Saddam Husseins Richter: Vom Henker zum Millionär

Munir Haddad überwachte einst die Exekution von Iraks Diktator Saddam Hussein. Als Anwalt ist er inzwischen zu Ruhm und Reichtum gekommen, wie er nun in einem Interview sagt. Doch zur Ruhe setzen kann er sich nicht: Seine Frau und die Tochter haben Ansprüche.

Saddams Richter: "Ich bin Millionär" Fotos
AP/ Iraqi state television

Hamburg - Munir Haddad zieht etwas ungelenk an seiner Zigarette, so als wäre es seine erste. Sein Schädel ist zur Hälfte kahl, das schwarze Haar wird erst ab dem Scheitel etwas fülliger. Die buschigen Augenbrauen hat er zusammengezogen, was ihm etwas leicht Verkniffenes gibt.

Haddad hat kein Problem mit seiner Vergangenheit. Er selbst nennt sich den "Typen, der Saddam hängte" - auch wenn die Exekution in Wahrheit von einem Henker-Kollektiv durchgeführt wurde und er als Richter darüber wachte. "Ich habe nur meine Pflicht getan", sagte er kurz danach dem Sender BBC. Saddam Hussein habe keine Angst vor dem Tod gehabt, sei "normal" und "voll kontrolliert" gewesen. In einem ehemaligen Geheimdienstgebäude in Kazimiyya nahe Bagdad wurde der Diktator am 30. Dezember 2006 ins Jenseits befördert. In einem engen, staubigen Raum mit niedrigen Decken und einer ausgetretenen Treppe. Gegen 6 Uhr morgens.

Es gibt eine von den irakischen Behörden gefilmte Dokumentation der Hinrichtung. Aber auch eine inoffizielle, die angeblich von irakischen Regierungsmitarbeitern unerlaubt mit einem Handy gedreht wurde. Diese Version kursierte später im Internet und rief weltweit Empörung hervor. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie mehrere Männer Saddam Hussein zu dem improvisierten Galgen führen und ihm eine große Schlinge um den Hals legen. Saddam spricht noch das sunnitische Glaubensbekenntnis "Es gibt keine Gottheit außer Allah. Mohammed ist der Prophet Allahs". Dann öffnete sich die Falltür.

Fast sieben Jahre später gibt der ehemalige Richter Munir Haddad der "New York Times" ein ausführliches Interview. Haddad hat nach dem Ende des Regimes Karriere gemacht. Er selbst ist Kurde, Schiit, und wurde laut eigener Aussage unter Husseins Schreckensherrschaft verfolgt. Zwei seiner Brüder habe man erschossen, er sei nach einem Gefängnisaufenthalt in den Neunzigern aus dem Land geflohen. Im Oman habe er die Ausbildung zum Rechtsanwalt gemacht. Im Jahr 2003 dann sei er in die Heimat zurückgekehrt.

"Freue mich über diesen Hass meiner Feinde"

Doch nach Saddam Husseins Tod wurde er aus dem Justizapparat entlassen, machte sich selbständig. Jetzt verteidigt er Sunniten, die wegen "angeblichen Terrorverdachts" angeklagt sind. "Damals war ich ein Held für die Schiiten und Kurden", sagt er. "Jetzt bin ich der Held der Sunniten."

Er übernehme nur Fälle, bei denen er von der Unschuld der Mandanten überzeugt sei, beteuert Haddad. Allein dies und seine Bekanntheit durch das Verfahren gegen Saddam Hussein führten bisweilen dazu, dass ein mutmaßlicher Terrorist freigelassen werde.

Die Regierung geht derzeit rigoros gegen mutmaßliche Terroristen in den sunnitischen Teilen des Landes vor. Immer wieder werden dabei auch Unschuldige festgenommen. Haddads Telefon steht nicht mehr still, ständig ruft jemand aus Anbar, Mosul oder Tikrit an, wo junge Leute die Gefängnisse bevölkern.

