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Inszeniertes Ballon-Drama Heiße Luft für heiße Quoten

2. Teil: Bizarre Selbstdarsteller aus dem Nichts

CNN-Gründer Ted Turner beobachtet die Entwicklung des Senders, den er 1996 ans Medienkonglomerat Time Warner verlor, mit offenem Unbehagen. "Wenn ich das Geld hätte, würde ich ernsthaft darüber nachdenken, die Kontrolle über Time Warner zu bekommen und CNN dazu zu bringen, sich wieder auf seriösen Journalismus zu konzentrieren", sagte Turner in einem Interview mit dem Wirtschaftsdienst Bloomberg, das zufälligerweise am Tag des Ballon-Spektakels geführt wurde.

Selbst die Nachrichtenagenturen waren gegen die Ballon-Nummer nicht gefeit. "Ein sechsjähriger Junge ist in einen selbstgebauten Ballon gekrochen und davongetrieben", tickerte AP als Tatbestand. Später: "Ballon mit sechsjährigem Jungen geht langsam in Feld nieder; Schicksal des Kindes ungewiss." Auch Reuters verkaufte die Mär als Fakt, per Indikativ statt Konjunktiv. "Die BBC fügte wenigstens 'angeblich' hinzu", empörte sich Greg Mitchell, der Chefredakteur des Branchenblatts "Editor & Publisher".

"In der Zwischenzeit geht Pakistan hoch, aber lasst uns das bloß nicht covern", mokierte sich auch die konservative Radio-Talkerin Laura Ingraham über die Kollegen - und die eigenen Machtlosigkeit vor der Faszination solcher Bilder. "Das lässt uns alle dumm dastehen. Wir alle werden zum Teil des Medienproblems."

Wirres Geschwätz über Tornados, Ufos und Aliens

Inzwischen ist klar, dass die Heenes schon länger eine Karriere als Reality-TV-Stars verfolgen und die Newssender nur als Vehikel benutzen. Jeder Reporter, der nachgebohrt hätte, hätte das sofort herausfinden können: Die Familie trat in Shows auf, von Richard Heene kursieren zahllose YouTube-Clips, in denen er wirres Geschwätz absondert über Tornados, Ufos und Aliens.

Die Heenes sind beileibe nicht die ersten, die das erfolgreich versuchen. Das "Medienproblem", das Ingrahm beklagt, ist zugleich auch ein gesellschaftliches Problem. Amerikas Klatschpresse wimmelt nur so von bizarren Selbstdarstellern, die aus dem Nichts kamen - und von den Lesern freudig zu ihren neuen Glamour-Stars erkoren worden sind:

  • "Octomom" Nadya Suleman, deren Kinder nun ihre eigene Show kriegen.
  • Die Mehrlingseltern Jon und Kate Gosselin, deren Scheidung noch quotenträchtiger scheint als ihre Ehe.
  • Die "Real Housewives of New Jersey", eine Truppe geschmackloser Hausfrauen mit nationalem Kultgefolge.
  • Patti Blagojevich, die Gattin des diskreditierten Ex-Gouverneurs von Illinois, die für die Reality-Serie "I'm a Celebrity... Get Me Out of Here!" (die US-Version des Dschungelcamps) durch Costa Rica robbte.

Dank CNN & Co. haben sich nun auch die Heenes über Nacht in diesen fragwürdigen Olymp getrickst. Selbst eine Geld- und Haftstrafe dürfte sie nach Ansicht von Insidern nicht daran hindern, als Reality-Stars Karriere zu machen. "Es gibt da wenig Grenzen", sagte der Reality-Experte Tim Brooks der New Yorker Boulevardzeitung "Daily News", die die Heenes am Montag aufs Cover setzte. "Ich wäre gar nicht überrascht, sie bald wiederzusehen."

Der ermittelnde Sheriff von Larimer im US-Bundesstaat Colorado teilte inzwischen mit, dass die Heenes bei einem - nicht genannten - Medienunternehmen unter Vertrag stehen. Ob der Deal schon vor der Ballon-Fahrt geschlossen wurde oder danach, ist bislang nicht bekannt.

Die Dummen sind die US-Newsmedien. Die Zuschauer mögen deren Angebot zwar verschlingen - doch den Respekt haben sie längst verloren. In aktuellen Umfragen ist die Glaubwürdigkeit aller US-Medien jetzt auf den tiefsten Stand seit 1985 gesunken: Fast zwei Drittel der Befragten halten die meisten der Nachrichten darin für "unrichtig", ob gedruckt, online oder im Network- und Kabelfernsehen.

