Neues Gesetz: Indien verbietet Teenagern Sex

Von , Islamabad

Ein neues Gesetz sorgt in Indien für heftige Debatten: Für Jugendliche unter 18 Jahren ist Sex ab jetzt verboten. Wer das missachtet, macht sich der Vergewaltigung strafbar. Der Gesetzgeber sieht darin einen Schutz von Kindern, Kritiker befürchten eine Kriminalisierung von Teenagern.

Eine Mutter flicht die Haare ihrer Tochter: Künftig ist Jugendlichen unter 18 Sex verboten Zur Großansicht
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Eine Mutter flicht die Haare ihrer Tochter: Künftig ist Jugendlichen unter 18 Sex verboten

Sandeep Paswan ist noch rechtzeitig davongekommen. Er war angeklagt, eine 15-Jährige nahe der nordindischen Stadt Lucknow entführt und vergewaltigt zu haben. Der Vater hatte das Mädchen im Februar 2011 als vermisst gemeldet. Ein halbes Jahr später fand man sie in einem nahegelegenen Dorf, wo sie mit Paswan lebte. Jetzt trat sie in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi als Zeugin vor Gericht. Den Richtern war schnell klar, dass die Vorwürfe gegen Paswan nicht aufrecht zu halten sind. Das Paar liebt sich, es hat heimlich geheiratet. Der Angeklagte wurde freigesprochen.

Nach neuester Gesetzgebung hätte sich Paswan der Vergewaltigung schuldig gemacht und wäre mit mindestens sieben Jahren Haft bestraft worden. Denn das vom indischen Parlament beschlossene und von der Staatspräsidentin abgesegnete Gesetz zum Schutz von Kindern vor sexuellen Straftaten sieht vor, dass Geschlechtsverkehr nur über 18-Jährigen erlaubt ist. Ob unter Jugendlichen oder zwischen einem Jugendlichen und einem Erwachsenen - selbst einvernehmlicher Sex ist fortan verboten.

Damit hebt Indien das Alter, ab dem Sex erlaubt ist, um zwei Jahre an. Vor einem Jahr hatte Krishna Tirath, Ministerin für Frauen und Kinder, noch betont, ein erster Entwurf sehe vor, das Alter bei 16 Jahren zu belassen. "Die neue Regelung stimmt mit der Uno-Konvention zum Schutz von Kinderrechten überein", rechtfertigt ein Ministeriumsmitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden will, die Änderung.

Das Gesetz wird als "verklemmt" kritisiert

Nach bisheriger Rechtsprechung war in Indien eine Vergewaltigung ein Akt, bei dem ein Mann mit seinem Penis gegen den Willen einer Frau in ihre Vagina eindringt. Das neue Gesetz fasst die Definition weiter: Jegliche Penetration "mit einem Objekt oder einem Körperteil" in die Körperöffnung eines Menschen unter 18 Jahren gilt nun als strafbar.

Es ist ein heikles Thema. In Indien werden noch immer häufig Kinder und Jugendliche verheiratet. Gleichzeitig nehmen Teenagerschwangerschaften zu. Die Behörden registrieren zudem eine Zunahme von Kinderprostitution und Vergewaltigung von Minderjährigen. "Es ist an der Zeit, dass wir etwas dagegen unternehmen", sagt der Beamte aus dem Frauen- und Kinderministerium.

Dagegen gibt es kaum Einwände - und dennoch wird das Gesetz in den Fernsehsendungen und Zeitungen in Indien heftig debattiert. Für Kritik sorgt die Anhebung des Alters, ab dem Sex erlaubt ist. Begriffe wie "rückschrittlich", "unzeitgemäß", "weltfremd" und "verklemmt" machen die Runde.

"Sexualkundeunterricht wäre eine bessere Lösung"

Die Altersanhebung öffne "die Schleusen für Strafverfolgung von Jungen auf der Basis von Beschwerden von Eltern eines Mädchens, unabhängig davon, ob das Mädchen [dem Sex] zugestimmt hatte", kritisiert Richter Virender Bhat die neue Regelung, als er Paswan vom Vorwurf der Vergewaltigung freispricht. Das Gericht empfiehlt der Regierung, das Gesetz zu überprüfen.

Man teile die Sorgen von Eltern und Regierung und wolle klarstellen, dass man ebenfalls gegen Sex von Teenagern sei, verkündet das Gericht weiter. Aber eine Anhebung des Alters, ab dem Geschlechtsverkehr legal ist, sei keine Lösung. "Wissensvermittlung durch Sexualkundeunterricht wäre eine bessere Lösung", heißt es in der Empfehlung an die Regierung. Man könne einem Kind keine Tugenden per Gesetz einimpfen. "Es wäre besser und weiser, diese Aufgabe den Eltern und Lehrern zu überlassen."

Schutz der Jugend - oder Drangsalierung?

Der Fall von Sandeep Paswan zeige, dass diese Jungen in dem Glauben seien, nichts Falsches zu tun. Sie verstünden die Konsequenzen ihres Handelns nicht. Der Gesetzgeber müsse berücksichtigen, dass die Tage längst vorbei seien, als 16- oder 17-Jährige "unglaublich unreif" waren.

Tatsächlich hat sich die indische Gesellschaft in den vergangenen Jahren rasant verändert. Der wirtschaftliche Boom hat dem Land eine wachsende Mittelschicht beschert, deren Jugendliche durch den Konsum westlicher Medien in vielen Bereichen eine liberalere Haltung in Sachen Beziehung und Sexualität haben. Zwar werden noch immer die meisten Ehen von den Eltern arrangiert, doch über das gesellschaftliche Tabu von außerehelichem Sex setzen sich immer mehr junge Menschen hinweg. Wenn die Eltern dann gegen die Beziehung sind, brennen die Liebenden durch.

Kritiker des Gesetzes befürchten, dass Eltern und Gesetzeshüter es nutzen werden, um die jungen Liebenden zu schikanieren. Die "Times of India" bekennt sich zu der Kritik der Richter. "Wir stimmen komplett mit den Beobachtungen des Gerichts überein, dass dieses neue Gesetz eher ein Instrument wird, um Teenager zu drangsalieren, als sie zu beschützen", schreibt die Zeitung am Freitag. Leider sei das Gesetz schon beschlossene Sache. Man bitte den Gesetzgeber aber dringend, es so zu ändern, dass einvernehmlicher Sex unter Jugendlichen nicht kriminalisiert werde.

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