Intersexualität: Der Umgang mit dem "Middlesex"

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Der Deutsche Ethikrat wagt sich an ein Tabuthema: In einer an diesem Donnerstag vorgestellten Expertise dokumentiert er die Situation von Intersexuellen und gibt Empfehlungen für Gesetzgeber, Mediziner und Gesellschaft. Es könnte der Beginn einer Integration der Betroffenen sein.

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Weniger eindeutig als gedacht: Das Geschlecht hat mehr als zwei Varianten

Im Jahr 2002 schockierte und faszinierte der US-Schriftsteller Jeffrey Eugenides seine Leser mit einer Geschichte, die aus höchst ungewöhnlicher Perspektive erzählt war: Seine Heldin Calliope Stephanides ist weder Mann noch Frau, sondern ein Hermaphrodit. In "Middlesex" läßt sie, die am Ende eine männlich geprägte Identität wählt, uns die Welt und ihre Normalität durch ihre Augen sehen. Mehr Mitgefühl und Identifikation als in diesem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten literarischen Werk erleben Hermaphroditen selten.

Denn die meisten Kulturen haben erhebliche Probleme mit denjenigen in ihrer Mitte, die "anders" sind: Es verunsichert, macht Angst, weckt Aggressionen. Auch bei uns mag öffentlich die Integration beschworen werden, im Alltag herrscht allzu oft noch Ausgrenzung von Minderheiten. Kaum eine Minderheit erscheint den meisten Menschen fremder als Hermaphroditen.

Als Thema ein Tabu, körperlich ein Stigma

Wie muss das sein, wenn sich mit beginnender Pubertät der eigene Körper sichtbar uneindeutig entwickelt, wie Mediziner sagen? Wenn Hormone körperliche Veränderungen verursachen, die einem regelrechten Geschlechtswechsel gleichkommen? Wie muss das sein, von anderen deshalb als Freak, als Abweichung vom Normalen gesehen zu werden? Es ist nicht lange her, dass man Hermaphroditen auf dem Rummel ausstellte. In den Sammlungen mancher naturkundlicher Museen findet man noch hermaphrodite Embryonen in Formaldehyd.

In der westlichen Kultur hat man den Hermaphrodismus bisher oft als Problem behandelt, das mit medizinischen, im Extremfall chirugischen Mitteln "gelöst" wurde. Auch in Deutschland ist das geschehen, manchmal selbst ohne die Eltern eines Kindes, dass "umoperiert" wurde, adäquat zu informieren. Produziert wurden Frauen mit männlichem Hormonhaushalt oder kosmetische "Notlösungen", oft mit qualvollen Spätfolgen und lebenslangen Traumatisierungen.

Betroffenenverbände drängen seit Jahrzehnten darauf, intersexuelle Körperlichkeit - wenn von den Einzelnen gewollt - als "drittes Geschlecht" anzuerkennen. Andere verorten sich eindeutig beim einen oder anderen Geschlecht, finden dafür aber keine Akzeptanz.

Zwei Geschlechter reichen nicht

Schätzungen sprechen von 8000 Betroffenen in Deutschland, andere von 80.000 - je nachdem, wie man Intersexualität definiert (siehe Info-Kasten links). So klein diese Gruppe aber sein mag, so fundamental sind ihre Probleme: Intersexuelle Menschen sind im Raster unserer rechtlichen und sozialen Ordnung bisher schlicht nicht vorgesehen.

Es zeichnet eine aufgeklärte Gesellschaft aus, sich solchen Fragen ernsthaft zu stellen. Der Deutsche Ethikrat hat dies seit Herbst 2010 im Auftrag von Gesundheits- und Bildungsministerium getan. Auch der Bundestag befasste sich am 24. November 2011 erstmals mit den Grundrechten intersexueller Menschen. Es herrschte Konsens, dass etwas für die Intersexuellen geschehen müsse. Von der Expertise des Ethikrates erhofften sich die Parlamentarier die Klärung "vieler Fragen (...) und ein sicheres Fundament für etwaige politische Entscheidungen" (Peter Tauber, CDU).

Am heutigen Donnerstag stellte der Ethikrat in Berlin seine 201 Seiten umfassende Stellungnahme vor. Es ist ein in mehrfacher Hinsicht lehrreiches Dokument.

