Netz als Knigge: Was hat das Internet bloß aus euch gemacht?

Von Daniel Haas

Durch das Internet verrohen die Sitten? Von wegen! Das Netz ist der perfekte Benimmtrainer. Es macht aus uns Musterknaben und Bilderbuchtöchter. Wir werden vorm Rechner endlich zu den Kindern, die sich unsere Eltern immer gewünscht haben.

Mann vor Laptop: Ein richtig guter Junge Zur Großansicht
Corbis

Mann vor Laptop: Ein richtig guter Junge

Ich komme aus einer strengen, sparsamen Familie. Mein Vater war ein Kriegsveteran, meine Mutter Tochter von Landjunkern. Als Kind band man ihr einen Stock in den Rücken, damit sie gerade saß. Der Lieblingssatz meines Vaters: "Heute gibt es Brot mit Daumen und Zeigefinger belegt." Ich fand das schon als Sechsjähriger nur bedingt komisch.

In der Pubertät hatte ich es dann aber relativ einfach. Man muss nicht besonders kreativ sein, um Leute auf die Palme zu bringen, die ihre eigenen Eltern noch gesiezt haben und Jeanshosen nur aus dem Fernsehen kennen. Man lümmelt sich einfach schief an den Esstisch, quatscht den Erwachsenen dazwischen, wenn sie Franz Josef Strauss oder Helmut Kohl loben und legt ostentativ Daumen und Zeigefinger aufs Brot.

Wie schön, dass meine Mutter jetzt noch erleben kann, wie aus mir der Junge geworden ist, den sie sich in den siebziger Jahren immer gewünscht hat. Ein Kind, das artig ist, die Klappe hält und sich mit sich selbst beschäftigt. Dass dieses Kind im Körper eines erwachsenen Mannes steckt, stört sie überhaupt nicht. Die meisten Eltern würden einen sowieso auf der letzten Niedlichkeitsstufe einfrieren - wenn das aufgrund verrückter technischer Experimente möglich wäre. Bei mir war das ungefähr im Alter von fünf.

Dass ich jetzt so ein guter Junge bin, liegt am Internet. Das Internet hat mir Manieren beigebracht. Ich befolge jetzt all jene Verhaltensregeln, mit denen mich meine Eltern immer schikaniert haben.

  • Regel Nummer eins: Hör auf rumzuzappeln, setz dich ordentlich hin!

    Ich sitze jeden Tag mehrere Stunden vor dem Rechner, aufrecht und akkurat. Gebannt schaue ich auf den Schirm, das Einzige, was sich bewegt, sind meine Hände und meine Augen. Man kann mich jetzt überall mit hinnehmen, man muss nur ein iPad anwerfen und schon bin ich artig wie ein Chorknabe.
  • Regel Nummer zwei: Konzentrier dich!

    Das Internet nimmt mich total gefangen. Gangnam-Style-Videos, Fotostrecken von Kriegsverbechern oder die Facebook-Einträge von Charlie Sheen: Das reicht, um mich zu fesseln. Konzentrierter als ich kann niemand die Live-Mitschnitte internationaler Miss-Wahlen anschauen. Ich glaube übrigens, dass die natürliche Eleganz der Norwegerinnen überschätzt wird. Aber das ist ein anderes Thema.
  • Regel Nummer drei: Schau mich an, wenn ich mit dir rede!

    Nun redet das Internet nicht mit mir, aber wenn man das Geschehen auf dem Bildschirm als Gegenüber begreift, dann schaue ich das so was von an, also, ich lasse da nichts und niemanden auch nur für eine Sekunde aus dem Blick. Ich starre auf diesen Schirm, als ob man meine Halsmuskeln mit Stahlstreben ersetzt hätte. Wenn Webseiten sprechen könnten, würden sie sagen: Noch nie habe ich mich so gesehen gefühlt.
  • Regel Nummer vier: Denk erst mal nach, bevor du redest!

    Wenn man Nachdenken mit sich informieren gleichsetzt, dann bin ich der nachdenklichste Mensch der Welt. Ich informiere mich über alles und das in umfassendem Maße. Zum Beispiel die Wahlen in Amerika: Ich habe auf SPIEGEL ONLINE so viele Themenseiten dazu durchgelesen, dass ich als Politikberater im Weißen Haus arbeiten könnte. Für Romney. Und für Obama.
  • Regel Nummer fünf (in Frageform): Musst du dich immer draußen rumtreiben?

