend an Fahrt - bis es am Samstag zum "Nationalen Kiss-in-Tag" kam.

Überwachungsvideo: Die Verhaftung vom 9.Juli

In rund 50 Städten der USA und Kanadas kam es zu öffentlichen Kussveranstaltungen, auf die sich das ganze breite Spektrum der US-Medien mit Begeisterung stürzte. Verblüffend: Bis hin zu den als konservativ verschrienen Fox-News blieb die Berichterstattung zumindest neutral, wenn nicht gar freundlich. Fox interviewte schwule Aktivisten, die für ihre Sache warben - und konnte am Ende nur anmerken, dass Vertreter der Mormonenkirche sich gegenüber den TV-Kameras nicht äußern wollten.

Zumindest im medialen Echo ist das ein Punktsieg für die schwulen Aktivisten. Dass es in den letzten Monaten nicht nur in Utah, sondern auch in Texas zu Verhaftungen von Homosexuellen gekommen war, weil diese sich in der Öffentlichkeit geküsst hatten, versteht kaum ein Mensch mehr.

Richter übrigens auch nicht: Alle Verhaftungen blieben ohne Folgen für die Küsser - wenn man vom mitunter rauen Umgang mit vermeintlich Verdächtigen durch die Polizei absieht. Doch das ändert nichts: Obwohl selbst nach Aussage schwuler Aktivisten eigentlich Lappalien, werden die Kuss-Proteste gerade zu Katalysatoren für eine Belebung der amerikanischen Gay-Rights-Bewegung - gerade weil sie sich an der Mormonen-Kirche entzünden, einem von vielen Symbolen der erzkonservativ-religiösen Seite Amerikas.

Seit langer Zeit hatten die Vorkämpfer homosexueller Gleichberechtigung keine Gelegenheit mehr, ihr Anliegen so politisch pointiert vorzubringen. Die ursprünglich als Demonstrationen begonnenen Christopher Street Days sind in den Metropolen der westlichen Welt längst zu farbenfrohen Karnevalsparaden einer zumindest tolerierten schwulen Subkultur geworden - wenn nicht gar zu Tourismus-Events erster Güte, wie in San Francisco, Köln oder Sydney.

Mit einem Mal ist das anders. Während die Kiss-in-Bewegung in den etablierten Schwulenorganisationen kaum Niederschlag fand, scheint derzeit eine neue Basisbewegung zu entstehen: Getragen wird das alles vor allem von politisch aktiven homosexuellen Bloggern aus der Obama-Bewegung der Wahlkampfzeit des letzten Jahres, die die Aktionen über Facebook-Seiten und Aktions-Blogs koordinieren. Auch für die schwule Gemeinde ist das etwas Neues: "Die Saat für den größten kulturellen Umbruch, den schwule, lesbische und transsexuelle Leute je erlebt haben, ist bereits gesät", jubilierte der schwule Aktivist und Schauspieler Charles Lynn Frost bei einer Veranstaltung in Salt Lake City. Anders als die etablierten Fun-Events der Subkultur fordern die Kiss-ins die Öffentlichkeit heraus, Stellung zu beziehen.

Kiss-in-Demos: Bunte, heitere Proteste

Denn nicht alle Kiss-ins verliefen so glatt und friedlich wie die in den US-Medien vorzugsweise gezeigten. In San Diego stürmten rund 60 Aktiven das Hyatt-Hotel, skandierten Sprüche gegen das angeblich schwulenfeindliche Management, küssten und kuschelten, bis sie vor die Tür gesetzt wurden. Und doch haben die Kiss-ins schon jetzt etwas bewegt. Das Thema der eingeforderten Anerkennung homosexueller eheähnlicher Gemeinschaften hat wieder Momentum gewonnen. Gab es in Salt Lake City, der Hochburg der Mormonen, bei den ersten zwei Kiss-in-Protesten seit den Verhaftungen vom 9. Juli noch Gegendemonstrationen, blieben die homosexuellen Demonstranten am Samstag unter sich.

Das Erlahmen des Widerstands kirchlicher Kreise mag mit daran liegen, dass die öffentliche Debatte über die politische Einmischung der Mormonen dem Ansehen der Kirche schon jetzt stark geschadet hat. 190.000 Dollar hat die Kirche selbst der Kampagne gegen die Schwulenehe in Kalifornien gespendet. Auch unter ihren Mitglieder warb sie mit Erfolg: Mormonen spendeten angeblich eine hohe zweistellige Millionensumme.

Das und die Verhaftung vom 9. Juli hat auch die Mormonengemeinde selbst entzweit: US-Medien berichten über "gespaltene Familien" und Kirchenaustritte. Derzeit ist ein Dokumentarfilm in Produktion, der den schmerzlichen Ablösungsprozess einer Mormonenfamilie mit homosexuellen Kindern von ihrer Kirche thematisiert ("8: The Mormon Proposition"). Medial versiert wählt die Protestbewegung vorzugsweise Sprecher, die praktizierende oder ehemalige Mormonen sind - die Medien nehmen diese Steilvorlagen gern auf.

Aufeinanderprallen von Grundsatzpositionen

Inzwischen reagierte Thomas Spencer Monson, Kopf der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, und ließ den Standpunkt der Kirche zur Schwulenehe öffentlich rechtfertigen. Kirchensprecherin Kim Farah erklärte, es gehe den Mormonen um Grundsatzfragen, die innerhalb der Gemeinden große Unterstützung fänden: "In Wahrheit hat die Kirche große Unterstützung für ihre Verteidigung der Ehe erhalten."

Was für ein Missverständnis: Genau das ist es, was ihrem Ruf schadet, der Schwulenehe-Bewegung aber Auftrieb gibt. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage lehrt, dass Homosexualität eine Sünde ist. Homosexuelle werden in der Kirche nur akzeptiert, wenn sie zölibatär leben.

Doch Glaubensfragen sind nicht mehr allein das, was die Öffentlichkeit dabei interessiert: Es geht um die Trennung von Politik und Glauben, um den Lobby-Einfluss von weltanschaulichen Minderheitengruppen. Für die Spendenzahlungen der Mormonen, um kalifornische Gesetze zu ändern, interessieren sich inzwischen auch Behörden: Die kalifornische Fair Political Practices Commission hat inzwischen eine Prüfung der Vorgänge um die 190.000-Dollar-Spende der Kirche begonnen.

Nachtrag: Das Büro für Öffentlichkeitsarbeit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage legt Wert auf die Feststellung, dass die Entfernung des küssenden schwulen Paares aus dem Kirchenpark in Salt Lake City am 9. Juli 2009 durch das Benehmen des Paares verursacht worden sei, das der Hausordnung des Kirchenparkes widersprochen habe. Das Paar habe geküsst, sich angefasst, unangemessene Sprache benutzt und habe dem Anschein nach unter Alkoholeinfluss gestanden. Nachdem das Paar einer höflichen verbalen Aufforderung, den Kirchengrund zu verlassen, nicht nachgekommen sei, hätte es sich physisch einer Wegführung durch die vier Wachleute vor Ort widersetzt.

mit Informationen der AP



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