Integration "Ich lebe nicht in Deutschland, sondern im Lager"

Das Asylbewerberheim im thüringischen Gerstungen hat einen schlechten Ruf. Zu Recht. Hier werden unerwünschte Zuwanderer von der ersten Sekunde an gezielt ausgegliedert: Isolation statt Integration. Ein Besuch.

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SPIEGEL ONLINE

Gerstungen an einem warmen Oktoberabend 2010: Ein Mann mit ungepflegtem Drei-Wochen-Bart torkelt über den rissigen Asphalt. Seine linke Hand umklammert eine goldglänzende Bierdose, als versuchte er, sich selbst und die Welt im Gleichgewicht zu halten. "Der ist bestimmt schon 20 Jahre hier - und er hasst sie alle", sagt Ali Rexha und schnalzt mit der Zunge. "Iraner, Kurden, Syrer oder Deutsche, für ihn sind alle gleich."

Hinter dem hünenhaften Kosovo-Albaner steht ein trostloser grauer Schuppen, neben ihm sein kurdischer Kumpel Nassan Hussen. "Lieber sterbe ich, als noch so lange hier zu blieben", flüstert der 44-Jährige, und er sagt das so bitter entschlossen, dass man ihm glaubt.

Die drei so unterschiedlichen Männer teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie leben im thüringischen Gerstungen in einem Asylbewerberheim, das wie so viele in der Region einen schlechten Ruf hat. An Überlastung kann das nicht liegen, denn die Zahl der Flüchtlinge im Freistaat sinkt mit jedem Jahr. Nur rund drei Prozent aller bundesweit einreisenden Asylbewerber nimmt Thüringen auf. Derzeit sind knapp 1500 Personen ausreisepflichtig, die aber aus unterschiedlichen Gründen geduldet werden.

Viele von ihnen leben in Unterkünften, die nicht von ungefähr als "Knast" verschrien sind. Der Weg ins Heim von Gerstungen wird versperrt von einem zwei Meter hohen, verrosteten Eisentor. Beim Betreten des Hauptgebäudes passiert man eine zerschlagene Fensterscheibe, aus der Erde ragt ein Metallstab, an dem sich unlängst ein spielendes Mädchen schwer verletzt haben soll. Im tristen, gelbgekachelten Treppenhaus erwecken mit Plastikschnüren verarztete, brüchige Eisengeländer wenig Vertrauen, im darüber liegenden Wohnbereich wird es nicht besser.

"Ich wohne mit meinen beiden Brüdern in einem Zimmer", sagt Nassans Tochter, die 21-jährige Hetajad, mit einem entschuldigenden Lächeln. Eine Besichtigung des Raums ergibt, dass eine - diskret mit einem Laken verhüllte - Wand komplett mit Schimmel überzogen ist. Geschätzte Wohnfläche: 14 Quadratmeter. Vater Nassan schläft mit seiner Frau auf zwei Matratzen, die er tagsüber hinter dem Schrank versteckt. Dafür hat die siebenjährige Silan ein eigenes Kinderbett.

Duschen im Gemeinschaftsbad ist für die Frauen von Gerstungen kein Spaß, denn es gibt nur einen fadenscheinigen Plastikvorhang und selten heißes Wasser. Von den Wänden blättert der Putz, und aus den Leitungen tropft es. Außerdem liegen die Toiletten direkt neben der Dusche, für zugigen Publikumsverkehr ist gesorgt.

Manche Neuankömmlinge brächten ansteckende Krankheiten ins Haus, empört sich Ali Rexha, der Kosovo-Albaner. Das Landratsamt des Wartburgkreises bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass trotz vorausgegangener Untersuchung bei einigen Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft Infektionen festgestellt wurden: "Diese wurden behandelt; sie waren nicht lebensbedrohlich", so Vizelandrat Friedrich Krauser. Für das laufende und kommende Jahr sei eine Teilsanierung von Heizung und Sanitärbereich sowie der Elektroinstallation geplant. "Im Rahmen der Wintervorbereitung" werde man beschädigte Fenster reparieren und noch "in diesen Tagen" eine Duschkabine installieren. Warum die Bewohner monatelang darauf warten mussten, erklärte Krauser nicht.

"Die Mauer wieder hochgezogen"

Doch es sind nicht nur die Enge und die Unannehmlichkeiten, die für Verdruss unter den Bewohnern sorgen. Es ist das Warten, die staatlich verordnete Untätigkeit, die in Apathie endet. Am äußersten Rand von Gerstungen liegt die sogenannte Gemeinschaftsunterkunft, isoliert zwischen Bahngleisen und der A4, die quer durch Deutschland führt, aber genau hier so wenig Verbindendes hat.

"Es ist, als habe man für die Zuwanderer die Mauer wieder hochgezogen", empört sich Clemens Wigger, der beim Flüchtlingsnetzwerk The Voice in Jena den öffentlichen Protest der Bewohner unterstützt. Knapp zwei Kilometer entfernt verläuft die Grenze zu Hessen - ein Gebiet, das für die Asylbewerber offiziell unerreichbar ist, denn in Thüringen besteht für sie "Residenzpflicht". Das bedeutet, dass sie den Landkreis, in dem sie gemeldet sind, ohne einen gebührenpflichtigen "Urlaubsschein" nicht verlassen dürfen.

