Interview mit Hans Küng: "Jeder Reformer muss Angst vor Rom haben"

Zehntausende Katholiken kehren der Kirche den Rücken, junge Männer wollen kaum noch Priester werden. Woran liegt das? In einem neuen SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch spricht der Papstkritiker Hans Küng über römischen Klüngel, sein Kirchen-Ideal und den Kontakt zu Papst Benedikt.

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Hans Küng: "Ein Programm der kirchlichen wie politischen Restauration"

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Küng, haben Sie noch Kontakt zu Ihrem alten Fakultätskollegen Joseph Ratzinger?

Hans Küng: Nach seiner Wahl zum Papst hat er mich zu einem vierstündigen, freundschaftlichen Gespräch in seine Sommerresidenz Castel Gandolfo eingeladen. Damals hoffte ich, das sei der Anfang einer neuen Ära der Offenheit. Doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Wir korrespondieren lediglich miteinander. Die Sanktionen gegen mich - Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis - gibt es immer noch.

SPIEGEL ONLINE: Wann hat Benedikt XVI. Ihnen das letzte Mal geschrieben?

Küng: Er hat sich für die Zusendung meines Buches "Ist die Kirche noch zu retten?" durch seinen Privatsekretär Gänswein bedankt und mich herzlich grüßen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dieses Buch als kritische Streitschrift veröffentlicht, in der Sie den Papst harsch wegen seiner reformfeindlichen Kirchenpolitik kritisieren.

Küng: Ich finde es sehr erfreulich, dass er die persönliche Beziehung trotzdem nicht einfach abgebrochen hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie stehen mit Ihrer Kritik ja nicht allein. Die Kirche ist nach Ansicht vieler Katholiken in einem ziemlich desolaten Zustand. Die Vertuschung des Kindesmissbrauchs durch Kleriker hat Gläubige in Scharen aus der Kirche getrieben. Was läuft falsch?

Küng: Wenn Sie so einfach fragen, dann antworte ich auch einfach. Ratzingers Vorgänger Johannes Paul II. hat gegen die Intentionen des Zweiten Vatikanischen Konzils ein Programm der kirchlichen wie politischen Restauration aufgelegt. Er wollte eine Wiederverchristlichung Europas. Und sein treuester Adlatus war schon sehr früh Joseph Ratzinger. Man kann von einer Periode der Restauration des vorkonziliaren römischen Herrschaftssystems sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso kommt es jetzt plötzlich in der Kirche zu diesen Verwerfungen - 50 Jahre nach dem Konzil?

Küng: Es brodelt in der Kirche schon seit Langem. Am deutlichsten zeigt sich das an der jahrzehntelangen Vertuschung sexueller Übergriffe von Klerikern gegen Kinder. Irgendwann ließ sich der weltweite Kindesmissbrauch nicht mehr leugnen. Doch die Leugnung des sexuellen Missbrauchs ist nicht die einzige Vertuschungsaktion der katholischen Hierarchie. Genauso schlimm ist die Vertuschung des kirchlichen Notstands.

SPIEGEL ONLINE: Was verstehen Sie darunter?

Küng: Dass das kirchliche Leben in vielen Ländern auf Gemeindeebene weithin zusammengebrochen ist. In Deutschland gab es 2010 zum ersten Mal mehr Austritte aus der katholischen Kirche (über 181.000) als Taufen (rund 170.000). Wir haben seit dem Konzil in den sechziger Jahren Zehntausende von Priestern verloren, Hunderte von Pfarrhäusern sind ohne Pfarrer, Männer- wie Frauenorden sterben aus, sie finden keinen Nachwuchs mehr. Der Gottesdienstbesuch sinkt ständig. Doch die kirchliche Hierarchie hat bisher den Mut nicht aufgebracht, ehrlich und ungeschönt zuzugeben, wie die Lage wirklich ist. Ich frage mich, wie soll das weitergehen?

SPIEGEL ONLINE: Was Sie sagen, klingt sehr pessimistisch. Ist die katholische Kirche noch zu retten?

