Amazonas-Bischof Kräutler: "Wir dürfen uns nicht in der Sakristei verstecken"

Alternativer Nobelpreisträger und engagierter Bischof: Erwin Kräutler Zur Großansicht
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Alternativer Nobelpreisträger und engagierter Bischof: Erwin Kräutler

Er zeigt sexuellen Missbrauch an und mischt sich ein in Politik und Umweltschutz. Deshalb muss der brasilianische Bischof Erwin Kräutler nach Morddrohungen unter Polizeischutz leben. Vom neuen Papst erhofft sich der Befreiungstheologe eine kompromisslose Haltung in Sachen Sexualstraftaten.

SPIEGEL ONLINE: Papst Franziskus wurde gerade ins Amt eingeführt. Sind Sie als brasilianischer Bischof froh, einen Lateinamerikaner auf dem Heiligen Stuhl zu sehen?

Kräutler: Ich bin begeistert! Mit ist es letztlich egal, wo der Pontifex herkommt, aber Franziskus ist ein offener Mensch und ein guter Seelsorger, das lässt hoffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Jorge Bergoglio mehrfach auf Konferenzen getroffen. Was ist er für ein Mensch?

Kräutler: Er ist genau so, wie er auch in der Öffentlichkeit wirkt: sehr zugänglich, sehr herzlich, ein Mann ohne Berührungsängste, einfach und schlicht.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit wird allerorts Franziskus' Bescheidenheit gerühmt. Kann diese ostentative Verweigerung von Pomp und Prunk nicht schnell zur Attitüde verkommen?

Kräutler: Nein, denn er ist ja ganz authentisch dabei. Franziskus hat immer einfach gelebt, wurde nicht umsonst der Kardinal der Armen genannt. Manchem mag die Frage um einen silbernen oder goldenen Ring am Finger des Pontifex albern vorkommen - aber eine Geste sagt manchmal mehr als alle Worte.

SPIEGEL ONLINE: Franziskus gilt als Konservativer. Wie nah oder fern ist er den liberalen Befreiungstheologen, zu denen auch Sie gehören?

Kräutler: Er engagiert sich ganz bewusst für die Ausgegrenzten und vertritt damit eines unserer Hauptanliegen. Wenn er die Bedürftigen nicht nur als arme Hascherl ansieht, sondern fragt, welche Strukturen dafür verantwortlich sind, dass es ihnen immer schlechter und den Reichen immer besser geht, dann ist das ein Grundanliegen der Befreiungstheologie. Die Armen fallen schließlich nicht vom Himmel. Sie werden zu dem gemacht, was sie sind.

SPIEGEL ONLINE: Der Papst wird sich doch aber aus taktischen Gründen von keiner theologischen Strömung in der katholischen Kirche vereinnahmen lassen - schon gar nicht einer, die Basisdemokratie und Sozialismus propagiert und dafür immer wieder von Rom abgestraft wird.

Kräutler: Ich will den neuen Papst gar nicht für unsere Ziele vereinnahmen. Aber die Parallelen sind nicht zu übersehen. Wenn er sagt, dass die Armen ein Recht haben auf ein menschenwürdiges Leben, dann wiederholt er, was schon im Alten Testament steht.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich hoffen sehr viele Katholiken weltweit auf einen wirklichen Wandel in der Kirche - inhaltlich wie strukturell.

Kräutler: Die Erwartungen sind hoch. Wir müssen Zeichen setzen, als Bischof tue ich das jeden Tag. Wir dürfen uns nicht abkapseln und in der Sakristei verstecken. Die Kirche hat einen Auftrag in dieser Welt. In meiner Diözese kämpfen wir für die Indios, ein Volk am Abgrund, und die Rettung des Regenwaldes. Es geht nicht um eine Restauration der Kirche, sondern um eine echte Reform.

SPIEGEL ONLINE: Eine Revolution gar?

Kräutler: Viele Dinge sind revolutionär, einige sagen, sogar das Evangelium (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Wie wahrscheinlich ist ein neues Konzil?

Kräutler: Gut möglich, dass sich Franziskus dazu entschließt, heiße Eisen gibt es ja genug.

SPIEGEL ONLINE: Eines davon ist die skandalgebeutelte Vatikanbank IOR. Wir der Papst es schaffen, dort aufzuräumen?

