Legalisierung von Drogen: "Die Menschen schaden sich sowieso"

US-Ökonom Miron: "Sucht ist nicht das Hauptproblem" Zur Großansicht
Rick Friedman/ DER SPIEGEL

US-Ökonom Miron: "Sucht ist nicht das Hauptproblem"

Sollte man alle Drogen legalisieren? Der Harvard-Ökonom Jeffrey Miron hat keine Zweifel: Er hält die Freigabe für den richtigen Weg. Im Interview erklärt er, was ihn da so sicher macht und warum er Portugal als großes Vorbild sieht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Miron, warum sollten Heroin, Kokain oder Marihuana legal sein?

Miron: Ein Verbot von Drogen ist wohl die schlechteste Lösung, um Schaden zu verhindern. Erstens führt es zu einem Schwarzmarkt, der korrupt ist und Menschenleben kostet. Zweitens schränkt ein Verbot Menschen ein, die Drogen nicht missbrauchen würden. Drittens kostet das Verbot den Steuerzahlern Geld.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel?

Miron: Die USA könnte durch eine Legalisierung 85 bis 90 Milliarden Dollar im Jahr sparen. Die eine Hälfte des Betrags durch die Kosten der aktuellen Drogenpolitik, die dann wegfallen würden, und die andere Hälfte durch Steuern, die dem Staat bisher entgehen, die auf legale Drogen erhoben werden könnten.

SPIEGEL ONLINE: Auf der anderen Seite der Gleichung stünden viele Menschen, die süchtig nach Drogen werden würden.

Miron: Mal angenommen, der Konsum von Drogen würde durch eine Legalisierung steigen, wäre das schlecht? Wenn wir die Standards der Volkswirtschaftslehre anwenden, ist das zumindest teilweise eine gute Sache, weil es Menschen, die gern Drogen nehmen, ermöglicht, das leichter zu tun. Jede Politik, die mir verbietet, etwas zu tun, was ich tun möchte, schadet meinem Lebensglück.

SPIEGEL ONLINE: Drogen machen süchtig, sie schaden dem Lebensglück.

Miron: Sucht ist nicht das Hauptproblem. Viele Leute sind süchtig nach Koffein, und niemand macht sich darüber Sorgen. Viele Leute sind süchtig nach Sport, Bier oder Essen. Das kümmert den Staat auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sollte der Staat Sport und Kokain etwa gleich behandeln?

Miron: Der Effekt von Kokain wird häufig sehr übertrieben dargestellt. Es gibt Wall-Street-Banker, die koksen, sie haben ein hohes Einkommen, Zugriff zu einem guten Gesundheitssystem, sie haben eine Familie und ein stabiles Leben. Viele von ihnen hören mit dem Kokain wieder auf. Ich habe den Eindruck, diese Menschen genießen den Konsum. Dann gibt es Menschen, die rauchen Crack-Kokain und haben ganz andere Leben als die Aktienhändler: Menschen mit geringem Einkommen, ohne Arbeit und mit schlechter Gesundheit. Viele dieser Menschen enden übel. Aber daran ist nicht das Kokain Schuld, sondern Schuld sind die lausigen Lebensverhältnisse dieser Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie sagen, Crack ist harmlos?

Miron: Sogar bei Crack gibt es Menschen, die den Stoff eine Zeitlang nehmen und wieder aufhören. Die Prohibitionslobby übertreibt enorm, damit sie ihre Ziele durchsetzen kann. Es ist gar nicht sicher, dass der Konsum von Marihuana oder Kokain einen substantiell negativen Effekt hat, wenn das Produkt bezahlbar ist, wenn wir nicht unser Leben riskieren müssen, um es zu bekommen, und wenn das Produkt nicht heimlich mit Rattengift gestreckt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen sagen, es ist ungefährlich, Heroin zu spritzen?

Miron: Die Injektion ist so verbreitet, weil diese Art der Einnahme extrem wirksam ist. Wenn Drogen entscheidend günstiger wären, würden die meisten Leute Opiate nicht spritzen, sondern rauchen oder essen.

SPIEGEL ONLINE: Noch mal, Sie meinen im Ernst, es sei gut, wenn eine Legalisierung zu mehr Drogenkonsum führen würde?

