Coming-out in Südtirol Homosexuell im Alpental

Ein Familienvater entdeckt, dass er Männer liebt - und fällt in Südtirol durch alle Raster, bis ein Verein seinen Sturz bremst. Die Geschichte einer schmerzhaften Selbstwiederfindung.

Panorama in Südtirol: Gefangen im Idyll
imago/ blickwinkel

Panorama in Südtirol: Gefangen im Idyll

Eine Reportage von


Als Franz seinen Sohn ins Bett bringt, ahnt er nicht, dass er sich bald vor seiner Frau outen wird. Franz legt sich auf die Couch vor dem Fernseher, schaltet die Nachrichten ein, "Fernsehschlafen" nennt er das. Gegen Mitternacht betritt seine Frau Maria die Wohnung, hundert Quadratmeter, beste Lage in Bozen. Maria war aus, lange schon läuft es schlecht mit Franz. Sie tapst in die Wohnung, vorbei an Franz, der vorgibt, zu schlafen. Sie greift sich sein Handy, keine Pin, sie haben sich vertraut. Sie liest seine letzte SMS. Das hat sie noch nie getan.

Später wird sie Franz gegenüber von einem "sechsten Sinn" sprechen, und Franz wird das wiederholen, wenn er die Geschichte erzählt.

"war ein schöner abend! treffen wir uns noch mal auf ein bier?" Die SMS ging an Arno. Maria kennt keinen Arno. Sie weckt Franz. Der leugnet alles. Dass er einen Arno kennt. Dass er sich mit ihm getroffen hat. Dass sie Sex hatten. Franz leugnet die Nacht hindurch und eine Woche lang. Doch dann kann Franz nicht mehr.

Dann platzt es aus ihm heraus.

Ja, ich bin schwul.

Eine Transgender auf dem "Rolling Stone"-Cover

Franz Gampler* ist einer von vielen Elternteilen in Südtirol, die irgendwann erkennen, dass sie eine andere sexuelle Orientierung haben. Und Gampler ist einer von vielen Südtiroler Homosexuellen, über denen das Wort "Coming-out" hängt wie ein nahendes Gewitter über dem Brenner. Es kommt, nur wann? Und wie schlimm wird es?

Diese Geschichte spielt in einer Zeit, in der das oberste Gericht in den USA die gleichgeschlechtliche Ehe genehmigt hat, kurz nachdem die katholischen Iren sich in einem Referendum dafür ausgesprochen hatten, Jahre, nachdem es Homosexuellen in den Niederlanden, Spanien oder Frankreich gestattet worden war, zu heiraten. Eine Zeit, in der die deutschsprachige Ausgabe des "Rolling Stone" Conchita Wurst auf dem Cover zeigt, einen Star in Europa, eine Drag-Künstlerin aus Österreich.

In Südtirol gewinnt Moritz Demetz, Abgeordneter der konservativen SVP, die Gemeindewahl in St. Christina, einem Dorf im Grödner Tal. Demetz ist der erste öffentlich homosexuelle Bürgermeister, der erste geoutete Politiker in Südtirol. Der erste Prominente, der hier offen sagt, dass er schwul ist.

Eine Ausnahme? Derzeit ja. Eine Zäsur? Vielleicht.

Lange depressiv, lange in Therapie

Drei Jahre nach der SMS lebt Franz Gampler in einem Zimmer, zehn Quadratmeter, am Rand von Brixen. Es ist Gamplers Exil. Doch Exil ist ein hartes Wort für die Südtiroler Kleinstadt, ältester Ort Tirols, über den man geneigt ist zu sagen, er sei ein Idyll. Ein Ort der Stille jedenfalls, zwischen Plose und Königsanger, deren Gipfel über der Stadt ruhen. Als hätte jemand diesen Ort zwischen die Berge gelegt, um ihn vor der Außenwelt zu schützen.

Gamplers Schutz ist ein Wohnheim. Ein Klotz aus Beton. Mit dem Streit kommt die Depression, Gampler verliert seine Arbeit. Er hat kein Geld mehr und verlässt Bozen. Damals findet Gampler Asyl im Brixner Klotz. Jetzt jobbt der 45-jährige Architekt, hastiger Blick, schwarze Locken, die nicht grau, sondern weiß werden, in einem Brixner Geschäft. Es ist eher die Installation eines neuen Betriebssystems, an das man sich gewöhnen muss, als ein Neustart.