Kräutler: Allein ganz sicher nicht. Er ist ja auch kein Finanzexperte. Er wird sich vertrauenswürdige Fachleute suchen müssen, die ihm helfen, diesen Schandfleck zu beseitigen und zwar möglichst rasch. Es geht darum, die Verantwortlichen für die Unregelmäßigkeiten ausfindig zu machen und neue Wege für ein moralisch einwandfreies Bankwesen zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Bergoglio hat Anfang der neunziger Jahre einen Aufsatz geschrieben über "Korruption und Sünde". Darin vergleicht er Bestechlichkeit mit einem langsam wuchernden Krebs, der das Herz der Fähigkeit beraubt, zu lieben und auf Vergebung zu hoffen. Korruption sei nicht verzeihbar wie eine Sünde, man könne sie nur kurieren. Wird der Papst die Kurie von der Vetternwirtschaft heilen können?

Kräutler: Das hoffe ich sehr. Dafür ist er ja gewählt worden. Franziskus muss die Kurie umkrempeln - und dabei ist sein Name Programm. Ich denke an die Geschichte von Franz von Assisi, der in einer verfallenen Kapelle von San Damiano betete, als Christus vom Kreuz herab ihn aufforderte: Siehst du denn nicht, wie mein Haus verfällt? Geh und stelle es wieder her!

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben Kindesmissbrauch und Prostitution in Ihrer Diözese angezeigt und sich damit Todfeinde gemacht. Wie sollte Franziskus mit sexuellem Missbrauch und dem Geheimdossier zur Vatileaks-Affäre umgehen, das ihm Benedikt XVI. als schweres Erbe hinterlassen hat?

Kräutler: Der Papst soll es nehmen und neue Wege beschreiten. Wenn jemand Verbrechen begeht, muss er vor einem weltlichen Gericht angeklagt werden, da gibt es kein Wenn und Aber. Schließlich geht es um Menschenleben. Die Menschenwürde. Da muss ich sagen: So nicht!

SPIEGEL ONLINE: Was wünschen Sie sich vom neuen Papst?

Kräutler: Ich erwarte eine starke Rückendeckung für die Arbeit in unseren kleinen Basisgemeinden. Dass die Kirche dezentralisiert wird. Es kann nicht sein, dass alles bis ins kleinste von der Kurie vorgeschrieben wird. Ich bin seit 50 Jahren in Brasilien, Sie können mir glauben, dass ich mich hier besser auskenne als jemand, der im Vatikan in der Schreibstube sitzt. Was ich hier erledigen kann, sollte ich selbst machen. Wir sind ja keine Filiale, sondern eine Schwesterkirche!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Idee, wer Staatsekretär im Vatikan werden könnte?

Kräutler: Keine Ahnung, ich bin ja sehr weit weg von Rom.

SPIEGEL ONLINE: "Am Ende der Welt", wie Franziskus nach seiner Wahl sagte.

Kräutler: Ach, manchmal kommt mir Europa vor wie das Ende der Welt.

Das Interview führte Annette Langer

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Wenn das die Politik des Vatikans waere,
gandhiforever 24.03.2013
dann koennte man dem Verein dierkt Respekt zollen. Und mancher Katholik wuerde sich wieder in dieser RKK zu Hause finden.
2. Geheim-Dossier?
bacrisla 24.03.2013
Es gibt kein Geheimdossier zum sexuellen Missbrauch. Das Dossier, dass Benedikt XVI. seinem Nachfolger hinterlassen hat, enthält die Untersuchungen zur "Vatileaks"-Affäre. Was den Umgang mit den Missbrauchsskandalen angeht, hat bereits Benedikt ganz klare und äußerst strenge Handlungsleitlinien für die Bischöfe eingeführt, die man wohl kaum kritisieren kann - wenn man sie denn endlich zur Kenntnis nehmen würde...
3. Grosse Sympathie
fotowilly 24.03.2013
für Dom Erwin. Ich kenne seine Geschichte. Und als Heide darf ich sagen, dass mir das Wirken dieses Menschen hohen Respekt abverlangt.
4. Sie meinen,
gandhiforever 24.03.2013
Zitat von bacrislaEs gibt kein Geheimdossier zum sexuellen Missbrauch. Das Dossier, dass Benedikt XVI. seinem Nachfolger hinterlassen hat, enthält die Untersuchungen zur "Vatileaks"-Affäre. Was den Umgang mit den Missbrauchsskandalen angeht, hat bereits Benedikt ganz klare und äußerst strenge Handlungsleitlinien für die Bischöfe eingeführt, die man wohl kaum kritisieren kann - wenn man sie denn endlich zur Kenntnis nehmen würde...
Wenn die Bischoefe sie umsetzen wuerden.
5.
Meshada 24.03.2013
Wenn es mehr Bischöfe dieses Formates geben würde, dann wäre ich nie aus der Kirche ausgetreten. SOLCHE Menschen braucht die Kirche, nicht Meißner und Konsorten mit ihren Prachtvillen und ihrer Neigung, Pädophile zu beschützen.
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