Todesursache Gift: Dutzende Kinder sterben in Indien nach Schulessen

Von , Islamabad

Im indischen Bundesstaat Bihar sind bislang 20 Schulkinder nach der Einnahme eines kostenlosen Mittagessens in ihrer Schule gestorben. Weitere schweben in Lebensgefahr. Laut der Polizei wurden Spuren von Insektengift gefunden.

Es gab Reis mit Linsen, Kartoffeln und Sojabohnen an der Gandaman-Grundschule im ostindischen Bundesstaat Bihar. Noch während des Mittagessens am Dienstag begannen mehrere Kinder, alle zwischen sieben und elf Jahre alt, über Bauchweh und Übelkeit zu klagen. Innerhalb weniger Minuten verloren mehrere das Bewusstsein. Das Mittagessen wurde daraufhin unterbrochen.

Als die ersten Rettungskräfte in dem Dorf eintrafen, waren 16 Kinder bereits tot. Am Mittwoch teilte die Regierung von Bihar mit, die Zahl der Todesopfer sei auf 25 angestiegen. Man rechne mit weiteren Toten, mehrere Menschen seien noch in Lebensgefahr, darunter auch die beiden Köche der staatlichen Schule.

"Die Schüler werden in Patna von Kinderärzten rund um die Uhr betreut", sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE im etwa 60 Kilometer entfernten Patna, der Hauptstadt von Bihar. Nach ersten Ermittlungen gehe man davon aus, dass Insektengift in den Lebensmitteln war. Möglicherweise seien die Lebensmittel vor der Zubereitung nicht gewaschen und von den Pestiziden befreit worden. Experten würden das Essen sowie den Ort derzeit untersuchen.

Die ersten Opfer waren noch im nahegelegenen Dorfkrankenhaus behandelt worden, doch als immer mehr Kinder starben, wurden sie in die Universitätsklinik nach Patna gebracht. Ein Sprecher dieses Krankenhauses sagte, die Patienten zeigten "klassische Symptome einer Vergiftung, nämlich Fieber, Erbrechen, Magenschmerzen und Schaum vor dem Mund". "Wir haben ihnen ein Gegenmittel verabreicht, auf das sie gut reagieren, so dass wir davon ausgehen zu wissen, welches Gift sie eingenommen haben."

Kampf gegen Mangelernährung

Die Zeitung "The Hindu" zitiert einen Beamten aus dem Gesundheitsministerium von Bihar, wonach es sich um eine neue Schule noch ohne eigenes Gebäude gehandelt habe. Der Unterricht und die Schulspeisung hätten deshalb im Gästehaus der Lokalregierung stattgefunden. Die Lebensmittel seien im Haus der Schulleiterin aufbewahrt worden, deren beiden Kinder ebenfalls krank seien.

Tatsächlich war die Schule 2010 gegründet worden und hatte knapp 100 Schüler. Am Dienstag waren nach Polizeiangaben 60 im Unterricht. Bihar ist einer der ärmsten und bevölkerungsreichsten Bundesstaaten Indiens. Als Schritt gegen Mangelernährung hat die Regierung hier wie in vielen indischen Bundesstaaten ein kostenloses Mittagessen eingeführt. Vielen Schulen fehlt auch das Geld für eigene Räume. Die Regierung greift dann auf Gebäude zurück, die gerade zur Verfügung stehen. Oft findet der Unterricht auch im Freien statt.

Der Regierungschef von Bihar, Nitish Kumar, versprach eine "rasche Aufklärung" des Falls und Entschädigung für die Opfer und ihre Angehörigen. Die Familien der toten Kinder würden 200.000 Rupien erhalten, umgerechnet 2570 Euro. Der für die Lebensmittelkontrolle zuständige Beamte wurde suspendiert, gegen die Schulleitung werde ermittelt. Vor der Dorfschule protestierten am Mittwoch mehrere hundert Menschen.

Die Zeitung "Times of India" meldete einen ähnlichen Vorfall aus einer anderen Schule in Bihar. In einer ebenfalls staatlichen Schule seien am Mittwoch etwa 50 Kinder nach der Einnahme des Mittagessens erkrankt. Hier gebe es aber keine Todesfälle, keiner der Kinder schwebe in Lebensgefahr.

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insgesamt 36 Beiträge
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1.
Wichlinghauser 17.07.2013
Wenn binnen kürzester Zeit die Kinder sterben, liegt eher die Vemutung nahe, dass da größere Mengen Gift im Essen waren und nicht nur ein paar Rückstände auf den Lebensmitteln.
2. Insektengift schmeckt doch uebel
Ursprung 17.07.2013
Zitat von sysopIm indischen Bundesstaat Bihar sind bislang 20 Schulkinder nach der Einnahme eines kostenlosen Mittagessens in ihrer Schule gestorben. Weitere schweben in Lebensgefahr. Laut der Polizei wurden Spuren von Insektengift gefunden. In Indien sterben mindestens 20 Kinder nach kostenlosem Schulessen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/in-indien-sterben-mindestens-20-kinder-nach-kostenlosem-schulessen-a-911521.html)
Insektengift in toedlicher Konzentration im Essen und das ist offenbar nicht nach Geruch oder Geschmack beizeiten aufgefallen? Da muessen wirklich besondere Umstaende vorliegen. Bin gespannt, wie sich diese Tragoedie ineiner Provinz Indiens ereignen konnte.
3. Farce
infoseek 17.07.2013
Ermittlungen gegen Lebensmittelkontrolleur und Schulleitung. Soso. Na, einer von denen wird ja das Insektizid ins Essen gekippt haben. Was für eine Farce. Ermittelt werden müsste gegen ganz andere: Die Hersteller und Vertreiber dieser Gifte, die den in Indien verbreiteten grob fahrlässigen Umgang damit nicht eindämmen. Dort (und in anderen Ländern) sterben jährlich Tausende Anwender und deren Angehörige an schleichenden und akuten Vergiftungen mit Agrarchemie. Aber Kontrolle und Schulung (zum Beispiel, dass das Pulver gegen Küchenschaben nicht ins Gewürzregal gehört) hemmt den Absatz und schmälert den Gewinn. Ein paar tote Kinder sind halt ein bedauerlicher Kollateralschaden - im Zweifelsfall gilt: selbst schuld.
4. Tägliche Vergiftung mit Pestiziden
sheru_tecora 17.07.2013
Da sieht man mal, wie "harmlos" die Gifte sind, mit denen wir unsere Nahrungsmittel behandeln. Auch wenn wir Obst und Gemüse gut waschen, Spuren von den Giften sind immer noch vorhanden und auch die sind sicher nicht gesund für unseren Körper.
5. Gemüse nicht gewaschen?
Gluehweintrinker 17.07.2013
Ich bin fassungslos. Wenn Gemüse tödliche Dosen Insektengift enthält, dann nützt kein Waschen, sondern nur rigorose Kontrolle und pinibles Einhalten der Vorschriften für die Anwendung von Pestiziden. Aber hier fängt das Problem schon an: die Anwender können meistens gar nicht lesen. Die Karenzzeiten zwischen Anwendung und Ernte werden nicht eingehalten. Und BASF, BAYER
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