Interview mit Margot Käßmann "Hallo, das ist ja pure Resignation!"

Käßmann: "Eine Gesellschaft braucht einen Rhythmus von Schaffen und Ruhen"
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Käßmann: "Eine Gesellschaft braucht einen Rhythmus von Schaffen und Ruhen"

2. Teil: "In der Musik können Menschen etwas spüren von ihrer Religion"


SPIEGEL ONLINE : An Weihnachten sind die Kirchen rappelvoll, auch als Hochzeitskulisse sind sie beliebt. Warum gelingt es nicht, die Leute zu fesseln, warum kommen sie nicht wieder?

Käßmann: Ich freue mich, dass die Menschen in unserem Land wissen: Weihnachten ist ein kirchliches Fest. Und ich hoffe, es erreicht sie die Botschaft, dass es ihrer Seele guttut, innezuhalten, zu singen und zu beten und sie sich sagen: Das sollte ich öfter tun. Neulich habe ich einen Flyer gefunden in einer Kirche, darauf stand: "Als Sie geboren wurden, brachte Ihre Mutter Sie her. Als Sie geheiratet haben Ihre Frau. Wenn Sie sterben, werden Ihre Freunde Sie herbringen. Warum kommen Sie nicht ab und zu einmal selbst vorbei?"

SPIEGEL ONLINE: Die evangelische Kirche hat kürzlich ausdrücklich für den Ausstieg aus der Atomenergie plädiert. Kann es sein, dass diese Einmischung in politische Fragen viele Noch-Mitglieder der Kirchen verärgert?

Käßmann: Die Position der evangelischen Kirche in dieser Frage ist seit Langem bekannt, ich denke nicht, dass jemanden diese Äußerung überrascht hat.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass sich die Kirche aus religiösen Gründen politisch engagieren muss?

Käßmann: Ich finde es immer merkwürdig, wenn Menschen meinen, das Evangelium irgendwo hinter Mauern abschotten zu können. Wenn in der Bibel steht, wir sollen die Fremden unter uns nicht bedrücken und bedrängen, dann kann ich nicht sagen, das hat nichts mit Flüchtlingen bei uns zu tun. Wenn dort steht: "Brich mit dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!", kann ich nicht ignorieren, dass es heute hungernde Menschen und Obdachlose gibt. Wenn Jesus sagt: "Selig, die Frieden stiften", hat das etwas mit unserer Welt zu tun. Die Bibel hat einen Realitätsbezug und stellt so Menschen heute in Verantwortung für diese Welt, von der wir glauben, dass sie Gottes Welt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht auch an der Zeit, dass wir alle mehr über andere Glaubensrichtungen lernen, den Islam, das Judentum?

Käßmann: Das ist sicher gut. Aber erst einmal wäre es wichtig, den eigenen Glauben zu kennen. Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die im eigenen Glauben beheimatet sind, wesentlich offener sind für den Dialog mit anderen Religionen.

SPIEGEL ONLINE: Dann müsste man doch eigentlich den Religionsunterricht, also den bekenntnisgebundenen, tatsächlich ersetzen durch ein allgemeines Fach, das alle Religionen behandelt. Warum sperrt sich die Kirche?

Käßmann: Weil sie meint, es ist gut, dass Schülerinnen und Schüler im Lehrer oder der Lehrerin ein Gegenüber finden, das selbst in dem Glauben beheimatet ist, der unterrichtet wird.

SPIEGEL ONLINE: Wann waren Sie zuletzt in einer Moschee?

Käßmann: Das ist etwa zwei Jahre her.

SPIEGEL ONLINE: Und, Hand aufs Herz, wissen Sie wirklich viel über Katholiken? Manchmal hat man den Eindruck, dass die Christen in Deutschland aneinander vorbeileben.