    Ich treibe mich nirgendwo herum, schon gar nicht draußen. Draußen ist das Internet zu langsam, und für meine Recherchen, siehe Regel Nummer vier, brauche ich einen ordentlichen Bildschirm, da ist mir ein Smartphone zu mickrig. Ich lebe in einem Zustand permanenten Stubenarrests, die Hausaufgaben stelle ich mir selber. Wie war das gleich noch mal mit den Mehrheitsverhältnissen bei der NRW-Wahl? Wie kriegt man eigentlich Diabetes in den Griff? Ist die neue Platte von Rihanna wirklich so gut und wenn nicht, wie sieht das im Vergleich die britische, amerikanische und australische Popkritik?
  • Regel Nummer sechs (ebenfalls in Frageform): Was willst du uns jetzt eigentlich sagen?

    Twitter hat mir geholfen, mich kurz zu fassen. Ich kann jetzt komplizierteste Gedanken, Gefühlslagen oder Meinungen in Haiku-Länge formulieren. Das Gedruckse und Gestammel, mit dem ich früher meine Erzeuger in die Verzweiflung trieb, existiert nur noch in der Erinnerung an eine rhetorisch und intellektuell ineffiziente Zeit.

Das Internet ist der neue Knigge. Und wie bei Knigge gilt: Weil der Mensch eine schwache Natur ist, funktioniert die Disziplinierung nur durch ständige Einübung.

Und so tauche ich jeden Tag wieder am Rechner auf, übrigens ordentlich gekleidet. Auch der Schreibtisch ist aufgeräumt, das Zimmer tipptopp in Schuss. Man weiß ja nie, wer beim Skypen auf der anderen Seite noch überraschend auftaucht.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Aha
Meckermann 11.12.2012
Selten einen inhaltsleereren Artikel gelesen. Wollte der Autor damit etwas sagen? Wenn ja, was?
2.
oneironaut 11.12.2012
...sprechen da aber eine andere Wahrheit. Die genannten Regeln sind auch nur bedingt richtig! Man kann auch das Gegenteil des gesagten beobachten.
3.
rosengregor 11.12.2012
Auch wenn der Text humorig gemeint und die Beispiele entsprechend gewählt sind, es steckt doch eine Menge Wahrheit in der These. Wir haben im Internet z.B. gelernt, dass Teilen bedeutet, nicht nach einem unmittelbaren Austausch zu fragen, sondern einfach mal zu geben und einfach mal zu nehmen, so dass es am Ende allen besser geht. Eine Frage in einem Forum beantworten, der Welt eine Nachricht twittern, einen Film hochladen: die meisten, die das tun, tun es unentgeltlich und freiwillig. Wir sind großzügig und altruistisch geworden. Wir haben im Internet auch gelernt, dass unsere Aussagen auf uns zurückfallen. Natürlich wurde schon so manch einer beschimpft, aber der Beschimpfer wurde auch schon öfters noch übler zurückbeschimpft. Und viel wichtiger: Daran erinnert sich das Netz ggf. noch Jahre danach. Klar entgleist das ein oder andere, aber die Transparenz oder wenigstens die Drohung mit dieser führt doch zu einem deutlich bedachteren Umgang. Nach der ersten Sturm-und-Drang-Phase des Internet haben wir gelernt, auch rasch getippte Worte und Zeichen sorgfältig zu wählen - jedenfalls die Meisten von uns. Wir haben im Netz auch gelernt, dass es wirklich eine Welt außerhalb unseres Dorfes gibt. Natürlich gerät man immer wieder in kleine eigene Blasen hinein und bekommt dann doch nichts mehr mit vom großen Ganzen, aber immer öfters öffnet uns das Internet eben doch die Augen für die Lebenswirklichkeiten und Sichtweisen von Menschen, die wir auf der Straße nicht treffen oder jedenfalls nicht ansprechen würden. Das befriedigt unsere Neugier, macht uns aber auch tolerant.
4. ?
cythere 11.12.2012
Jugend schreibt. Ein Versuch.
5. Einstein
Highfreq 11.12.2012
Einstein hat mal gesagt: Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere menschlichen Interaktionen übertrifft. Die Wekt wird eine Generation von Idioten bekommen. Welcher Generation der Autor entspringt, kann ich nur vermuten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Internet
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 28 Kommentare