Von Marc Pitzke, New York
CNN-Gründer Ted Turner beobachtet die Entwicklung des Senders, den er 1996 ans Medienkonglomerat Time Warner verlor, mit offenem Unbehagen. "Wenn ich das Geld hätte, würde ich ernsthaft darüber nachdenken, die Kontrolle über Time Warner zu bekommen und CNN dazu zu bringen, sich wieder auf seriösen Journalismus zu konzentrieren", sagte Turner in einem Interview mit dem Wirtschaftsdienst Bloomberg, das zufälligerweise am Tag des Ballon-Spektakels geführt wurde.
Selbst die Nachrichtenagenturen waren gegen die Ballon-Nummer nicht gefeit. "Ein sechsjähriger Junge ist in einen selbstgebauten Ballon gekrochen und davongetrieben", tickerte AP als Tatbestand. Später: "Ballon mit sechsjährigem Jungen geht langsam in Feld nieder; Schicksal des Kindes ungewiss." Auch Reuters verkaufte die Mär als Fakt, per Indikativ statt Konjunktiv. "Die BBC fügte wenigstens 'angeblich' hinzu", empörte sich Greg Mitchell, der Chefredakteur des Branchenblatts "Editor & Publisher".
"In der Zwischenzeit geht Pakistan hoch, aber lasst uns das bloß nicht covern", mokierte sich auch die konservative Radio-Talkerin Laura Ingraham über die Kollegen - und die eigenen Machtlosigkeit vor der Faszination solcher Bilder. "Das lässt uns alle dumm dastehen. Wir alle werden zum Teil des Medienproblems."
Wirres Geschwätz über Tornados, Ufos und Aliens
Inzwischen ist klar, dass die Heenes schon länger eine Karriere als Reality-TV-Stars verfolgen und die Newssender nur als Vehikel benutzen. Jeder Reporter, der nachgebohrt hätte, hätte das sofort herausfinden können: Die Familie trat in Shows auf, von Richard Heene kursieren zahllose YouTube-Clips, in denen er wirres Geschwätz absondert über Tornados, Ufos und Aliens.
Die Heenes sind beileibe nicht die ersten, die das erfolgreich versuchen. Das "Medienproblem", das Ingrahm beklagt, ist zugleich auch ein gesellschaftliches Problem. Amerikas Klatschpresse wimmelt nur so von bizarren Selbstdarstellern, die aus dem Nichts kamen - und von den Lesern freudig zu ihren neuen Glamour-Stars erkoren worden sind:
Dank CNN & Co. haben sich nun auch die Heenes über Nacht in diesen fragwürdigen Olymp getrickst. Selbst eine Geld- und Haftstrafe dürfte sie nach Ansicht von Insidern nicht daran hindern, als Reality-Stars Karriere zu machen. "Es gibt da wenig Grenzen", sagte der Reality-Experte Tim Brooks der New Yorker Boulevardzeitung "Daily News", die die Heenes am Montag aufs Cover setzte. "Ich wäre gar nicht überrascht, sie bald wiederzusehen."
Der ermittelnde Sheriff von Larimer im US-Bundesstaat Colorado teilte inzwischen mit, dass die Heenes bei einem - nicht genannten - Medienunternehmen unter Vertrag stehen. Ob der Deal schon vor der Ballon-Fahrt geschlossen wurde oder danach, ist bislang nicht bekannt.
Die Dummen sind die US-Newsmedien. Die Zuschauer mögen deren Angebot zwar verschlingen - doch den Respekt haben sie längst verloren. In aktuellen Umfragen ist die Glaubwürdigkeit aller US-Medien jetzt auf den tiefsten Stand seit 1985 gesunken: Fast zwei Drittel der Befragten halten die meisten der Nachrichten darin für "unrichtig", ob gedruckt, online oder im Network- und Kabelfernsehen.
Der "Ballon-Boy" erfüllte also alle Erwartungen.
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