Hurrikan "Sandy": Zahl der Todesopfer steigt

"Sandy" zieht weiter nach Norden, an der US-Ostküste wird das Ausmaß der Sturmschäden deutlich. Die Zahl der Toten steigt. In New York soll laut Bürgermeister Bloomberg möglichst rasch der Alltag einkehren. Erste Busse fahren, die Börse ist wieder geöffnet.

New York - "Sandy" ist weitergezogen - New York rüstet sich für den Neuanfang. Doch noch sind die Sturmfolgen allgegenwärtig. "Es gibt wohl zurzeit auf der Welt keine seltsamere Taxi-Fahrt als die von Midtown Manhattan über die Park Avenue Richtung Süden - ins Dunkelland", berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Roland Nelles.

"Ab der 39. Straße gehen die Lichter aus. Es ist stockdunkel. Es gibt keine Ampelsignale, keine Straßenlaternen, keine Lichter in den Fenstern der Häuser. An einigen Kreuzungen stehen Polizisten, sie haben rote bengalische Fackeln entzündet, um die Autofahrer zu warnen." Ab der 23. Straße sei es aber auch damit vorbei. Der Union Square, sonst einer der Hauptverkehrsknotenpunkte der Stadt liege in völliger Dunkelheit.

Auch an der Bleecker Street dem Ausgehviertel des jungen, modernen New York herrscht Dunkelheit. Nur in einer kleinen Bar brennt Licht, ein Stromgenerator sorgt für Notbeleuchtung, der Besitzer lädt zu einer Hurricane Party. Die Bar ist voll, fast die gesamte Nachbarschaft scheint sich hier versammelt zu haben. An einer Steckdose in der Ecke laden die Besucher ihre Smartphones auf.

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Hurrikan "Sandy": Verheerende Sturmschäden
Auf dem Weg zurück Richtung Midtown, auf der 6th Avenue, ist keine Menschenseele zu sehen. Dann ist der Spuk plötzlich vorüber, ab der 25. Straße gibt es wieder Strom. New York ist eine geteilte Stadt.

Nach Wirbelsturm "Sandy" steigt die Zahlen der Toten an der US-Ostküste weiter an. Britische und US-Zeitungen berichteten von etwa 50 Opfern, die "New York Times" unter Berufung auf die Behörden von mindestens 40. Die Sachschäden dürften nach Schätzungen von Wirtschaftsfachleuten bis zu 20 Milliarden Dollar (rund 15,5 Milliarden Euro) betragen. In der gesamten Region sollen laut CNN sieben Millionen Menschen von der Stromversorgung abgeschnitten sein.

Neben New York besonders schwer betroffen ist der Bundesstaat New Jersey. Dort sind viele Häuser, Straßen sowie Stromleitungen zerstört oder schwer beschädigt. Die Küstenstadt Atlantic City wurde überflutet. "Wir werden die Orte wieder aufbauen, aber sie werden nicht mehr dieselben sein", sagte Gouverneur Chris Christie. US-Präsident Barack Obama will Atlantic City am Mittwoch besuchen.

Inzwischen gibt es erste Berichte über Plünderungen in New York. Die Polizei habe in den Stadtteilen Brooklyn und Queens mehr als ein Dutzend Verdächtige festgenommen, berichtete die Online-Ausgabe des "Wall Street Journal".

Die Festnahmen seien in Gegenden erfolgt, die durch die Fluten besonders betroffen seien. Dort waren Polizeistationen evakuiert worden. Insgesamt war von 13 Festnahmen die Rede. Aus Furcht vor Kriminellen hätten mehrere kleine Ortschaften in Virginia und New Jersey bereits nächtliche Ausgangssperren verhängt, berichteten lokale Medien.

New York auf dem schwierigen Weg in den Alltag

In New York soll das Leben nun möglichst schnell wieder in halbwegs normalen Bahnen verlaufen. "New York ist morgen wieder im Geschäft", verkündete Bürgermeister Michael Bloomberg am Dienstagabend im Rathaus in Manhattan. "Das gilt zumindest da, wo Strom ist." Etwa 750.000 Menschen sind noch von der Elektrizität abgeschnitten. In den 76 Notunterkünften harren noch etwa 6400 aus. "Wir tun alles, um Ihr Los zu erleichtern", versprach der Bürgermeister. Wie die "New York Times" unter Berufung auf den Stromversorger Con Ed berichtet, wird die Stromversorgung in der Stadt allerdings frühestens am Wochenende wieder funktionieren.

