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Chinesischer "Prügelheiler" in Hamburg: Schlag auf Schlag

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Chinesischer Heiler Hongchi Xiao: Klopfen gegen alle Krankheiten

Ein chinesischer Ex-Banker verspricht Heilung für Jedermann - mittels rustikaler Klopftechnik. Dann stirbt ein diabeteskranker Junge, der an seinem Seminar teilgenommen hat. Doch der Meister arbeitet weiter an seiner Weltrevolution.

Das Klatschen ist rhythmisch, gewinnt an Fahrt, wird unisono. Es klingt wie Stadion-Applaus, nicht wie Handflächen, die auf nacktes Fleisch treffen. Die Gesichter der Teilnehmer färben sich langsam rot, ebenso ihre Armbeugen. Ein Mittfünfziger schaut traurig drein, denn die zarte Haut an seinem Arm bleibt weiß, während zwei Frauen schon nach kürzester Zeit violettfarbene Hämatome präsentieren.

"Wussten Sie, dass Sie Herzprobleme haben?" fragt Hongchi Xiao, der Heiler, der von Hongkong nach Hamburg gekommen ist, um die Kraft des "Paida Lajin" zu propagieren - einer chinesischen Klopf- und Strecktechnik, die Blockaden im Körper lösen und dadurch Krankheiten bekämpfen soll.

"Nein, wussten wir nicht", sagen die Frauen verunsichert. "Glückwunsch, jetzt wissen Sie es und können es selbst behandeln", sagt Hongchi Xiao. Für den Meister ist die Sache klar: Je dunkler sich die Haut verfärbt und je mehr das Klopfen schmerzt, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Person Herzprobleme hat - denn durch die Armbeuge verlaufen der Herz- und der Lungenmeridian.

Klopfen hilft - an Hand, Armbeuge, Knie, Fuß und überall da, wo es weh tut, egal wie lange und egal wogegen: So könnte man die Arbeitshypothese von Hongchi Xiao, Ex-Banker aus Hongkong, zusammenfassen. Glaubt man seinem Vortrag vor etwa 30 esoterisch bewegten Zuhörern in einem schmucken Bungalow nahe der Elbe, dann hilft "Paida Lajin" gegen Alzheimer, Parkinson, Krebs, Hypertonie und Hypotonie, Stoffwechselerkrankungen, Verdauungsprobleme, Depression. Ja, es helfe sogar bei Notfällen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

"Ganz egal wie die Krankheit heißt, sie hat nur eine Ursache: Blockaden in den Meridianen", sagt Hongchi Xiao. Aus seinen Erzählungen spricht eine gewisse Kaltblütigkeit: Es seien schon mal Teilnehmer vom Stuhl gefallen, Kreislaufkollaps, aber er habe sie nach wenigen Minuten wieder wachgeklopft. Es ist viel von Schmutz, Dreck und vergiftetem Blut die Rede. Klopfen reinigt, Klopfen entgiftet. Wie angeblich bei Maggie aus Dortmund, die jahrzehntelang Insulin spritzte, weil sie Diabetes hatte; die nach ausgiebiger "Paida Lajin"-Praxis und Blitz-Überwindung der Krankheit "plötzlich ständig Zuckerwasser trinken musste". Lachen im Publikum.

Ermittlungen wegen Totschlags

Aidan Fenton aus Australien hatte auch Diabetes Typ 1. Gemeinsam mit seinen Eltern besuchte der Siebenjährige Ende April einen Workshop von Hongchi Xiao in Hurstville nahe Sydney. Im Hotelzimmer verlor er nach der Veranstaltung das Bewusstsein und konnte nicht mehr wiederbelebt werden.

Viele Fragen in dem Fall sind offen. Aidan soll sich bereits während des Workshops übergeben haben. Hat er gefastet, wie viele erwachsene Teilnehmer? Wurde er abgeklopft? Hat er auf Geheiß seiner Eltern oder des Seminarleiters das lebensnotwendige Insulin abgesetzt?

Anruf bei der Polizei in Hurstville. Der zuständige Beamte Sean Daley hält sich bedeckt. Es werde wegen Verdachts auf Totschlag gegen Hongchi Xiao und die Eltern ermittelt. Zu den Obduktionsergebnissen will er sich nicht äußern, auch nicht zum Ablauf des Seminars.

"Das war ein Unfall", sagt Hongchi Xiao irgendwie unbeteiligt. Er habe nach dem Vorfall mit den Behörden zusammengearbeitet, selbst Zeugen beigebracht, alles getan, was nötig war. Die Medien hätten sich auf die Geschichte gestürzt, ihn einen Betrüger und Mörder genannt. "Das ist alles vollkommen außer Kontrolle geraten. Deshalb werde ich mich zu den laufenden Ermittlungen nicht äußern", sagt er. Nein, er behandle keine Kinder, fügt er hinzu. Er behandle überhaupt niemanden, denn seine Klienten würden sich schließlich selbst oder gegenseitig abklopfen.

Das ist gut. Denn es enthebt Hongchi des Vorwurfs der Körperverletzung, weil er gar nicht selbst Hand anlegt. Aber es macht die Teilnehmer nicht automatisch bewusster im Umgang mit ihrem Körper und den Techniken, die der Meister ihnen beibringt.

Taiwan wies ihn aus

"Mir ist das suspekt", sagt Iven Tao, Arzt, Sinologe und Ex-Lehrbeauftragter für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Akupunktur an den Unis Witten-Herdecke und Duisburg-Essen. Man müsse die Chancen einer Therapie sehen, aber auch ihre Grenzen. Und sich stets fragen: "Richte ich Schaden an?" Obskure Heiler werde es immer geben "solange Menschen auf Heilung hoffen und Wunder erwarten".