Lange war Gampler depressiv, lange in Therapie, lange arbeitslos. Lange liefen die Prozesse mit Ex-Frau Maria, lange sorgte er sich um das Sorgerecht. Lange war alles ganz schlimm. Jetzt ist nicht mehr alles ganz schlimm. Denn Gampler sieht seinen fünfjährigen Sohn wieder. "Meinen Kleinen", sagt er. Jeden Sonntag. Meist spielen sie Fußball, und Gampler, ein starker Raucher mit langem Atem, kommt dann aus der Puste. Als er das erzählt, werden seine Augen glasig, und sein Blick ruht kurz in der Weite.

Damals ist ihm klar, dass er Frauen will

Im Alter von 22 Jahren schläft Gampler mit einer Frau, sein erstes Mal. Kurze Zeit später folgt sein zweites erstes Mal, mit einem Mann, ein geheimer Akt. Alles andere wäre undenkbar, so Gampler, in einem Dorf nahe Bozen, wo die Jugend Witze über "schwule Seckl" macht. "Damals habe ich mich ausgekundschaftet", sagt er heute. Damals ist ihm klar, dass er Frauen will, obwohl er auch Männern nachblickt. Maria trifft er auf einer Fete im Dorf. Sie werden ein Paar, bleiben es für 13 Jahre. Als Maria schwanger wird, eine späte und komplizierte Schwangerschaft, hat Gampler das Gefühl, sie seien kein Paar mehr und er zu ihrem Knecht verkommen.

Als sein Sohn kommt, fühlt sich Gampler immer noch wie Marias Knecht. Er zieht aus, kommt zurück, kollabiert. Er weist sich ins Bozner Spital ein. Gamplers Leben ist ein Chaos, er will sich ordnen, doch kann es nicht. Noch nicht. Zwischendrin, die Krise auf Pause, trifft er zufällig den Mann auf der Straße, mit dem er als 22-Jähriger Sex hatte. Er schläft wieder mit ihm.

Gampler fühlt sich besser. Aber wieso? Er weiß es nicht. Also denkt er nach. Über sich selbst, das Leben, den Sinn.

Der Vater Bauer, die Mutter Hausfrau. "Ich schäme mich nicht vor ihnen", sagt er, "aber ich respektiere sie. Sie sind alt." Beide wissen nichts von seiner Homosexualität. Genau wie seine Brüder. Genau wie seine Freunde. Genau wie sein Kleiner. Oft hat er sich das Coming-out vor ihm ausgemalt. Er schafft es nicht.

"Culi rotti" - kaputte Ärsche

Bozen ist kein Ort der Stille. Auf dem Waltherplatz, Zentrum der Landeshauptstadt, sprechen die Passanten Italienisch und Deutsch, naturgemäß, aber auch Französisch, Polnisch, Norwegisch, Japanisch.

Bozen ist der Sitz von "Centaurus", dem einzigen LGBT-Verein in Südtirol, benannt nach einem Mischwesen aus der griechischen Mythologie, einem Dazwischen. In die drei Räume von "Centaurus", 50 Quadratmeter, Gewerbegebiet von Bozen, führt ein Lift. Links hängt eine Übersicht der Vereine, die ihre Büros in dem Haus haben. Hier die "Vereinigung italienischer Tabakhändler", da der "Arbeitskreis Eltern Behinderter". Über das "Centaurus"-Logo, eine Zeichnung zweier Männer und zweier Frauen, die sich jeweils gegenüberstehen, hat jemand mit Kugelschreiber "Culi rotti" gekritzelt. Kaputte Ärsche.

Andreas Unterkircher sitzt im dritten Stock. Mit 20 hat er sich zum ersten Mal an "Centaurus" gewandt, hat angerufen und wieder aufgelegt, bevor sich eine Stimme melden konnte. Mehrfach. Irgendwann hatte er den Mut, hat mit der Stimme gesprochen, ihr erklärt, dass er schwul sei und Rat suche. Heute ist Unterkircher 40, Büroangestellter beim Staat und seit sechs Jahren Präsident von "Centaurus", ein Ehrenamt.

Bei den Wahlen im Mai wollte er, ruhiger Blick, dünnes braunes Haar, das noch nicht grau wird, für die Grünen in den Bozner Gemeinderat. Vergebens, er kam auf Platz 7 von 24 Kandidaten in seiner Liste. Als Bürgermeister wurde Luigi Spagnolli von der sozialdemokratischen PD wiedergewählt, der Homosexuelle nicht standesamtlich trauen lässt, weil er Ärger mit dem italienischen Innenminister befürchtet. Die kommunale Trauung Homosexueller ist in Italien nicht anerkannt, seit knapp neun Jahren scheitern alle Gesetzesentwürfe zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare.

