Homosexuelle Jugendliche: Beschimpft, gehasst, verstoßen

Von Annika Sartor

Sie wurden von ihren Eltern bedroht, verkauften ihren Körper, lebten auf der Straße: Homosexuelle Jugendliche finden in Frankreich in einer einzigartigen Einrichtung Zuflucht. Der Andrang bei "Le Refuge" ist enorm - und die Plätze reichen bei weitem nicht aus.

Von den Eltern verstoßen: Zuflucht für Homosexuelle Fotos
Association Nationale Le Refuge

Montpellier - Amine* kann den letzten Satz seines Vaters nicht vergessen. Sechs Wörter, die sein Leben zerstörten: "Du bist nicht länger mein Sohn." In der Nacht danach kommt Amine nicht zur Ruhe. Im Morgengrauen schleicht er sich aus dem Haus, seine Eltern liegen schlafend im Bett. Um 7 Uhr steht er mit gepacktem Koffer am Bahnsteig. Der Zug geht nach Paris.

Er verabschiedet sich von niemandem. Nicht von seiner Mutter. Nicht von seinen Schwestern. Amines Vater hat seinen Sohn verstoßen - weil er schwul ist. Es gibt keinen Weg zurück.

In Paris angekommen irrt der 23-Jährige durch die Straßen. Er weiß nicht, wohin. Im Internet bietet ihm schließlich ein Unbekannter Unterschlupf an. Die Wohnung ist dreckig, es stinkt. Als Amine schlafen geht, wird der Fremde zudringlich, zwingt ihn in sein Bett. Drei Tage später zieht Amine aus, zurück auf die Straße. Völlig erschöpft legt er sich in der ersten Nacht auf eine Parkbank. Als er am Morgen aufwacht, hat ihm jemand Portemonnaie, Handy, Reisepass und Geld gestohlen.

Drei Wochen später hat Amine wieder ein Dach über dem Kopf, ein eigenes Zimmer, ein sauberes Bett. Er lebt in einer Wohngemeinschaft in Montpellier. Geholfen hat ihm die Organisation Le Refuge (zu Deutsch: die Zuflucht). Insgesamt 22 Zimmer stellt die landesweit einzigartige Einrichtung homo- und transsexuellen Jugendlichen zur Verfügung, die von ihren Familien verstoßen wurden.

Bis zu sechs Monate lang können die 18- bis 25-Jährigen in einer der WGs in Montpellier, Paris, Lyon und Marseille unterkommen, mit pädagogischer, medizinischer und psychologischer Hilfe das Erlebte verarbeiten. Sie können ihren Schulabschluss machen, eine Arbeit suchen, ein neues Leben aufbauen.

Ein Leben verpackt in zwei Müllsäcke

Das Hauptbüro in Montpellier, das zugleich Gemeinschaftsraum der Bewohner ist, misst 44 Quadratmeter. Zwei Computerplätze, eine abgewetzte Couch, auf der anderen Seite Kühlschrank und Mikrowelle, in der Mitte ein weißer Tisch, Plakate und Infoblätter an den Wänden. Sie informieren über weitere Hilfsangebote, Aidsprävention, Berufsberatung.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2003 hat die Einrichtung 200 Betroffene betreut. Allein im vergangenen Jahr waren es 80, wie Nicolas Noguier, 33, Gründer und Vorsitzender von Le Refuge, erzählt. Rund 70 Prozent der Bewohner sind junge Männer, die meisten stammen aus muslimischen Familien.

Der körperliche und seelische Zustand der Ankömmlinge ist zum Teil desolat. Viele haben sich auf der Straße durchgeschlagen, mit Drogen betäubt, den eigenen Körper verkauft. Andere wurden mit dem Tod bedroht. Sie betreten Le Refuge verstört und schockiert, die Reste eines früheren Lebens in zwei Müllsäcke verpackt. Neun von ihnen, darunter Amine, erzählen ihre Geschichte in dem Buch "Casse-toi!" ("Verschwinde!") des bekannten französischen Autors Jean-Marie Périer.

Wer einen Platz in der Einrichtung bekommt, verpflichtet sich vertraglich zu einer wöchentlichen Beratungssitzung. Hinzu kommen Gespräche mit hauseigenen Psychologen. Fünf Jugendliche des Freiwilligendienstes unterstützen die Bewohner im Alltag und helfen, ein instabiles, perspektivloses Leben in geordnete Bahnen zu lenken.

Auch wenn die Opfer aus sämtlichen Regionen und sozialen Milieus stammen, bleibt laut Noguier eines auffällig: Jeder zweite Hilfesuchende kommt aus einer strenggläubigen Familie - so wie Amine.

Amine schweigt, mimt den Hetero

Rückblick: Amine wohnt mit Mutter, Vater und vier Schwestern in Alençon im Nordwesten Frankreichs. Die Eltern stammen aus Marokko. Beide sind stark durch ihre Glauben geprägt: Der Vater ist Muslim, die Mutter Christin. Er ist autoritär, sie unterwürfig.

Amines Leben ist durchorganisiert. Die Eltern stellten konkrete Erwartungen an ihren einzigen Sohn: Beruf, Haus, Heirat, Frau und Kinder. Die Enkel sollen später einmal den Namen ihres Großvaters bekommen.

