Hurrikan "Katrina" Wie aus New Orleans eine Stadt der Weißen wurde

Hurrikan "Katrina" hat New Orleans verändert: Die Mississippi-Metropole ist kleiner, reicher geworden - und weißer. Viele arme, schwarze Bewohner sind bis heute nicht zurückgekehrt. Kein Zufall, zeigt eine Studie der Uni Bremen - die Behörden haben nach der Flut die Unterschicht vertrieben.

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Hamburg - Die Bilder, die in den Tagen nach dem 29. August 2005 aus New Orleans in die Welt drangen, verstörten: Fassungslos und mit tränenerstickter Stimme berichteten Menschen, wie sie in den Fluten alles verloren haben, wie sie auf Dächern Zuflucht suchten, wie sie zusammengepfercht im düsteren Super Dome auf Rettung, auf Hilfe warteten.

Unter den Folgen des Hurrikans "Katrina" hatten in New Orleans die armen Minderheiten, vor allem Schwarze, besonders stark zu leiden, ergab später eine wissenschaftliche Untersuchung des US-Kongresses. In der Mehrheit waren sie es, die in den Notunterkünften Zuflucht suchten, die auch Tage nach der Katastrophe dort ausharren mussten, weil es kein Zurück für sie gab und auch keine Zukunft.

Sie lebten zum Großteil in den Vierteln, die die Wassermassen als erstes verschluckten. Als die Deiche am 2. September 2005 brachen, konnten viele Schwarze sich – anders als viele Weiße – nicht rechtzeitig mit dem Auto in Sicherheit bringen, weil sie kein Auto besaßen.

Die Wassermassen sind gewichen, doch die Spuren, die "Katrina" hinterlassen hat, sind auch heute noch sichtbar in New Orleans. Die Südstaatenmetropole, die in aller Welt berühmt ist als Hochburg des Jazz, hat ihr Gesicht verändert. Sie ist kleiner, weißer und reicher geworden.

"You loot, we shoot"

Das Leid, das der Wirbelsturm über die Stadt brachte, verschlimmerte vor allem die Situation derer, die auch vor der großen Flut nicht zu den Gewinnern gehörten.

Viele Zeitungen berichten in den Septemberwochen 2005 von der Katastrophe nach der Katastrophe: Die, die nicht rechtzeitig haben flüchten können, harren oft Tage auf den Dächern ihrer Häuser aus, warten auf Rettung. In den eilig eingerichteten Notunterkünften fehlt es an allem: an Nahrung, Wasser, Decken, sanitären Anlagen.

In New Orleans, der Südstaatenmetropole, herrscht das Chaos. In den weißen Vierteln stellen die Menschen in ihren Vorgärten Schilder auf: "You loot, we shoot", "Ihr plündert, wir schießen". Menschenrechtler gehen davon aus, dass Hunderte der Selbstjustiz in den Wochen nach dem Sturm zum Opfer fielen. Belegt werden kann das freilich nicht: Obduktionen und polizeiliche Ermittlungen hat es nie gegeben.

Stattdessen wurde die Firma Kenyon, die auch im Irak für die USA tätig war, damit beauftragt, die Leichen zu bergen. Mehr als 1800 Tote hat die Flut letztlich gefordert. Die Zahlen belegen das Ausmaß der Katastrophe, begreifbar machen sie sie kaum. 440.000 Einwohner hatte New Orleans vor "Katrina", im Frühjahr 2008 waren es noch 270.000 – mehr als 170.000 Menschen wollten oder konnten nicht zurück in die Stadt, die einmal ihre Heimat war.

250.000 Menschen verloren ihre Häuser - und mit den Gebäuden verschwanden die Menschen. Zehntausende wurden auf mehr als 700 Gemeinden in den Vereinigten Staaten verteilt, manche mehr als 400 Meilen von New Orleans entfernt. Weiße und Schwarze hat die Flut unterschiedlich stark getroffen. So brachte man die weißen Flüchtlinge in Orte, die durchschnittlich 193 Meilen entfernt waren – die schwarzen jedoch in Städte, die durchschnittlich 349 Meilen von New Orleans trennten. Durch "Katrina" verlor die Stadt die Hälfte ihrer schwarzen Bevölkerung.

Eliminierung von Armutsquartieren

Mit ihrem Verbleib hat sich eine Studie der Universität Bremen befasst. Doch es ist beinahe unmöglich, die Frage zu klären, ob die Menschen nicht zurückkommen wollen oder nicht zurückkommen können, weil sie keine Bleibe haben. "Das ist die Frage nach der Henne und dem Ei", sagt Christian Jakob, Autor der Untersuchung, SPIEGEL ONLINE. Denn die US-Katastrophenschutzbehörde FEMA weigert sich, die gegenwärtigen Adressen der Evakuierten zu nennen – sofern sie sie überhaupt selbst kennt.

Fakt ist: Ein Großteil der Stadtteile, in denen vor "Katrina" vor allem Schwarze gewohnt haben, hat den Wirbelsturm nicht überstanden.

Zum Teil, weil die Wassermassen die einfachen Holzquartiere wie Kartenhäuser umgestoßen haben. Dies war vor allem im Viertel Ninth Ward der Fall. Die Kompensationszahlung von rund 20.000 Dollar, die die Bewohner für ihre Häuser erhielten, reichte nicht aus, um ein neues Haus zu bauen.

Zum Teil aber wurde auch Wohnraum zerstört, der durch den Hurrikan nur marginale Schäden erlitten hatte. Die Studie der Uni Bremen kommt zu dem provokanten Schluss: Die Politik hat den Sturm für ihre Zwecke instrumentalisiert. Der Leerstand der Sozialwohnungen, in denen zu fast 100 Prozent Schwarze gewohnt haben, wurde genutzt, um diese dem Erdboden gleich zu machen.

"Diese Art des sozialen Wohnungsbaus galt seit den achtziger Jahren als Auslaufmodell", sagt Forscher Jakob. "Und es ist klar, dass sich in den Vierteln etwas hätte ändern müssen, aber der Weg war der falsche." Jakob hat gemeinsam mit seinem Kollegen Friedrich Schorb frühere Mieter ebenso wie Stadtplaner, Politiker und Wissenschaftler aus den USA befragt. Das Fazit der beiden Soziologen: Die US-Behörden haben "Katrina" offenbar zum Anlass genommen, um 20.000 Sozialmieter aus New Orleans zu vertreiben.

"Man hat viel Geld ausgegeben, um die Sozialwohnungen abzusperren und sie später abzureißen, dabei hätte man die Schäden mit vergleichbar überschaubaren Mitteln beheben können", sagt Jakob. Das Wasser stand in den Quartieren nur rund einen Meter hoch. Berechnungen der beiden Wissenschaftler haben ergeben, dass eine Instandsetzung rund 120 Millionen Dollar gekostet hätte – eine komplette Renovierung rund 400 Millionen. Abriss und Neubau verschlingen 700 Millionen.

Stattdessen hat die Stadt die Bewohner nicht in ihre alten Wohnungen zurückgelassen. Die, die zurückkamen, um ihr Hab und Gut zu holen, standen vor vernagelten Fenstern und verrammelten, von Polizisten bewachten, Türen. Die Gebäude selbst wurden durch Bauzäune vor ihren alten Bewohnern geschützt. Unter einer Telefonnummer sollten sich die melden, die noch einmal hinein wollten – doch viele Ex-Mieter haben sich beschwert, dass niemand zu erreichen gewesen sei.

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