Wenn sie es trotzdem tun und dabei ertappt werden, müssen sie ein Bußgeld zahlen. "Ich wurde schon dreimal erwischt", sagt Hamzar Barakat, ein schmaler Mann mit beeindruckend großen blauen Augen und leicht abstehenden Ohren. "Das letzte Mal musste ich 120 Euro bezahlen." Das ist mehr als ein Drittel seines gesamten Einkommens; der aus dem Gaza-Streifen stammende Asylbewerber bekommt monatlich 330 Euro ausgezahlt. Zu Beginn seines achtjährigen Aufenthalts lebte Barakat ausschließlich von Lebensmittelgutscheinen, die das Amt ausgab und die er dann in ausgewählten Discountern einlösen durfte.

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Forum - Wie viel Zuwanderung braucht Deutschland?
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Seite 1
elbdampfer 11.10.2010
1. Komische
Zitat von sysopCSU-Chef Horst Seehofer erwägt einen Zuwanderungsstopp für Türken und Araber, poltert gegen Integrationsverweigerer und will so rechte Wähler umwerben. Opposition und Teile der Regierung sind empört. Wie viel Zuwanderung braucht Deutschland?
Wer im Zusammenhang mit Seehofers Äußerungen solche Fragen stellt, hat offensichtlich nicht viel verstanden. Es geht nicht darum wieviel Zuwanderung Deutschland braucht sondern woher. Letztlich geht es darum, ob Zuwanderung gesteuert werden sollte oder nicht. Und ob bei dieser Steuerung Kulturkreis, Religion o.ä. eine Rolle spielen sollten. Meiner Ansicht nach haben wir durchaus das Recht, auf Qualifikation und Integrationswillen Zuwanderungswilliger zu schauen. Allerdings sollte dabei die Nationalität oder die Religion nicht als k.o.-Kriterium gelten.
masc672 11.10.2010
2. neuer Einwanderungsplan
Zitat von sysopCSU-Chef Horst Seehofer erwägt einen Zuwanderungsstopp für Türken und Araber, poltert gegen Integrationsverweigerer und will so rechte Wähler umwerben. Opposition und Teile der Regierung sind empört. Wie viel Zuwanderung braucht Deutschland?
Ist doch ganz einfach: Keine Einwanderung mehr in unsere Sozialkassen.
Sapientia 11.10.2010
3. Unsinn, wir benötigen keine hochqualifizierten Leute...
Zitat von sysopCSU-Chef Horst Seehofer erwägt einen Zuwanderungsstopp für Türken und Araber, poltert gegen Integrationsverweigerer und will so rechte Wähler umwerben. Opposition und Teile der Regierung sind empört. Wie viel Zuwanderung braucht Deutschland?
aus dem Ausland; man muß die hochqualifizierten dieses Landes nur angemessen bezahlen, damit die nicht ins Ausland abfliessen. Der deutsche Unternehmer will alles umsonst; das ist das Problem. Macht doch mal eine statistische Umfrage, er zB in Berlin alles Taxis führt; man wird erstaunt sein. Der Doppelnelson der deutschen Industrie um deutsche politische Willensbildung führt letztlich auch dazu, dass horrende Ausgaben für deutsche Studenten gemacht werden, der deutsche Unternehmer ihnen aber nur Hungerlöhne offeriert. Das ist das Problem. Zuwanderung ist ja insoweit ganz willkommen, soweit sie mentalitätsmäßig dazu beitragen könnte, das deutsch-etablierte Spiessertum sowohl im gesellschaftlichen, wie im unternehmerischen Bereich zu erschüttern und ggf zu begradigen. Als zusätzliche Arbeitnehmer benötigen wir sie nicht! Wie gesagt - das Problem ist der deutsche Unternehmer: sich vom Staat subventionieren lassen und den deutschen Arbeitnehmern in den Ar... treten - Hallo Wach Angela Merkel!
obreot 11.10.2010
4. Erst Arbeitslose qualifizieren!!
Deutsche Firmen wollen doch nur noch Fachkräfte, die aus dem Stand 100% bringen, die Hälfte kosten und den Mund halten. Sie scheinen nicht gewillt zu sein Menschen die nur zu 80% auf ein Stellenprofil passen einzuarbeiten. Lieber schreit man nach ausländischen Fachkräften. Solange es in Deutschland immernoch zehntausende qualifizierte und teils hochqualifizierte Arbeitslose gibt, die mit Hauptschülern um Billigjobs konkurrieren müssen, solange verbietet sich jeder Fachkräftezuzug. Da hat Seehofer doch schlicht recht.
wolfgangbier 11.10.2010
5. Seehofers lichte Momente
Herr Seehofer, egal ob Gesundheits-, Verbraucherschutz-, Landwirtschaftsminister hat bisher weitestgehend unauffällig seine Resorts verwaltet. Schlagzeilen produzierte die Frage, für wieviele Haushalte er ein Fernsehzeitschriften-Abo benötigt. Jetzt versucht er sich als Rechter. Hätte er nur gesagt, daß wir eine qualifizierte Zuwanderung bräuchten und keine ungebremste Einwanderung in unsere Sozial-Systeme und wie man das bewerkstelligen könnte. Nein, das hat er nicht gesagt. Also ist sein Vorstoß: Typisch Seehofer, viel Lärm um Nichts.
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