Gepanschter Schnaps in Indien Tödlicher Rausch

In Indien ist es erneut zu einer Massenvergiftung durch gepanschten Schnaps gekommen. Fast hundert Menschen starben, Ärzte rechnen mit weiteren Opfern. Wie immer trifft es die Ärmsten.

REUTERS

Von , Neu-Delhi


Der Andrang am örtlichen Krematorium ist so groß, dass zusätzliches Personal eingestellt werden musste: In Malwani, einem Stadtviertel der indischen Hafenmetropole Mumbai, brennen seit Donnerstag rund um die Uhr die Scheiterhaufen, auf denen die Opfer der letzten Massenvergiftung durch gepanschten Alkohol verbrannt werden.

Man habe Platz für fünf Feuer gleichzeitig, sagte ein Sprecher des Krematoriums. Da es aber Stunden dauern würde, bis die Asche abkühle, gebe es trotz drei extra angeheuerter Helfer einen Rückstau. 94 Alkoholtote wurden bis Sonntag in Mumbai gezählt, Ärzte und Polizei rechnen damit, dass es noch mehr werden. "Mehr als 150 Personen haben diesen Alkohol konsumiert. Die Zahl der Toten könnte noch steigen", sagte Dhananjay Kulkarni von der Polizei Mumbai.

Giftiger "Hooch" tötet seit Jahren

Die Opfer starben an sogenanntem Hooch, selbst gebranntem Schnaps, der in den Armenvierteln Indiens unter der Hand verkauft wird. Millionen Inder trinken Hooch und tragen meist nicht mehr als einen massiven Kater davon. Doch wenn die Panscher ihr Gesöff mit dem Industrie-Alkohol Methanol vermischen, kann das schnell tödlich enden.

Methanol löst schwere Vergiftungen aus. In den 90 Stunden nach dem Konsum des Fusels kommt es dann zur Beeinträchtigung des Sehvermögens, Atemschwierigkeiten und Bewusstseinsstörungen. Viele Opfer halten das anfangs für einen normalen Rausch, suchen viel zu spät ein Krankenhaus auf und sterben.

Massenvergiftungen durch mit Gift versetzten Alkohol kommen in Indien regelmäßig vor. Im Januar starben 23 Menschen im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh, 200 weitere trugen Gesundheitsschäden davon. Im Jahr 2009 starben im Bundesstaat Gujarat 136 Menschen, als ein Schwarzbrenner giftigen Alkohol verkaufte.

In Mumbai wurden inzwischen fünf Verdächtige verhaftet, die den Schnaps zwar nicht produziert, aber verkauft haben sollen. Bezeichnend ist, dass gleichzeitig acht Polizisten der Wache in Malwani vom Dienst suspendiert wurden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Polizisten in Indien mit den örtlichen Panschern gemeinsame Sache machen und sich dafür schmieren lassen, dass sie sie gewähren lassen. Erst wenn es dann Tote gibt, schreitet die Obrigkeit ein.

Hohe Steuern auf Alkohol

Indische Medien zitieren Gastronomen, die berichten, dass die immer neuen Steuern auf Alkohol Schuld an den sich wiederholenden Tragödien hätten. Die Besteuerung von Alkohol ist in Indien Ländersache. Der Bundesstaat Maharastra, in dem Mumbai liegt, hat die Abgabe für Hochprozentiges von früher 25 Prozent auf inzwischen bis zu 60 Prozent angehoben.

Selbst der Mittelklasse falle es inzwischen schwer, für in Indien hergestellten Sprit zu bezahlen - importierter Alkohol sei wegen zusätzlicher Zölle unerschwinglich, schreibt die "Times of India". Viele könnten es sich nicht mehr leisten, in Bars oder Restaurants zu gehen, sondern tränken auf dem Bürgersteig neben den - staatlich kontrollierten - Alkoholläden.

