Indische Großfamilien Alle unter einem Dach

Von den Urgroßeltern bis zu den Urenkeln: In Indien teilen sich oft Generationen eine Wohnung. Die Fotografin Nora Bibel hat Großfamilien besucht - ihre Aufnahmen wirken wie aus der Zeit gefallen.

Nora Bibel

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15 Personen leben im Haushalt der Familie Mehta. Sie teilen sich eine Küche, besitzen aber sechs Badezimmer und fünfzehn Bankkonten. Was in Indien als normal gilt, können sich in Deutschland die Wenigsten vorstellen: Selbst wenn einem die Verwandten wichtig sind - mit allen zusammenwohnen möchten die meisten wohl nicht.

Nora Bibel hat indische Großfamilien porträtiert. "Family Comes First" ("Die Familie geht vor") heißt der Bildband der freien Fotografin, die als Professorin für Fotografie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Berlin arbeitet. Bibels Bilder veranschaulichen die Bedeutung der Verwandtschaft in Indien: Die Großfamilie gilt dort als heilige Institution, in sogenannten "Joint Families" leben Eltern mit ihren vor allem männlichen Kindern und deren Ehepartnern, Söhnen und Töchtern unter einem Dach - oft über mindestens drei Generationen.

Sie teilen sich Zimmer, Autos, manchmal sogar Bankkonten. 44 dieser Familien aus Bangalore im Süden des Landes hat Bibel besucht, um diese Tradition des familiären Zusammenlebens abzubilden.

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Von den Urenkeln bis zu den Urgroßeltern: Großfamilien in Indien

Die einzelnen Familienmitglieder hat Bibel im Wohnzimmer, oder im einzigen Raum der Wohnung, arrangiert und gruppiert, um die Zusammengehörigkeit der einzelnen Gruppen zu zeigen - ein bisschen wie bei einem Stammbaum.

Die Darstellung entspricht dabei dem Stil historischer Familienporträts: Die Männer, Frauen und Kinder mussten geradlinig in die Kamera blicken und durften sich aufgrund der langen Belichtungszeit nicht bewegen. "Das Arrangement eines Bildes hat zum Teil bis zu einer Stunde gedauert, was den Familien im Vorhinein gar nicht bewusst war", sagt die Fotografin.

Ergänzt werden die Aufnahmen von Angaben zu den einzelnen Personen: Alter, Beruf, Verwandtschaftsgrad. Um den sozialen Satus zu dokumentieren, fragte Bibel auch nach der Anzahl der Zimmer, Handys, Fahrzeuge und Konten.

Die Kontakte zu den Familien knüpfte Bibel etwa über einen Zeitungsartikel und persönliche Beziehungen. In ärmeren Gegenden klopfte sie aber auch einfach an Haustüren. So erreichte Bibel eine große Bandbreite an gesellschaftlichen Gruppen: "Eine Familie hatte circa acht Autos, eine andere lebte in einer Lehmhütte und mein Stativ stand beim Fotografieren fast in der Feuerstelle."

Bibel veranschaulicht mit ihrem Bildband eine spezifische Form des Zusammenlebens, die in Europa kaum mehr zu finden ist: "Für mich aus Berlin, der Stadt, in der in jedem zweiten Haushalt nur eine Person lebt", sagt Bibel, "übte diese Art des Zusammenlebens und ihre dazugehörigen Wertvorstellungen eine große Neugierde aus."

Doch auch in Indien sind die "Joint Families" ein schwindendes Phänomen, vor allem in Großstädten sind sie immer seltener zu finden. Sie wolle mit ihrer Arbeit diesen Wandel der sozialen Strukturen dokumentieren, sagt die Fotografin.

Als Abschluss des sechswöchigen Projekts, unterstützt vom Goethe-Institut Max Mueller Bhavan Bangalore, organsierte Bibel eine Ausstellung. An deren Ende nahmen alle Porträtierten das eigene Foto mit - und bekamen so alle Familienmitglieder in einem seltenen Moment gleichzeitig zu Gesicht.

