Hunter Moore: Gestatten, der meistgehasste Mann des Internets

Von Wlada Kolosowa, New York

Hunter Moore lebt von Rache: Anonyme Nutzer schickten ihm Nacktaufnahmen ihrer Ex-Partner, er stellte die Fotos inklusive eines Screenshots vom Facebook-Profil auf seine Seite. Dann gab sich Moore geläutert - doch nach einer kurzen Auszeit ist er wieder zurück. Ein Treffen in Manhattan.

Hunter Moore auf Twitter: Selbstporträt, hochgeladen ganz ohne Rachegelüste Zur Großansicht

Hunter Moore auf Twitter: Selbstporträt, hochgeladen ganz ohne Rachegelüste

Der meistgehasste Mann des Internets zeigt seine besten Manieren: "Ist dir kalt? Brauchst du etwas zu trinken?", fragt Hunter Moore, 26. "Eine Zigarette?" Er würde ja auch Kokain anbieten, aber das wäre taktlos, richtig? Richtig. "Dann muss ich dich leider kurz allein lassen", sagt er und wankt in Richtung Toilette. "Verzeih. Das pure Böse hat eine Kleinmädchenblase."

"Das pure Böse" war der Slogan von Moores Seite isanyoneup.com, einer sogenannten Racheporn-Plattform. In den 16 Monaten, in denen sie existierte, konnten User dort anonym Nacktaufnahmen von ihren Ex-Partnern hochstellen - oder von jedem, gegen den sie einen Zahn hatten.

Täglich entdeckten 15 bis 30 Menschen ihre sexy MMS im Internet wieder, ihre Sex-Schnappschüsse oder die teuren Aktbilder, die sie zu Weihnachten verschenkt hatten. Inklusive des Screenshots ihres Facebook-Profils. Verklagen konnte man Moore nicht - nach amerikanischem Gesetz ist ein Betreiber einer Seite bisher nicht für deren Inhalt verantwortlich. Vor allem junge Frauen fanden ihre intimsten Momente in die Ewigkeit der Google-Suche gemeißelt, darunter eine Lehrerin, die daraufhin ihren Job verlor, Kleinwüchsige und eine Frau im Rollstuhl.

Magazine wie der "Rolling Stone" und "VICE" prägten daraufhin die Bezeichnung "The Most Hated Man On The Internet". Moore erzählt es, als sei ihm der Pulitzerpreis verliehen worden. Facebook verbannte ihn auf lebenslänglich. Musiker weigerten sich, auf Festivals zu spielen, die er besuchte. Er bekam Morddrohungen. Eine Frau, deren Fotos er nicht von der Seite nehmen wollte, stand eines Tages vor seiner Tür und rammte ihm einen Kugelschreiber in die Schulter. "Keine Frage: Ich habe es verdient", sagt er. "Ich bin ein Depp. Aber ich bin auch ein verdammtes Genie." An "guten Tagen" hätten 350.000 Nutzer seine Seite besucht, prahlt er.

Das Ende von isanyoneup.com

Moore sieht aus wie ein verlebter Schuljunge: T-Shirt einer Skatermarke, enge Jeans, Tattoos, die Kapuze ins Gesicht gezogen. So ist er in die Bar "Lolita" in Chinatown gekommen. Moore hat zwei seiner Freunde mitgebracht. Er mag es nicht, wenn die Interviews so offiziell sind, er trinke auch schon seit acht Stunden. Am Tisch nebenan feiert ein Grüppchen einen Geburtstag. Eine hübsche Frau mit Sommersprossen verteilt Sahnetorte an alle in der Bar. Moore lobt den Geburtstagskuchen, bedankt sich, fragt was sie beruflich macht. Ach, Wissenschaftlerin, das ist wichtig, das ist gut, sagt er. Er selbst? Ach, ist nicht so wichtig.

Bevor die Seite im April 2012 schloss, verbrachte Moore bis zu zehn Stunden täglich damit, Inhalte zu sortieren, die User ihm zuschickten - würden Fotos von Minderjährigen auf der Seite landen, hätte er ein ernsthaftes Problem. Was da kam, erschreckte selbst ihn: "Sex mit Tieren, Kinderpornographie, Autopsiefotos, Nahaufnahmen von Autounfällen." Und außerdem könne ja auch jemand an seine Tür klopfen, der Gefährlicheres dabei hat als einen Kugelschreiber.

