Inzest Verherrlicht, romantisiert, geächtet

Inzest gilt als universales Tabu. Historisch gesehen war Geschwisterliebe jedoch in vielen Kulturen sogar ein Privileg der Herrscherhäuser. Unser heutiges Inzestverbot geht zurück auf das Alte Testament - und wurde im Zuge der Aufklärung in vielen Staaten Europas abgeschafft.

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Kaum eine andere Vorschrift im Strafgesetzbuch ist so umstritten ist wie der Inzestparagraf: Eine Strafnorm setzt nach dem Grundgesetz eine Rechtfertigung voraus – die zu finden ist beim Inzest aber außerordentlich schwer.

Denn sexuelle Übergriffe, etwa eines Vaters auf seine Tochter, aber auch unter Geschwistern, werden schon nach anderen Vorschriften bestraft. Beim einverständlichen Inzest unter selbstbestimmten Partnern gibt es dagegen kein Opfer, das man vor einem Täter schützen muss – wenn auch der oder die Jüngere erwachsen ist, machen sich sogar alle beide strafbar.

Geschwister- und Ehepaar Zeus und Hera: Mächtige Wirkung
CORBIS

Geschwister- und Ehepaar Zeus und Hera: Mächtige Wirkung

Angestoßen vom Gedankengut der Aufklärung, wurde in Frankreich deshalb bereits im Jahr 1810, mit dem Strafgesetzbuch Napoleons, der bloße Inzest für straflos erklärt. Viele europäische Länder - Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Spanien, Portugal - sind dem Beispiel Frankreichs gefolgt, und auch Staaten wie die Türkei, China, Japan, die Elfenbeinküste, Argentinien, Brasilien und Russland bestrafen einverständlichen Inzest nicht. In der Schweiz, Dänemark, Italien, England und dem Großteil der USA dagegen ist auch reiner Inzest strafbar – je nach Bundesstaat drohen in den USA Höchststrafen von sechs Monaten bis 50 Jahren Haft.

Dass in diesen Ländern, wie auch in Deutschland, Inzest trotz aller Bedenken nach wie vor strafbar ist, liegt vermutlich in der Stärke dieses Tabus begründet. Evolutionstheoretiker nehmen an, dass der Mensch einen speziellen Erkennungsmechanismus entwickelt hat, der es ihm ermöglicht, sexuellen Kontakt zu genetisch verwandten Menschen zu hemmen.

Inzest: Nachkommenschaft genetisch anpassungsfähiger

Tatsächlich ist auch in der Tierwelt die Inzestvermeidung weit verbreitet: Viele Tiere präferieren Partner, deren Immunsystem sich von ihrem unterscheidet, weil so die Immunabwehr der Nachkommen vielseitiger werden kann, und die Nachkommenschaft insgesamt genetisch anpassungsfähiger wird. Wirbeltiere, und prinzipiell auch der Mensch, nehmen diesen Unterschied unbewusst über den Geruch wahr.

Verstärkt wird dieser biologische Effekt beim Menschen offenbar dadurch, dass Kinder, die seit früher Kindheit über längere Zeit eng gemeinsam aufwachsen sind, sich später als Sexualpartner eher ablehnen – unabhängig davon, ob sie tatsächlich blutsverwandt sind oder nicht. Auch dieser Effekt dient offenbar letztlich der Inzuchtvermeidung. Kulturanthropologen sehen in der menschlichen Inzestscheu sogar ein "transkulturell universales Phänomen" – dies schließt aber zumindest den sogenannten "dynastischen Inzest" nicht aus.

Tatsächlich wurde und wird Inzest nicht immer und überall tabuisiert. Im Gegenteil: immer wieder in der Menschheitsgeschichte war Inzucht zumindest bei den Herrschergeschlechtern üblich und wurde auch vom einfachen Volk praktiziert. Einerseits sollten dabei Macht und Besitz zusammengehalten, andererseits aber auch die guten Eigenschaften veredelt und die schlechten aus der Erblinie getilgt werden – ähnlich wie bei der Zucht von Pflanzen oder Nutztieren.

So wurde in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung in Persien Inzest sogar religiös verherrlicht: Schwester, Tochter oder Mutter zu heiraten, hieß es in religiösen Schriften, sei die "vollkommenste" Form der Eheschließung. Allerdings gibt es auch Hinweise, dass im Volk und selbst in manchen Fürstenhäusern Inzest eher als anstößig empfunden wurde - und die Lobpreisungen durch die Priesterschaft wohl deshalb so emphatisch ausfielen, weil diese fürchteten, ihre Anhänger könnten Mischehen mit Angehörigen anderer Religionen eingehen.

Kleopatra war die Ehefrau ihrer Brüder

In der ägyptischen Provinzhauptstadt Arsinoe waren vor 2000 Jahren laut einem aus einer Volkszählung erhaltenen Papyrusfragment 17 von 64 dort aufgeführten Ehepaaren Bruder und Schwester - aus ethnologischer Sicht ein sehr hoher Grad. Die Ptolemäerkönige im alten Ägypten heirateten stets ihre Schwester - auch die berühmte Kleopatra war die Ehefrau ihrer beiden Brüder. Und selbst Abraham, Stammvater von Juden und Arabern, hat der biblischen Überlieferung zufolge seine Halbschwester Sarah geheiratet - ein klarer Fall von Geschwisterinzest.

