Wingsuits und Basejumps Schützt Extremsportler vor sich selbst!

Am 8. Oktober stürzte Viktor Kovats mit dem Wingsuit in den Tod. Er wurde das 22. Opfer dieses Jahres - immer mehr Extremsportler suchen mit lebensgefährlichen Sprüngen den ultimativen Kick. Ist das noch individuelle Freiheit oder schlicht Wahnsinn?

AP / dpa

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Der Ungar Viktor Kovats zählte zur Weltelite der Wingsuit-Springer. Ums Leben kam er am 8. Oktober bei einem Übungssprung für die an diesem Wochenende stattfindende Weltmeisterschaft am Berg Tianmen in der chinesischen Provinz Hubei.

15 Springer sollten sich dort im Rahmen des von Red Bull ausgerichteten Wettkampfes 700 Meter in die Tiefe stürzen. Kovats krachte in eine hundert Meter hohe, steile Klippe, als sich sein Fallschirm nicht öffnete.

Der Veranstalter hat auf seiner Webseite zum Event einen kurzen Nachruf veröffentlicht und die Ankündigung, die Umstände des tödlichen Sprungs genau prüfen zu wollen. So wie immer, wenn Basejumper oder Wingsuit-Flieger zu Tode stürzen. Der Wettkampf begann natürlich trotzdem pünktlich. Jetzt messen sich nur noch 14 Springer.

Es ist ein Rennen, in dem es um Distanz und das Erreichen eines Ziels, aber auch um Zeit geht: Je schneller man landet, desto besser. Da kommt es drauf an, den Fallschirm, der den potentiell tödlichen Sturz bremst, zum richtigen Zeitpunkt zu öffnen. Am Samstagnachmittag lagen zwischen den Zeiten des Erst- und Letztplatzierten genau 2,74 Sekunden, die ersten Drei drängten sich im Bereich von vier Hundertstelsekunden. Salopp gesagt könnte man da sagen: Wer bremst, verliert.

Wahnsinn mit Regeln

Wer gar nicht bremst, verliert allerdings das Leben, und in kaum einem Sport ist das häufiger als bei den springenden Extremsportlern. Kein Wunder, Sicherheitsreserven gibt es nicht. Anders als bei Fallschirmspringern gibt es bei Wingsuit-Fliegern keinen Ersatzfallschirm für den Fall, dass der erste sich - wie nun wieder bei Kovats - nicht öffnet. Das wäre auch sinnlos: 20 bis 30 Sekunden dauert der Wingsuit-Flug, wenn er von einer "Base" aus erfolgt, einer Klippe, einem hohen Gebäude, einem Berg. Versagt der Schirm, hätte ein Ersatzschirm gar keine Zeit mehr, sich zu entfalten.

Ist das noch Sport oder ein Spiel mit dem Selbstmord?

Mit der Frage sehen sich Basejumper und Wingsuit-Flieger immer wieder konfrontiert. Im März 2009 starb im inzwischen wegen seiner Wingsuit-Toten berüchtigten Lauterbrunnental im Berner Oberland ein 35-jähriger Norweger. Der Schweizer "Tagesanzeiger" berichtete ausführlich. Vor Ort äußerte sich auch Ueli Gegenschatz, einer der Pioniere der Sportart, mit szenetypischen Argumenten:

  • Der Norweger habe zu wenig Erfahrung mit dem Wingsuit besessen.
  • Dieser sei eben anspruchsvoller als die aufblasbaren Hosen, mit der die meisten Basejumper fliegen, und verlange mehr Training: Erst solle man Absprünge aus dem Flugzeug üben.
  • Selbstüberschätzung sei in 95 Prozent der Fälle die Ursache der Todesstürze. Das relativiere die Unfälle, auch wenn es die Tragik nicht mindere.
  • Andere Tätigkeiten seien auch riskant: "Jeden Montagmorgen melden die Zeitungen mehrere Autounfälle. Niemand überlegt sich deshalb, nicht ins Auto zu steigen."

Acht Monate später war auch Gegenschatz tot. Er starb, als er bei einem Basejump von einem Hochhaus gegen dessen Mauern prallte.

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Wingsuit-Springer: Viktor Kovats letzter Sprung
Das sind keine Unfälle, sondern tragische Regelfälle

Kovats war das 22. Opfer dieses Jahres, was leicht herauszufinden ist: Die Szene pflegt da eine fortlaufende eigene Inventur. Die "Base Fatality List" des Basejumping-Magazins "Blinc" bemüht sich um Vollständigkeit, ist nach eigener Aussage aber "nicht hundertprozentig akkurat". Was wohl heißen soll, dass sie lückenhaft sein könnte. Tatsächlich: Der im September verunglückte, prominente Stuntman Mark Sutton ist beispielsweise nicht verzeichnet.

