Inszeniertes Ballon-Drama Heiße Luft für heiße Quoten

Die vermeintliche Ballonfahrt eines Sechsjährigen, die sich als Schwindel entpuppte, fasziniert Amerika. Das Pseudodrama um die Familie Heene aus Colorado enthüllt die Sensationssucht der Menschen und Medien. Beobachter machen daran sogar den Niedergang des gesamten TV-Journalismus fest.

Von , New York


Der Montag war ein ereignisreicher News-Tag in den USA. Washington verschärfte den Druck auf Afghanistans Präsidenten Hamid Karzai. Die politischen Debatten um den Krieg und die Gesundheitsreform gewannen immer mehr an Fahrt. Präsident Barack Obama legte eine neue Darfur-Initiative vor. An der Wall Street war der Insiderskandal um Hedgefonds-Milliardär Raj Rajaratnam das Gesprächsthema Nummer eins.

CNN-Anchorman Rick Sanchez, der sich gerne als Zeremonienmeister des "vom Publikum getriebenen, interaktiven, schlauen Gesprächs" aufplustert, begann seine News-Show derweil mit folgender dramatischer Ankündigung: "Wir haben die ersten Bilder vom Ort, wo sich der Ballon-Boy versteckt haben könnte!" Nur halb im Scherz fügte er hinzu: "Sie glaubten doch nicht, dass wir diesen Tag verstreichen lassen, ohne den Ballon-Boy zu erwähnen?"

Und so segelte die Heißluft-Saga um die skurrile Familie Heene aus Colorado in ihren fünften Tag. Selten hat eine Story, die eigentlich keine war, die Amerikaner so aufgeregt. Besser gesagt: die US-Medien. Keine Stunde vergeht, ohne dass über die fiktive Himmelfahrt des sechsjährigen Falcon Heene auf einem TV-Sender weiter berichtet wird.

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Die Medien und der Fall Heene: Jagd auf die Flug-Ente
Auch SPIEGEL ONLINE berichtete über den Fall - zu einem Zeitpunkt, an dem es bereits große Zweifel gab, ob sich der sechsjährige Falcon Heene tatsächlich an Bord des Ballons befand.

"Beispiel, wie lächerlich Kabelnews geworden ist"

In Amerika agierte allen voran CNN, jener Sender, der sich brüstet, "The World's News Leader" zu sein. Die Show des Star-Talkers Larry King widmete der Flug-Ente am Montagabend wieder mal mehr als eine halbe Stunde, gastmoderiert von Wolf Blitzer, sonst für "harte" Themen wie Wahlkämpfe zuständig. Selbst CNN.com, die globale Top-Newssite, listet den "Ballon-Boy" als "Hot Topic" auf, zwischen "Afghanistan" und "Latino in America", einer eigenen Dokuserie.

Die karge Ballon-Schlagzeile des Montags wurde dabei endlos aufgewärmt: Die Behörden würden bis Mittwoch Strafanzeige gegen Falcons flunkernde Eltern erstatten, diese wollten sich dann freiwillig in Gewahrsam begeben.

Die wahre Schlagzeile jedoch verschwiegen die Reporter, die dem Flop erst brav aufgesessen waren und nun trotzdem weiter vor dem Heene-Haus in Fort Collins campierten: Das Pseudodrama enthüllt die Sensationssucht und Quotenhatz, die auch unter den seriösen Medien grassiert - manche Beobachter machen daran sogar den sich vollziehenden Niedergang des gesamten, einst ruhmreichen amerikanischen TV-Journalismus fest.

"Die Ballon-Boy-Nichtgeschichte war nur das jüngste Beispiel, wie lächerlich Kabelnews geworden sind", schreibt Alan Sepinwall, der Fernsehkritiker der Zeitung "Star-Ledger". Sein eigenes Blatt surfte unterdessen munter auf der Flutwelle der Belanglosigkeiten mit.

"Zu uns kommen die Leute, wenn was passiert"

Das liege halt am System, erklären die Vertreter dieses Systems hilflos. In der Tat müssen Kabel-Newssender wie CNN, MSNBC und Fox News 24 Stunden Programm füllen, egal, wie dünn die Nachrichtenlage, wie PR-inszeniert das angebliche Ereignis. Die Konkurrenz ist brutal, das Budget knapp, der Kampf um Quoten überlebenswichtig - und das Internet ist einem immer voraus.

"Das ist CNN", rechtfertigte CNN-Vizepräsident Bart Feder die Ballon-Orgie seines Senders, der schon seit dem Ende des US-Wahlkampfs immer öfter auf weiche Themen und Celebrity-Interviews zurückfällt: "Zu uns kommen die Leute, wenn was passiert."

Die Einschaltquoten scheinen das zunächst zu bestätigen. Während der zwei Stunden, binnen derer die Live-Kameras den leeren Ballon ohne Pause verfolgten, verdoppelten sich die Zahlen der US-Newssender: Fox News brachte es auf 2,4 Millionen Zuschauer, CNN auf 1,7 Millionen, MSNBC auf 768.000. Parallel nahm das Thema auch Facebook und Twitter in Beschlag, und der Suchbegriff "balloon boy" schoss an die Spitze der Google-Trends.