Miron: Wenn man glaubt, woran die Amerikaner vorgeben zu glauben, nämlich Freiheit, Individualität, persönliche Verantwortung, muss man Drogen legalisieren. Die Maxime sollte sein, dass du machen darfst, was immer du willst. Wenn du niemandem damit schadest.

SPIEGEL ONLINE: Kokain macht aggressiv.

Miron: Die meisten Belege für einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Drogen gibt es für Alkohol. Sollte Alkohol deswegen verboten werden? Tatsächlich würde eine Legalisierung von allen Drogen die Gewalt in den USA extrem verringern.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Miron: Prohibition führt zu Gewalt. In dem man einen Schwarzmarkt erzwingt, erzeugt man Gewalt, weil die Konflikte der Handelnden im Drogengeschäft nicht innerhalb des Justizsystems gelöst werden können. Die Akteure werden in eine Schattenwelt gezwungen, in der sie einander erschießen müssen, anstatt Anwälte einzuschalten und vor Gericht zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Der Staat soll die Kartelle also einfach machen lassen?

Miron: Erst als der mexikanische Präsident Felipe Calderón im Jahr 2006 den großen Krieg gegen die Drogen erklärt hat, ist die Gewalt eskaliert. Ich habe errechnet, dass die Mordrate in den USA um rund 25 bis 50 Prozent fallen könnte, wenn Drogen legal wären.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden sich die Drogenpreise durch eine Legalisierung verändern?

Miron: Die Preise für Marihuana würden sich wohl kaum verändern. Die Preise für Kokain oder Heroin könnten weitaus mehr fallen.

SPIEGEL ONLINE: Dann würde das ganze Land koksen.

Miron: Der Konsum von eher harmloseren Drogen würde wohl steigen. Und es gäbe einen Anstieg der Zahl von Menschen, die gelegentlich eine Droge nehmen. Aber als Whiskey nach der Prohibition von Alkohol in den USA wieder legal wurde, ist auch nicht das ganze Land abhängig von Whiskey geworden.

SPIEGEL ONLINE: Haben wir als Demokratie nicht eine Pflicht, die Menschen vor sich selbst zu schützen?

Miron: Ich denke, die Menschen, die sich mit Drogen selbst schaden, tun es sowieso, egal ob sie legal sind oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sind Drogen dann überhaupt verboten?

Miron: Naive Menschen denken, wenn etwas illegal ist, machen es die Leute nicht mehr. Das ist offenkundig nicht wahr. Andere denken, wenn du es illegal machst, steigt der Preis, und weniger Menschen nehmen die Droge. Aber für manche Leute ist der Preis kein Kriterium.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde eine Welt aussehen, in der Drogen entkriminalisiert wären?

Miron: Wie Portugal. Da ist Besitz und Konsum von kleinen Mengen seit rund zehn Jahren legal, und der Verbrauch hat sich kaum verändert. Legalisierung würde die Nutzungsraten nicht enorm vergrößern. Und wenn die Menschen anfangen würden, mehr Marihuana zu rauchen, wäre das auch okay, das ist ihre Angelegenheit.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es eine Möglichkeit, die Drogen vom Arzt verschreiben zu lassen?

Miron: Ein sehr laxes Verschreibungsgesetz wie in Kalifornien für Marihuana schadet nicht, weil jeder ein Rezept bekommt. Aber wenn das so ist, was bringt es dann? Wenn man ein sehr strenges Verschreibungsgesetz hat, dann hat man auch wieder einen Schwarzmarkt.

SPIEGEL ONLINE: Was würde durch eine Legalisierung mit dem Schwarzmarkt geschehen?

Miron: Man hätte die Wahl, man könnte das Kokain in einem Supermarkt kaufen, oder bei einem geheimnisvollen mexikanischen Dealer, der einen vielleicht erschießt. Das würde den Schwarzmarkt austrocknen.

SPIEGEL ONLINE: Was würde mit den Drogenkartellen geschehen?