Obama machte Druck auf Elektrizitätsunternehmen. Bei einem Treffen mit Chefs von Energiefirmen im Weißen Haus betonte er, dass die Wiederherstellung der Stromversorgung oberste Priorität habe, teilte das Weiße Haus am Dienstagabend mit. An dem Treffen nahmen auch Energieminister Steven Chu sowie der Chef des Katastrophenschutzes FEMA, Craig Fugate, teil. Es dürfe keine bürokratischen Hindernisse bei der Arbeit geben, so Obama weiter.

Die New Yorker Börse solle nach zwei unplanmäßigen Ruhetagen am Mittwoch wieder öffnen. Die Schulen würden aber geschlossen bleiben, hieß es. Betroffen sind mehr als eine Million Kinder. Auch die Vereinten Nationen hatten ihren dritten Ruhetag, viele Behörden blieben geschlossen. Der für Sonntag geplante New-York-Marathon soll allerdings wie geplant stattfinden.

Der U-Bahn-Verkehr blieb nach Überflutung mehrere Tunnel weiter lahmgelegt - niemand wagte eine Prognose, wann sich das ändern könnte. Allerdings fuhren am Dienstagabend (Ortszeit) auf einigen Linien in New York wieder Busse, wenn auch weitaus spärlicher als sonst. Auch die ersten Fähren sollen im Laufe des Tages wieder fahren. Die Verbindungen nach New Jersey würden teilweise wieder aufgenommen, teilte die zuständige Behörde am späten Dienstagabend mit. Wann die Fähren über den East River, die die Insel Manhattan etwa mit dem Stadtteil Brooklyn verbinden, wieder in Betrieb gehen können, ist nicht bekannt.

Flughafen wieder geöffnet

Das US-Verkehrsministerium gibt New York 10 Millionen Dollar (7,7 Millionen Euro) Soforthilfe für Reparaturen an Straßen, Brücken und U-Bahn-Tunneln, teilte die Behörde mit. In U-Bahnschächte war massenweise Salzwasser eingedrungen. Weitere drei Millionen Dollar seien für Rhode Island vorgesehen, hieß es.

Der Flugbetrieb auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen soll am Mittwochmorgen wieder aufgenommen werden, berichtet der TV-Sender CNN. Der Wirbelsturm hat den Flugverkehr in Teilen der USA und bis nach Übersee lahmgelegt. Seit Samstag seien 16.271 Flüge ausgefallen, berichtete das Flugportal Flightstats.

Neben den drei großen Flughäfen in und um New York City waren demnach vor allem die Flughäfen in Philadelphia, Boston und Washington betroffen. Auch am Mittwoch wird mit Ausfällen und Verspätungen gerechnet wegen Schäden, die Sturm und Fluten angerichtet haben. Viele Reisende sitzen fest.

Halloween mit Einschränkungen

Bürgermeister Bloomberg warnte, dass aus den Hunderten Parks New Yorks mehr als 7000 angebrochene Äste und andere Gefahrenquellen gemeldet worden seien. "Was immer Sie tun: Halten Sie sich von den Parks fern!"

Erstmals seit 39 Jahren wird es am 31. Oktober keine Halloween-Parade in New York geben. Der traditionelle Marsch sei von der Katastrophenschutzbehörde der Stadt und der Polizei abgesagt worden, teilten die Organisatoren am Dienstag auf ihrer Website mit. Der Marsch wäre über weite Strecken durch Gebiete ohne Strom gegangen. Jedes Jahr zieht das Spektakel Zehntausende verkleidete Menschen an.

Grundsätzlich spreche nichts dagegen, dass die New Yorker am Mittwoch das traditionelle Halloweenfest feierten und die Kinder von Haus zu Haus gehen, um Süßigkeiten zu erbetteln, sagte Bloomberg. "Die meisten Straßen sind sicher. Aber seien Sie vorsichtig! Die Eltern sollten bei jedem Weg kritisch entscheiden, ob er geeignet ist."

Wahlkampf nimmt wieder Fahrt auf

Barack Obama und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney hatten mit Rücksicht auf die außergewöhnliche Situation zunächst ihren Endspurt vor der Wahl am 6. November unterbrochen. Während Obama bis auf seinen Besuch in New Jersey im Weißen Haus bleiben und die Entwicklungen nach "Sandy" verfolgen wird, hat der Spitzenkandidat der Konservativen angekündigt, am Mittwoch gleich drei Veranstaltungen im besonders heiß umkämpften Florida zu besuchen. Dem Bundesstaat, in dem sich Mehrheiten für die Demokraten und Republikaner traditionell abwechseln, kommt eine entscheidende Rolle im Rennen um das Weiße Haus zu.