Küng: Die katholische Kirche als Glaubensgemeinschaft wird meines Erachtens erhalten bleiben, aber nur wenn sie das römische Herrschaftssystem aufgibt. Tausend Jahre sind wir ohne dieses absolutistische System ausgekommen. Die ganze Misere nahm ihren Anfang im elften Jahrhundert. Damals haben die Päpste ihren absoluten Herrschaftsanspruch über die Kirche durchgesetzt, mit einem Klerikalismus, der den Laien überhaupt keine Macht mehr zugestehen wollte. Auch das Zölibatsgesetz stammt aus dieser Epoche.

SPIEGEL ONLINE: In einem "Zeit"-Interview haben Sie Papst Benedikt vorgeworfen, selbst Ludwig XIV. sei als König nicht so selbstherrlich gewesen wie das absolutistisch regierende Oberhaupt der katholischen Kirche. Könnte Benedikt, selbst wenn er es wollte, das absolutistische römische System wirklich verändern?

Küng: Es ist richtig, dass dieser Absolutismus ein Wesenselement des römischen Systems ist. Aber er war nie ein Wesenselement der katholischen Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil hat alles getan, um davon wegzukommen, aber leider nicht konsequent genug. Man hat nicht gewagt, den Papst direkt zu kritisieren, man hat aber die Kollegialität des Papstes mit den Bischöfen betont, um ihn in die Gemeinschaft wieder einzubinden.

SPIEGEL ONLINE: Mit Erfolg?

Küng: Das kann man nicht behaupten. Die Schamlosigkeit, mit der die Kollegialität von der vatikanischen Politik seither einfach totgeschwiegen und vernachlässigt wird, ist beispiellos. Es herrscht heute wieder ein Personenkult sondergleichen, der im Widerspruch steht zu all dem, was im Neuen Testament zu lesen ist. Insofern darf man das auch in aller Deutlichkeit sagen. Benedikt hat sich sogar wieder eine Tiara, eine Papstkrone, schenken lassen, das mittelalterliche Symbol der absoluten päpstlichen Macht, das sein Vorgänger Papst Paul VI. feierlich abgelegt hatte. Das finde ich ungeheuerlich. Wenn er wollte, könnte er das alles über Nacht ändern.

SPIEGEL ONLINE: Aber er will nicht?

Küng: Er will nicht. Das glaube ich unbedingt, denn er hat ja die Vollmacht. Er müsste sie nur im Geist des Evangeliums gebrauchen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen nicht nur die Macht des Papstes zurückstutzen, Sie fordern ein Ende des Zölibats, Sie wollen Frauen auch als Priesterinnen, Sie wollen das Pillenverbot aufheben. Papsttreue Katholiken sagen, das seien alles Elemente, die zum Markenkern der katholischen Kirche gehörten. Wenn Sie das alles wegrasieren, was bleibt dann noch übrig von der Kirche?

Küng: Was übrig bleibt, ist eine katholische Kirche, wie es sie auch schon mal gab - und sie war besser. Ich sage nicht, man soll das Papsttum abschaffen. Aber wir brauchen Ämter, die im Dienst der Gemeinden stehen, wir brauchen ein Papsttum, wie es von Johannes XXIII. praktiziert wurde. Der wollte nicht dominieren, sondern hat einfach gezeigt, er ist für alle, auch die anderen Kirchen, da, er hat das Konzil und einen neuen Aufbruch in die Ökumene möglich gemacht. Er hat eine neue Kirche lebendig werden lassen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt viele in der katholischen Kirche, die sagen, wenn all diese Reformen angesetzt werden, die Sie fordern, dann machen Sie die Kirche ein Stück weit evangelischer und geben das Katholische auf.