Käßmann: Es gibt viel lebendige Ökumene vor Ort. Aber es ist immer wieder spannend, miteinander ins Gespräch zu kommen über die Unterschiede. Ökumene hat für mich nicht Gleichmacherei als Ziel, sondern versöhnte Verschiedenheit. Dafür ist es in der Tat wichtig, voneinander zu wissen. Dieses Semester habe ich in Bochum ein Seminar zum Thema Ökumene abgehalten, zu dem evangelische und katholische Studierende kamen. Und es wurde gegenseitig gestaunt, wie zentral für die Evangelischen die Auseinandersetzung mit der Bibel ist, welchen Stellenwert die Marienverehrung im römischen Katholizismus hat. Das war für alle spannend und anregend. In der Begegnung mit dem anderen klärt sich ja immer auch das Eigene. Ich war 25 Jahre in Leitungsgremien internationaler ökumenischer Organisationen beteiligt und bin immer lutherischer geworden, weil mir so klar wurde im Gegenüber, dass hier meine Glaubenstradition liegt. Das eigene Profil klären heißt nicht, die Ökumene zurückzusetzen, sondern es stärkt sie.

SPIEGEL ONLINE: Frau Käßmann, lassen Sie uns noch eine große Frage stellen: Geht Glauben ohne Wissen?

Käßmann: Noch einmal: Luther lag am gebildeten Glauben. Glaube und Vernunft schließen sich nicht aus. Aber am Ende ist Glauben Gottvertrauen, auch wenn ich die Existenz Gottes wissenschaftlich nicht nachweisen kann. Frank Hofmann hat gerade ein Buch veröffentlicht unter dem Titel "Marathon zu Gott", in dem er schreibt, dass ihm auf dem Weg zum Glauben wichtig war, dass er seinen Verstand nicht ausschalten musste. Wie er das beschreibt, finde ich beeindruckend und hilfreich.

SPIEGEL ONLINE: Gerade die Protestanten haben doch einen recht intellektuellen Zugang zum Glauben, nüchtern und wortbezogen. In einer katholischen Kirche wabert der Weihrauch; in einer evangelischen hat der Theologe Karl Barth - Sie haben selbst mal daran erinnert - angeblich eine Zigarre geraucht, um zu zeigen, dass es keine heiligen Räume gebe. Täte etwas mehr liturgischer Zauber gut?

Käßmann: Ich würde es niemals Zauber nennen. Es geht um Spiritualität, die Erfahrbarkeit des Glaubens. Und da war der Protestantismus in der Tat oft eher karg. Allerdings hatte er immer die Musik als spirituelle Komponente von den Liedern Luthers oder Paul Gerhardts über die Kantaten Johann Sebastian Bachs bis hin zu Posaunenchören oder Gospel heute. Da können Menschen etwas spüren von ihrer Religion.

Heute entdecken Menschen das durch Räume der Stille, Meditation, Pilgern. Das ist eine gute Entwicklung. Allerdings wird die Predigt im evangelischen Gottesdienst sicher weiter im Mittelpunkt stehen.

SPIEGEL ONLINE: Also: mehr Herz, weniger Hirn?

Käßmann: Da halte ich es mit einem alten Gesangbuchlied: "Mit Herzen, Mund und Händen."

SPIEGEL ONLINE: Frau Käßmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview ist erschienen in dem Buch "Wie gut ist Ihre Allgemeinbildung? Der große SPIEGEL-Wissenstest - Religion" von den Redakteuren Martin Doerry und Markus Verbeet.