Bei den Ureinwohnern Perus durfte der regierende Inka sogar nur mit seiner Schwester einen Thronfolger zeugen. Und bei vielen Naturvölkern, wie den polynesischen Tonga oder auf Hawaii, lässt sich dynastischer Geschwisterinzest als Privileg der Herrschergeschlechter bis in die Neuzeit belegen. Im zentralen Afrika wurde sogar noch vor 50 Jahren unter den Nachkommen einer alten Königsdynastie eine traditionelle Geschwisterheirat geschlossen.

Biologisch ist zwar bei durch Inzest gezeugten Kindern die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass genetisch vorhandene Erbkrankheiten zum Ausbruch kommen. Dieser Effekt verschwindet aber, je länger und konsequenter Inzest innerhalb einer Sippe betrieben wird: Weil sich die erkrankten Nachkommen in aller Regel schlechter oder gar nicht fortpflanzen, verringert sich im Laufe der Zeit die genetische Belastung innerhalb der Familie, bei allgemeinem Inzest theoretisch sogar in der ganzen Gesellschaft.

Geschwisterliebe und Inzestkind romantisch verklärt

Dies gilt erst recht, wenn Nachkommen, bei denen die Erbkrankheiten aufgetreten sind, an der Fortpflanzung gehindert werden. Beim Menschen wären solche steuernden Eingriffe zumindest nach unserem heutigen Verständnis selbstverständlich verpönt, in der Tier- und Pflanzenzucht wird genau das aber zur Herausbildung bestimmter Eigenschaften gezielt praktiziert.

Auch in Mythen und Sagen zeigt sich die mächtige Wirkung, die dem Inzest mitunter zugeschrieben wurde: So waren bei den Griechen Zeus und Hera ebenso im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschwisterpaar wie bei den Ägyptern Isis und Osiris. Zwiespältiger sahen den Inzest dagegen die Germanen: sie verehrten zwei Götterfamilien, von denen die eine die Geschwisterehe pflegte, und die andere sie verabscheute.

In Richard Wagners "Walküre" verlieben sich die Zwillinge Siegmund und Sieglinde – ihr gemeinsamer Sohn ist Siegfried, der Drachentöter. Und auch in der Literatur – etwa in Thomas Manns "Wälsungenblut" oder Johann Wolfgang von Goethes "Wilhelm Meister" – wurden die Geschwisterliebe und das Inzestkind romantisch verklärt.

Schon in der Antike gab es aber auch Inzestverbote. Im Kodex das babylonischen Königs Hammurabi aus dem 17. Jahrhundert vor Christus, dem ältesten Gesetzestext überhaupt, waren Vater-Tochter- und Mutter-Sohn-Beziehungen verboten – aber nicht die zwischen Geschwistern.

Ächtung der "Blutschande" im Alten Testament

Im antiken Griechenland wandelte sich eine ursprünglich eher liberale Haltung hin zu einem Verbot, wenn auch ohne Sanktionen. Im römischen Recht waren Verbindungen zwischen Verwandten auf- und absteigender Linie sowie Geschwistern ebenfalls verboten - wer dagegen verstieß, wurde zum Teil sogar mit dem Tode bestraft.

Unsere heutige Bestrafung der "Blutschande" geht zurück auf das Alte Testament, wenn auch erst lange nach Abraham: Das 3. Buch Moses verbot den Israeliten - in ausdrücklicher Abgrenzung von den ägyptischen Verhältnissen - die Ehe und auch den außerehelichen Geschlechtsverkehr innerhalb der nächsten Blutsverwandtschaft und Schwägerschaft: Gerade weil sich die Israeliten nicht mit anderen Völkern vermischen wollten, sich damit aber innerhalb des relativ kleinen Volkes zwangsläufig vielfältige Verwandtschaftsbeziehungen ergaben, sollten offenbar Inzestverbote für den engsten Familienkreis verhindern, dass dies allzu schädliche Folgen für den Genpool hatte.

Das frühe Recht der christlichen Kirche dehnte dann die Eheverbote noch weiter aus, sogar bis zum siebten Verwandtschaftsgrad. Und im Zuge der Christianisierung Europas passte sich das weltliche Recht dem kirchlichen an.

Seit der Aufklärung wurden die sogenannten Sittlichkeitsdelikte jedoch immer weiter zurückgedrängt. Ehebruch oder Sodomie wurden in Deutschland teils schon im 19. Jahrhundert entkriminalisiert; weitere moralisch motivierte Strafnormen - etwa der Kuppeleiparagraf - wurden 1973 abgeschafft, oder - wie die Blasphemie - stark eingeschränkt; auch die Strafbarkeit der Homosexualität wurde immer weiter beschränkt und schließlich ganz aufgehoben. Die Strafbarkeit des Inzest blieb aber - trotz permanenter Kritik - in Deutschland im wesentlichen unverändert bestehen.

Dabei ist der reine Inzest hierzulande ein aussterbendes Delikt: Im Jahr 1919 kam es zu rund 250, im Jahr 1925 sogar zu mehr als 1000 Verurteilungen, einen ähnlichen, wenn auch etwas schwächeren Anstieg gab es auch um das Jahr 1950, was nach den beiden Weltkriegen offenbar vor allem soziale Ursachen hatte.

Seit 1975 aber gab es durchgängig selten mehr als ein Dutzend solcher Fälle. In den vergangenen zehn Jahren hatte der Bundesgerichtshof nur je ein Mal mit Inzest unter Geschwistern und Halbgeschwistern zu tun - beide Male handelte es sich aber auch um sexuellen Missbrauch von Kindern, die deutlich älteren Brüder wurden also schon nach anderen Vorschriften bestraft.

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