Den ganz Armen bleibe oft nichts anderes, als bei Panschern zu kaufen. In dem kleinen Slum, der als Enklave in dem an sich wohlhabenden Viertel Malwani liegt, spielten sich am Wochenende herzzerreißende Szenen ab, berichtete unter anderem die "Hindustan Times". Dutzende frisch verwitwete Frauen saßen klagend vor ihren Hütten. In den engen Gassen des Slums wurde der Fusel am vergangenen Donnerstag verkauft und konsumiert, von hier stammen die meisten Opfer. Sie sind fast alle männlich und waren in den meisten Fällen die alleinigen Ernährer ihrer bitterarmen Familien.

So hinterlässt Raju Sable, der am Freitag starb, eine Frau und drei kleine Kinder, berichtet die "Times of India". Sein Neffe Pradeep Gade, der schon am Donnerstag ins Krankenhaus ging, aber trotzdem nicht überlebte, war die Stütze seiner verwitweten Mutter und zweier Schwestern.

In die Trauer der Angehörigen mischt sich die Angst vor der Zukunft. In der Vergangenheit wurden in einigen Fällen Entschädigungen an die Hinterbliebenen von Vergiftungsopfern gezahlt. In dem Fall in Uttar Pradesh wurden den Angehörigen umgerechnet 2700 Euro versprochen. Bislang war von Entschädigungen in Mumbai nicht die Rede. Nachbarn sammelten am Samstag in Malwani Geld, damit die Witwen die Bestattungsrituale bezahlen können.



insgesamt 11 Beiträge
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hansulrich47 21.06.2015
1. Traurig,aber
hohe Steuern sind eben kein Weg, etwas, was der Menschheit gefällt, zu unterbinden. Bei uns werden ja wohl auch ca. 30% der Zigaretten geschmuggelt, in England sollen es über 40% sein. Und in Schweden hat jeder 2. Haushalt eine Schnapsdistille! Aber Politiker finden es gut wegen der 'Gesundheit', in Wirklichkeit eher wegen der Steuereinnahmen ständig an der Steuerschraube zu drehen.
josian 21.06.2015
2. Holz
Jener Fusel wird in Indien aus den Abfällen der Holzindustrie gebrannt. D.h. vergorene Sägespäne werden vor Ort zu giftigen Methanol gebrannt. Deshalb müssen hierzulande bei Steinobstbränden(Pflaume, Kirsche etc.)die Kerne vor der Gärung entfernt werden !
Enguerrand de Coucy 21.06.2015
3. Hoho,
Zitat von hansulrich47hohe Steuern sind eben kein Weg, etwas, was der Menschheit gefällt, zu unterbinden. Bei uns werden ja wohl auch ca. 30% der Zigaretten geschmuggelt, in England sollen es über 40% sein. Und in Schweden hat jeder 2. Haushalt eine Schnapsdistille! Aber Politiker finden es gut wegen der 'Gesundheit', in Wirklichkeit eher wegen der Steuereinnahmen ständig an der Steuerschraube zu drehen.
da muss ich hin.
hansulrich47 21.06.2015
4. Korrektur:
Zitat von josianJener Fusel wird in Indien aus den Abfällen der Holzindustrie gebrannt. D.h. vergorene Sägespäne werden vor Ort zu giftigen Methanol gebrannt. Deshalb müssen hierzulande bei Steinobstbränden(Pflaume, Kirsche etc.)die Kerne vor der Gärung entfernt werden !
Holz enthält Methylether, aus denen mit hoher Temperatur Methanol freigesetzt wird. Da wird nichts vergoren! Da wird nur trocken erhitzt. Bei der Gärung mit normaler Hefe (Backhefe, Bierhefe) entsteht nur Ethanol.
westerwäller 21.06.2015
5. Falls mal jemand in so eine Situation kommt ...
Erste Notfallhilfe - natürlich ist es am besten sofort ins Krankenhaus zu fahren! - ist, so widersinnig es sich anhört, richtig viel Schnaps zu trinken, von dem man weiß, dass er richtiges Ethanol enthält. Der Hintergrund: Das Methanol wird in der Leber zu Methanal verstoffwechselt. Das ist dann das eigentliche Gift. Gibt man der Leber richtigen Schnaps, so baut sie das darin enthaltene Ethanol vor dem Methanol ab und man erhält mehr Zeit für Notfallmaßnahmen, die in aller Regel einen Blutaustausch mit beinhalten ...
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