Gewaltorgie in Warschau: Der Hass des Hooligan Maciej

Aus Warschau berichtet Rafael Buschmann

Frauen, Kinder, am Boden Liegende - wahllos schlugen polnische Gewalttäter auf russische Fans in Warschau ein. Woher kommt dieser Hass? Prügeln sei "Sport und ein gutes Gefühl", sagt Hooligan Maciej. Der EM-Fan-Koordinator gesteht: "Das macht uns Angst."

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dapd

Polizisten, Hooligan in Warschau: "Großes Problem mit diesen Idioten"

Maciej schaut auf sein Bier. Er sitzt in einer kleinen Kneipe, einer Fan-Kneipe, direkt unter der Weichsel-Brücke Poniatowskiego. Es ist kurz vor 1 Uhr, viele der polnischen Fans feiern immer noch ausgelassen den Punktgewinn gegen Russland. Maciej nicht. Er denkt darüber nach, was er vor dem Spiel getan hat. Als er einer wehrlosen Frau mehrfach in den Unterleib trat, einen kleinen Jungen mit der Faust ins Gesicht schlug.

Die russischen Fans hatten zum Gedenken ihres Nationalfeiertags einen "Marsch der Russen" zum Warschauer Stadion abgehalten und wurden dabei von zahlreichen polnischen Gewalttätern angegriffen.

"Sie haben es alle verdient. Das sind dreckige Russen", sagt der 16-Jährige, der eher aussieht wie Mitte 20, ohne eine Spur von Reue. Er hat dunkel gebräunte Haut, einen großen Bizeps und breite Schultern. Sein Kopf ist bis auf wenige Haarstoppel kahl rasiert. Auf seinem linken Unterarm ist ein Hakenkreuz mit blauer Farbe tätowiert.

Gemeinsam mit seinen drei Brüdern ist er aus der deutsch-polnischen Grenzstadt Gorzow nach Warschau gefahren, fast 500 Kilometer entfernt. "Das war es uns wert, um diesem Pack auf die Fresse zu hauen", sagt Maciej. "Die haben uns nach dem Zweiten Weltkrieg alles kaputtgemacht." Was genau? "Keine Ahnung, einfach alles." Warum er sich ein Hakenkreuz tätowieren ließ: "Weil Hitler die Russen gehasst hat." Ob er weiß, wie viele polnische Menschen durch die Angriffe von Hitlers Militärschergen ihr Leben verloren? Keine Antwort.

Die Gründe für den Angriff auf die russischen Fans sind unsinnig, vorgeschoben, dumm. Der junge Mann gehört zu den "Stilon Fighters", einer Hooligan-Gruppe, die einen Fünftligisten unterstützt und sich mit anderen Hooligans auf Äckern trifft. "Das ist mein Sport, das ist unser Sport. Jeder, der bei uns was zu sagen hat, macht da mit."

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Warschau: Rechter Hass statt Gastfreundschaft
Kurz vor 2 Uhr und nach mehreren weiteren Bieren sagt Maciej: "Wir lieben es, uns zu prügeln. Das ist ein gutes Gefühl. Wir messen uns miteinander, der Stärkere gewinnt."

"Traurig, wie völlige Idioten ein solches Fest zerstören"

Warschau, die Hauptstadt, sie lieferte Maciej und seinen Brüdern die große Bühne. Aufmerksamkeit ist ein seltenes Gut im Leben der vier Hooligans. In Gorzow ist die Arbeitslosigkeit hoch, die Perspektiven schlecht. Maciejs drei Brüder reisen immer mal wieder nach Deutschland oder in die Niederlande, verdienen sich ein paar Euro durch Arbeiten auf dem Bau. Er selbst hat die Schule schon vor zwei Jahren abgebrochen.

"Perspektivlosigkeit ist in Polen ein Grund für die Gewalt. Ein wichtiger Grund, aber nicht der einzige", sagt der polnische EM-Fan-Koordinator Dariusz Lapinski. Er stand am Dienstag ebenfalls auf der Weichsel-Brücke und sah, wie polnische Hooligans zuschlugen. "Wir sind so traurig, dass ein paar komplette Idioten ein solches Fest zerstören." Im Vorfeld des Turniers war sich Lapinski noch sicher, dass es zu keinen Hooligan-Zusammenstößen kommen würde. "Wir haben uns geirrt."

Etwa 200 Männer aus dem harten polnischen Hooligan-Sektor waren am Dienstag nach Warschau gekommen. "Sie sind aus ganz Polen angereist", sagt Lapinski. Zu ihnen gesellten sich laut Polizei etwa 300 bis 500 weitere Gewalttäter, vornehmlich Rechte. "Patriotismus und Rassismus sind nicht weit voneinander entfernt. Die Menschen, die daran glauben, suchen einfach Gewalt und Ärger. Wir haben in Polen ein großes Problem mit diesen Idioten", sagt Lapinski. Zu leicht sei es den Aggressoren gelungen, ein Feindbild zu erzeugen und eine große, prügelnde Gruppe zu mobilisieren. "Das macht uns Angst", sagt Lapinski.