Es geht um ganz grundsätzliche Fragen: Sind Intersexuelle Kranke? Darf man auf ihren Zustand mit medizinischen Mitteln Einfluss nehmen, bevor sie alt genug sind, das selbst zu entscheiden? Wie behandelt man ein Kind, das sich über Jahre nicht auf ein Geschlecht festlegt? Und was entscheidet die geschlechtliche Zuordnung: Der Chromosomensatz, die Ausprägung körperlicher Merkmale oder das eigene Empfinden? Männer und Frauen dürfen heiraten, gleichgeschlechtliche Paare zumindest Lebensgemeinschaften eintragen - aber was dürfen Intersexuelle? Und was steht in ihrem Pass?

Plädoyer für Integration

In welchem Geist der Ethikrat solche Fragen angeht, macht er gleich zu Anfang klar. Er schließt sich einer Neuübersetzung des Begriffes DSD an, mit dem Abweichungen von der vorherrschenden Frau-Mann-Sexualität zusammengefasst werden: Da wird DSD nicht mehr mit "disorders of sex development (Störungen der sexuellen Entwicklung)" übersetzt, sondern mit "differences of sex development (Unterschiede der sexuellen Entwicklung)".

Am Ende stehen Empfehlungen, die den Forderungen der Betroffenenverbände weitestgehend entsprechen. Dazu gehört zum einen ein Katalog von Anregungen für die Regelung der medizinischen Betreuung und Beratung, um Intersexuelle vor Schäden durch Fehlbehandlung zu bewahren. Zum anderen regt der Ethikrat an, Intersexuelle im Personenstandsrecht als eigene Kategorie einzuführen.

Letztlich geht es aber um die Anerkennung einer bisher fast komplett ignorierten Realität. Die Empfehlungen des Ethikrates werden die Probleme im Alltag nicht lösen. Auch wenn der Gesetzgeber beispielsweise der Empfehlung folgt, neben "männlich" und "weiblich" im Pass einen Geschlechtseintrag "anders" einzuführen, wird das Intersexuelle nicht vor diskriminierender Häme bewahren.

Und doch ist der Bericht ein Anfang, der genau das ändern könnte. Er schafft für das Thema eine Plattform der öffentlichen Diskussion, entreißt es damit der Zoten-Zone. Es wird oft gefragt, wozu man Ethikräte und -kommissionen überhaupt braucht. Beim Versuch einer Gesellschaft, einen Standpunkt gegenüber so einem Tabuthema zu finden, braucht man da nicht lange nach Gründen zu suchen.

