Ich komme aus einer strengen, sparsamen Familie. Mein Vater war ein Kriegsveteran, meine Mutter Tochter von Landjunkern. Als Kind band man ihr einen Stock in den Rücken, damit sie gerade saß. Der Lieblingssatz meines Vaters: "Heute gibt es Brot mit Daumen und Zeigefinger belegt." Ich fand das schon als Sechsjähriger nur bedingt komisch.
In der Pubertät hatte ich es dann aber relativ einfach. Man muss nicht besonders kreativ sein, um Leute auf die Palme zu bringen, die ihre eigenen Eltern noch gesiezt haben und Jeanshosen nur aus dem Fernsehen kennen. Man lümmelt sich einfach schief an den Esstisch, quatscht den Erwachsenen dazwischen, wenn sie Franz Josef Strauss oder Helmut Kohl loben und legt ostentativ Daumen und Zeigefinger aufs Brot.
Wie schön, dass meine Mutter jetzt noch erleben kann, wie aus mir der Junge geworden ist, den sie sich in den siebziger Jahren immer gewünscht hat. Ein Kind, das artig ist, die Klappe hält und sich mit sich selbst beschäftigt. Dass dieses Kind im Körper eines erwachsenen Mannes steckt, stört sie überhaupt nicht. Die meisten Eltern würden einen sowieso auf der letzten Niedlichkeitsstufe einfrieren - wenn das aufgrund verrückter technischer Experimente möglich wäre. Bei mir war das ungefähr im Alter von fünf.
Dass ich jetzt so ein guter Junge bin, liegt am Internet. Das Internet hat mir Manieren beigebracht. Ich befolge jetzt all jene Verhaltensregeln, mit denen mich meine Eltern immer schikaniert haben.
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Regel Nummer eins: Hör auf rumzuzappeln, setz dich ordentlich hin!
Ich sitze jeden Tag mehrere Stunden vor dem Rechner, aufrecht und akkurat. Gebannt schaue ich auf den Schirm, das Einzige, was sich bewegt, sind meine Hände und meine Augen. Man kann mich jetzt überall mit hinnehmen, man muss nur ein iPad anwerfen und schon bin ich artig wie ein Chorknabe.
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Regel Nummer zwei: Konzentrier dich!
Das Internet nimmt mich total gefangen. Gangnam-Style-Videos, Fotostrecken von Kriegsverbechern oder die Facebook-Einträge von Charlie Sheen: Das reicht, um mich zu fesseln. Konzentrierter als ich kann niemand die Live-Mitschnitte internationaler Miss-Wahlen anschauen. Ich glaube übrigens, dass die natürliche Eleganz der Norwegerinnen überschätzt wird. Aber das ist ein anderes Thema.
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Regel Nummer drei: Schau mich an, wenn ich mit dir rede!
Nun redet das Internet nicht mit mir, aber wenn man das Geschehen auf dem Bildschirm als Gegenüber begreift, dann schaue ich das so was von an, also, ich lasse da nichts und niemanden auch nur für eine Sekunde aus dem Blick. Ich starre auf diesen Schirm, als ob man meine Halsmuskeln mit Stahlstreben ersetzt hätte. Wenn Webseiten sprechen könnten, würden sie sagen: Noch nie habe ich mich so gesehen gefühlt.
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Regel Nummer vier: Denk erst mal nach, bevor du redest!
Wenn man Nachdenken mit sich informieren gleichsetzt, dann bin ich der nachdenklichste Mensch der Welt. Ich informiere mich über alles und das in umfassendem Maße. Zum Beispiel die Wahlen in Amerika: Ich habe auf SPIEGEL ONLINE so viele Themenseiten dazu durchgelesen, dass ich als Politikberater im Weißen Haus arbeiten könnte. Für Romney. Und für Obama.
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Regel Nummer fünf (in Frageform): Musst du dich immer draußen rumtreiben?
Ich treibe mich nirgendwo herum, schon gar nicht draußen. Draußen ist das Internet zu langsam, und für meine Recherchen, siehe Regel Nummer vier, brauche ich einen ordentlichen Bildschirm, da ist mir ein Smartphone zu mickrig. Ich lebe in einem Zustand permanenten Stubenarrests, die Hausaufgaben stelle ich mir selber. Wie war das gleich noch mal mit den Mehrheitsverhältnissen bei der NRW-Wahl? Wie kriegt man eigentlich Diabetes in den Griff? Ist die neue Platte von Rihanna wirklich so gut und wenn nicht, wie sieht das im Vergleich die britische, amerikanische und australische Popkritik?
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Regel Nummer sechs (ebenfalls in Frageform): Was willst du uns jetzt eigentlich sagen?
Twitter hat mir geholfen, mich kurz zu fassen. Ich kann jetzt komplizierteste Gedanken, Gefühlslagen oder Meinungen in Haiku-Länge formulieren. Das Gedruckse und Gestammel, mit dem ich früher meine Erzeuger in die Verzweiflung trieb, existiert nur noch in der Erinnerung an eine rhetorisch und intellektuell ineffiziente Zeit.
Das Internet ist der neue Knigge. Und wie bei Knigge gilt: Weil der Mensch eine schwache Natur ist, funktioniert die Disziplinierung nur durch ständige Einübung.
Und so tauche ich jeden Tag wieder am Rechner auf, übrigens ordentlich gekleidet. Auch der Schreibtisch ist aufgeräumt, das Zimmer tipptopp in Schuss. Man weiß ja nie, wer beim Skypen auf der anderen Seite noch überraschend auftaucht.
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