Sein Engagement für die Sunniten scheint ihm nicht nur Freunde einzubringen - vor zwei Jahren überlebte er einen Mordanschlag mitten in Bagdad. Er vermutet Regierungskräfte hinter dem Attentat. Die Konsequenz? "Ich freue mich über diesen Hass meiner Feinde auf mich", sagt er. "Das bedeutet, dass ich erfolgreich bin." Vermutlich auch aufgrund dieser Erfahrung ist Haddad niemals unbewaffnet - auch nicht im Bad.

Die Menschenrechtslage im Irak ist weiter angespannt, Gewalt, Folter und Mord sind an der Tagesordnung, die Sicherheitslage fragil. Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki, Vorsitzender der islamischen Dawa-Partei, konzentriert systematisch die Macht auf sich selbst und seine schiitischen Unterstützer.

Für die Regierung, der er einst diente, hat Haddad heute nur Verachtung übrig. Den Ministerpräsidenten hält er für gefährlich, für das eigentliche Problem des Landes: "Maliki war mal mein Freund. Jetzt denke ich, Maliki ist verrückt. Er ist außer Kontrolle und zerstört den Irak. Er hat die Sunniten, Schiiten und Kurden entzweit."

Trotz aller Probleme ist es Haddad gelungen, zu Reichtum zu kommen. "Ich bin Millionär", sagt er recht unbescheiden der "New York Times". "Letzte Woche habe ich ein großes Haus in Holland gekauft", prahlt er. Längst sei es an der Zeit, sich zurückzulehnen und nicht mehr zu arbeiten, aber "meine Frau und die Tochter wollen alles". Letztere würde schon mal anrufen und einen Jeep im Wert von 40.000 Dollar fordern. Den müsse er dann von Bagdad in die kurdische Region im Norden des Landes schicken.

Sein Geld legt Haddad demnach krisensicher an. Angeblich besitzt er inzwischen Immobilien in Beirut, Dubai, Barcelona - und Deutschland.

ala

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
mesopotamien00 21.09.2013
Er tut das was Saddam auch getan hat ....ausbeuten !! Dafür hat er Saddam bestraft und nun wird ein anderer Iraker namens Saddam kommen und ihm für dasselbe bestrafen ....so ist das korrupte System nunmal
2. Der Henker ist Millionär
mischpot 21.09.2013
mit was hat Haddad denn seine Millionen verdient?
3. Das frage ich mich ich auch !!
jesse01 21.09.2013
Also Anwalt, der im Irak Sunniten verteidigt, kann er kaum zu Wohlstand kommen. Da muss der gute Anwalt doch irgendwo die Hand aufgehalten haben !!
4. Fakten bei SPON
noworriesmate 22.09.2013
Der Artikel beschreibt den Vorgang der Hinrichtung Husseins und im nächsten Abschnitt, daß der Richter jetzt - 10 Jahre danach - dieses Interview gibt. Die Hinrichtung war am 30.12.2006, jetzt ist der 21.9.2013... Ergibt wieviel Jahre ? Leider wiederholt sich in letzter Zeit die Schludrigkeit der SPON Redaktion! indem Artikel anscheinend ohne Gegenlesen online gestellt werden. Ich möchte nicht wissen, wieviele Fakten bei anderen Artikeln verdreht wurden, die nicht so offensichtlich sind. Unklar ist auch die Intention des Beitrags. Geht es nur darum mitzuteilen daß dieser Richter jetzt so ein großes Vermögen hat oder wäre es nicht eher angemessen der Ursache dafür investigativ nachzugehen ? Für einen Artikel auf der ersten Seite von SPON ziemlich dürftig.
5. Lachhaft
moe.dahool 22.09.2013
Zu 1) Ich würde nur allzu gern wissen woher Sie diese Infos haben. zu 2) Anscheinend als Anwalt. Der Irak hat doch nicht nur arme Schlucker sondern ist eines der Länder mit dem größten Erdölanteil weltweit.
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Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Nuri al-Maliki

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