Eines Tages war es das FBI: Gegen Moore wurde wegen Hackerverdacht ermittelt. Einige Fotos, die auf seiner Seite auftauchten, wurden anscheinend von Computern gestohlen. Irgendwann sei es ihm zu viel geworden. Im April 2012 verkaufte er seine Seite an eine Organisation, die sich gegen Mobbing einsetzt, und sagte in Interviews, dass er genug davon habe, das Leben junger Frauen zu ruinieren.

Moore kehrt zurück

Aber dann hatte er doch nicht genug. Seit kurzem ist er zurück mit einer neuen Seite. "Ich mache etwas, das in Frage stellt, ob ihr jemals Kinder wollt", schreibt er in einer Art Presseerklärung. Neben dem alten Archiv und neuem Material soll die Seite ein soziales Netzwerk und eine App beinhalten. Bisher sind auf der neuen Seite nur ein paar Links und zwei große Knöpfe: "Werben" und "Einreichen".

Hat er nicht genug davon, professioneller Lebenszerstörer zu sein? Moore zuckt mit den Schultern. Als er die Seite verkaufte, sei er schon kurz erleichtert gewesen. Es mussten keine Freunde um das Haus seiner Eltern Wache stehen, wo er immer noch wohnt. Aber schnell vermisste er die Zeiten, in denen er "ein totes Eichhörnchen posten konnte und sofort 100.000 Klicks hatte". Die 30 bis 40 Hass-E-Mails pro Tag vermisse er nicht, sagt Moore. "Aber es gab ja auch viele mit dem Betreff: Hunter, ich will Dich."

Das ist wohl der unerklärlichste Teil von Moores Geschichte: Bis heute überschwemmen Frauen um die 20 seinen Twitteraccount mit Nachrichten wie "Ich will der Hintern sein, von dem Hunter Moore seine Lines zieht". Vieles sei leeres Getöse, sagt Moore. Aber es gibt tatsächlich Fotos, auf denen er genau das tut. Eine der größten Attraktionen auf isanyoneup.com waren seine Sex-Eskapaden, über die er akribisch Tagebuch führte.

"Du hast keine Ahnung, was Menschen alles für Aufmerksamkeit im Internet machen würden", sagt Moore. "Klicks bedeuten Möglichkeiten." Er spricht aus Erfahrung: Für jemanden ohne Schulabschluss wie Moore gibt es nicht viele Karriereleitern. Eine führte in die Unterwelt des Internets. Auf ihr musste er immer tiefer steigen, um vorwärts zu kommen.

"Hunter Moore ist ein Arsch"

Moores Version davon sieht so aus: Die Welt brauche einen Sündenbock, den sie für ihr Bedürfnis nach Rache und Schmutz verantwortlich machen kann. "Dann bin ich halt der Bösewicht. Ich muss die Rechnungen meiner Familie bezahlen." Er sieht all die Mädchen auf seiner Seite "als bloße Pixelhaufen, die mir mehr Traffic bringen". Für ihn gebe es zwei Welten: diese hier. Und dann eine, in der nicht wichtig ist, was produziert wird, sondern wie viele Menschen es gesehen haben. Bei Twitter hat Moore über 105.000 Follower. "Es ist alles ein Zahlenspiel".

Und wenn sein Spiel echte Menschenleben kaputtmacht? "Alles, was ich zu sagen habe: Gib deine Nacktbilder keinen Fremden. Du rückst deine Geheimzahl ja auch nicht einfach so heraus." Wir leben nun einmal in einer Welt, in der Menschen sich verletzen, sagt Moore. Und das Internet sei die Fortsetzung des Schulhofes, bloß dass man sich hier mit Nacktaufnahmen hänselt: "Hunter Moore ist ein Arsch, aber ein Phänomen, das für unsere Zeit spricht."

Je öfter Moore aufs Klo verschwindet, desto glasiger werden seine Augen, desto mehr spricht er von sich in der dritten Person. "Hunter Moore ist die verdammte Meinungsfreiheit!", sagt er und gestikuliert wild mit den Armen. Zwei Klobesuche später: "Hunter Moore ist das Internet!"

"Genau, ganz genau", stimmen seine zwei Freunde ein.

Sie wollen auf eine Party ein paar Straßen weiter, aber Moore hat kein Geld mehr. Er sagt, er sei beinahe Millionär, aber er habe auf seiner Kreditkarte ein tägliches Limit, damit er nicht zu viel für Alkohol und Drogen raushaut. Schlussendlich zahlt einer der Kumpels das Taxi zur Party, ein anderer sein Bier.

