In der Hand der Hausbesetzer: Bernd, das indoktrinierte Brot

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Eigentlich ist Bernd ein unpolitisches Brot. Doch nun wurde der TV-Star von Antifa-Aktivisten entführt - und offenbar indoktriniert. In einem Bekenner-Video setzt sich der Kult-Kauz für den Erhalt einer besetzten Fabrik in Erfurt ein. Eine Posse mit direkter Verbindung zur deutschen Geschichte.

Hamburg - Seit schätzungsweise 36 Stunden befindet sich Bernd das Brot in der Gewalt von wahrscheinlich politisch motivierten Geiselnehmern. Eine zwei Meter hohe Figur des ulkigen Kinderfernseh-Stars wurde aus der Erfurter Innenstadt entführt. Jetzt tauchte ein Bekennervideo auf, das die Indoktrination des völlig unpolitischen Kult-Laibes vermuten lässt. Was treibt Bernd auf dem Gelände einer stillgelegten Erfurter Fabrik?

Was wie eine humorvolle Posse klingt, hat einen Hintergrund, der sowohl Erfurts Verstrickung in nationalsozialistische Verbrechen als auch die heutige Antifa- und Hausbesetzerszene umfasst.

Von außen mutet das, was von der Industriebrache im Osten Erfurts noch übrig ist, wie ein Trümmerfeld an: zerborstene Scheiben, Glasscherben, der Turm des alten Verwaltungsgebäudes hat erst windschief dem Wetter getrotzt, im vergangenen Sommer ist der durch das Dach in das Gebäude gestürzt. Von außen hat das Gemäuer Brandspuren, es scheint, als hätte sich die gesamte Erfurter Sprayerszene hier ausgetobt.

Nur ein Teil ist übrig von der Erfurter Fabrik Topf & Söhne, 1887 gegründet, 1946 enteignet, seit 1939 Hauptlieferant für die Verbrennungsöfen der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Werbeslogan: "Stets gern für Sie beschäftigt."

400.000 Reichsmark brachte das Geschäft mit dem NS-Regime und seiner proklamierten "Endlösung" den Unternehmern Ludwig und Ernst-Wolfgang Topf ein. 1942 reichten die Angestellten der "Abteilung Spezialofenbau" sogar das Patent für einen "kontinuierlich arbeitenden Leichen-Verbrennungsofen für Massenbetrieb" ein. Bei Topf & Söhne arbeitete man mehr als eifrig für das einträgliche Geschäft mit der Ermordung von Millionen Juden.

In der Begründung des Patent-Antrags heißt es: "In den durch den Krieg und seine Folgen bedingten Sammellagern der besetzten Ostgebiete mit ihrer unvermeidlich hohen Sterblichkeit …besteht der Zwang, die ständig anfallende Anzahl von Leichen durch Einäscherung schnell und hygienisch einwandfrei zu beseitigen." Dazu sollten am besten "mehrere Leichen gleichzeitig eingeäschert werden."

"Noch ein bisschen illegaler als vorher"

Doch heute ist die Firma Geschichte, Chef Ludwig Topf vergiftete sich in der Nacht zum 31. Mai 1945 mit Zyankali, sein Bruder Ernst-Wolfgang versuchte sein Glück im Westen. Geblieben sind die Ruinen der Gebäude.

Heute leben rund 20 bis 30 Besetzer auf dem Topf & Sohn Gelände, im Bauwagen und in den noch bewohnbaren Teilen der Fabrik. Sie haben in den vergangenen Jahren Führungen organisiert, einen virtuellen Rundgang erstellt, ein Literaturcafé und einen Umsonstladen betrieben, Filmabende und Vorträge organisiert. Doch nun ist Schluss.

Am 8. Januar erreichte die Besetzer ein Schreiben, wonach sie das Gelände am 21. Januar - am gestrigen Mittwoch - auf Veranlassung des neuen Besitzers räumen mussten. Passiert ist seither nichts. "Wir sind immer noch da, nur quasi noch ein bisschen illegaler als vorher schon", sagt Jens, einer der Bewohner des Geländes, SPIEGEL ONLINE.

Allerdings haben die Besetzer medienwirksame Unterstützung erhalten: Bernd das Brot, Kultfigur des ARD- und ZDF-Kinderkanals Ki.Ka und bislang in unmittelbarer Nähe des Erfurter Rathauses heimisch, ist aus der Altstadt entführt worden. Auf Youtube war ein Bekennervideo zu sehen, das inzwischen gesperrt wurde. In dem Video wurde kolportiert, dass Bernd quasi als sympathisierendes Kastenbrot in das besetzte Haus gezogen sei. Dort habe er, wie es in dem Film heißt, "Zuflucht gesucht".

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Erfurter Posse: Bernd und die Besetzer

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