Der Ausgang der Wahl am kommenden Dienstag ist offen. In landesweiten Umfragen liegen Obama und Romney praktisch gleichauf. Allerdings wird der US-Präsident nicht aufgrund des nationalen Stimmenanteils gewählt, sondern von einem Wahlmännergremium gekürt. Dort spiegeln sich die Ergebnisse aus den einzelnen Bundesstaaten wider. Experten räumen Obama noch immer die größeren Chancen ein, am Ende die nötigen 270 Wahlmännerstimmen zu erreichen.

"Sandy" nimmt Kurs auf Kanada

"Sandy" bewegt sich unterdessen weiter nach Norden. Nach Berechnungen der Meteorologen soll der Wirbelsturm an diesem Mittwoch Kanada erreichen. Allerdings ließe die Stärke deutlich nach. In den Höhenlagen der Appalachen in West Virginia brachte das Unwetter bis zu einen Meter Schnee. Auch in der Metropole Chicago waren die Folgen zu spüren: Hier peitschten Winde den Lake Michigan auf. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, sich vom Ufer fernzuhalten.

Der Sturm hatte das Festland am Montagabend (Ortszeit) nahe Atlantic City in New Jersey erreicht. Überall in New York standen Straßen unter Wasser, Tunnel und auch die Untergrundbahn liefen voll. Die Verkehrsbetriebe sprachen von der schwersten Zerstörung in der 108-jährigen Geschichte dieses Nahverkehrssystems. Die Feuerwehr bekämpfte 23 Brandherde, einige von ihnen waren noch nicht unter Kontrolle, wie Bloomberg sagte. In Breezy Point in Queens zerstörte ein riesiges Feuer rund 80 Häuser.

In den schwer überschwemmten Gemeinden entlang der mittleren Atlantikküste wurden am Dienstag Hunderte Menschen aus ihren von den Fluten abgeschnittenen Häusern gerettet. Mindestens vier Städte in New Jersey standen nach einem Dammbruch bis zu 1,80 Meter hoch unter Wasser.

ala/dpa/Reuters/AFP/AP/dapd

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1. Schade...
Koana 31.10.2012
Zitat von sysopAFP"Sandy" zieht weiter nach Norden, an der US-Ostküste wird das Ausmaß der Sturmschäden deutlich. Die Zahl der Toten steigt. In New York soll laut Bürgermeister Bloomberg möglichst rasch wieder der Alltag einkehren. Erste Busse fahren, die Börse ist wieder geöffnet. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hurrikan-sandy-new-yorks-schwerer-weg-zurueck-in-die-normalitaet-a-864394.html
... Sandy hat es nicht geschafft, die Wall-Street dreht das Rad schon wieder. Das letzte technische Teil, welches eines Tage aufhört zu laufen wird wohl das Rechenzentrum von GMS sein.
2. Hauptsache
SirLurchi 31.10.2012
Zitat von sysopAFP"Sandy" zieht weiter nach Norden, an der US-Ostküste wird das Ausmaß der Sturmschäden deutlich. Die Zahl der Toten steigt. In New York soll laut Bürgermeister Bloomberg möglichst rasch wieder der Alltag einkehren. Erste Busse fahren, die Börse ist wieder geöffnet. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hurrikan-sandy-new-yorks-schwerer-weg-zurueck-in-die-normalitaet-a-864394.html
750 000 Menschen noch ohne Strom, aber Hauptsache, die Börse öffnet! - Was für eine Priorität ...
3. Hauptsache..
verschi 31.10.2012
..die Börse kann wieder öffnen. Dann ist ist ja alles wieder in Ordnung!
4.
caecilia_metella 31.10.2012
Entsetzliche Bilder der Zerstörung und der Kraft der Natur. Amerika wird wohl in den nächsten Jahren mit sich selbst beschäftigt sein und Hilfe benötigen. Bleibt allerdings auch bei diesem Elend zu hoffen, dass auch Amerikaner erkennen, dass sie nicht außerhalb des Naturkreislaufes leben und somit die Umwelt beeinflussen.
5. Hauptsache..
verschi 31.10.2012
..die Börse kann wieder öffnen. Dann ist ist ja alles wieder in Ordnung!
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Das Rezept des Supersturms

Twitter zum Hurrikan "Sandy"
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.