Die Liste ist auch so länger als erträglich. Hier die Bilanz nur der vergangenen 90 Tage:

  • David Thomasson, 12. Juli 2013
  • Paddy Frenchman, 16. Juli 2013
  • Jonas Svardal, 21. Juli 2013
  • Steffen Strobel, 25. Juli 2013
  • Florian Pays, 13. August 2013
  • Mikolaj Twin, 16. August 2013
  • Harold Perotte, 17. August 2013
  • Mario Richard, 19. August 2013
  • Alvaro Bulto, 23. August 2013
  • Dan Johnsen, 25. August 2013
  • Bernhard Szabados, 6. September 2013
  • Trond Bjelde, 8. September 2013
  • Jerad Garnett, 14. September 2013
  • Maxwell Bond, 19. September 2013
  • Viktor Kovats, 8. Oktober 2013

Es dürfte sehr schwerfallen, irgendeine Randsportart zu finden, über die man eine ähnliche Liste verfassen könnte.

Der vielbeschworene "Kontext"

Die Fatality List beginnt mit einer Botschaft an die Presse. Medien wird das Recht abgesprochen, aus der Liste zu zitieren, weil so etwas "einen fehlerhaften Eindruck" vermitteln könne, wenn man die Liste "nicht im Kontext" betrachte. Aktuell ist sie 221 Einträge lang. Lauter fitte, sportliche, so lebenslustige wie risikofreudige Menschen, wenn man den Biografien glauben kann, die mit den Namen veröffentlicht werden.

Sie sind Adrenalinjunkies, wie nicht wenige zugeben. Für sie bedeutet das extreme Fall-Erlebnis Leben pur, den ultimativen Kick. Als Erwachsene reklamieren sie für sich das Recht, über ihr Leben selbst zu bestimmen. Man kann das so sehen, natürlich hat der Einzelne das Recht, sich selbst auszuleben.

Außer, er fällt auf einen anderen. Noch ist das nicht passiert, aber im Schweizer Lauterbrunnental wartet man regelrecht darauf. 37 der Toten von der aktuellen Fatality List kamen dort ums Leben - das idyllische Tal ist so etwas wie der Hauptfriedhof der Wingsuit-Flieger. Bauern klagen darüber, dass da Menschen in ihre Äcker schlagen und sterben. Immer wieder werden Anrainer Zeugen tödlicher Stürze. Seit Jahren läuft eine fruchtlose Verbotsdebatte. Seit einiger Zeit bekommen die Anrainer, deren Grundstücke betroffen sind, einen jährlichen Anteil aus den Umsätzen mit den Saisonkarten der Springer.

Deren Zahl steigt rapide, trotz der horrenden Unfälle. Deren abschreckende Wirkung verblasst vor dem coolen Kick der bei YouTube veröffentlichten Videos. Die Springer erscheinen als todesmutige, moderne Helden, viele sind oder bringen es zu Prominenz. Die Einführung offizieller, reglementierter Meisterschaften hat die Sprünge zum scheinbar regulären Sport geadelt.

Mit Verlaub, das sind sie nicht. Sie sind ein unfassbar gefährliches Hobby, mit dem die Springer sich und andere gefährden, Zeugen und Hinterbliebene traumatisieren. Selbstbestimmung ist ein hoher Wert, aber er hat seine Grenzen. Die Gesellschaft nimmt sich auch das Recht, Lebensmüde am Selbstmord zu hindern, wenn das gelingt. Vielleicht sollten wir beginnen, sogenannte Extremsportler vor sich selbst zu schützen, wenn sie sich und andere derart gefährden.



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insgesamt 416 Beiträge
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Seite 1
unclebens 12.10.2013
1. Lasst sie doch springen!
Wer diesen "Sport" ausübt, weiss um das Risiko. Lasst sie also weitermachen, verbieten kann man es vielleicht, aber wer hält sich schon an solche Verbote. Jedem Mensch steht es doch frei sich einem Risiko auszusetzen, keiner wird dazu gezwungen.
Zapallar 12.10.2013
2.
Warum bevormunden? Lasst ihnen doch ihren Spass! Solange sie mit ihrem Extremsport nicht der Allgemeinheit zur Last fallen, können sie alles machen, wonach Ihnen ist ...
willybilly 12.10.2013
3. Extremsport
Jede Sportart hat ihre Extremsportler (innen), wenn auch nicht immer mit tödlichem Ausgang. Wenn jemand im Jahr z.B. x Mal Marathon läuft, ist so etwas sicher auch nicht gesund...
steelman 12.10.2013
4. optional
Red Bull wird das schon werbewirksam und einträglich vermarkten. Das ist doch der Sinn des Ganzen. Von Freiheit schwärmende nützliche Idioten helfen beim Geldverdienen
derdudea 12.10.2013
5. Passt ins Bild
Die Stoßrichtung des Artikels passt ins Bild der Zeit und auch in die Richtung, in die Spiegel immer mehr geht. Wozu individuelle Freiheit, wenn die Mehrheit doch viel besser weiß, was für jeden einzelnen gut ist. Nicht dass ich diese Form der sportlichen Entfaltung für sinnig halte. Aber wenn wir ewig das einzuschränken wünschen, was uns fremd ist, bleibt jedem irgendwann nur noch ein Minimum an Freiheit. Und Lebensrisiken einzugehen, ist natürlich eine asoziale Verhaltensweise. Also bitte Rauchen, Trinken, Extremsport, Übergewicht etc etc schnellstens verbieten und abschaffen, damit das aufhört.
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