Interview zu Franziskus' Schwulen-Vorstoß: "Der homosexuelle Akt bleibt eine Sünde"

Kirchenkritiker Berger: "Sexualität bleibt der wichtigste Machtfaktor" Zur Großansicht
DPA

Kirchenkritiker Berger: "Sexualität bleibt der wichtigste Machtfaktor"

Mit seinem Aufruf zu mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen hat Franziskus Begeisterung ausgelöst. Zu früh für Jubel, findet der Theologe David Berger. Die Warnung des Papstes, keine schwule Propaganda zu betreiben, stelle ihn in eine Reihe mit Homophoben wie Russlands Präsident Putin.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Rückflug von Brasilien nach Europa hat sich Papst Franziskus in Plauderlaune gezeigt. "Wenn ein Mensch homosexuell ist und Gott mit gutem Willen sucht, wer bin ich, dass ich über ihn urteile?" sagte er und löste bei einigen Kommentatoren Jubelstürme aus. War das wirklich eine Sensation?

Berger: Es ist unfassbar naiv, wenn jemand in diesem Zusammenhang von einem Dammbruch spricht. Was sollen Schwule oder Lesben davon halten, wenn man ihnen sagt, ich will nicht, dass du diskriminiert wirst - aber deine 'Tendenz' ausleben darfst du trotzdem nicht? Der homosexuelle Akt bleibt doch laut Doktrin weiterhin Sünde. Genau da liegt doch der Hase begraben und ich fühle mich als Katholik weiter ausgegrenzt.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat Franziskus sich explizit gegen die Ausgrenzung von Homosexuellen gewandt. Haben ihn seine Berater dazu gedrängt, oder ist ihm das ein echtes Anliegen?

Berger: Ich glaube nicht, dass das eine PR-Aktion war. Er hat aber auch nichts Revolutionäres gesagt. Dass Schwule nicht diskriminiert werden sollen, steht ja im Katechismus. Wenn Franziskus aber im gleichen Atemzug erklärt, die Homosexuellen sollten doch bitte keine Werbung für ihre sexuelle Orientierung machen, dann steht er in einer Reihe mit dem russischen Präsidenten Putin, der Gesetze gegen "Homosexuellen-Propaganda" befürwortet.

SPIEGEL ONLINE: Also keine Initialzündung für eine größere Offenheit der Kirche, sondern nur Budenzauber?

Berger: Ich würde mir mehr Offenheit wünschen. Aber dafür müsste es elementare doktrinäre Neuerungen geben - und die sehe ich nicht. Nehmen sie Franziskus' kategorische Absage an die Frauenordination. "Diese Tür ist verschlossen", hat er gesagt. Daran erkennt man, dass der Papst bei aller Liberalität den alten Geschlechterrollen verpflichtet ist. Deshalb glaube ich auch nicht, dass er die Austrittswelle und den Priesterschwund wird aufhalten können.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es die sogenannte Schwulen-Lobby im Vatikan wirklich?

Berger: Es gibt lockere Netzwerke, die Verbindungen pflegen, um unentdeckt an Sex zu kommen. Aber es gibt keine organisierte Gruppe, die sich für Schwulenrechte einsetzt und die kirchliche Doktrin ändern will. Ich habe während meiner Zeit in Rom eher das Gegenteil erlebt. Die meisten schwulen Priester sind sehr fromme, brave Menschen, denen nichts ferner liegt als einen Umsturz zu organisieren.

SPIEGEL ONLINE: Defensive Persönlichkeiten, die wegen ihrer sexuellen Orientierung erpressbar sind?

Berger: Sicher, es geht immer um Macht. In der katholischen Kirche ist es gang und gäbe, dass Vorgesetzte schwule Priester unter Druck setzen, um sie für ihre Interessen zu instrumentalisieren.

SPIEGEL ONLINE: Italienische Schwulenaktivisten beobachten seit Amtsantritt Bergoglios bereits eine Besserung im Verhältnis zur Kirche.

Berger: In den überwiegend katholischen Ländern können Franziskus' Äußerungen durchaus eine Verbesserung bewirken. Aber in Deutschland diskutieren wir auf einem anderen Niveau. In Italien ist man als schwuler Katholik schon zufrieden, wenn man die Brosamen bekommt, die vom Tisch des Herrn herabfallen. Da ist eine sanfte Diskriminierung schon ein Fortschritt. In Berlin oder Köln ist das vollkommen anders: Wir haben es nicht nötig, die Brosamen zu essen. Entweder wir sitzen mit am Tisch, oder wir nehmen nicht teil am Dinner.

SPIEGEL ONLINE: Franziskus hat jede Form von Lobbyismus als schädlich bezeichnet und dabei die Freimaurer und politischen Kräfte im Vatikan genannt. Wo steht der Papst theologisch?

Berger: Während man Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gut einordnen konnte ist das bei Franziskus nicht möglich. Seine Theologie ist wohl eher eine Art Volkskatholizismus lateinamerikanischer Prägung. Vieles, was die Gläubigen derzeit fasziniert, ist nur die katholische Version einiger Riten der evangelikalen Sekten, die derzeit großen Zulauf haben. Als er nach seiner Wahl das Volk bat, ihn zu segnen, bevor er selbst dies tue, handelte er zum Beispiel nach einem Segensritus der Pfingstkirchler.

