Illegale Brennereien in Kenia: Der Schnaps, der den Tod bringt

Von Kerstin Dembsky, Nairobi

"Kill me quick" heißt das hochprozentige Gemisch, an dem sich Kenias Unterschicht berauscht. Die Brennereien sind profitabel, Todesfälle an der Tagesordnung. Doch die Politik bringt das illegale Gewerbe nicht unter Kontrolle. Ein Ortsbesuch.

Kenianische Brennerei: "Kill me quick" Fotos
Kerstin Dembsky

Es herrscht Hochbetrieb am Mathare River. Der Fluss ist an dieser Stelle, im Osten von Nairobi, eher ein stinkendes Rinnsal, eine fließende Müllkippe. Es dampft, zischt und lärmt. Es riecht nach Fäulnis und Getreide. Längst hat der aufsteigende Qualm die Umgebung schwarz eingefärbt. Am Ufer steht David. Der 31-Jährige trägt einen löchrigen Blaumann. Neben ihm dampfen drei zerbeulte Tanks auf kleinen Feuerstellen. Zwei Helfer kontrollieren den Druck und die Lage der Schläuche im Bach, der das Destillat herunterkühlt.

David ist Brenner. Er produziert im Mathare-Slum, Nairobis zweitgrößtem Elendsviertel, Chang'aa, kenianischen Hirseschnaps. Der besteht aus Hirse, Mais, Zucker und Wasser. Das Gemisch muss gären, danach wird es gebrannt. Heraus kommt ein Schnaps mit mindestens 70 Prozent Alkoholgehalt, meist jedoch mehr.

Der Schnaps ist gefragt in den Elendsvierteln Kenias. Was für die Mittelschicht das ordentlich gebraute "Tusker"-Bier, ist für die Armen Chang'aa. Seine Wirkung ist verheerend.

"Kill me quick" heißt das Destillat auch in einschlägigen Kreisen. "Ein Glas reicht - und du hast für den Rest des Tages ausgesorgt", sagen kundige Kenianer. Die Nachfrage ist hoch - was mit der Wirkung, vor allem aber mit dem Preis zu tun hat. Ein Glas Chang'aa kostet in Nairobi zwischen 30 und 50 Kenia-Schilling, höchstens 35 Cent. Billig genug, um Hirn und Hunger gründlich zu betäuben.

Das Brauen von lokalen Weinen, Bieren und Schnäpsen ist in Afrika weitverbreitet. Was in Kenia Chang'aa ist, ist in Uganda und Ruanda der Bananen-Gin Waragi, "Kriegsschnaps". In Botswana im südlichen Afrika geht üblicherweise Laela Mmago, wörtlich übersetzt "Goodbye Mum", über die Theke.

Das Komatrinken geht nicht immer gut aus. Im vergangenen Mai starben in einem Slum im Osten der Hauptstadt Kenias sieben Menschen nach dem Genuss von Chang'aa, zehn wurden blind. Kurz danach kamen in Banana Hills im Norden der Stadt zwölf Menschen ums Leben. Im Westen Ugandas sollen im Mai 2010 sogar mehr als 80 Menschen nach dem Konsum von Banana-Gin gestorben sein.

Die Ursache: Methanol. Eigentlich muss der Schnaps mehrere Tage lang gären, bevor er destilliert wird. Aber um den Prozess zu beschleunigen, mischen die Brenner Methanol zu. Oft mit fatalen Folgen.

Doppelter Lohn eines Straßenarbeiters

So arbeitet David selbstverständlich nicht. Sagt er. Eine Ausbildung hat er nicht, die Schule früh abgebrochen. Er führt eine Art Familientradition fort, die ihn, seine Frau und die zwei Kinder ernährt. "Sogar meine Großmutter hat hier schon Chang'aa gebraut", sagt er.

Wie Davids Großmutter sind in Nairobi viele Frauen am Geschäft beteiligt. Es ist sehr profitabel. Für die Besitzer der Destillerien - und die Polizisten des Viertels, die das illegale Treiben ignorieren. Die Inhaber haben den Slums längst den Rücken gekehrt und leben in den besseren Vierteln der Stadt. David selbst ist nur angestellt, bei seinen Eltern. Jeden Morgen kommt er um 7 Uhr an den Fluss, abends um 21.30 Uhr geht er wieder nach Hause. Das bringt ihm umgerechnet 5,50 Euro am Tag - immerhin das Doppelte dessen, was ein Straßenarbeiter verdient.

In Korogocho, einem weiteren Riesen-Slum in Nairobi, sitzt Pastor Omari im Kirchenraum seiner Pfingstgemeinde. Es ist finster, nur wenige Sonnenstrahlen schaffen ihren Weg durch die Wellblech-Platten des Daches. Der Pastor erzählt nicht von den vergangenen 15 Jahren, in denen er nun als Gemeindeleiter in dem Slum tätig ist. Er erzählt von den 20 Jahren davor.

Auch Pastor Omari war regelmäßiger Chang'aa-Konsument

"Mit zwölf habe ich das erste Mal Chang'aa getrunken", sagt er. "Ich war abhängig, ich habe mich sogar aus der Schule geschlichen, um irgendwo ein Glas zu bekommen." Mit 15 begann er selbst zu brauen: "Meine Familie war arm. Der Verkauf von Chang'aa brachte uns die Schulgebühren und genügend Geld für die Schuluniformen."