Der "Ballon-Boy" erfüllte also alle Erwartungen.

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insgesamt 17 Beiträge
Emil Peisker 20.10.2009
Man erinnere sich an die kritiklose Übernahme der "Giftlabors" durch die Medien, die Begeisterung für den Irakkrieg wg. WMD's. Alles Fakes, egal, Hauptsache Action.
Zitat von sysopBeobachter machen daran sogar den Niedergang des gesamten TV-Journalismus fest. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,656125,00.html
Man erinnere sich an die kritiklose Übernahme der "Giftlabors" durch die Medien, die Begeisterung für den Irakkrieg wg. WMD's. Alles Fakes, egal, Hauptsache Action.
Und der Spiegel und die deutschen Medien sind da besser? Alle Menschen fahren doch auf so einen Kram ab. Natuerlich kann man da dann nachtraeglich einen auf 'tststs, kuck Dir mal die Idioten an' machen, aber hinschauen tut doch [...]
Und der Spiegel und die deutschen Medien sind da besser? Alle Menschen fahren doch auf so einen Kram ab. Natuerlich kann man da dann nachtraeglich einen auf 'tststs, kuck Dir mal die Idioten an' machen, aber hinschauen tut doch auch jeder.
urbansonnet 20.10.2009
Lieber Spiegel Online, wenn man schon so einen Artikel druckt, sollte man doch auch ein bisschen mehr Fähigkeit zur Selbstkritik zeigen. Vielleicht wurde hier nicht gerade der "Ballon Boy" in voller breite [...]
Lieber Spiegel Online, wenn man schon so einen Artikel druckt, sollte man doch auch ein bisschen mehr Fähigkeit zur Selbstkritik zeigen. Vielleicht wurde hier nicht gerade der "Ballon Boy" in voller breite ausgeschlachtet, aber speziell in den Schlagzeilen wird sich ja auch gern jedem A bis C Promi hinterher gehechelt und Schlagzeilen aus den dünnsten Berichten gezimmert. Bevor man sich über den Qualitäts-Verfall anderer lustig macht, was ja sehr einfach ist, sollte man vorher mal vor der eigenen Haustür kehren. Seriöse Nachrichten sehen nämlich auch anders aus als hier bei Spiegel Online. Und das nicht erst seid gestern.
Gegengleich 20.10.2009
Zitat aus dem Artikel: ---Zitat--- ... Der Heimbau-Folienballon war viel zu leicht, um selbst einen kleinen Jungen tragen zu können. ... http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,656125,00.html ---Zitatende--- Hat [...]
Zitat aus dem Artikel: ---Zitat--- ... Der Heimbau-Folienballon war viel zu leicht, um selbst einen kleinen Jungen tragen zu können. ... http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,656125,00.html ---Zitatende--- Hat da wieder einer nicht gut recherchiert, oder nur schlecht geschrieben? Wie kann der Ballon zu LEICHT sein, um den Jungen zu tragen. Soll das heißen, um so schwerer der Ballon, um so besser trägt er? Ich sehe hier noch einiges an Nachholbedarf. Nicht nur bei den Medien, die über den Flug berichtet haben, sondern auch bei den Medien, die sich darüber jetzt mokieren.
Renardmalin 20.10.2009
... was ist denn das? Das Fernsehen ist doch auch in Deutschland zum reinen Arsch- und Tittenmedium verkommen. Wo kommt denn da noch seriöser Journalismus vor? Das betrifft übrigens beide, private wie öffentlich-rechtliche [...]
Zitat von sysopDie vermeintliche Ballonfahrt eines Sechsjährigen, die sich als Schwindel entpuppte, fasziniert Amerika. Das Pseudodrama um die Familie Heene aus Colorado enthüllt die Sensationssucht der Menschen und Medien. Beobachter machen daran sogar den Niedergang des gesamten TV-Journalismus fest. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,656125,00.html
... was ist denn das? Das Fernsehen ist doch auch in Deutschland zum reinen Arsch- und Tittenmedium verkommen. Wo kommt denn da noch seriöser Journalismus vor? Das betrifft übrigens beide, private wie öffentlich-rechtliche Sender. Ab und zu gibt es 'mal einen Lichtblick bei 3-Sat und Phoenix. Obwohl man hier auch unterdessen bei geschichtlichen Dokumentationen auf sehr fragliche "wissenschaftliche" Mittel zurückgreift. So konnte man beispielsweise gestern abend auf Phoenix, in einer Sendung über das biblische Ägypten, Moses persönlich in Sandalen durch den Wüstensand spazieren sehen. ... unerträglicher Kitsch!
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