Küng: Die Kirche wird ein Stück evangelischer werden, keine Frage. Aber wir werden immer unsere eigene Art bewahren, dieses globale Denken, die Universalität, das unterscheidet uns eben von einer gewissen Enge der evangelischen Landeskirchen. Das soll auch so bleiben, so wie das Amt. Aber wenn sich wieder alles im Amt konzentriert, dann steht am Ende wieder der mittelalterliche Pfarr-Herr, der Fürstbischof und eben der Papst als der absolute Herrscher, der gleichzeitig Exekutive, Legislative und Judikative verkörpert: alles im Widerspruch zur modernen Demokratie und zum Evangelium.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 261 Beiträge
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    Seite 1    
1. Küng hat recht !
theresia 18.12.2011
Zitat von sysopZehntausende*Katholiken*kehren der Kirche*den Rücken, junge Männer wollen kaum noch Priester werden. Woran liegt das? In einem neuen SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch spricht der Papstkritiker Hans Küng über*römischen Klüngel, sein Kirchen-Ideal und den Kontakt*zu Papst Benedikt. Interview mit Hans Küng: "Jeder Reformer muss Angst vor Rom haben" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,801075,00.html)
Besser kann man den derzeitigen Zustand nicht beschreiben. Geht es so weiter,dann haben wir leere Kirchen ohne Priester! Ein Konzil könnte helfen,aber der derzeitige Papst wird es nie einberufen !
2. im Vergleich
kushi 18.12.2011
Also ich als gelernter Kathole find' die östlichen Religionen mittlerweile viel interessanter als die katholische Ideologie. Buddhismus, Hinduismus, Schintoismus find' ich viel lebensnäher, vor allem im Vergleich zu einem blutleeren Feuilletonraschler wie dem Alois Ratzinger. Was der Katholen-Ideologie vor allem fehlt, ist eine Tierethik, die es im Osten gibt. Wen interessiert dieser katholische Pillepalle eigentlich noch heutzutage? Ich mein' abgesehen vom Matze Mattusek?
3. ....
jujo 18.12.2011
Zitat von sysopZehntausende*Katholiken*kehren der Kirche*den Rücken, junge Männer wollen kaum noch Priester werden. Woran liegt das? In einem neuen SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch spricht der Papstkritiker Hans Küng über*römischen Klüngel, sein Kirchen-Ideal und den Kontakt*zu Papst Benedikt. Interview mit Hans Küng: "Jeder Reformer muss Angst vor Rom haben" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,801075,00.html)
Küng hat Recht! Die Kirche geht an ihrer Verottung von Innen kaputt. Ein neuer Luther ist nicht in Sicht. Mir tun die katholischen Gläubigen leid, deren Glauben von der römischen Nomenklatura schäbig verraten und ausgenutzt wird!
4. Dem Herrn Küng
bambus07 18.12.2011
Zitat von theresiaBesser kann man den derzeitigen Zustand nicht beschreiben. Geht es so weiter,dann haben wir leere Kirchen ohne Priester! Ein Konzil könnte helfen,aber der derzeitige Papst wird es nie einberufen !
nachzulaufen, mag auf der Höhe des Mainstrems sein. Auch in diesem Interview scheint mir wieder deutlich, dass Prof. Küng den Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis nie verwunden hat und auch nie verwinden wird. Daraus scheint mir seine Kritik an der römisch-katholischen Kirche und am gegenwärtig amtierenden Papst im Wesentlichen gespeist zu werden. Eine solche Haltung entbehrt jedoch der Ernsthaftigkeit und dem Bemühungen um Objektivität.
5. ...
v. m. photon 18.12.2011
Gutes Interview, danke! Den Putin-Vergleich finde ich ein bisschen übertrieben, obwohl ich kein Katholik bin. Andererseits darf man sich mit 83 Jahren sicher auch mal drastisch äußern... :-)
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    Hans Küng, 83, gehört neben dem damaligen Theologiedozenten Joseph Ratzinger zu jenen Katholiken, die Anfang der sechziger Jahre das Zweite Vatikanische Konzil maßgeblich prägten und für eine Öffnung der Kirche eintraten. 1979 veröffentlichte Küng seine Kritik am Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit. Der Vatikan entzog ihm die kirchliche Lehrerlaubnis. Küng ist nach wie vor katholischer Priester und leitet heute das von ihm gegründete Institut Weltethos in Tübingen.