Er trank, bis er zum Glauben fand. Heute trinkt er nicht mehr, aber er hat immer noch Verständnis für die schnelle Flucht aus der Perspektivlosigkeit. "Es hat auch eine hohe soziale Komponente", sagt er: "Manchmal kamen meine Freunde schon morgens um 6 Uhr, um mich zum Trinken abzuholen."

Auch bei Beerdigungen gehört der Schnaps häufig zum Ritual. "Um der Toten zu gedenken, wird manchmal Chang'aa ins Grab gegossen", sagt Omari, der aus dem Westen Kenias stammt. "Selbstverständlich nur, wenn der Tote selbst zu Lebzeiten gerne getrunken hat." Auch zu einer gelungenen Hochzeitsfeier gehöre es, dass sich Brautvater und Bräutigam zuprosten. Anlässe finden sich immer. "Wenn das Jahr eine gute Ernte eingebracht hat, kommen die Ältesten zusammen und begießen auch das mit Chang'aa", sagt Omari.

Doch inzwischen ist Kenias Regierung wegen der vielen Opfer unter Druck geraten. Vor einem Jahr unterzeichnete Präsident Mwai Kibaki ein "Alcoholic Drinks Control Act". Das Gesetz legalisiert zwar Produktion, Verkauf und Konsum von Chang'aa, zwingt aber gleichzeitig Brennereien und Bars, Lizenzen zu erwerben. Eigentlich soll die Verwaltung dafür im Gegenzug Inhaltsstoffe, Produktion und Verpackung kontrollieren. Eigentlich.

Was sich für David seither geändert hat? "Nichts", sagt er. "Die Polizisten kommen immer noch einmal am Tag vorbei. Wir geben ihnen 100 oder 200 Schillinge - und dann gehen sie wieder." Anderswo sind die Beamten habgieriger. In Naivasha hat der Brenner Moses Njiha vor wenigen Tagen seinen Betrieb öffentlichkeitswirksam geschlossen. Weit über 10.000 Euro habe er in den vergangenen 20 Jahren an Bestechungsgeldern für den nahen Polizeiposten berappt, verriet er Reportern. Neulich seien sie wieder gekommen, um weitere 600 Euro zu kassieren.

Da habe er beschlossen: Schluss, aus, vorbei! Die Konkurrenz wird die Lücke sicher schnell schließen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Neben Hunger, Seuchen,kriegerischen Handlungen
linksdummer 09.09.2011
eine weitere Methode, die Überbevölkerung in Afrika einzudämmen... Aids alleine reicht nicht.
2. Wer in solchen
nataliadirks@gmail.com 09.09.2011
erbärmlichen Lebensumständen dahinvegetieren muß hat mein vollstes Verständnis wenn er sich tagtäglich "abschießt". Und wenn der Schnaps die Lebensspanne extrem verkürzt, so what? Wer will schon auf ner Müllkippe alt werden?
3. Keine Ahnung vom Schnapsbrennen
Hansg Fischer 09.09.2011
„Die Ursache: Methanol. Eigentlich muss der Schnaps mehrere Tage lang gären, bevor er destilliert wird. Aber um den Prozess zu beschleunigen, mischen die Brenner Methanol zu. Oft mit fatalen Folgen.” Das ist vollkommener Blödsinn. Aus der Zucker in der Maische muss durch die Hefen in Alkohol umgesetzt werden, dabei entsteht auch unvermeidlich Methanol. Die Brenner mischen sicher kein Methanol zu. Die Brenner schlampen vielmehr beim Destillieren. Ich will den Vorgang nicht detailliert beschreiben, nur so viel, am Beginn der Destillation läuft Methanol aus der Anlage, dieses muss getrennt gesammelt werden und darf nicht in das Endprodukt gelangen. Ohne Thermometer ist es allerdings schwierig den genauen Zeitpunkt abzupassen, ab dem kein Methanol mehr im Destillat enthalten ist.
4. .
10500bc_Atlantis 09.09.2011
Leider nicht ganz richtig: Der Schnaps muss nicht mehrere Tage gären weil Schnaps das Endprodukt ist. Die Maische muss mehrere Wochen gären, denn nur aus dem Zucker, der in der Maische steckt, kann mittels vernünftiger Hefe, Alkohol gewonnen werden. Nur bei der Gärung entstehl Methanol, nicht beim destillieren. Wenn man verfaulten Mais z.B verwendet, entsteht bei der Gärung auch dementsprechend viel Methanol, welches sich später auch im Destillat wiederfindet. In Drittländern wird aber auch absichtlich Methanol beigemischt, da Methanol teilweise ein Industrieabfallprodukt ist, und deshalb sehr sehr günstig ist. Das hat aber nichts mit Prozeßbeschleunigung zu tun, sondern eher mit Profitgier... ;-) Quelle: http://www.schnapsbrennen.at/diskussion.php
5. Das eigentliche Problem
Cancun 09.09.2011
Das Schlimme daran ist die Vernichtung der Lebensmittel, die als Ausgangsstoffe dienen. Die haben nämlich einen weit höheren Nährwert als der Schnapps. Wenn die Leute die essen würden, statt den Schnapps zu trinken, dann hätten sie auch weniger Hunger.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Afrika
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 28 Kommentare

Fläche: 582.646 km²

Bevölkerung: 40,513 Mio.

Hauptstadt: Nairobi

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Uhuru Kenyatta

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Kenia-Reiseseite