Hummerfischerin Greenlaw "Das Meer schluckt alle Probleme"

Linda Greenlaw ist Fischerin, eine der besten an der US-Ostküste. Ihre Kollegen behaupten, sie habe das "goldene Hufeisen am Hintern", habe ein glückliches Händchen. Doch das wildromantische Leben auf See hat seinen Preis.

Von Thomas Jahn und Johannes Kroemer (Fotos)


Linda Greenlaw auf der Brücke ihres Kutters
Johannes Kroemer

Linda Greenlaw auf der Brücke ihres Kutters

Wenn die Halloween-Stürme über Isle Au Haut ziehen, dreht sich der Kabeljau auf dem Kirchturm wild im Kreis. Die Wellen donnern an den Boom Beach und werfen fußballgroße Steine wie Murmeln durch die Luft. Die Vibrationen schütteln das kleine Dorf auf der anderen Seite der Insel. Dann hocken die rund 40 Inselbewohner in ihren Küchen und wissen: Heute macht der Lebensmittelladen nicht auf.

Im Sommer kommt das Postboot drei Mal am Tag mit den Tagesbesuchern und summer people. Für ein paar Monate wohnen plötzlich 200 Menschen auf der Insel. Die Ganzjährigen leben fast alle vom Hummerfischen. Vom Frühjahr bis zum Herbst fahren sie täglich heraus, stecken Heringe in Käfige mit kreisrunden Öffnungen und hoffen, dass die Hummer hineinkrabbeln und nicht mehr herausfinden.

Lindas rote Bojen

Das Meer rund um die Insel im Norden vom US-Bundesstaat Maine wimmelt von bunten Bojen. Jede Farbe markiert die Fallen von ihren jeweiligen Besitzern. Die von Linda Greenlaw sind rot. Bis vor wenigen Jahren war sie noch Schwertfischjägerin, und sie war mit ihrer "Hannah Boden" erfolgreicher als alle anderen Kutterkapitäne der US-Ostküste. Das anerkennende, wenn auch nicht unbedingt charmante Urteil ihrer Kollegen: "Sie hat das goldene Hufeisen am Hintern."

Doch die Schwertfischjagd mit einem Longliner ist ein harter Job. Als Greenlaw genug Geld für ein eigenes Boot gespart hatte, gab sie das riskante Leben auf hoher See auf und kehrte auf die Isle Au Haut zurück, um Hummer zu fischen. Nur fällt ihre Bilanz ernüchternd aus: Nicht Können entscheidet über den Erfolg, sondern nur stupider Fleiß. "Wer die meisten Fallen auslegt und regelmäßig nachschaut, fängt die meisten Lobster", sagt die 44-Jährige. "Der Job ist im Grunde sterbenslangweilig." Wie kommt es dann, dass sie sich trotzdem nichts anderes vorstellen kann?

Mit 19 Jahren sollte Greenlaw Jura studieren. Doch sie ging in den Ferien als Matrosin und Köchin auf ein Fischerboot, sie arbeitete sich über die anderen Stationen an Deck nach oben, und nach fünf Jahren war sie selbst Kapitän auf einem longliner. "Du verschwendest deine Ausbildung", schimpfte ihre Mutter. Heute fischt Greenlaw zusammen mit ihrem Vater, der früher einen Bürojob gemacht hat und längst pensioniert ist. Manchmal sagt sie zum Spaß, wenn sie die Fallen kontrollieren: "Daddy, du verschwendest deine Ausbildung."

Greenlaw hat keine Kinder. Lange Zeit hatte sie nicht einmal einen Freund. Auf der Insel leben ganzjährig nur drei allein stehende Männer: Zwei davon sind schwul, der dritte ist ihr Cousin. Vor ein paar Jahren lernte sie bei einem Abendessen einen Sportorthopäden aus Vermont kennen, einen der Sommerfrischler. Greenlaws Mutter wollte eine Freundin mit dem Arzt verkuppeln, doch der verliebte sich in Linda.

Liebe, Frust und Fremdheit

Im Sommer wohnen ihre Eltern und Geschwister auf der Insel. Wenn Greenlaw mit den Kindern ihres Bruders Charlie spielt, strahlt ihre freundliche Ruhe ab. Die Jungs hören auf zu toben, und in ihren Armen sind die Babys sofort friedlich. Das ist der Preis, den ich für 17 Jahre Schwertfischfang zahle, grübelt Greenlaw über ihre Kinderlosigkeit.