Niemanden schien dabei zu stören, dass diese Story von Anfang an unplausibel war - nicht zuletzt die Journalisten selbst. Der Heimbau-Folienballon war viel zu leicht, um selbst einen kleinen Jungen tragen zu können. Die Schreckensmeldung, Falcon stecke in dem Heißluftmobil, hatte nur eine Quelle - die Heenes selbst. Die Heenes hatten übrigens zuerst den lokalen TV-Sender KUSA alarmiert - und erst dann den Notruf.

"Wir glaubten aufgrund von Gesprächen mit den örtlichen Behörden wirklich, dass da ein Kind in Gefahr sein könnte", sagte KUSA- Nachrichtenchefin Patti Dennis später. "Wir haben es behandelt, als wäre ein Kind in einem Einkaufszentrum verlorengegangen." Was freilich kein Grund ist für einen Weltsender wie CNN, sich der Hysterie anzuschließen - zumal CNN-Präsident Jon Klein ähnlichem TV-Unsinn eigentlich abgeschworen hat, namentlich den in Kalifornien beliebten Freeway-Autojagden.

Stattdessen übertrug CNN die Ballon-Legende - die nichts anderes war als eine aeronautische Autojagd - kritik- und recherchefrei. "Da ist ein sechsjähriger Junge drin", versicherte die CNN-Anchorfrau, derweil ein Kommentator sich mit großer Geste auf ein Satellitenfoto einschoss. Darauf fett markiert: "THE KID'S HOUSE."



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Emil Peisker 20.10.2009
1. Niedergang des gesamten TV-Journalismus
Zitat von sysopDie vermeintliche Ballonfahrt eines Sechsjährigen, die sich als Schwindel entpuppte, fasziniert Amerika. Das Pseudodrama um die Familie Heene aus Colorado enthüllt die Sensationssucht der Menschen und Medien. Beobachter machen daran sogar den Niedergang des gesamten TV-Journalismus fest. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,656125,00.html
Man erinnere sich an die kritiklose Übernahme der "Giftlabors" durch die Medien, die Begeisterung für den Irakkrieg wg. WMD's. Alles Fakes, egal, Hauptsache Action.
schnullerbacke76179 20.10.2009
2. Und Spiegel ist besser?
Und der Spiegel und die deutschen Medien sind da besser? Alle Menschen fahren doch auf so einen Kram ab. Natuerlich kann man da dann nachtraeglich einen auf 'tststs, kuck Dir mal die Idioten an' machen, aber hinschauen tut doch auch jeder.
urbansonnet 20.10.2009
3. Und selbst?!
Lieber Spiegel Online, wenn man schon so einen Artikel druckt, sollte man doch auch ein bisschen mehr Fähigkeit zur Selbstkritik zeigen. Vielleicht wurde hier nicht gerade der "Ballon Boy" in voller breite ausgeschlachtet, aber speziell in den Schlagzeilen wird sich ja auch gern jedem A bis C Promi hinterher gehechelt und Schlagzeilen aus den dünnsten Berichten gezimmert. Bevor man sich über den Qualitäts-Verfall anderer lustig macht, was ja sehr einfach ist, sollte man vorher mal vor der eigenen Haustür kehren. Seriöse Nachrichten sehen nämlich auch anders aus als hier bei Spiegel Online. Und das nicht erst seid gestern.
Gegengleich 20.10.2009
4. Zu Leicht ?
Zitat aus dem Artikel: ---Zitat--- ... Der Heimbau-Folienballon war viel zu leicht, um selbst einen kleinen Jungen tragen zu können. ... http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,656125,00.html ---Zitatende--- Hat da wieder einer nicht gut recherchiert, oder nur schlecht geschrieben? Wie kann der Ballon zu LEICHT sein, um den Jungen zu tragen. Soll das heißen, um so schwerer der Ballon, um so besser trägt er? Ich sehe hier noch einiges an Nachholbedarf. Nicht nur bei den Medien, die über den Flug berichtet haben, sondern auch bei den Medien, die sich darüber jetzt mokieren.
Renardmalin 20.10.2009
5. TV Journalismus ...
Zitat von sysopDie vermeintliche Ballonfahrt eines Sechsjährigen, die sich als Schwindel entpuppte, fasziniert Amerika. Das Pseudodrama um die Familie Heene aus Colorado enthüllt die Sensationssucht der Menschen und Medien. Beobachter machen daran sogar den Niedergang des gesamten TV-Journalismus fest. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,656125,00.html
... was ist denn das? Das Fernsehen ist doch auch in Deutschland zum reinen Arsch- und Tittenmedium verkommen. Wo kommt denn da noch seriöser Journalismus vor? Das betrifft übrigens beide, private wie öffentlich-rechtliche Sender. Ab und zu gibt es 'mal einen Lichtblick bei 3-Sat und Phoenix. Obwohl man hier auch unterdessen bei geschichtlichen Dokumentationen auf sehr fragliche "wissenschaftliche" Mittel zurückgreift. So konnte man beispielsweise gestern abend auf Phoenix, in einer Sendung über das biblische Ägypten, Moses persönlich in Sandalen durch den Wüstensand spazieren sehen. ... unerträglicher Kitsch!
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