insgesamt 237 Beiträge
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Seite 1
Wololooo 12.12.2011
1.
Viel peinlicher finde ich, dass Sonntags immer noch alles geschlossen ist, wegen einer Religion, die nur eine Minderheit an Gläubigen vertritt. (Deutschland hat zwar ca. 60% Christen, aber davon ist nur ein Bruchteil gläubig; In Ostdeutschland gibt es nur 25% Christen. Außerdem halten hohe Hürden viele Geringverdiener davon ab, aus der Kirche auszutreten.) In der Woche habe ich aufgrund hoher Arbeitsbelastung keine Zeit und Samstags muss ich auch teilweise arbeiten. Zum Glück wohne ich an der holländischen Grenze und kann zu holländischen Supermärkten ausweichen, aber für Leute die nicht das Glück haben, empfinde ich ehrliches Mitleid.
felyxorez 12.12.2011
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Zitat von sysopAn Weihnachten sind die Kirchen proppevoll, an anderen Tagen herrscht gähnende Leere. Warum ist das*Interesse am Glauben*so gering? Im Interview spricht Margot Käßmann über das religiöse Wissen der Gesellschaft - und*Bibelverse in ihrem Badezimmer. Interview mit Margot Käßmann: "Hallo, das ist ja pure Resignation!" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,800723,00.html)
Da Frau Kässmann anscheinend selbst nicht weiss woher das Weihnachtfest in Deutschland kommt, entsetzt mich etwas.
klaro67 12.12.2011
3. als ehemalige Bischöfin hat sie Grund genug, jeden Tag zu feiern!
Zitat von sysopAn Weihnachten sind die Kirchen proppevoll, an anderen Tagen herrscht gähnende Leere. Warum ist das*Interesse am Glauben*so gering? Im Interview spricht Margot Käßmann über das religiöse Wissen der Gesellschaft - und*Bibelverse in ihrem Badezimmer. Interview mit Margot Käßmann: "Hallo, das ist ja pure Resignation!" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,800723,00.html)
da sie leistungslos 8000 €uro (50% vom Steuerzahler, 50% vom Kirchensteuerzahler) erhält. Praktizierte Nächstenliebe, denn Nehmen ist seeliger denn Geben! All diese Parasiten, die selber "utilisieren" brauchen wir nicht. Und deren phantastischen Ratschläge erst recht nicht. Darauf noch einen guten Tropfen! Prost!!
xzz 12.12.2011
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Zitat von sysopAn Weihnachten sind die Kirchen proppevoll, an anderen Tagen herrscht gähnende Leere. Warum ist das*Interesse am Glauben*so gering? Im Interview spricht Margot Käßmann über das religiöse Wissen der Gesellschaft - und*Bibelverse in ihrem Badezimmer. Interview mit Margot Käßmann: "Hallo, das ist ja pure Resignation!" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,800723,00.html)
Das war so absehbar wie ermüdend: Jemand will ein Buch veröffentlichen, also mal nebenbei bei SPON dafür Werbung machen, ausserdem kann man im Gespräch bleiben. Gerade richtig zur Weihnachtszeit, da geht es ja darum, möglichst viel zu kaufen, gerade Bücher mit teilweise religiösem Inhalt. Ich bin davon überzeugt, das diese Marketing-Operation erfolgreich verlaufen wird.
DJ Doena 12.12.2011
5.
Zitat von sysopAn Weihnachten sind die Kirchen proppevoll, an anderen Tagen herrscht gähnende Leere. Warum ist das*Interesse am Glauben*so gering? Im Interview spricht Margot Käßmann über das religiöse Wissen der Gesellschaft - und*Bibelverse in ihrem Badezimmer. Interview mit Margot Käßmann: "Hallo, das ist ja pure Resignation!" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,800723,00.html)
Weil uns die Geschichte gelehrt hat, dass es keinesfalls so ist, dass gläubige Menschen "die Guten" und ungläubige Menschen "die Bösen" sind? Weil ich keinen unsichtbaren Aufseher brauche, der mir mit Verdammnis droht, um ein guter Mensch zu sein und ein anständiges Leben zu führen? Ich war am Wochenende wieder in 3 Kirchen/Domen (in Würzburg und Bamberg), weil ich die Architektur und Kunst faszinierend finde. Beim Gottesdienst bin ich aber rausgegangen - nicht meine Welt.
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