Im Kreis der Familie: Eigene Kinder hat Linda Greenlaw nicht, ihr Bruder schon
Johannes Kroemer

Im Kreis der Familie: Eigene Kinder hat Linda Greenlaw nicht, ihr Bruder schon

Sie kennt die Probleme von anderen Fischern nur zu gut: Entweder sind sie allein oder ihre Ehen torkeln von einer Krise in die andere. Viele ihrer Freunde und Bekannten sind mehrfach geschieden. Der Grund ist immer der gleiche: Der Mann kehrt nach einem Monat auf hoher See als Chef des Hauses zurück. Doch die Babys kennen ihn nicht, die Kinder ziehen sich zurück, und die Frau spürt die Fremdheit. Frustriert gehen die Männer zurück an Bord, fast immer erleichtert. "Das Meer schluckt alle Probleme", sagt Greenlaw.

Also tun sich die Fischerfrauen zusammen, tauschen Neuigkeiten aus, über das Wetter und die Fänge. Das mildert die Kränkung, dass der Mann sie ständig verlässt, und die Sorge um ihren geliebten Partner. Die Angst ist berechtigt: Hochseefischerei steht laut Uno-Ernährungsbehörde FAO ganz oben in der Statistik gefährlicher Berufe.

Greenlaw erlebte das Grauen sehr direkt. In dem Supersturm von 1991 sank die "Andrea Gail", die für denselben Reeder fuhr wie Greenlaws "Hannah Boden". Die Schwertfischjägerin selbst entkam dem Unwetter nur knapp und half später bei der Suche nach Überlebenden. Der Reporter Sebastian Junger schrieb über das Unglück, und sein "Perfect Storm" wurde ein Bestseller, der vor fünf Jahren von Regisseur Wolfgang Petersen mit George Clooney in der Hauptrolle verfilmt wurde. "Das Unglück hat mich sehr getroffen", sagt Greenlaw, "aber ich bin mir des Risikos immer bewusst gewesen."

Klassenlos in Jeans und Gummistiefeln

Auf Isle Au Haut sagen sie, wenn sie zum Festland aufbrechen: "Ich fahre nach Amerika." Die Poststation auf der Insel ist kleiner als ein Zeitungskiosk. Das einzige Geschäft wird von der Gemeinde als Kooperative betrieben; im Winter ist der Laden zwei Stunden geöffnet, im Sommer vier Stunden. Im Frühjahr hängt die Kassiererin einen Kalender auf. Dann kann jeder für 25 Cent einen Tag ankreuzen, an dem der Fischadler in seinem Nest landet. Alle machen mit beim Adlerlotto, obwohl immer Bernadine Barter gewinnt, die im Haus gegenüber vom Nest wohnt.

Alle lassen anschreiben. "Eine klassenlose Gesellschaft", schwärmt eine ältere Frau im obligatorischen Inseloutfit Gummistiefel, Jeans und Wollpullover. Sie kommt seit 22 Jahren jeden Sommer. Aber sehen denn nicht die Leute, die den harten Winter auf der Insel verbringen, auf die summer people herab? "Nein", behauptet die Frau, "auf keinen Fall!"

Auto und Arbeitsgerät: Fischen statt Jurastudium
Johannes Kroemer

Auto und Arbeitsgerät: Fischen statt Jurastudium

Wenn sie sich da nicht täuscht: Die Sommerfrischler sind nicht geliebt, sondern nur geduldet, denn schließlich zahlen sie fleißig Grundstücksteuer. Und sie springen oft finanziell ein, wenn beispielsweise der Dorfschule das Geld für einen Schulausflug fehlt. Derzeit hocken insgesamt sieben Schüler von der ersten bis zur achten Klasse in dem Schulraum, betreut von zwei Lehrerinnen.

Als sich Greenlaw mit dem Arzt einließ, stießen zwei Welten zusammen: Er wohnt im US-Bundesstaat Vermont, sie auf der Insel. Auf Isle Au Haut wundern sich alle, dass Greenlaws Mann kein Fischer ist. Und auf dem Festland staunen alle, wenn sie nach dem Beruf gefragt wird und "Fischer" antwortet. Sie hasst die weibliche Form im Englischen, fisherwoman, denn das verstehen Amerikaner als Frau des Fischers - was Greenlaw als Herabsetzung empfindet.