Unterkircher hat vor zwei Jahren in einem Interview gesagt, er halte nicht mal Händchen auf den Straßen von Bozen. "Das war einmal, ja." Heute würde er es tun.

"Der Großteil traut sich noch nicht raus"

Im Empfangsraum von "Centaurus" liegen acht leere Pizzakartons auf dem Tresen, Relikte einer der Partys, die hier der Jugendtreff veranstaltet, eine von vielen Gruppen, die Teil des Vereins sind. Andere öffentliche Partyorte, die gayfriendly sind, gibt es derzeit nicht in Südtirol. "Angebote", sagt Unterkircher, "gibt es kaum".

49 Mitglieder hatte "Centaurus" im vergangenen Jahr. Mindestens 25.000 Homosexuelle müsste es in Südtirol geben, wo über eine halbe Million Menschen leben; Experten gehen davon aus, dass fünf bis zehn Prozent jeder Bevölkerung homosexuell sind. Für Unterkircher sprechen die Zahlen eine klare Sprache. "Der Großteil traut sich noch nicht raus", sagt er. "Wir haben hier noch viel zu tun." Er freut sich, dass Moritz Demetz sich geoutet hat. Und setzt schnell nach, dass das zu wenig sei. "Eine Südtiroler Conchita Wurst wäre nicht schlecht."

Unterkircher kriegt immer wieder E-Mails oder Facebook-Kommentare, die Märchen wie das von Homosexualität als Krankheit erzählen. Märchen vom Anderssein, das die Gesellschaft bedrohe. Märchen, die etwa der Südtiroler "Verein für christliche Erziehung und Schule" erzählt. Ein Verein, der im März mit einer Vortragsreihe durch Südtirol zog, bei der ein ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt sprach. Titel der Reihe: "Feminismus und Gender-Ideologie zerstören Ehe und Familie, sowie unsere christliche Kultur und demokratische Zivilisation".

Geschichten der Hoffnung

Franz Gampler spricht Andreas Unterkircher zum ersten Mal vor zwei Jahren an, in einer Bozener Disco, einer, die damals noch Partys für Homosexuelle in Südtirol veranstaltet. Gampler weiß, wer Unterkircher ist. Er kennt sein Gesicht aus den Medien. Sie kommen ins Gespräch. Gampler erzählt von sich, von seiner Lage, von seinen Treffen mit den "Rete Genitori Rainbow", einer italienischen Gruppe von Vätern und Müttern, die sich geoutet haben. Treffen, an denen Gampler in Padua teilgenommen hat, rund zweieinhalb Autostunden von Bozen entfernt. Treffen, die es in Südtirol nicht gibt. Unterkircher kommt eine Idee. Er lädt Gampler in den dritten Stock ein.

Als Gampler die 3 im Lift drückt, ahnt er nicht, dass er bald eine neue Gruppe gründen wird. Er denkt, dass er ein Referat halten soll. Wenige sind an diesem Tag im Oktober 2014 gekommen: Unterkircher und der Sexualpädagoge des Vereins. Aber da ist noch eine Frau. Eine Frau, die sagt, sie habe zwei Kinder, sie habe sich als Lesbe geoutet. Und dass ihr Ex-Mann heute ihr bester Freund sei.

Sie und Gampler beschließen, sich regelmäßig zu treffen, am ersten Dienstag. Am ersten Dienstag im November sind sie zu viert. Am ersten Dienstag im Dezember zu sechst. Inzwischen zu acht. Unterkircher sagt: "Ein voller Erfolg." Gampler sagt: "Revolutionär."

Zu den Treffen kommen Frauen, die berichten, dass ihre Familie sie verstoßen habe, und Männer, die sagen, sie könnten sich nicht outen, weil ihre Frau erkrankt sei. Es kommen Frauen, die mal Väter waren, Transgender. Ein schwuler Mann, der heute Opa ist, erzählt, seine Kinder akzeptierten ihn. Oft kommen sie "aus den Tälern", wie Unterkircher sagt, aus den Dörfern in Südtirol. Sie erzählen Geschichten, die nur Mutige erzählen können. Geschichten des Leids. Geschichten der Hoffnung. Geschichten, die oft geheim bleiben.

Auch Gampler erzählt den anderen seine Geschichte. Einmal weint er. Tränen des Leids - und des Glücks. Gampler ist nicht mehr so allein in Südtirol.

* Biografische Details des Protagonisten wurden verändert. Sein öffentliches Coming-out steht noch aus.


Dieser Text ist die gekürzte Version einer Reportage, die im Rahmen des "Südtirol Medienpreises" entstanden ist.

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