Der EM-Fan-Koordinator hält die Ausschreitungen für eine spontane Aktion, aufgewiegelt durch die martialischen Pressemeldungen vor dem Spiel zwischen Polen und Russland. "Immer wieder wurde über einen Krieg geschrieben. Viele Zeitungen haben das sehr überspitzt und nur noch angeheizt", sagt Lapinski. Er und seine Mitarbeiter haben tagelang versucht, die Situation zwischen beiden Fan-Lagern zu beruhigen. Das Fan-Komitee brachte Kränze an die Gedenkstätten der Opfer des Zweiten Weltkrieges, in den Fan-Zonen wurden Spiele gemeinsam mit polnischen und russischen Fans durchgeführt. "Aber es ist uns einfach nicht gelungen, genug positive Zeichen zu senden."

Maciej und seine drei Brüder haben von diesen Dingen nichts mitbekommen. Sie hatten erst am Dienstag beschlossen, nach Warschau zu fahren. Dort kamen sie am frühen Nachmittag an, tranken Bier, aßen, dann begannen die Attacken.

Seither sind Maciejs drei Brüder verschwunden. Er weiß nicht, ob sie festgenommen wurden oder sich versteckt halten. Er weiß auch nicht, wie er nach Hause kommen soll. Und ob er überhaupt nach Hause kommt.

Nach Angaben der polnischen Polizei existieren von der Randale am helllichten Tag sehr viele Kamerabilder. Man könne "mit größter Härte gegen diese Menschen vorgehen", sagte ein Polizeisprecher. Maciej weiß das. Er sagt, er rechne mit seiner Verhaftung.

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insgesamt 54 Beiträge
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1.
dinosfünf 13.06.2012
Zitat von sysopFrauen, Kinder, am Boden Liegende - wahllos schlugen polnische Gewalttäter auf russische Fans in Warschau ein. Woher kommt dieser Hass?
Ehm will der Autor suggerieren, dass es weniger schlimm ist, dass der Hooligan auch auf Männer eingeschlagen hat? Ein Mensch bleibt Mensch..
2. Kontrastreiche Veranstaltung, diese EURO...
freidimensional 13.06.2012
Zitat von sysopFrauen, Kinder, am Boden Liegende - wahllos schlugen polnische Gewalttäter auf russische Fans in Warschau ein. Woher kommt dieser Hass? Prügeln sei "Sport und ein gutes Gefühl", sagt Hooligan Maciej. Der EM-Fankoordinator gesteht: "Das macht uns Angst." Hooligan in Polen: Maciej erklärt seinen Hass - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,838660,00.html)
Während die einen pathetisch ausrufen "Fussball verbindet!", bauen irgendwelche hasserfüllten Kaputtmacher irgendwelche Frustgefühle gegenüber den Gästen ihres Landes ab. Warum habe ich bloß das Gefühl, dass Sportveranstaltungen nicht wirklich zur Kultivierung der Zivilisationsteilnehmer in diesen Zeiten beitragen, sondern nur die angestauten und offenbar nicht beherrschbaren Zerstörungstriebe in andere Bahnen umlenken? Das sollte nicht nur dem EM-Fankoordinator zu denken geben...
3. Träge Polizei
BeBeEli 13.06.2012
Zitat von sysopFrauen, Kinder, am Boden Liegende - wahllos schlugen polnische Gewalttäter auf russische Fans in Warschau ein. Woher kommt dieser Hass? Prügeln sei "Sport und ein gutes Gefühl", sagt Hooligan Maciej. Der EM-Fankoordinator gesteht: "Das macht uns Angst." Hooligan in Polen: Maciej erklärt seinen Hass - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,838660,00.html)
Wenn es um Russen oder um deutsche Autos geht, ist die polnische Polizei seltsamerweise immer etwas träge.
4. Kriminell
marbehn 13.06.2012
Was hat dieses Verhalten mit Sport und Fan-Sein zu tun? Es ist einfach nur kriminell und sollte strafrechtlich auch so behandelt werden. Wenn diese Leute es toll finden sich zu prügeln, sollen sie es untereinander auf "neutralem" Boden tun und nicht Menschen, die sich wirklich für den Sport interessieren und die Gelegenheit zu einem Fest mit Jung und Alt, einheimischen und auswärtigen/ausländischen Besuchern nutzen wollen, drangsalieren und verletzen. Wann wachen die zuständigen Behörden, egal in welchem Land, auf und handeln entsprechend?
5.
mcaulfield 13.06.2012
Zitat von sysopDer EM-Fan-Koordinator hält die Ausschreitungen für eine spontane Aktion, aufgewiegelt durch die martialischen Pressemeldungen vor dem Spiel zwischen Polen und Russland
Spontan Aktion?? Es war vollkommen klar, dass es Ausschreitungen geben wird. Das Spiel Polen - Russland fand an einem russischen Nationalfeiertag in der Hauptstadt Polens statt. Man muss wirklich dumm UND blind sein, um zu glauben, es waere ohne Ausschreitungen gegangen. Dass beim Marsch der Russen die altrussische Flagge gehisst wurde, hat nicht gerade zur Deeskelation beigetragen. Nicht falsch verstehen, ich finde Hooligans scheisse und vollkommen ueberfluessig. Aber was die UEFA da bei der Planung gemacht hat, ist unverantwortlich und dumm. Sie traegt den Grossteil der Verantwortung fuer die Ausschreitungen.
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