Dass Amine mit 14 Jahren seine Liebe zu Jungen entdeckt, passt nicht ins Bild.

Amine versteckt seine Neigung vor seiner Familie, mimt den Hetero. Er ist verblüfft, dass niemand Verdacht schöpft. Man könne seine Sexualität an seiner zarten Statur und seinen kindlichen Gesichtszügen erahnen, meint er.

Als die Eltern ein Telefonat belauschen, in dem Amine Intimitäten mit seinem Freund austauscht, ist der Schwindel vorbei. Der Vater ist erbost, doch bevor er losbrüllt, schließt er das Fenster - die Nachbarn sollen nichts erfahren. Die Mutter wird ins Nebenzimmer verbannt. "Überleg es dir gut", schreit der Vater Amine an. "Wenn du dich entscheidest, nicht mehr schwul zu sein, kannst du bleiben. Wenn nicht, gehst du." Doch Amine hat keine Wahl. Er kann nicht anders, als er selbst zu sein.

"Ich schäme mich so für dich. Du widerst mich an"

Während die französische Gesellschaft seit einigen Jahren aufgeschlossener und liberaler scheint, ist Homosexualität innerhalb muslimischer Familien häufig ein Tabuthema. "Doch gerade in diesem Umfeld ist Homophobie für Jugendliche am brutalsten", sagt Noguier. "Von ihrer Familie erwarten sie Unterstützung, keine Zurückweisung."

Die Folgen sind gravierend: Betroffene kapseln sich von ihrer Umwelt ab, halten sich für wertlos oder wollen ihrem Leben ein Ende setzen. "Die Selbstmordrate ist bei homosexuellen Jugendlichen 13-mal höher als bei gleichaltrigen Heterosexuellen", so Noguier.

Die katastrophale Betreuungslage junger Schwuler und Lesben erlebte der Betreuer vor Jahren am eigenen Leib. Als Jugendlicher fühlte er sich unverstanden und einsam, suchte Gleichgesinnte. Doch spezielle Einrichtungen für junge Homosexuelle und ihre Belange fand er nicht. Dafür zahlreiche Sozialarbeiter, die von ähnlichen Fällen berichteten. Und Anlaufstellen, die telefonische oder schriftliche Hilfe anbieten: Die anonyme Telefonberatung der nationalen Hilfsorganisation SOS Homophobie ist jeden Abend immerhin vier Stunden lang erreichbar.

Mehr als 1200 Betroffene meldeten sich dort im Jahr 2009 auf der Suche nach Rat, erzählten in Anrufen und E-Mails von Beleidigungen, Drohungen, Gewalt. Seit dem Jahr 2003 hat sich die Zahl der Hilfesuchenden verdoppelt, wie die Organisation in ihrem Jahresbericht 2010 schreibt.

Rund ein Zehntel aller Vorfälle ereignet sich laut SOS Homophobie innerhalb der Familien: Rémi aus Toulon eröffnete seinen Eltern mit 16, dass er schwul ist - seitdem sind diese kühl und distanziert. Schon zweimal versuchte Rémi, sich das Leben zu nehmen. Quentin, 20, lebt nahe Marseille. "Ich schäme mich so für dich. Du widerst mich an", schrie ihm seine Mutter ins Gesicht. Isabelle, 20, wurde von ihrem Vater verprügelt, Sophie, 18, von ihrer Mutter eingesperrt und schließlich vor die Tür gesetzt.

Bis zu 400 Anfragen jährlich - bei 22 Plätzen

Bei "Le Refuge" ist das Handy Tag und Nacht erreichbar. Bis zu 20 Anrufer zählen die Helfer in 24 Stunden, darunter auch Eltern, die mit der sexuellen Neigung ihrer Kinder überfordert sind. Aufklärung und Prävention sind der Organisation wichtig - damit es gar nicht erst zum Eklat kommt.

Doch die finanziellen Ressourcen sind bescheiden. Zwar erhält Le Refuge Geld von Staat und Gemeinden, doch noch immer stellen private Spenden mehr als 50 Prozent des Budgets. Ende 2010 fehlten der Organisation 70.000 Euro. Dem Hauptsitz in Montpellier drohte die Schließung. Inzwischen hat sich die Situation wieder entspannt, sagt Noguier. Angesichts der stetig steigenden Anfragen ist das keine Selbstverständlichkeit. Bis zu 400 Hilfesuchende bitten jährlich um Unterkunft, doch es gibt nur 22 Plätze.

Um möglichst vielen helfen zu können, bemüht sich Le Refuge um eine Lösung der Konflikte. Eine Möglichkeit ist die Zusammenführung der zerrütteten Familien. Auf Wunsch seiner Bewohner organisiert Le Refuge sogenannte Vermittlungsaufenthalte der Eltern, bei dem diese in einem nahe gelegenen Hotel wohnen. Im Beisein der Pädagogen und Psychologen versuchen Eltern und Kinder, sich einander wieder anzunähern.

Eine Aussöhnung ist immer schwierig, oft scheitert sie. Zu tief sitzen gegenseitige Verletzungen und Erniedrigungen. "Einer von zwei Jugendlichen", sagt Noguier, "findet zu seiner Familie zurück."

Amine zählt nicht zu ihnen.

*Name geändert

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