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insgesamt 40 Beiträge
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1.
unterländer 23.02.2012
Zitat von sysopDer Deutsche Ethikrat wagt sich an ein Tabuthema: In einer an diesem Donnerstag vorgestellten Expertise dokumentiert er die Situation von Intersexuellen und gibt Empfehlungen für Gesetzgeber, Mediziner und Gesellschaft. Es könnte der Beginn einer Integration der Betroffenen sein. Intersexualität: Der*Umgang mit dem "Middlesex" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,816807,00.html)
Warum sollen zwei Geschlechter zu Bestimmung nicht ausreichen? Es gibt Männer und Frauen. Und dann gibt es welche, die sich zunächst nicht zuordnen lassen, jedoch in aller Regel eine Identität entwickeln, die dem einen oder anderen Geschlecht entspricht. Den Wenigen, denen eine sexuelle Identität nicht gegönnt ist, ein eigenes Geschlecht zuordnen zu wollen, ist unnötig. Was hätten sie davon?
2. ?
Leser161 23.02.2012
Was genau ist jetzt das Problem, dass hier gelöst werden soll? Hilft es Betroffenen wenn Sie ein Drittes Geschlecht auf amtlichen Formularen bekommen? Ist es wichtig ob Intersexualität eine Krankheit ist oder nicht? Warum besinnen wir uns nicht einfach auf Grundlegendes? Intersexuelle sind Menschen, die anders sind. Wenn Sie mit diesem Anderssein ein Problem haben, sollten wir schauen, dass wir Ihnen helfen. Wenn Sie so bleiben wollen, wie Sie sind, sollten wir auch das respektieren, auch wenn uns diese Menschen vielleicht beunruhigen mögen.
3. Man kann auch aus allem ein Problem konstruieren
technik68 23.02.2012
Zitat von sysopDer Deutsche Ethikrat wagt sich an ein Tabuthema: In einer an diesem Donnerstag vorgestellten Expertise dokumentiert er die Situation von Intersexuellen und gibt Empfehlungen für Gesetzgeber, Mediziner und Gesellschaft. Es könnte der Beginn einer Integration der Betroffenen sein. Intersexualität: Der*Umgang mit dem "Middlesex" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,816807,00.html)
Leider verschweigt der Artikel die Anzahl der deutschen Staatsbürger, die entsprechend "anders" entwickelt sind, aber ich vermute, dass wir es hier mit einem
4. Neue Sau im Dorf
Spiegelleser2.0 23.02.2012
Na, da haben wieder die Medien ein Trend- und Hypethema gefuden, mit dem man billig die Seiten und Sendeminuten füllen kann. Es ist keine Krankheit (da haben wir ganz andere und ernsterere Probleme) und betrifft nur sehr wenige) warum dann die große mediale Resonanz?
5. Genau das trifft es sehr gut ...
eine-Meinung-unter-Vielen 23.02.2012
Zitat von sysop...Die Empfehlungen des Ethikrates werden die Probleme im Alltag nicht lösen. Auch wenn der Gesetzgeber beispielsweise der Empfehlung folgt, neben "männlich" und "weiblich" im Pass einen Geschlechtseintrag "anders" einzuführen, wird das Intersexuelle nicht vor diskriminierender Häme bewahren. Intersexualität: Der*Umgang mit dem "Middlesex" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,816807,00.html)
... keine _Häme_ oder Diskriminierungen für Menschen, die _anders_ sind - also mehr Toleranz und den Menschen im Menschen sehen und akzeptieren. Leider fällt das vielen schwer und kann durch eine dritte Geschlechtsbezeichnung in den Papieren nicht befördert werden. Allgemeine Aufklärung über ein Tabu-Thema wäre vielleicht hilfreich und immer wieder der Hinweis auf die Würde des Menschen.
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Intersexualität
Der Deutsche Ethikrat definiert den Begriff in einfachen Worten: Intersexuelle sind demnach "Menschen, die sich aufgrund von körperlichen Besonderheiten des Geschlechts nicht eindeutig als männlich oder weiblich einordnen lassen".

Man darf sich dabei auch kein eindeutig beschreibbares "Zwischengeschlecht" vorstellen. Zwischen Männlich und Weiblich gibt es ein Feld der Varianz mit hochgradig unterschiedlichen Ausprägungen. Es gibt genetische Variationen zum üblichen XX- oder XY-Muster, von denen selbst die Betroffenen mitunter nichts erfahren. Es gibt scheinbar eindeutige Sexualitäten, die hormonell induziert in Fluss geraten. Es gibt Kombinationen geschlechtlicher Merkmale, die sichtbar sind und solche, für die das nicht gilt. Selten gibt es sogar Fälle, in denen nicht alle Zellen eines menschlichen Körpers das gleiche Geschlecht haben. Man kann Intersexualität also als Sammelbegriff verstehen.

Immer aber gilt: Intersexualität ist körperlich definiert - im Gegensatz zur Transsexualität, bei der das eigene Empfinden nicht mit dem Geschlecht korrelliert. Intersexuelle können sich selbst als Mann oder Frau, als Gemischt-geschlechtlich in Abstufungen oder als eigenständiges Geschlecht empfinden.

Weiterführende Informationen bieten Betroffenenverbände an. Über teils umfangreiche Web-Präsenzen mit Informationsmaterialien und Kontaktmöglichkeiten verfügen die aufgeführten Organisationen:

Netzwerk DSD

Intersexuelle Menschen e.V.

Hamburger Forschergruppe Intersex

Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen


Buchtipp
Jeffrey Eugenides' Roman "Middlesex" war nicht das erste Buch, das einen Hermaphroditen in den Mittelpunkt stellte - aber es war herausragend.

Die Heldin Calliope Stephanides macht uns zum Zeugen ihrer Normalitäten: Wie aus dem Mädchen erst etwas Unbestimmtes wird, wie ihre Selbstgewissheit und Identität erst zerfällt und sie später zu einer neuen Normalität findet - irgendwo zwischen Mann und Frau, im "Middlesex".

Ein Tipp für Leser, die sich dem Thema Intersexualität jenseits von Sachliteratur nähern wollen.