Die Fischer auf Isle Au Haut sind zurückhaltende Menschen. Niemals würden sie jemanden zur Begrüßung umarmen, wie es die summer people ständig tun. Auf gar keinen Fall sagen sie jemandem ihre Meinung, aus Angst, den anderen vor den Kopf zu stoßen. Offenbar hat Greenlaw zwar die Schwertfischjagd aufgegeben, nicht aber das Leben auf einem Schiff, denn im Alltag der Insel geht es fast so zu wie auf einem Kutter: Es ist eng, die Privatsphäre ist eingeschränkt, es brechen immer wieder die gleichen Streitigkeiten aus. Die sind allerdings sofort vergessen, wenn es um die Außenwelt geht. Dann halten alle eisern zusammen.

Ärger um den Hummerteich

Fast alle der zwölf Fischer sind Mitglieder in der Genossenschaft Island Lobstermen Association. Die kauft ihnen das Pfund Hummer für 50 Cent weniger ab, als die Großhändler auf dem Festland bezahlen - derzeit bringt das Pfund knapp sechs Dollar. Die Kooperative erledigt den kollektiven Ködereinkauf und managt den "Hummerteich" im Norden der Insel, in dem die stärksten Tiere ein halbes Jahr durchgefüttert werden. Das lohnt sich, weil Hummer im Winter einen deutlich höheren Preis erzielen als in der Hauptsaison im Hochsommer.

Doch gibt es Ärger: Regelmäßig gibt es keine Köder, weil die Genossenschaft keinen vernünftigen Lieferanten auftreibt. Dann sitzen alle Lobsterfischer an Land und drehen Däumchen. Zwei der besten Fischer haben vor ein paar Jahren die Kooperative verlassen. "Was passiert denn eigentlich, wenn die Hummer im Teich nicht überleben?", fragt David Wilts, der seit geraumer Zeit versucht, Greenlaw zum Austritt zu bewegen. Doch Greenlaw lehnt das kategorisch ab. Und zwar nicht nur, weil sie den täglichen eineinhalbstündigen Weg nach Stonington zu lästig findet: "Ich verkaufe nicht auf dem Festland" - ihr Inselstolz lässt das nicht zu.

Greenlaws Fischerhütte auf der Isle Au Haut: Blick auf den Atlantik
Johannes Kroemer

Greenlaws Fischerhütte auf der Isle Au Haut: Blick auf den Atlantik

Ihr Haus ist spartanisch eingerichtet. Das breite Schifferparkett blitzt wie kürzlich gebohnert. Ein Schwertfisch aus Stahl und Bronze hängt über dem Kamin. Alles leuchtet hell und sauber. Im Badezimmer liegt außer einer Zahnbürste und einem Stück Seife nichts auf dem Waschbecken.

Im riesigen Schlafzimmer im Dachgiebel schaut man durch eine gläserne Seitenwand auf die Bucht. Hier sitzt Linda Greenlaw und schreibt ihre Bücher. Nach dem Welterfolg von Jungers "Der Sturm" riefen sie mehrere Verlage an: ob sie nicht ein Buch über ihre Arbeit schreiben lassen wolle. Doch Greenlaw verzichtete auf einen Ghostwriter und griff selbst zur Feder. "Das hungrige Meer" wurde ein Bestseller, wie auch ihr nächstes Buch "Die Hummerchronik". Gerade veröffentlicht sie ein Hummerrezeptbuch, das sie mit ihrer Mutter Martha verfasst hat.

Jeden Morgen schreibt sie von acht bis zwölf Uhr. Die Arbeit fällt ihr schwer. Ähnlich wie beim Fischen führe die Disziplin zum Erfolg, sagt sie. Doch an das Stillsitzen kann sie sich nur schwer gewöhnen. Spätestens im Herbst will sie sich an ihren ersten Roman wagen - bislang basierten alle Bücher auf eigenen Erfahrungen. "Ich bin zuversichtlich", sagt Greenlaw, "aber statt zu schreiben, würde ich lieber Hummerfallen hieven gehen."

Aus Mare Nr. 51 "Fischen", August/September 2005



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