Hacker jagen Moore

Auf der Party angekommen legt sich Moore ein bisschen mit dem DJ an, unterhält sich mit ein paar Frauen, verliert aber schnell das Interesse. "Das ist das Berufsrisiko, man wird desensibilisiert", sagt er. "Frauen interessieren mich kaum. Ich kann nur kommen, wenn ich daran denke, dass ich mit dem Foto davon 5000 Dollar verdiene."

Moore lässt sich auf einen Sitz in einer Ecke nieder und zieht die Kapuze tiefer ins Gesicht: "Vielleicht werden die Empfindlichen am schnellsten unempfindlich." Er glaube an die Liebe. Er habe eine Freundin, mit der er seit fünf Jahren zusammen ist. Sie heißt Kirra, und er möchte sie heiraten. Sex haben sie nicht. "Das wäre respektlos." Er habe so viel ungeschützten Verkehr, er möchte sie nicht in Gefahr bringen.

Ist das der zweite Teil der Hunter-Moore-Show: der verletzliche Bösewicht? Gibt es für jemanden wie ihn noch den Unterschied zwischen der Welt, in der allein Aufmerksamkeit zählt und der realen? Vor wenigen Tagen begannen einige Aktivisten der Hackergruppe Anonymous "Operation Hunt Hunter" - eine Jagd auf den Geschäftsmann hinter dem Racheporn. Sie legten seine neue Seite vorübergehend lahm und versuchten, unangenehme Fakten über Moore ans Licht zu bringen. Aber was kann man schon Schockierendes über jemanden ausgraben, der aus schmieriger Selbstenthüllung ein Geschäft macht?

In einer Welt, wie Hunter Moores sie sieht, ist komplette Nacktheit das einzige, was vor Enthüllung schützt.

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    Seite 1    
1. Es ist schade...
diamorphin 11.12.2012
das isanyoneup.com nicht mehr online ist. Ich habe an dieser Stelle keinerlei Mitleid für jene, die meinen, sie wären da zu unrecht porträtiert worden. Selbst schuld, wenn man sich auf die entsprechenden Leute einlässt... Wie Nelson Muntz von den Simpsons zu sagen pflegt "HA-HA!". Freundliche Grüsse diamorphin
2.
BlakesWort 11.12.2012
Der Typ bedient den Markt ganz armer Würstchen. Wer sowas nötig hat, sollte viel eher angeprangert werden. Ich vermute mal jemand, der ihm auf offener Straße ein Messer in den Bauch rammt, würde in den USA wahrscheinlich sogar straffrei rauskommen. Seelische Grausamkeit, und so...
3. Etwas irre, aber auch leicht lustig -
HappyPrimateIdiot 11.12.2012
man muss eben kreativ sein, um vom Internet zu leben. Das Web ist nichts (mehr?) fuer sensible Menschen. Interessant auch, wofuer es alles Kundschaft gibt...
4. Provokation?
spongie2000 11.12.2012
Zitat von diamorphindas isanyoneup.com nicht mehr online ist. Ich habe an dieser Stelle keinerlei Mitleid für jene, die meinen, sie wären da zu unrecht porträtiert worden. Selbst schuld, wenn man sich auf die entsprechenden Leute einlässt... Wie Nelson Muntz von den Simpsons zu sagen pflegt "HA-HA!". Freundliche Grüsse diamorphin
Hallo, das sehe ich anders. Männer können genau so manipulieren wie Frauen. Solche Menschen gehören ins Gefängnis, weil sie Bilder veröffentlichen, die Privatsphäre der Person schaden - und ja, nicht nur Promis haben ein Recht auf Privatsphäre. P.S.: Wenn ihr Kommentar nur ironisch gemeint war, dann bin ich wohl darauf reingefallen.
5.
Epimetheu$ 11.12.2012
Zitat von spongie2000P.S.: Wenn ihr Kommentar nur ironisch gemeint war, dann bin ich wohl darauf reingefallen.
Kleine Internetkunde: Das war nicht ironisch, sondern getrollt.
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Zur Person
Hunter Moore, 26, wuchs in Kalifornien auf und ging auf eine christliche Schule, die er ohne Abschluss verließ. Danach jobbte er, unter anderem als Partypromoter und Haar-Stylist für eine Fetisch-Webseite. Danach reiste er durch die Welt und lebte in Australien. Als er nach Amerika zurückkehrte, eröffnete er ein Unternehmen für Sexpartys. Mit 24 wollte Moore mit einer Frau abrechnen, die ihn verließ, und lud ihre Nacktbilder ins Internet. Später wurde aus der Seite die Racheporn-Plattform isanyoneup.com.

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