SPIEGEL ONLINE: Man hat das Gefühl, dass der neue Papst nicht besonders präzise und bisweilen widersprüchlich formuliert, was zu Missverständnissen führt.

Berger: Ja, das stimmt. Benedikt XVI. hat druckfähig gesprochen, fast alles, was er sagte, war durchdacht bis ins Detail. Bei Franziskus widersprechen sich die Aussagen häufig. So sagte er erst, die Atheisten seien des Teufels, um kurz darauf zu betonten, sie seien genauso gut wie die Christen. Da hat sein Sprecher ordentlich zu tun, um zu korrigieren und zu relativieren. Intellektuell gesehen ist die Wahl von Franziskus ein Fiasko für die katholische Kirche. Aber die breite Masse ist vermutlich ohnehin eher angetan von seinem Charisma.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um die Aufrechterhaltung des Zölibates unter Franziskus?

Berger: Da ist derzeit viel Bewegung drin, die auch von konservativen Kräften getragen wird. Aber unter dem offiziellen Lehraspekt wird sich nichts ändern. Das Verbot der Sexualität bleibt der wichtigste Machtfaktor der katholischen Kirche.

Das Interview führte Annette Langer

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Irgendwie seltsam
dosmundos 30.07.2013
Warum unbedingt katholisch sein wollen, wenn man schwul ist? Es gibt doch so viele Religionen, da kann man doch wirklich etwas Passenderes finden. Zur Not macht man eben seine eigene Kirche auf, als Protestant darf doch jeder selbst in den alten Schinken reindeuteln, was er will. Da muss man doch nun wirklich nicht diese alten Mäner in ihren lustigen Verkleidungen damit stressen...
2. Die Katholische Kirche hat kein Machtmonopol auf der Erde inne-unser Papst hält sich korrekt daran!
gottfriedjosephbertram 30.07.2013
Die MedienMeinungen und die EinzelMeinungen von Kirchenrechtlern sollten sich tunlichst auch daran halten,und nicht ihr Denken nach den Doktrin der Katholischen Kirche ausrichten! Kirche bedeutet Gemeinschaft Gottes mit den und dem Menschen,und insoweit stellt jeder Mensch mit Gott die Kirche Gottes auf Erden dar,und nicht die InstitutionsGestalt der Kirche auf Erden .
3. Unsachlich
chefrationalist 30.07.2013
Über den angeblich fehlenden Intellekt des neuen Papstes zu spotten, zeugt doch nur davon, dass sich Homosexuelle und Katholiken als hassgeliebte Feindbilder offenbar nicht verlieren möchten. Aber wie sagt der Interviewte so schön: "Entweder wir sitzen mit am Tisch oder wie nehmen nicht Teil am Dinner". Dann soll er weiter schmollen, währenddessen Franziskus die katholische Kirche mit Augenmaß erneuert.
4. Ansichtssache
OneTwoThree 30.07.2013
Normale Sex gilt in der katholischen Kirche streng genommen auch als ´´Sünde´´, selbst unter verheirateten Paaren (Erbsünde etc.) Und auch das ausleben und Zurschaustellen heterosexuellen Verhaltens wird von der katholischenKirche abgelehnt. Von daher verstehe ich die Problematik nicht so ganz. Kein klar denkender Mensch, der etwas auf seine eigene Würde hält, unterwirft sich solchen Doktrinen, wie sie von allen grösseren Religionen praktiziert werden.
5. Widerspruch ist das Erfolgsrezept
ky3 30.07.2013
Zitat von sysopDPAMit seinem Aufruf zu mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen hat Franziskus Begeisterung ausgelöst. Zu früh für Jubel, findet der Theologe David Berger. Die Warnung des Papstes, keine schwule Propaganda zu betreiben, stelle ihn in eine Reihe mit Homophoben wie Russlands Präsident Putin. Interview mit Theologe David Berger zu Franziskus und Schwulen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/interview-mit-theologe-david-berger-zu-franziskus-und-schwulen-a-913893.html)
Genau das ist doch das Erfolgsrezept von Religion und Aberglaube. Gerade in widersprüchlichen und schwammigen Texten lässt sich leicht in jeder "Heilige Schrift" oder jedem Gala-Horoskop für jeden Moment irgendwas passende finden. Der Leser / Gläubige kann sich seine Welt zurecht biegen und schönreden wie er will. Ich denke das er missverständlich spricht wird sein Erfolg werden. Die Menschen können sich aus den vielen "einzigartigen heiligen Schriften" (Bibel, Veden, Koran, Thora und viele mehr) alles drehen wie sie wollen; Man kann heiligen Krieg oder Kreuzzüge führen man kann aber lieben, verzeihen oder wilden Sex haben. Alles möglich, alles Auslegungssache.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Papst Franziskus
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 73 Kommentare
Zur Person
  • DPA
    David Berger, 45, war korrespondierender Professor der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin. Der habilitierte Theologe gehörte dem polnischen Ritterorden von Jasna Góra an und war von 2003 an Herausgeber und Chefredakteur der konservativen katholischen Monatszeitschrift "Theologisches". Nachdem er sich im April 2010 als schwul outete, legte er seine Ämter nieder. In dem Buch "Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche" berichtet er über seine Erfahrungen. Berger lebt heute in Berlin und ist Chefredakteur des Magazins "Männer".

Fotostrecke
Papst in Plauderlaune: Rundumschlag über den Wolken