Hongchi Xiao ficht das nicht an. "Wir arbeiten an einer weltverändernden Revolution", sagt er. Tausende seien gerettet worden, berichtet er stolz - und beginnt, die obligatorischen Heilungslegenden zu erzählen. Gelähmte, die wieder liefen. Humpelnde, die plötzlich tanzten. Unter seinen Patienten seien der Erzbischof von Lesotho und ein italienischer Generalkonsul, brüstet er sich.

Er liefert Zahlen für seine Erfolgsquote, die nicht repräsentativ sind. Es gibt keine valide Studie, die seine angeblichen Erfolge belegen würde. "Weil keiner sich mit der Pharmaindustrie anlegen will", sagt Hongchi. Und dann sind da noch Spaßverderber-Behörden wie in Taiwan, das ihn 2011 auswies und mit einem Bußgeld belegte, weil er medizinische Vorgaben nicht beachtet habe. "Aber ich brauche keine Lizenz", frohlockt er in Hamburg.

Beine einer Teilnehmerin: Mit Klopfen zur Heilung? Zur Großansicht
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Beine einer Teilnehmerin: Mit Klopfen zur Heilung?

In China wird die "Klopftherapie" nur sehr selten angewendet, sie gilt als westlich geprägte Weiterentwicklung jahrhundertealter Heilmethoden. "Diese Methode ist in China sehr umstritten und wird heftig kritisiert", sagt die Ärztin und TCM-Expertin Kangmei Zhang aus Kiel. "Man kann doch nicht unabhängig von den Beschwerden einfach alle Meridiane gleichzeitig wachklopfen. Eine TCM-Therapie muss immer individuell auf den Patienten zugeschnitten sein."

Kangmei Zhang würde "Paida Lajin" in ihrer Praxis nicht anwenden - und sie zweifelt daran, dass der Erfolg etwa bei Diabetes nachhaltig sein könne. "Es könnte zu einer kurzfristigen Besserung, einer Stabilisierung des Zuckerhaushaltes kommen, aber diesen Effekt kann man auch mit einer ausgewogenen Diät erzielen."

Erst seit etwa drei Jahren gibt es "Paida Lajin" - und der Wirtschaftswissenschaftler Hongchi ist durch Asien, Europa und Kanada getourt, um es bekannt zu machen. "Ihr seid Pioniere", ruft sein Hamburger Adlatus begeistert und hofft auf den Schneeballeffekt. Bücher und Klopfgeräte kaufen, Workshops buchen, selber Heiler werden - man kann vom Hauen leben. "Wir wollen es einfach, wir wollen es direkt, sind wir uns einig?" Zustimmendes Nicken im Publikum.

"Es gibt keine ernsthafte Forschung zur Effizienz solcher Maßnahmen etwa bei Diabetes - und kein seriöser Endokrinologe würde sich je an so etwas herantrauen", sagt Professor Paul Ulrich Unschuld vom Horst-Görtz-Stiftungsinstitut an der Berliner Charité. Die Schulmedizin habe ihre Defizite, aber sie sei wie ein Ampelübergang an einer viel befahrenen Straße - man komme sicher auf die andere Seite. "Bei unerforschten alternativen Heilverfahren läuft der Patient ohne Zebrastreifen über eine Autobahn."

Mitarbeit: Christoph Sydow

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1.
peroxyacetylnitrat 22.05.2015
" Die Schulmedizin habe ihre Defizite, aber sie sei wie ein Ampelübergang an einer viel befahrenen Straße - man komme sicher auf die andere Seite. "Bei unerforschten alternativen Heilverfahren läuft der Patient ohne Zebrastreifen über eine Autobahn."" sehr schöner Satz. Natürlich ist es verlockend, wenn man eine einfache heilslehre angeboten bekommt, die alles heilen soll. keine Nebenwirkungen wie die böse Schulmedizin, alles sanft, keine geldmacherei, man kann es selbst in die Hand nehmen und es wird genau deswegen von der ganzen restlichen Medizin unterdrückt... schon klar. Wer auch nur ein bisschen seinen Kopf zu benutzen weiß, sollte spätestens da misstrauisch werden und mal ein bisschen hinterfragen und schauen, was (und ob was) dahinter steckt... Da bleibt dann meist nicht viel von übrig, und das wissen die allermeisten dieser "Heiler" wohl auch ganz genau.
2. Tja
Bueckstueck 22.05.2015
Jeder klammert sich eben so gut an den nächsten Strohhalm wie er oder sie kann - und jene, die den Strohhalm verkaufen, kassieren ab.
3. ja ja, die Esoterik
volker.trimkowski 22.05.2015
es ist mir unbegreiflich, wieso dieser Mist - und ich zähle Homöopathie, NLP, Familienaufstellung, Channeln, Astrologie etc. dazu - einfach unausrottbar ist und auch Leute, die gebildet und ansonsten durchaus kritisch sind, all ihre skeptischen Reflexe, zack!, ausschalten. Wird Zeit, dass es ein Schulfach "Logik und Skepsis" gibt.
4. Träumer oder was?
hapebo 22.05.2015
Klopft diesem Quacksalber auf die Finger,wenn das nicht hilft dann klopft ihm mal aufs Hirn mal schaun wie Hohl die Birne ist.
5. Hirnvergrößerung
Hirndummy 22.05.2015
Das erinnert mich an das Foto, das ich letztes Jahr von einem TAXI-Fahrer gesehen habe: "Brustvergrößerung durch Handauflegen. Nachfragen beim Fahrer."
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