Fotoprojekt zu den Mosuo in China Diese Frau hat das Kommando

Bei den Mosuo entscheiden Frauen, wo es langgeht. Ein Segen für die Menschen, sagt Fotografin Karolin Klüppel, die mehrere Monate bei der ethnischen Minderheit in Südchina verbrachte.

Karolin Klüppel

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Männer als Samenspender und Arbeitstiere, Frauen als Amazonen, denen die unterlegenen Herren jeden Wunsch von den Lippen ablesen: Vorurteile wie diese prägen die Vorstellungen über das Matriarchat. Besonders gerne wird für die Fantasie das Volk der Mosuo als Beispiel bemüht.

In der ethnischen Minderheit, die vor allem am Lugu-See im Süden Chinas lebt, gilt das Prinzip der Mutterlinie. Kinder bleiben ihr Leben lang im Haushalt der Mutter, die Kontrolle über das Heim wird an die nächste Tochtergeneration weitergegeben.

Wie Vertreterinnen der Mosuo vom Lugu-See selbst schreiben, haben die Frauen in ihrer Gesellschaft eine hervorgehobene Stellung. Sie entscheiden über den Besitz der Familie, regeln geschäftliche Angelegenheiten, kontrollieren den Haushalt.

"Kingdom of Daughters" nennt das die "New York Times", vom "Reich der Mütter" schreibt "Geo" und selbst der "Playboy" findet einen ganz eigenen Zugang zum Thema: "Das Männerparadies".

"Ab morgen brauchst du mich nicht mehr zu besuchen"

Die Berliner Fotografin Karolin Klüppel reiste dreimal an den Lugu-See, um mit den Mosuo zu leben, jeweils für vier bis sechs Wochen. Trotz Kommunikationsschwierigkeiten bekam sie einen Einblick in das Leben der sogenannten Dabu, der Matriarchinnen der Mosuo.

"Die Menschen leben in Großfamilien mit mehreren Generationen zusammen, die ein Oberhaupt haben", sagt Klüppel. "Dieses Oberhaupt ist immer eine Frau, in der Regel zwischen 30 und 70 Jahre alt." Paare besuchen sich bei den Mosuo der Tradition entsprechend nur nachts. "Der Mann geht in der Dämmerung zum Haus einer Frau und verschwindet im Morgengrauen wieder in das Haus seiner Familie."

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Die Frauen der Mosuo: Matriarchinnen des Friedens

Intimität werde sehr unter Verschluss gehalten, sagt Klüppel. Im Gegensatz zu anderen Berichten hat sie bei den Mosuo kein ständiges Kommen und Gehen von neuen Sexualpartnern bei den Frauen erlebt.

Allerdings sagt Klüppel auch: "Eine zeremonielle Ehe, die offiziell dokumentiert wird, gibt es bei den Mosuo nicht." Oftmals hielten die sogenannten Wanderehen zu Männern jahrelang bis ein Leben lang, die Partnerschaften könnten aber auch einfach aufgelöst werden. Meist sei es dann die Frau, die sage: "Ab morgen brauchst du mich nicht mehr zu besuchen."

Wann ist ein Mann ein Mann?

Die Frauen seien für die Feldarbeit und die Pflege der Häuser zuständig, die Männer würden die Gebäude errichten und sich beispielsweise um Beerdigungen und das Füttern der Tiere kümmern, aber auch beim Kochen helfen und oft die Erziehung der Kinder übernehmen. "Was sie zu machen haben, sagt ihnen ihre Mutter", so Klüppel. "Die Frauen dirigieren."

Die härtere Arbeit auf den landwirtschaftlichen Höfen obliege den Frauen. "Das sieht man auch an ihren Körpern", sagt Klüppel. "Sie sind viel muskulöser als die Männer." Minderwertigkeitskomplexe hätten die männlichen Mosuo aber keine. "Die Männer, die ich kennengelernt habe, waren sehr stolz auf ihre Kultur", so die Fotografin.

Die Familie bedeute ihnen alles, die Männer würden Frauen respektieren und ehren. Ihr Fahrer habe nach mehreren Wochen das ganze Geld an die Mutter abgegeben, so Klüppel."Er sagte immer, Frauen seien das bessere Geschlecht."

Bedrohte Kultur

Im Vergleich zu patriarchal geprägten Gesellschaften sei ihr vor allem aufgefallen, wie friedlich die Kultur der Mosuo sei, sagt Klüppel. Doch diese Kultur des friedlichen Miteinanders ist bedroht. Wie die Mosuo berichten, stehen sie seit der Kulturrevolution unter dem Druck der Han-Chinesen, mit vielen ihrer Traditionen zu brechen. "Ab 1957 zwangen uns die Chinesen, unsere Partnerbräuche aufzugeben", sagt die 70-jährige Sergei Dorma aus dem Dorf Shankua. "Sie nannten es Ein-Mann-eine-Frau-Kampagne."

Dennoch haben sich die Mosuo bis heute viele ihrer alten Bräuche bewahrt. Bräuche, die laut Klüppel nun instrumentalisiert werden, um Touristen in die Region zu locken.

Es gebe mittlerweile am See unzählige Hotels und auch chinesische Prostituierte, die sich als Mosuo verkleiden würden. Viele männliche Touristen werden laut Klüppel von der falschen Interpretation der Wanderehe angelockt. Und von der Annahme, Mosuo-Frauen seien leicht zu haben. "Die Kultur der Mosuo wird missbraucht", sagt Klüppel.

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