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US-Debatte über häusliche Gewalt: Schlag um Schlag

Häusliche Gewalt von Sportlern: Der Fall Rice und der Fall Solo Fotos
AFP

Footballprofi Ray Rice schlägt seine Freundin bewusstlos, wird gefeuert und sozial geächtet. Fußballerin Hope Solo soll Schwester und Neffen geschlagen haben - und darf weiterspielen. In den USA wird nun gestritten: Ist das gerecht?

New York - Ray Rice schlug seine Freundin bewusstlos. Hope Solo soll gegen ihre Schwester und ihren Neffen handgreiflich geworden sein. Rice ist Footballprofi, wegen seiner Tat in Ungnade gefallen. Bis auf Weiteres darf er nicht in der Profiliga NFL spielen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sein Schlag seine Karriere beendet hat. Solo ist Fußballprofi, Torhüterin der US-Nationalmannschaft. Sie ist nicht gesperrt, muss sich kaum Kritik anhören. Der Verband unterstützt sie, ihr Klub ebenso. Wenn sie spielt, wird applaudiert.

Im Fall Rice lässt ein Video keine Zweifel an seiner Schuld. Die Vorwürfe gegen Solo wurden noch nicht vor Gericht verhandelt, sie hat sich nicht schuldig bekannt. Sie muss sich aber von ihrer Schwester und deren Sohn fernhalten.

In den USA wird nun debattiert: Wird bei Solo und Rice mit zweierlei Maß gemessen?

Fußball stehe nicht so im Fokus der Öffentlichkeit wie Football, schreibt die "Washington Post". Aber abgesehen davon: "Worin unterscheiden sich die Fälle? Sind Fußballerinnen nicht genauso Vorbilder wie Footballer?" Der Fall Solo zeige, dass häusliche Gewalt nicht einfach ein Problem von "Männer gegen Frauen" sei.

Die "New York Times" stimmt zu. Der Fall Solo zeige, dass häusliche Gewalt nicht nur von Männern ausgeübt werde, selbst wenn die Vorwürfe gegen die Fußballerin fallengelassen werden sollten. Und selbstverständlich gebe es Unterschiede zwischen Solo und Rice - aber in beiden Fällen gehe es um häusliche Gewalt. Und deshalb gehöre Solo genauso wenig wie Rice aufs Spielfeld.

"Sehr, sehr dumm, Hope Solo mit Ray Rice zu vergleichen"

Zu diesen Positionen bekommen die Zeitungen heftigen Widerspruch -etwa bei "Slate". Die überwältigende Mehrzahl der Täter sei männlich, die Opfer vor allem weiblich, und Gewalt in Partnerschaften sei viel heimtückischer als Handgreiflichkeiten in der erweiterten Verwandtschaft. Der Artikel ist mit "Nein, Frauenfußball hat kein Problem mit häuslicher Gewalt" überschrieben - und untertitelt mit: "Warum es sehr, sehr dumm ist, Hope Solo mit Ray Rice zu vergleichen."

Auch die Zeitschrift "Atlantic" widmet sich dem Thema. Es sei in Mode, alle Arten von Gewalt von Athleten in einen Topf zu werfen. Was Rice und Solo getan hätten, sei zwar falsch - "aber nicht auf gleiche Art gewalttätig und falsch". Man könne die Fälle nur gleichsetzen, wenn man ausblende, dass Männer in der Geschichte Frauen oft durch Gewalt kontrollierten.

So werde aus "Ray Rice schlägt seine Frau bewusstlos" die Aussage "Ja, aber Frauen tun es auch." "Das tun sie tatsächlich", schreibt "The Atlantic". "Aber weder mit der Kontinuität, noch mit der Dringlichkeit, noch mit der Tödlichkeit, mit der es Männer tun."

Der Fall Rice hat häusliche Gewalt von Sportlern in den Fokus der US-Öffentlichkeit gerückt. Zunächst war er für zwei Spiele gesperrt worden, nachdem ein Video gezeigt hatte, wie er seine bewusstlose Freundin aus einem Fahrstuhl schleift. Schon damals standen sein Team Baltimore Ravens und die Liga NFL wegen der milden Strafe in der Kritik. Diese gewann an Schärfe, als ein Video aus dem Inneren des Fahrstuhls veröffentlicht wurde, das den Schlag zeigt.

Die Liga um ihren Chef Roger Goodell schien nur daran interessiert zu sein, ihren Star Rice zu schützen, anstatt die Vorwürfe aufzuarbeiten. Das öffentliche Echo ist so verheerend, dass es erstmals seit Jahren möglich scheint, die Liga könnte ihren Nimbus der Unantastbarkeit verlieren.

ulz

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