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insgesamt 7 Beiträge
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barny62 22.12.2017
1. Kenne ich auch aus Brasilien...
Meine Frau ist Brasilianerin und wir besuchen oft das Land. Eine gute Freundin von Ihr, ebenfalls Ärztin, lebt in Maceió im Nordosten Brasiliens. Sie leitet, gemeinsam mit ihrem Mann, eine Privatklinik und ihr fehlt es sicherlich nicht an finanziellen Mitteln für ein eigenes Haus. Sie lebt aber mit ihren Kindern, Eltern, Schwestern, Nichten, Neffen... (insgesamt 16 Personen) in einem großen Haus und beansprucht für sich und ihren Mann dort nur ein 16qm großes Zimmer. In Gesprächen mit Ihr hat sie mir öfters mitgeteilt, dass das gemeinsame Frühstück morgens, der enge Kontakt zu ihren Eltern, Schwestern etc. ihr mehr gibt, als es irgendeine Villa jemals geben könnte. Während ihres Studiums hat sie z.B. nie drüber nachdenken müssen, wer auf die Kinder aufpasst, es ist immer einer da. Wenn Kinder, zeitweise wenig Kontakt und Nähe zu ihren Eltern finden, gibt es in einer solchen Lebensform immer einen, der dies auffangen kann. Ich möchte die Lebensform gar nicht verherrlichen, auch hier gibt es Konflikte. Aber die von konservativen Kreisen postulierte Lebensform "Kleinfamilie", als alleinige Lebensform in der Kinder gesund aufwachen, ist die stark zu hinterfragen. Auch in unseren Breiten haben bis zur Industrialisierung Familien in größer Verbünden zusammengelebt und vieles daran war gut.
gruebi01 22.12.2017
2. In Südindien mag das noch so sein.
Ich kenne den Süden Indiens nicht, aber für Mumbai (aka Bombay) und Dehli gilt dieses Zusammenleben für den Mittelstand sicher nicht, denn solch große Wohnungen / Häuser gibt es dort meines Wissens nach nicht, oder sie sind zumindest für Normalsterbliche nicht bezahl- bzw. finanzierbar. Ich habe jedenfalls bei Besuchen von Geschäftsfreunden keine Mehrgenerationenfamilien angetroffen.
vitalik 22.12.2017
3.
Zitat von barny62Meine Frau ist Brasilianerin und wir besuchen oft das Land. Eine gute Freundin von Ihr, ebenfalls Ärztin, lebt in Maceió im Nordosten Brasiliens. Sie leitet, gemeinsam mit ihrem Mann, eine Privatklinik und ihr fehlt es sicherlich nicht an finanziellen Mitteln für ein eigenes Haus. Sie lebt aber mit ihren Kindern, Eltern, Schwestern, Nichten, Neffen... (insgesamt 16 Personen) in einem großen Haus und beansprucht für sich und ihren Mann dort nur ein 16qm großes Zimmer. In Gesprächen mit Ihr hat sie mir öfters mitgeteilt, dass das gemeinsame Frühstück morgens, der enge Kontakt zu ihren Eltern, Schwestern etc. ihr mehr gibt, als es irgendeine Villa jemals geben könnte. Während ihres Studiums hat sie z.B. nie drüber nachdenken müssen, wer auf die Kinder aufpasst, es ist immer einer da. Wenn Kinder, zeitweise wenig Kontakt und Nähe zu ihren Eltern finden, gibt es in einer solchen Lebensform immer einen, der dies auffangen kann. Ich möchte die Lebensform gar nicht verherrlichen, auch hier gibt es Konflikte. Aber die von konservativen Kreisen postulierte Lebensform "Kleinfamilie", als alleinige Lebensform in der Kinder gesund aufwachen, ist die stark zu hinterfragen. Auch in unseren Breiten haben bis zur Industrialisierung Familien in größer Verbünden zusammengelebt und vieles daran war gut.
Ich bin ein Familienmensch und finde eine große Familien unter einem Dach als erstrebenswert, aber bestimmt nicht mit 16qm Privatfläche. Der Rückzugsort kann doch nicht aus einem Raum bestehen.
janfred 22.12.2017
4. Tradition und Kultir
Ich lebte fast 2 Jahre in Rajasthan. Dort ist es auch die Sitte, dass die Generationen zusammenleben. Sicher ist es abhängig vom zur verfügung stehenden Wohnraum. Aber wie es im Bericht beschrieben ist, sehen es die Inder als erstrebenswerten Idealfall. In Pakistan ist es übrigens gleich. Egoismus ist da natürlich eher von Nachteil. Meiner Meinung nach überwiegen aber die Vorteile. Ein paar aktuelle Stichwörter: Carsharing, Babysitting, kochen und Wäschewaschen kann durch größere Mengen rationeller abgewickelt werden. Arbeitsteilung im Haushalt spart im gesamten auch Zeit. Ein Nachteil, oder zumindestens interessant, wenn mehrere im heiratsfähigen Alter sind und dabei die eher sehr beschränkte Itimsphäre...
ditor 22.12.2017
5. Seit Generationen geklärt
Zitat von janfredIch lebte fast 2 Jahre in Rajasthan. Dort ist es auch die Sitte, dass die Generationen zusammenleben. Sicher ist es abhängig vom zur verfügung stehenden Wohnraum. Aber wie es im Bericht beschrieben ist, sehen es die Inder als erstrebenswerten Idealfall. In Pakistan ist es übrigens gleich. Egoismus ist da natürlich eher von Nachteil. Meiner Meinung nach überwiegen aber die Vorteile. Ein paar aktuelle Stichwörter: Carsharing, Babysitting, kochen und Wäschewaschen kann durch größere Mengen rationeller abgewickelt werden. Arbeitsteilung im Haushalt spart im gesamten auch Zeit. Ein Nachteil, oder zumindestens interessant, wenn mehrere im heiratsfähigen Alter sind und dabei die eher sehr beschränkte Itimsphäre...
Dafür gibt es seit Generation, wenn nicht schon seit Menschengedenken Lösungen.
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