Miron: Bei einer Legalisierung würden in Mexiko viele der großen Kartelle versuchen, ihren Erfahrungsvorsprung zu nutzen und sofort ein legales Unternehmen gründen. Sie würden die ersten sein wollen und sie haben gute Produkte und ein gutes Verteilungsnetzwerk. Es ist allerdings unklar, ob die Drogenkartelle Legalisierung wollen. Der Kartellboss El Chapo Guzmán zum Beispiel hat einen natürlichen Vorteil dadurch, dass er ein sehr guter Krimineller ist, deswegen ist er so reich. Wenn es keinen Schwarzmarkt für Drogen mehr gäbe, würde Guzmán seinen Vorteil verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum setzt eigentlich niemand Ihre Vorschläge um?

Miron: Viele tausend Menschen im Staatsdienst würden durch die Legalisierung ihre Arbeitsplätze verlieren. Die Entzugskliniken würden eine Menge Kunden verlieren, weil viele von ihnen von der Justiz zu einem Entzug gezwungen werden. Die Menschen, die Gefängnisse bauen, haben auch ein Interesse an vielen Insassen. Außerdem mag die Kirche Drogen nicht, und die Kirche ist mächtig in Amerika.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie selbst Drogen?

Miron: Nein. Ich hab mal gekifft, als ich Student war, aber das war's. Aber wenn Drogen morgen legal wären, würde ich rausgehen und alles probieren. Nachdem ich Drogen 20 Jahre studiert habe, bin ich neugierig.


Der SPIEGEL beschäftigt sich in einer Serie mit dem "War on Drugs", dem weltweiten Krieg gegen Drogen. Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe Teil 1: "Recht auf Gift".

Das Interview führte Takis Würger

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 387 Beiträge
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1.
okokberlin 21.02.2013
sehr klare und sehr vernüftige ansichten! die antidrogen-lobby mit ihren "war on drugs" ist allerdings mächtig ud lebt gut davon- die summe von 80-90mrd im interview erwähnt (allein in den usa) zeigt schon um welche summen es da geht.
2. Aufräumen
cdrenk 21.02.2013
Die Erträge des Drogengeschäftes durch Legalisierung in die Staatskasse lenken macht Sinn. Wer sich zu Tode spritzen will, soll dazu die Möglichkeit erhalten ohne vorher in der Beschaffung kriminell werden zu müssen und damit Dritten zu schaden.
3. Der Mann hat eine "gesunde"
kanario 21.02.2013
Einstellung zu Drogen! Ich verdiene mein Geld seit mehr als 20 Jahren mit ehrlicher Arbeit und zahle regelmäßig meine Steuern und wenn ich Drogen konsumiere gefährde ich keinen anderen außer vielleicht mich selbst, also ist es auch mein Recht ein Teil meines Geldes in Drogen zu investieren! Und dieses Recht lasse ich mir von keinem Staat oder von sinnlosen Gesetz nehmen!
4. 100 % d'accord
Bono Beau 21.02.2013
Schön, dass die wesentlichen Argumente für die Legalisierung die Wirtschaft erreicht haben. Die wäre in der Lage, das auch umzusetzen. Ein Argument fehlt mir aber noch: Erst, wenn Drogen legalisiert sind, kann es auch eine offene Auseinandersetzung um Wirkung und Folgen geben und damit eine brauchbare Beratung über Risiken und Nebenwirkungen. Beispiel: in der Tat - die "Teufelsdroge" Crack, die angeblich sofort süchtig macht, tut das nicht. Das kann ich aus eigener Erfahrung belegen. Beispiel: MDMA - die Mutter des Extasy - wurde anfangs sehr erfolgreich in der Psychotherapie eingesetzt. Kann ich auch aus eigener Erfahrung belegen. Es ist höchste Zeit für die Legalisierung.
5. Drogen
Zentralabitur 21.02.2013
Das wäre schon irgendwie witzig wenn jeder auf der Straße legal auf LSD und Co. ist. Aber Drogen sollte man trotzdem auf keinen Fall legalisieren, die allgemeinen Folgen wären „heavy”...
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Jeffrey Miron, 56, ist Ökonom und lehrt an der Harvard University. Er streitet seit 20 Jahren für die Legalisierung von Drogen.




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